Informationen zur Podcastfolge Nr. 170 Mehr Platz im Gehirn. Mit Dr. Boris Nikolai KonradInformationen zur Podcastfolge Nr. 170 Mehr Platz im Gehirn. Mit Dr. Boris Nikolai Konrad

Mehr Platz im Gehirn: Wie Ordnung im Kopf entsteht

Unser Alltag ist geprägt von Informationen: Nachrichten, Mails, Termine, Podcasts, To-do-Listen. Kein Wunder, dass viele Menschen das Gefühl haben, ihr Kopf sei ständig „voll“. In dieser Folge von HEALTHWISE spricht Host Nils Behrens mit dem Neurowissenschaftler, Gedächtnisweltmeister und Autor Dr. Boris Nikolai Konrad darüber, warum es dabei weniger um die Menge der Informationen geht – sondern um Struktur.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie unser Gehirn Informationen verarbeitet, warum Pausen so wichtig sind und wie einfache Gedächtnisstrategien helfen können, Klarheit und Ruhe im Denken zu fördern.

Die Folge HEALTHWISE auf YouTube

Warum sich unser Kopf oft überladen anfühlt

Dr. Boris Nikolai Konrad erklärt, dass unser Gehirn nicht einen einzigen Speicher besitzt, sondern aus mehreren Gedächtnissystemen besteht. Besonders entscheidend ist dabei das sogenannte Arbeitsgedächtnis, der Bereich, in dem Informationen kurzfristig bewusst verarbeitet werden. Dieser Fokus ist sehr begrenzt.

In einer Welt permanenter Reize gerät genau dieses System schnell an seine Grenzen. Informationen kommen oft schneller an, als sie verarbeitet werden können. Das kann dazu führen, dass Inhalte schwerer eingeordnet oder behalten werden. Dr. Boris Nikolai Konrad macht dabei deutlich, dass es weniger an fehlender Kapazität liegt – sondern an mangelnder Struktur im Umgang mit Informationen.

Mehr Platz im Gehirn – Gedächtnisstrategien von Dr. Boris Nikolai Konrad

Mehr Platz heißt nicht Leere, sondern Struktur

„Mehr Platz im Gehirn“ bedeutet für Dr. Boris Nikolai Konrad nicht, weniger zu denken, sondern Gedanken und Informationen besser zu ordnen. Genau hier setzen Gedächtnisstrategien an. Eine bekannte Methode ist der Gedächtnispalast: Vertraute Orte, etwa die eigene Wohnung, werden gedanklich genutzt, um Informationen an festen Stationen abzulegen. Konrad erklärt, dass unser Gehirn besonders gut mit Bildern und Orten arbeitet und dass diese Struktur dabei helfen kann, Inhalte gezielt „an einem Ort“ wiederzufinden.

Der Gedächtnispalast einfach erklärt

Der Gedächtnispalast nutzt etwas, worin unser Gehirn besonders stark ist: Orte, Wege und Bilder. Dr. Boris Nikolai Konrad erklärt die Methode so, dass Informationen nicht „abstrakt“ speicherst, sondern sie an vertrauten Stationen ablegst – und später über denselben Weg wieder abrufst.

So kannst du die Technik im Alltag vereinfacht anwenden:

  • Ort festlegen: Wähle einen vertrauten Ort, zum Beispiel deine Wohnung oder einen Weg, den du gut kennst (Küche, Flur, Wohnzimmer).
  • Route definieren: Lege eine feste Reihenfolge der Stationen fest (z. B. Haustür → Garderobe → Sofa → Tisch).
  • Wegpunkte auswählen: Nutze markante Punkte wie Kühlschrank, Herd, Spüle oder Regal als „Ablageorte“.
  • Bilder verknüpfen: Verbinde jede Information mit einem möglichst auffälligen, konkreten Bild an diesem Punkt.
  • Abrufen: Gehe den Weg im Kopf erneut ab – und „sammle“ die Bilder an den Stationen wieder ein.

Konrad betont dabei, dass ungewöhnliche und bildhafte Vorstellungen oft besser im Gedächtnis bleiben als neutrale.

Warum Pausen entscheidend für das Gedächtnis sind

Ein zentrales Thema ist die Bedeutung von Verarbeitungspausen. Dr. Boris Nikolai Konrad erklärt, dass unser Gehirn Informationen nicht nur beim Zuhören oder Lesen aufnimmt, sondern sie vor allem dann weiterverarbeitet, wenn keine neuen Reize hinzukommen. In solchen Momenten, etwa beim Spazierengehen oder nach einem Gespräch, kann das Gehirn Inhalte ordnen und einordnen.

Wer direkt nach einem Podcast oder Artikel zum nächsten Inhalt springt, nimmt sich diese Phase der Verarbeitung. Konrad empfiehlt deshalb, kurz innezuhalten und sich bewusst zu fragen, was gerade besonders interessant oder hängen geblieben ist. Schon dieser kleine Moment der Reflexion kann dazu beitragen, Inhalte besser abrufbar zu machen.

Gedächtnis trainieren – ohne Leistungsdruck

Dr. Boris Nikolai Konrad macht deutlich, dass gute Gedächtnisleistung oft weniger mit „Talent“ zu tun hat als mit Strategien. Statt sich auf reines Auswendiglernen zu verlassen, empfiehlt er Methoden, die das Gehirn gezielt unterstützen – ohne dass daraus ein Leistungsprojekt werden muss.

Im Alltag können vor allem diese Ansätze helfen:

  • bewusste Aufmerksamkeit (nicht nebenbei konsumieren)
  • bildhaftes Vorstellen (Informationen in Bilder übersetzen)
  • aktives Abrufen (sich kurz selbst erzählen, was hängen geblieben ist)

Checkliste: So gibst du deinem Gehirn mehr Raum

Dr. Boris Nikolai Konrad macht deutlich, dass gute Gedächtnisleistung oft weniger mit „Talent“ zu tun hat als mit Strategien. Statt sich auf reines Auswendiglernen zu verlassen, empfiehlt er Methoden, die das Gehirn gezielt unterstützen – ohne dass daraus ein Leistungsprojekt werden muss.

Diese Impulse aus dem Gespräch lassen sich leicht in den Alltag integrieren:

  • Pausen einbauen: Nach Gesprächen, Podcasts oder Lesen kurz innehalten.
  • Bilder nutzen: Inhalte bewusst bildhaft denken, statt sie nur abstrakt zu wiederholen.
  • Aktiv abrufen: Dir kurz selbst sagen, was du gerade spannend oder wichtig fandest.
  • Struktur schaffen: Vertraute Orte als mentale Ordnungshilfe nutzen (z. B. Gedächtnispalast).
  • Weniger direkt weiter konsumieren: Nach einem Inhalt nicht sofort zum nächsten springen.

Take Aways  

  • Unser Arbeitsgedächtnis ist begrenzt – Struktur entlastet.
  • Bilder und Orte sind für das Gehirn besonders leicht abrufbar.
  • Kurze Pausen fördern die Verarbeitung von Informationen.
  • Gedächtnisleistung hängt stärker von der Methode als vom Talent ab.
  • Weniger Reize können zu mehr Klarheit führen.

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Dr. Boris Nikolai Konrad ist Neurowissenschaftler, Gedächtnisweltmeister und Autor. Er forscht zu außergewöhnlichen Gedächtnisleistungen und arbeitet am Donders Institute für Gehirn, Kognition und Verhalten in den Niederlanden. Bekannt wurde er unter anderem durch die ZDF-Show „Deutschlands Superhirn“. In seiner Arbeit verbindet er wissenschaftliche Erkenntnisse mit alltagstauglichen Gedächtnisstrategien.

 

Mehr über Dr. Boris Nikolai Konrad: https://www.boriskonrad.de

 

170 Mehr Platz im Gehirn. Mit Dr. Boris Nikolai Konrad

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (0:00 - 0:20)
Wenn ich mir eine tolle Podcast-Folge anhöre, einen Artikel lese, einfach immer danach, sich diese kurze Pause gönnen, sich einmal selber zu fragen, was war denn jetzt interessant für mich, warum ging es denn da, dann gibt man dem Gehirn diese Chance, eben nochmal das weiter zu verarbeiten, selber es abzurufen, macht einen Riesenunterschied, die Effektgrößen sind sehr, sehr groß, wie viel ich dann eine Woche später noch weiß.

[Nils Behrens] (0:20 - 1:16)
Herzlich willkommen zu HEALTHWISE, dem Gesundheitspodcast präsentiert von Sunday Natural. Ich bin Nils Behrens und in diesem Podcast erkunden wir gemeinsam, was es bedeutet, gesund zu sein. Wir tauchen einen Themen wie Medizin, Bewegung, Ernährung und emotionale Gesundheit.

Immer mit einem weisen Blick auf das, was uns wirklich gut tut. Wir verarbeiten in unserem Kopf täglich mehr Daten als jedes Rechenzentrum der 90er Jahre. Nachrichten, Mails, To-Do-Listen, Social Media.

Kein Wunder, dass viele das Gefühl haben, ihr Gehirn sei ständig voll. Aber was wäre, wenn das Problem gar nicht die Informationsmenge ist, sondern die fehlende Ordnung im Kopf? Dr. Boris Nikolai Konrad ist Neurowissenschaftler, mehrfacher Gedächtnisweltmeister und Autor des Buchs Mehr Platz im Gehirn. Er erforscht, wie Gedächtnistraining unser Denken verändert, warum Lernen nichts mit Talent zu tun hat und wie jeder von uns sein Gehirn effizienter, stressfreier und gelassener nutzen kann. Und deswegen sage ich herzlich willkommen, Dr. Boris Nikolai Konrad.

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (1:17 - 1:18)
Hallo, vielen Dank für die Einladung.

[Nils Behrens] (1:19 - 1:23)
Boris, wie aufgeräumt ist denn dein Kopf an einem Sonntag? Und was tust du vielleicht, um ihn frei zu bekommen?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (1:24 - 1:42)
Wir haben vier kleine Kinder. Das heißt, auch der Sonntag bringt genug Chaos mit sich, dass das mit dem Aufräumen manchmal schwierig ist. Ansonsten gerne mit den Kids liebe ich es auch mal rauszugehen.

Sei es beim Geocaching, da kann man dann noch ein bisschen denken und ein bisschen überlegen, also Schätze suchen im Wald, wer das nicht kennt. Oder einfach mal wandern. Also rauskommen tut gut.

[Nils Behrens] (1:43 - 2:01)
Ach, wie lustig Geocaching. Das habe ich früher mit meiner Tochter auch gemacht. Das macht wahnsinnig Spaß.

Also so eine Schnitzeljagd per GPS. Und man findet dann immer irgendwie so einen kleinen Schatz. Da darf man sich in eine Liste eintragen.

Dann darf man entweder noch was reintun oder rausnehmen. Und meistens lernt man auch ein bisschen was über die Umgebung.

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (2:02 - 2:09)
Ganz genau. Und selbst in seiner Heimatregion kommt man an Orte, wo man sonst wahrscheinlich nicht hingekommen wäre. Und meistens, nicht immer, aber meistens lohnt sich das auch.

[Nils Behrens] (2:10 - 2:35)
Total, total. Ich erinnere das noch so. Da waren wir wirklich in so einem Kanal dann irgendwann drin.

Und da war der Geocache selbst dann so eine kleine Gummiratte. Also das war schon ziemlich lustig. Also sehr abenteuerlich.

Aber wir kommen vom Thema ab. Und damit haben wir dann direkt das Thema die Ordnung im Gehirn. Du sagst mir, Platze im Gehirn bedeuten nicht Lehre, sondern Struktur.

Wie sieht diese Struktur denn in deinem eigenen Kopf aus?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (2:36 - 2:53)
Jetzt muss ich schon was ein bisschen tiefer gehen. Weil es gibt eine bestimmte Gedächtnistechnik, den Gedächtnispalast. Das Wort haben viele immer schon mal gehört.

Aber wenige können richtig was damit anfangen. Aber das ist tatsächlich eine Methode, die wirklich hilft, Struktur aufzubauen. Ganz konkret Orte im Kopf festzulegen, die ich dann auch, wenn ich möchte, mit Informationen bestücken kann.

[Nils Behrens] (2:54 - 2:57)
Das klingt auf jeden Fall schon mal sehr toll. Ich meine, wer will keinen Palast haben?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (2:57 - 3:17)
Genau, richtig. Und das Schöne ist, das darf ich meinen Studierenden immer erzählen, auch das kleinste Studentenappartement eignet sich als Gedächtnispalast. Das heißt, man muss nicht in einem Palast wohnen, um einen Gedächtnispalast zu haben.

Aber er hilft eben, Struktur zu geben und Inhalten gezielt einen Ort zu geben. Und damit arbeite ich tatsächlich sehr viel. Im Gedächtnissport natürlich ganz extrem, aber auch im Alltag.

[Nils Behrens] (3:17 - 3:41)
Ich habe die Frage nach dem Gedächtnispalast tatsächlich gleich noch einen Augenblick später. Deswegen, ich würde Sie einmal kurz das Detail, weil ich glaube, es ist schon wichtig, dass du uns da vernünftig abholst, nochmal drauf reingehen. Weil ich möchte nochmal einen Augenblick mehr beim allgemeinen Thema bleiben.

Und allgemeines Thema heißt für mich einfach mal die grundsätzliche Frage, warum es so befreiend ist, wenn Gedanken und Informationen endlich einen Ort bekommen. Also was macht das mit uns?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (3:43 - 5:13)
Wir glauben als Menschen ja, dass wir sehr bewusst agieren. Natürlich passiert im Gehirn sehr viel, was uns nicht bewusst wird. Bei der emotionalen Verarbeitung, bei Sinneseindrücken, die stark gefiltert werden.

Und da ist natürlich eine ganze Menge, die dann mitschwingt, mitfließt, die uns auch Stressen belasten kann, ohne dass uns das immer bewusst ist. Oder umgedreht auch, dass zu viele Informationen bewusst reinkommen, die wir so gar nicht verarbeiten können. Und darum ist für viele Menschen, gerade in der Informationsgesellschaft, so eine gewisse Überforderung, Überlade mit Informationen auch da und dann eben auch mit Stress.

Da hilft es so ein bisschen zu verstehen, dass unser Gehirn nicht ein Gedächtnis hat, nicht einen Speicher, sondern verschiedene Gedächtnissysteme. Und das gilt insbesondere auch auf der zeitlichen Ebene, wo wir uns in der Forschung relativ viel mit dem Arbeitsgedächtnis beschäftigen. Es ist manchmal gleichgesetzt mit dem Wort Kurzzeitgedächtnis, passt nicht immer.

Der Gedanke dazu ist, dass wir einen sehr, sehr geringen Fokus haben, der Informationen bewusst verarbeiten kann. Sehr viel mehr passiert unbewusst. Und trotzdem ist dieser Flaschenhalt Arbeitsgedächtnis meistens nötig, um Informationen gut zu verarbeiten.

Und darum hilft es sehr, sehr stark, wenn man da eine Strategie hat, eine Methode für Informationen so aufzunehmen, dass das Gehirn damit auch besser umgehen kann. Weil da geht es um die verschiedenen Langzeitgedächtnisse, kein Fachbegriff, dass wir zum Beispiel, was wir erleben, natürlich ganz anders verarbeiten als sprachlich aufgenommene Informationen, Fakten, Namen. Und dementsprechend unser Gehirn da ganz unterschiedliche Systeme hat, um mit umzugehen.

Und das evolutionär einfach viel stärkere System ist eben das für das Erleben, für das Wahrnehmen, das autobiografische Gedächtnis, was aber sehr selten bei den Dingen, die uns stressen, eine Rolle spielt. Und das kann man bewusst verändern.

[Nils Behrens] (5:15 - 6:23)
Das Bewusst verändern ist ja sehr spannend, weil du redest in deinem Buch ja wirklich darüber, dass man sein Gehirn auch so trainieren kann wie ein Muskel. Und ich habe witzigerweise wirklich mal, das war eine meiner ersten Hausarbeiten, die ich mal passenderweise, weiß ich nicht mehr in welchem Fach, aber im Studium habe ich dann mal einen wirklich einen Vortrag, eine Hausarbeit über das Thema Gedächtnistraining gehalten. Und da war das schon teilweise auch ein bisschen abenteuerlich.

Da war ja dann die positive Wirkung von Knoblauch. Da war die positive Wirkung davon, wenn man eine Mütze trägt oder nicht. Dann auch das Thema Tanzen scheint auch eine positive Wirkung auf das Gedächtnis zu haben.

Aber all das kam mir dann doch schon so ein bisschen, ich sage es mal doch, tendenziell eher unwissenschaftlich vor. Genauso wie auch es gibt ja immer so Gedächtnistrainer, die man dann auch so, ich habe die damals tatsächlich noch von PM Verlag so als Heft so zum Rätseln so gehabt und so. Aber ich weiß immer nicht so genau, wie alltagstauglich dann das, was man da so trainiert, wirklich dann übertragbar ist.

Und deswegen wäre für mich wirklich die Frage, Frage Nummer eins, kann man sein Gedächtnis wirklich trainieren und B, wo fängt man damit an?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (6:24 - 6:38)
Ja, der Muskelvergleich ist immer ein klein bisschen schwierig, weil beim Muskel das reine Tun tatsächlich ausreicht. Das ist beim Gehirn ein bisschen anders. Wenn ich zum Beispiel solche Rätsel immer auf die gleiche Art löse, ohne viel dabei nachdenken zu müssen, ist es nicht wirklich ein Training.

Das ist genau die Frage.

[Nils Behrens] (6:39 - 6:55)
Also Beispiel Sudoku habe ich das Gefühl, als ich damit irgendwann mal anfing, dachte ich so, Mensch, also Wahnsinn, was da alles in meinem Kopf losgeht. Heute würde ich sagen, ich bin in so einer App, habe ich mich mittlerweile auf den Expert-Level hochgearbeitet. Und es ist jetzt nicht mehr so eine Challenge, wie es mal am Anfang war.

Also meinst du das?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (6:56 - 8:43)
Genau das meine ich. Diese Rätsel, Sudoku-Kreuzfahrt-Rätsel, Rätsel, Hefte, all die können tatsächlich ein gutes Gedächtnistraining sein, wenn sie uns herausfordern. Und das gilt insbesondere auch für das Älterwerden, wo es sogar einen ganzen Bundesverband für Gedächtnistraining gibt, der gar nicht so sehr arbeitet, wie ich das tue, wenn ich Gedächtnistraining sage, aber ganz viel in diese Richtung geht.

Menschen da weiter mental zu aktivieren, herauszufordern, weil wir wissen, genau das ist das Wichtige, um die sogenannte kognitive Reserve, um die es in den Studien oft auch geht, weiter aufzubauen, zu fordern, dass man einfach ein bisschen robuster ist gegen vielleicht Prozesse, die durch Alter, worum auch immer, sowieso passieren. Das heißt, dieses Training funktioniert schon. Aber, und du hast das Aber schon ankommen sehen, das, was ich hervorstelle, da geht es wirklich um Gedächtnisstrategien, die einem helfen, das Gedächtnis, das man hat, nicht ganz anders zu benutzen, anders einzusetzen, obwohl die Effektgrößen, die man damit erreicht, wirklich nochmal ganz andere sind.

Das heißt, natürlich gibt es sehr viele Dinge, die dem Gehirn guttun. Und natürlich bitte auch auf Bewegung achten, auf Ernährung und solche Dinge wie Tanzen. Kombinieren das, man bewegt sich und muss kognitiv sich herausfordern.

Also ist alles super. Wenn ich über Gedächtnistraining spreche, meine ich meistens tatsächlich Gedächtnistrategien, Methoden, die man wirklich erlernen und anwenden kann, die einem sowohl heute als junger Mensch helfen, beim Studieren in der Schule, im Berufsleben, im Alltag, aber eben tatsächlich gleichzeitig auch immer automatisch halt auf der Grenze einen herausfordern, das Gedächtnis einzusetzen, dass man eigentlich immer auch zusätzlich in diesem Trainingsbereich unterwegs ist. Darum greift das für mich Hand in Hand. Richtige Methoden, um das Gehirn gut zu verwenden, plus natürlich das Gehirn auch einsetzen.

Und ich hoffe, ich mache die Klammer jetzt nicht zu groß. Da sehe ich schon auch immer noch Herausforderungen, wenn ich dann sehe, dass heute Menschen KI benutzen, um selber noch weniger zu denken. Ich mag KI, ich glaube, das kann tolle Dinge bringen.

Aber wenn es dazu führt, dass ich selber weniger nachdenke und weniger an herausforderndem Denken unterwegs bin, ist das sicherlich nicht gut für uns.

[Nils Behrens] (8:44 - 9:24)
Ja, das glaube ich sofort. Ich finde einen Punkt ganz interessant. Ich bin hier ja der größte Kreatin-Fan.

Das ist eben halt ein Mikronährstoff, der tatsächlich die Energieversorgung im Körper optimiert. Und in dem Zusammenhang sage ich immer, dass meine kognitive Leistungsfähigkeit dadurch gesteigert wurde. Warum?

Weil ja der größte Einzelverbraucher, den wir im Körper haben, ja das Gehirn ist, 20 Prozent, so im Schnitt. Und du sagst, dass Studien es gezeigt haben, dass ein trainiertes Gehirn weniger Energie braucht. Das finde ich ja ganz spannend, dass man auf der einen Seite einen performanteren Motor hat, der weniger Sprit braucht.

Also was verändert sich da genau im Kopf?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (9:25 - 10:18)
Okay, ich versuche es mal einzuführen, dabei zu erklären, ohne dass es zu tief wissenschaftlich wird. Was wir benutzen, ist der Kernspintomograph, das MRT. Und damit können wir tatsächlich messen, heutzutage mit der funktionellen Kernspintomographie, auch wo im Gehirn Aktivität bei irgendeiner Denkaufgabe vorliegt.

In meinem Fall sind das natürlich Gedächtnisaufgaben. Und da können wir tatsächlich sehen, und das war mir vorher, war jetzt nicht so, dass ich das vorher eh schon wusste, sondern das war eine Forschungsfrage, wo beide Ergebnisse für mich denkbar waren, dass wir da erstmal einen Anstieg sehen oder auch was anderes. Aber was wir tatsächlich sehen, dass Menschen, die ihr Gedächtnis sehr gut trainiert haben, mit solchen Strategien, selbst wenn sie sehr herausfordernde Merkaufgaben lösen, in der Studie, die am meisten Reichweite hatte von uns, mussten die Menschen sich im Kernspintomographen, also in dieser Röhre liegend, 72 Begriffe einprägen, in der richtigen Reihenfolge, zwei Sekunden pro Wort nur auf dem Bildschirm. Also schon eine sehr herausfordernde Aufgabe.

Die meisten ohne Training wissen hinterher so 20 von den 72 Worten noch.

[Nils Behrens] (10:19 - 10:33)
Nur nochmal ganz kurz, damit ich das Richtige verorte. Mein Gehirn ist scheinbar noch nicht so schnell. Also zwei Sekunden pro Wort habe ich Zeit, um es mir einzuprägen.

Und in der Summe 72 Worte und noch in der richtigen Reihenfolge. Richtig verstanden?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (10:34 - 11:17)
Idealerweise in der richtigen Reihenfolge. Wir haben dann tatsächlich vor allem gezählt, welche Worte mit dabei waren. Wir dachten vorher, dass es noch einen Unterschied macht.

Da war tatsächlich das Ergebnis, dass die Art, die wir es auswerten, nicht so relevant war für das, was uns interessiert hat. Darum haben wir am Ende einfach die gezählt, die richtig war. Aber ja, die Aufmerksamkeit, die sie bekommen haben, war schon, versuchte die auch, wenn möglich, in der richtigen Reihenfolge einzubringen.

Merkst du dir? Wenn möglich in der richtigen Reihenfolge. Um es ganz komplett zu machen, innerhalb dieser Scanner-Session gab es noch einen zweiten Block, wo die Worte nochmal zurückkamen.

Wo man dann was dazu beurteilen musste, je nach Kondition der Studie. Das heißt, im Endeffekt hat man es vier Sekunden pro Wort gesehen. Also immer noch gering.

Es gab dann eine Wiederholung, wo man aber nicht unbedingt die Reihenfolge nochmal hatte. Aber man hat alle Worte nochmal gesehen.

[Nils Behrens] (11:19 - 11:21)
Okay, gut. Und was ist dabei rausgekommen?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (11:21 - 13:16)
Was passiert dabei im Kopf? Was passiert dabei im Gehirn?

Und dann haben wir uns natürlich auch angeguckt, die Aktivierung während der Aufgabe. Wir messen das dadurch, dass wir mit dem Kernspintomografen den Sauerstoffverbrauch im Gehirn messen können. Nicht auf die einzelne Gehirnzelle genau, aber so auf Kubikmillimeter kriegen wir das schon hin.

Dass wir sagen können, da ist gerade Sauerstoff verbraucht worden. Wenn das während der Gedächtnisaufgabe der Fall war, ist das offensichtlich für die Aufgabe relevant gewesen. Und durch sechs Wochen Training haben die Leute hinterher statt 20 von den 72 Worten im Schnitt, ich runde nur ein bisschen, das waren nicht die genauen Werte, aber ungefähr 60 Worte von den 72 gewusst.

Also über sechs Wochen Training eine Verdreifachung der Leistung im Schnitt. Also ganz massiv. Und jetzt würde man denken, jetzt war doch viel, viel mehr los im Gehirn.

Weil die haben eine Technik gelernt, die sie nutzen, um das Gehirn anders einzusetzen. Das Ergebnis war, wir haben weniger Energieverbrauch im Gehirn gehabt. Also weniger Aktivität.

Und das kann überraschen. Aber es spricht eben dafür, dass diese Methoden vor allem helfen, sein Gedächtnis so zu benutzen, wie es eben am besten funktioniert. Weil anstatt rein sprachlich, durch das sich immer wieder Aufsagen aus, Baum, Kuh, was auch immer, nutzt man plötzlich das Gedächtnis für Bilder für Erleben.

Und das braucht einfach viel weniger Aufwand, um die Inhalte gut abspeichern zu können. Und das englische Wort dafür ist die Neural Efficiency Theory. Das heißt, man macht das Ganze einfach sehr viel effizienter, obwohl die Leistung besser ist, sodass am Ende sogar weniger Aktivität da ist.

Wir haben also das indirekt über die Aktivität gemessen. Um wirklich den Energieverbrauch zu messen, bräuchten wir einen CT oder einen PET-CT. Das ist ein Verfahren, was etwas invasiver ist.

Und der Kernspintomograph hat keine Folgeschäden bei PET-CT, weil man radioaktive Tracer nutzt. Rein für eine Studie, um etwas herauszufinden, gibt es auch welche, aber da muss man sehr vorsichtig sein. Wir haben darüber nachgedacht, haben uns dagegen entschieden, weil es eben eine ganz geringe Gefahr für Folgeschäden bietet, die der Kernspintomograph nicht hat.

Darum haben wir das gelassen. Da habe ich kein direktes Maß für den Energieverbrauch, aber ich habe eben den Blick auf die Energie indirekt, weil ich sehe, dass einfach weniger Aktivität da war, trotz deutlich besserer Gedächtnisleistung.

[Nils Behrens] (13:17 - 13:29)
Wow, wow. Jetzt kommen wir doch mal zu der Aussage, es gibt ja einige Leute, die sagen, Mensch, ich habe ein schlechtes Gedächtnis. Ist das überhaupt eine valide Aussage aus deiner Sicht oder ist das einfach nur ein schlechter Glaubenssatz?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (13:29 - 13:46)
In den allermeisten Fällen das Zweite. Ich will nicht behaupten, dass es keine Unterschiede zwischen den Menschen gibt. Irgendwie so etwas wie Talent komplett in Frage zu stellen, wäre Quatsch.

Dann greife ich einfach mal auf die Studie zurück. Die Leute haben das geübt, sechs Wochen lang. Und hinterher waren die Schlechtesten besser als die Besten vorher.

Das finde ich doch sehr spannend.

[Nils Behrens] (13:47 - 13:48)
Das ist total motivierend auch.

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (13:49 - 14:03)
Ja, das hoffe ich doch.

Natürlich stimmt es trotzdem rein faktisch als Aussage. Auch am Ende gab es welche, die die Schlechtesten waren und welche, die die Besten waren. Ja, okay, da hat Talent schlecht eine Rolle gespielt.

Aber nach den sechs Wochen Training waren die Schlechtesten besser als die Besten vorher. Das finde ich die viel wichtigere Aussage.

[Nils Behrens] (14:04 - 15:42)
Ja, total spannend. Es ist ja das generelle Problem. Ich würde jetzt sagen, ich war früher immer bekannt dafür, dass ich mir wahnsinnig gute Menschen merken konnte, Situationen, Zusammenhänge und so weiter.

Ein guter Freund von mir, Andreas, der hat mich immer als seinen Elefanten bezeichnet. Das bin ich heute nicht mehr. Und das habe ich auch in einem dieser Podcast-Gespräche schon mal, weil ich mir auch Gedanken darüber mache, woran das liegt, ob das eben tatsächlich schon eine Alterserscheinung ist.

Und dann sagte mir eben halt, ich glaube es war der Dr. Volker Busch, der sagte zu mir, nee, es liegt einfach daran, dass ich gar nicht mehr, ich glaube er hat so ein ganz witziges Wort benutzt, Einsacktiefe, also die Informationen konnten nicht mehr so verarbeitet werden. Das heißt, wenn wir beide uns dann irgendwo auf einer Veranstaltung kennenlernen, dann würde ich danach dann irgendwie nach Hause fahren, mit dem Auto, mit der Bahn, mit was immer und würde nur über unser Gespräch nachdenken. Und dann kann sich das natürlich in irgendeiner Weise dann auch setzen, einsacken, wie auch immer diese Informationen verarbeitet werden.

Was machen wir heutzutage, in dem Augenblick, wo wir uns dann kennengelernt haben, geht man danach raus, guckt als erstes aufs Smartphone, beantwortet irgendwelche Nachrichten, schaut sich Katzenvideos an, keine Ahnung was, hört einen Podcast, in meinem Fall wirklich sehr, sehr häufig, dass ich dann wieder mit neuen Informationen dann reingehe, sodass ich über unser Kennenlernen, Boris und Nils lernen sich kennen, worüber haben sie gesprochen, gar keine Möglichkeit habe, das nochmal zu reflektieren und einsacken zu lassen. Ist das das Problem, oder siehst du vielleicht noch eine andere, ich sag jetzt mal, größere Gefahr in der Zeit dieser ganzen Informationsflut?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (15:43 - 18:51)
Wenn du das sagst, du, oder dann Volker, ich kenne ihn gut, großartiger Kollege, eigentlich schon sehr gut beschrieben. Das ist ein großer Teil des Problems. Tatsächlich geht es in den Studien oft darum, was unser Gehirn macht, wenn wir nicht mit etwas aktiv sind.

Vom Gehirn her gesprochen haben wir tatsächlich verschiedene Betriebsmodi. Es gibt einen Modus, der wird im Englischen default mode genannt, das wäre übersetzt der Standardmodus, im Deutschen interessanterweise spricht man meistens vom Ruhemodus. Beides ist so ein bisschen irreführend.

Ruhemodus, dahingehend, dass das Gehirn in dem Moment nicht ruht, das heißt, das Gehirn ändert seine eigene Aktivität nicht, es ist dann nicht weniger aktiv, es verarbeitet aber weniger extern, es ist vielmehr in der internen Verarbeitung. Standardmodus, dass es das nicht ist, sehen wir daran, wie du beschrieben hast, dass wir heute sehr selten da drin sind, weil wir sehr viel mehr in diesem Aufmerksamkeitsmodus sind. Das sind verschiedene Modi, die so ein bisschen miteinander konkurrieren und der Aufmerksamkeitsmodus, das Attention Network, Englisch, kriegen vielleicht heutzutage viel mehr Raum, als es sein sollte.

Oder zumindest auch, als es früher war, evolutionär gesehen. Wir gehen ja schon davon aus, dass das irgendwie Gründe hat, warum sich das so entwickelt hat, und da war es für die Menschen immer total wichtig, Informationen aufnehmen, erleben, was passiert gerade, und es dann auch verarbeiten zu können. Und da gibt es ja ein Fachwort für die Gedächtniskonsolidierung.

Wenn ich also überhaupt nicht bewusst mit etwas beschäftigt bin, dann führt das dazu, dass das Gehirn dann trotzdem weiterverarbeiten kann. Ein Beispiel nochmal aus der Hirnforschung, was ganz spannend ist. Wenn ich Menschen bitte, sich an etwas zu erinnern, was sie heute gelernt haben, oder an etwas, was sie letzte Woche gelernt haben, oder vor ein paar Tagen, ist relativ wenig Zeit vergangen.

Aber was im Gehirn passiert, in dem Moment des Erinnerns, unterscheidet sich komplett, wäre etwas übertrieben, aber extrem stark. Also das ist eine ganz andere Gehirnaktivierung, insbesondere der sogenannte Hippocampus, der tief drinnen im Gehirn liegt, ist am Anfang total wichtig, sich daran erinnern zu können, nach ein paar Tagen gar nicht mehr. Und das zeigt, dass im Gehirn in der Zwischenzeit viel passiert sein muss.

Und das, was passiert, diese Konsolidierung, das Aufräumen des Chaos, von dem wir am Anfang gesprochen haben, passiert stark im Schlaf, aber auch immer, wenn Phasen da sind, wo ich gerade in diesen Standardmodus, in den Ruhemodus reingehe. Und wenn ich das heute viel zu wenig habe, weil, das hast du ja genau richtig beschrieben, schnell das Handy gezückt wird, eine andere Information reinkommt, dann kann das Gehirn das gar nicht zwischendrin so verarbeiten, wie es nötig wäre, um es gut abzuspeichern. Das heißt, diese Beobachtung ist vollkommen richtig und kann man auch wissenschaftlich gut begründen.

Was ich ergänzen würde, ist, ich kann halt schon dafür sorgen, dass ich beim Merken was tue, dass gleich viel mehr Verbindungen da sind, dass die Chance, dass es dann gut verarbeitet werden kann, deutlich gesteigert wird. Zum Beispiel eben beim Namen merken, wenn ich mir Bilder dazu baue, wenn ich nicht nur sage, das ist der Boris, sondern ich stelle mir vor, da ist Boris und die ganze Zeit schaut dem Boris Becker über die Schulter und ich wundere mich, warum Nils das nicht endlich mal anspricht. Was ist denn das jetzt hier?

Passiert nicht, aber wenn ich es mir vorstelle, habe ich mehr aktiviert, mehr Verbindungen. Wenn jetzt ein paar verloren gehen, ist die Chance, dass noch genug da sind, einfach viel, viel größer. Gleichzeitig ist das emotional lustig, wird vom Gehirn also viel eher in der Konsolidierung weiterverarbeitet und dann kann die Gedächtnisleistung entsprechend stark gesteigert werden, obwohl die Prozesse natürlich trotzdem genauso gelten.

Und natürlich, wenn auch die Pausen dann auch zu empfehlen sind.

[Nils Behrens] (18:52 - 19:09)
Aber ich glaube, jetzt haben wir doch wirklich den Punkt erreicht, wo wir sagen, jetzt wollen wir es auch wirklich lernen. Dann erklär uns doch bitte mal die, ich glaube, sie heißt auch Loki-Methode oder eben halt den Gedächtnispalast. Also nimm doch mich und die HörerInnen doch mal mit, damit wir auch jetzt sozusagen dein Palast oder vielleicht auch unseren eigenen kennenlernen.

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (19:10 - 22:18)
Wunderbar. Unser Gehirn kann extrem gut mit Bild und mit Ort arbeiten. Und besonders hilft es als Struktur, wenn ich das vorbereitet habe, das also im Langzeitgedächtnis schon drin ist.

Glücklicherweise kennen wir alle total viele Orte, wo wir wohnen, wo wir vielleicht früher gewohnt haben, wo wir arbeiten, vielleicht den Park oder die Stadt, wo ich öfter mal unterwegs bin. Und hier hilft es ganz konkret, einen Weg in der Vorbereitung mit festen Stationen festzulegen, wirklich Wegpunkte zu definieren, die irgendwie eine ansatzweise logische Reihenfolge haben. Also in so einem Raum gerne mit oder gegen die Uhr rumgehen.

Und dann kann es sein, wenn das die Küche ist, bei mir der Weg in der Küche ist zum Beispiel erst der Kühlschrank, weil der in der Zimmerecke steht, daneben ist die Herdplatte, die Dunstabzugshaube, Kaffeemaschine, Spüle. So habe ich wirklich Wegpunkte festgelegt, weil ich meine Küche einigermaßen gut kenne. Wenn ich jetzt auch hier bin zu Hause, kann ich kurz die Augen schließen.

Es ist unterschiedlich stark, wie stark die Leute das visuell wahrnehmen, dass sie das jetzt vor sich sehen. Natürlich weiß ich räumlich schon genau, wo jetzt was ist und welche Wegpunkte ich da festgelegt habe. Wenn ich mir jetzt etwas einprägen möchte, und das kann was Simples sein wie eine Einkaufsliste, das können aber auch wirklich komplexe Themen dann werden, stelle ich mir an diesen Wegpunkten Dinge vor, die irgendwie komisch, lustig, skurril, merkwürdig sind, die da passieren.

Das heißt, wenn ich mir eine Liste von Gegenständen merken möchte, und das erste Wort ist die Jacke, dann stelle ich mir vor, ich mache den Kühlschrank auf und da liegt eine Jacke drin. Und ich frage mich, welche meiner Kinder war das denn jetzt? Oder muss ich doch mal zum Demenzdoktor?

Hat es nicht passiert. Ich habe es mir nur vorgestellt. Das ist das erste Bild.

Und so kann ich das schrittweise durchgehen. Weil wenn ich nach Hause komme und da ist die Jacke im Kühlschrank, dann beim 18. Geburtstag von meinem Sohn würde ich noch erzählen, weißt du noch, wie du mir damals die Jacke in den Kühlschrank gestopft hast?

Weil das einfach so hängen bleibt. Und diese Bilder bleiben mir jetzt genauso, fast genauso gut hängen, wenn ich sie mir bewusst vorgestellt habe, dass ich sie hinterher entsprechend abrufen kann. Mit zwei zusätzlichen Vorteilen.

Weil das Ganze jetzt einen festen Ort hat, belastet es mich nicht mehr. Ich muss mir nicht mehr Sorgen machen, merke ich mir das? Ich darf die Jacke später nicht vergessen.

Ich weiß ja genau, wo ich mir das Bild abgelegt habe. Und das Zweite ist, weil es eben dadurch auch trainiert wird, ich diesen Weg immer wieder einsetze, gewinne ich dabei auch enorm an Tempo. Das ist das, was wir sowohl in den Studien sehen, als auch Menschen wie ich, die als Hobby Gedächtnissport betreiben, dann natürlich auf die Spitze treiben.

Wie schnell, wie viel man sich da merken kann. Womit man jeden und jede, die das nie trainiert hat, unglaublich beeindruckend verblüffen kann. Insbesondere, wenn man es dann noch mit so ein paar anderen Techniken kombiniert, sind halt enorme Gedächtnisverbesserungen möglich.

Und ein Gedächtnisballast oft dafür nötig. Und bei mir ist es dann nicht einer, den ich habe, weil ein Nachteil der Technik ist, dass sie zu gut funktioniert. Da sage ich bewusst so ein bisschen ironisch.

Und wenn ich jetzt mir morgen was merken will, weiß ich immer noch, da ist die Jacke im Kühlschrank. Das heißt, wenn ich mir in kurzer Zeit mehr merken will, lohnt es sich auch, sich ein paar Mehrwegpunkte zu machen. In meinem Buch habe ich ja so ein Monatsprogramm beschrieben.

Da bleibt in dem einen Monat tatsächlich nicht beim ersten Gedächtnispallast, sondern idealerweise hat man dann am Ende des Monats, wenn man jeden Tag ein paar Minuten trainiert, das ist jetzt nicht so, dass man da ein Monat voll Gedächtnistraining machen soll, sondern jeden Tag so ein paar Minuten. Und wenn man sich dann in der Zeit zwei-, dreimal einen Gedächtnisballast baut, ich würde behaupten, in einer halben Stunde geht das ziemlich gut, sich einen Weg mit 50 Punkten in der eigenen Wohnung zu machen. Dann hat man hinterher schon wirklich einen großen Schatz mit drei Gedächtnispalästen, wo man sehr viele Informationen ganz sicher ablegen kann.

[Nils Behrens] (22:20 - 22:30)
Okay, das heißt also, Wegpunkte könnte dann sein, dass ich, wenn du sagst jetzt 50 Sachen, könnte ich die 50 Sachen bei mir in die Küche packen, oder würdest du sagen, nee, dann würde es sich schon mehr eignen, die ganze Wohnung durchzugehen?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (22:30 - 23:08)
Ich kenne deine Küche nicht. Normalerweise empfehle ich in einer normalen Wohnung, in einem normalen Einfamilienhaus, Wohnung geht genauso, und am Ende auch in einem Studio, da sind es keine eigenen Räume, das so Zehnerblockweise zu machen. Wir haben zehn Finger, Dezimalsystem, das heißt, Zehn als Struktur mag unser Gehirn sowieso total gerne, da sind wir einfach dran gewöhnt.

Es gibt auch zig Studien zu, die echt zeigen, dass das für das Gehirn einen Unterschied macht, ob ich Listen von neun oder zehn Dingen aufnehme. Neun fühlt sich einfach nicht so gut an. Dann habe ich meistens die Empfehlung, Zehn in der Küche, Zehn im Bad, Zehn im Wohnzimmer, Zehn im Schlafzimmer, und dann, je nachdem, ob ich ein anderes Zimmer habe oder nicht, Zehn im Flur, oder wenn ich noch ein extra Arbeitszimmer habe, dann nämlich da Zehn.

[Nils Behrens] (23:09 - 23:35)
Okay, das habe ich verstanden. Jetzt würde ich jetzt aber sagen, wenn das wirklich gut funktioniert, wie du schon sagst, wenn ich jetzt wirklich erstmal für meine Einkaufsliste dann mache, und dann war ich jetzt, bevor ich losgehe zum Einkaufen, mache ich dann einmal meine Wohnung voll mit all diesen Dingen, die ich kaufen möchte, dann kaufe ich ein, und dann möchte ich aber dann am nächsten Tag mir was anderes merken. Ist das dann nicht vielleicht schwierig, weil ich immer noch die Jacke im Kühlschrank habe?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (23:36 - 23:46)
Genau, darum hilft es dann am nächsten Tag wirklich eine andere Liste, einen anderen Raum zu benutzen. Wenn ich mir also zum ersten Mal Zehn, Zwanzig Dinge gemerkt habe, habe ich vielleicht ein, zwei Zimmer benutzt, dann nehme ich danach eben die anderen.

[Nils Behrens] (23:47 - 23:54)
Aber wenn meine Wohnung jetzt sozusagen dann einmal kontaminiert ist mit Jacken im Kühlschrank und ich weiß nicht was, was bietet sich dann an?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (23:57 - 26:11)
Lass mich nochmal bei der Wohnung bleiben, wann man die wieder einsetzen kann. Aus meiner Sicht würde ich sagen, nach ein, zwei Wochen geht das schon, und zwar hast du dann selber eine Entscheidung getroffen, entweder hierhin oder dahin, habe ich mir damit was gemerkt, was ich langfristig wissen will, oder habe ich mir die Einkaufsliste gemerkt, und ich war am Nachmittag oder am nächsten Tag einkaufen, brauche ich die so wahrscheinlich nie wieder, die Liste. Das heißt, die werde ich nicht mehr bewusst abrufen, nicht mehr bewusst wiederholen, und dann kann ich je nach Woche am Anfang vielleicht, wenn man es noch nicht so oft geübt hat, in zwei Wochen den Weg nutzen, ohne, dass das stört, dass ich mir da schon mal was mitgemerkt habe.

Wenn du sagst, Quatsch, ich merke mir nicht die Einkaufsliste, die kann ich mir auch mitnehmen, aber ich will mich in das Thema, wie auch immer, Nährstoffe fürs Gehirn tiefer einarbeiten, mir dann ein Fachbuch anschauen, und das will ich bitte auch in einem Jahr noch wissen, dann kommst du über eine gewisse Wiederholung nicht drumherum. Idealerweise immer durch sich selber dran erinnern, wo der Gedächtnispalast perfekt für geeignet ist. Was habe ich da in den Kühlschrank gestoppt?

Ah, die kreativen Dinge, das steht für kreativ. Ich habe mir Bilder gebaut, die für den Inhalt stehen, ich habe es dann drei-, viermal abgerufen in den nächsten Tagen, jetzt sitzt das Ganze untereinander so gut, dass ich es nicht vergesse, wenn ich jetzt wiederum in ein, zwei Wochen was anderes da ablege. Das heißt, zwischendrin, entweder es war nur für eine Kurzzeitgedächtnisleistung, ich hatte jetzt den Vortrag, den Workshop, ich will das jetzt wissen, ich will jetzt die 20 Leute mehr mit Namen merken, aber wahrscheinlich sehe ich sie ab morgen nie wieder.

Das geht dann raus. Und das ist Langzeitwissen, das soll drinbleiben, muss ich nochmal bewusst abrufen, noch mehr als einmal, aber dann ist es danach so gut untereinander gefestigt, Hippocampus ist nicht mehr nötig, wir hatten das, dass ich den Weg auch benutzen kann. Also Wege sind wiederverwendbar, aber so ein, zwei Wochen sollte man dem schon gehen.

Und dann würde ich sagen, am Anfang kommt man mit der Wohnung ziemlich weit, und wenn man dann merkt, hey, ich brauche jetzt echt mehr Platz, dann kann man einfach was ergänzen, und weil man dann schon Erfolg damit hatte, ist das dann auch echt keine Herausforderung mehr. Also ich hatte dann bei mir damals den zweiten Weg im Garten gebaut, ich hatte kurz vorm Abitur damit angefangen, mit diesen ersten beiden Wegen, ein im Haus bei meinen Eltern, wo ich damals natürlich noch wohnte, und ein im Garten, dann noch ein bisschen die Straße runter, so wie sich der Garten jetzt nicht, kam ich schon ziemlich weit, und dann habe ich dann gemerkt, hey, ich will da mehr mitmachen, und habe zum Beispiel auf der Abifahrt waren wir mit Kumpels in Kroatien mit einem Ferienhaus einen Weg gebaut, den ich auch heute noch benutze, und die leeren Bierflaschen, die da standen, sind auch einer der Wegpunkte, weil es ja eine Abifahrt war. Und trotzdem funktioniert es heute, wenn ich mir damit Fachinhalte merke, das ist halt das Verblüffende, das macht halt auch noch Spaß.

[Nils Behrens] (26:12 - 28:11)
Das ist total lustig, das muss ich sagen, ist natürlich schön, wenn man dann auch seinen Weg dann auch noch mit seiner lustigen, positiven Erinnerung macht, und ich finde es total witzig, ehrlich gesagt, dass man insbesondere sein Gehirn über Bierflaschen trainiert, finde ich schon mal wahnsinnig. Aber Boris, jetzt kommen wir mal zu dem Einstieg, wo ich sagte, okay, früher konnte ich mir Namen und Personen und Zusammenhänge besser merken. Wenn ich jetzt das, was du mir beschrieben hast, die Jacke im Kühlschrank, verstehe ich, und wie ich mir Gegenstände merken kann, alles okay.

Jetzt kommen wir doch einfach mal zu der Tatsache, wir haben uns jetzt, wir reden jetzt um die 20, 25 Minuten jetzt schon miteinander, und da sind ja ein paar Informationen jetzt gekommen. Fangen wir erstmal mit dem grundsätzlichen Tatsache an, du hast ja drei Vornamen, wenn du so willst, wobei eben halt einer davon der Nachname ist. Aber erstmal suchst du dich zu merken, Boris, Nikolai, Konrad.

Ich habe tatsächlich immer sehr große Probleme damit, wenn Menschen eben halt Vornamen als Nachnamen haben. Das heißt also, da habe ich schon mein Merkproblem Nummer eins. Dann kommen wir zur nächsten Information, dein Buch.

Ich habe im Schnitt zwei Bücher die Woche, mit denen ich mich beschäftige in der Podcast-Vorbereitung. Auch da kommt man mit der Zeit irgendwann mal ein bisschen durcheinander. Mal liegt es eben halt daran, dass man gar nicht genau weiß, wo ist der Titel und was ist der Subtitle.

So, jetzt in deinem Fall müsste ich jetzt sogar hier noch mal ganz kurz nachgucken. Dein Buch heißt Mehr Platz im Gehirn. Das heißt, ich möchte mir deinen Namen merken, ich möchte mir Platz im Gehirn merken.

Dann möchte ich so vielleicht eine persönliche Geschichte. Du hast vier Kinder, hast du mir erzählt. Du hast gerade nebenbei gesagt, weil du ein niederländisches Wort benutzt hast, dass du auch in Niederlande jetzt eben halt diese Forschung gemacht hast.

Das sind ja alles Informationen, die ich ja schön finden würde, wenn wir uns das nächste Mal sprechen, sehen, wie auch immer, dann auch da sind. Dann hast du mir erzählt, dass du Dr. Volker Busch auch kennst, sodass das eben halt ein geschätzter Kollege ist. Weißt du so, all diese Informationen habe ich ja über dich und deine Person jetzt gelernt.

Das sind fünf Informationen, die ich jetzt einmal mir so herangebracht habe. Davon kann ich ja keinen Kühlschrank tun.

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (28:14 - 29:15)
Doch. Nicht bei allen von denen wäre das relevant. Also die Wegetechnik, die Räume helfen insbesondere dann, wenn Inhalte auch eine Reihenfolge haben.

Das interpretieren manche so ein bisschen zu stark und sagen dann, ja, ich lerne ja normalerweise nicht Listen auswendig, das ist dann ja nur Sport. Naja, ich würde sagen, ein Fachbuch, was ich lese, das hat auch eine Reihenfolge, weil die Autorin der Autorin sich Gedanken gemacht hat, wie sie das präsentiert. Das macht schon sehr viel Sinn, das mit so einer Technik zu lernen.

Bei Namen ist das deutlich weniger relevant. Wie ich erst Volker Busch und dann Boris Conrad kennengelernt habe, ist relativ egal. Ich möchte lieber nicht Volker als Boris ansprechen, auch wenn die beide Hirnforscher sind.

Und da hilft es sehr stark, das, was ich visuell wahrnehme, in dem Fall jetzt mein Gesicht, meine Person mit solchen Bildern in Verbindung zu bringen. Ich hatte dieses Boris-Bild schon genannt. Oft ist es eine gute Idee, zu überlegen, was habe ich denn schon drin in meinem Langzeitgedächtnis.

Gerade bei Vornamen ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, nicht 100%, aber sehr hoch, dass ich schon Menschen kenne, wo ich den Vornamen schon mal gehört habe. Das heißt, bei Boris nehme ich vielleicht Boris Becker. Und wer sagt, den kann ich echt nicht leiden oder kenne ich gar nicht, nimmt Boris Johnson.

Wird auch nicht besser für mich.

[Nils Behrens] (29:17 - 29:21)
Auch Boris Becker ist ganz sympathisch, den habe ich schon kennengelernt. Das ist schon okay.

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (29:21 - 32:17)
Man kann halt Späße damit machen. Aber wir lachen jetzt drüber. Damit ist die Chance, dass das hängen geblieben ist, jetzt schon noch mal ein paar Level gestiegen.

Und dann für Nikolai sage ich vielleicht, Nikolaus klingt ein bisschen ähnlich. Aber Schritt 1, ich sorge dafür, dass die Information jetzt wirklich bewusst war. Nikolai ist der Name.

Es ist nicht Boris Nikolaus, es ist Boris Nikolai. Jetzt ist es gerade im Arbeitsgedächtnis aktiv. Wenn ich jetzt bewusst ein Bild baue, zum Beispiel die Nikolaus-Mütze, die ich trotzdem trage, ist ja auch ein bisschen die Jahreszeit, dann hängt das Bild auf.

Wenn ich dir das Interview mit der Nikolaus-Mütze gegeben hätte, würde sich auch jeder daran erinnern. Nee, Quatsch. Aber Nikolaus, nee, Nikolai ist der Name dazu.

Und dann für Konrad, für den Nachnamen könnte ich entweder überlegen, ob ich auch jemanden kenne. Und dann wäre jetzt tatsächlich die Entscheidung, ich nehme vielleicht niemanden, der mit Konrad als Vornamen angesprochen wird. Weil das könnte ich dann gerade verwechseln.

Dann denke ich, das war der Vorname. Nee, dann nehme ich entweder, falls ich jemanden kenne, der auch mit Nachnamen so heißt. Oder ich suche mir halt wieder ein Wort, was ähnlich klingt.

Vielleicht wie ein Konzert. Oder den Elektronikmarkt, den man etwas anders schreibt als mich. Was beim Ansprechen ja egal ist.

Mach mir halt wieder ein Bild dazu. Vielleicht eben die Tüte von diesem Elektronikmarkt. Mit Boris, Nikolai, Konrad.

Wenn ich mir das jetzt bewusst vorstelle, mit wenig Übung, ich verstehe am Anfang, wenn man das gerade zum ersten Mal gehört hat, dann ausprobiert, lenkt es einem von diesem ersten Gespräch noch ab. Ich will mich doch jetzt mit Nils unterhalten, dann kann ich doch nicht nebenan mir die Bilder vorstellen. Darum lohnt es sich am Anfang das ein bisschen zu üben.

Weil gerade so bei Namen kommt man sehr schnell in den Rhythmus, dass ich das eigentlich auch, sobald der Name genannt wird, dann einbauen kann. Ich habe es jetzt als Sport sehr lange betrieben, dass ich das in Sekundenbruch teilen kann. Auch wenn ich mir dafür 3, 4, 5 Sekunden nehme, ist das absolut zurecht.

Den Namen einfach nochmal aussprechen, wenn ich jemanden kennenlerne. Gebt mir immer nochmal Zeit. Herr Behrens oder darf ich Nils sagen?

Nette Frage, ist ja auch berechtigt, dass ich weiß, wie ich es ansprechen will. Habe gleichzeitig beide Namen nochmal ausgesprochen. Das heißt, ich habe es jetzt schon mal im Kurzzeitgedächtnis drin und kann mir jetzt eben ein Bild bauen, überlegen, Nils kenne ich auch ein paar, dann nehme ich jemanden für das Bild und mit dem zusammen rennst du von dem Bär weg.

Und das stelle ich mir eben vor, dann ist das so lustig, so skurril, dass es gleich mit der Person in Verbindung gebracht ist. Und wenn das Gespräch jetzt weitergeht, kann ich mir überlegen, wenn eine Information kommt, die ich ergänzen will, dass ich diese Bildgeschichte noch mit einbaue. Oder ich sage, ich nehme es erstmal bewusst wahr, versuche zwischendrin, das war interessant, in Holland forscht er, wo denn da, ich habe es mir einmal gesagt damit hat es diesen Aufmerksamkeitstrigger bekommen, dass ich jetzt nach dem Gespräch immer noch in Ruhe noch darüber nachdenken kann, was kam denn jetzt der Information, die für mich relevant war, vor.

Und mir dann überlege, baue ich das in ein Bild ein, vielleicht sogar in den Gedächtnispalast oder in diese kleine Bildgeschichte mit der Person, dass ich da in den allermeisten Fällen mit zufrieden bin. Wenn ich jetzt halt wirklich von der Person an den Vortrag anhöre und da bewusster Informationen mir merken will, dann würde ich tatsächlich schon mit dem Gedächtnispalast arbeiten. Aber so im Gespräch, wenn ich jetzt mit ihr rede und Informationen vorkomme, die für mich spannend sind, nutze ich meistens nicht den Gedächtnispalast und baue ich das eher in diese kleine Merkgeschichte ein, die ich mir eigentlich immer mache, meinen Namen will ich mir ja schon merken und hänge es dann da dran.

[Nils Behrens] (32:18 - 32:39)
Okay, das heißt also, ich sehe dich jetzt sozusagen vor mir mit einer Nikolaus-Mütze auf, mit einer Konrad-Elektronik-Tüte in der Hand, mit holländischen Holzklocks dran und dann noch vier Minimis sozusagen an der Hand und wie du gerade Volker Busch die Hand schüttelst.

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (32:40 - 32:41)
So ungefähr, genau, ja.

[Nils Behrens] (32:42 - 33:23)
Okay, spannend, sehr spannend. Gibt es ein Alltagsbeispiel, wo man die Techniken sonst noch so anwenden kann, sage ich mal so, weil du hast es eben gerade schon gesagt, wir wollen uns ja keine Listen merken und wir wollen ja auch keine Gedächtnisweltmeister werden, aber wo du jetzt noch mal wirklich ein Beispiel hast, wo es dann ja auch noch mal relevant wird. Das heißt also, du hast es gerade gesagt, so ein Fachbuch hier zum Beispiel, aber ich finde, es gibt ja so auch Aufgaben zum Beispiel.

Ich finde, wenn man sich einfach überlegt, was man heute noch alles so erledigen möchte, dann hilft mir das schon. Ehrlich gesagt, ich habe noch gar keine richtig gute Aufgabenliste der Technik gefunden, das zu tun, aber schöner wäre es ja, wenn ich das alles auch im Kopf hätte.

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (33:24 - 35:02)
Ja, auch da hilft es eben, mit Bildern zu arbeiten. Oft hilft es einfach nur, sich das noch mal bildhaft vorzustellen. Also, wenn mir meine Frau sagt, du, Schatz, kannst du bitte den Brief noch in den Briefkasten werfen?

Und ich sage, ja, mache ich, stecke den in die Computertasche, würde es mir wahrscheinlich auch passieren, dass ich den dann abends aus der Computertasche zu Hause auch wieder raushole. Wenn ich mir in dem Moment einfach noch mal kurz den Aufmerksamkeitsmoment gönne, den Fokus drauf, zu sagen, ich stelle es mir eben bildhaft vor, an welchen Briefkasten komme ich denn vorbei? Nachher eben hinter dem Büro.

Also, ich stelle mir vor, ich sehe meine Haustür oder die Bürotür von dem Bürogebäude und da ist ein Riesenhaufen Briefe im Weg. Ist das keine Garantie, haben die Wahrscheinlichkeit schon mal massiv gesteigert. Einfach dadurch, dass ich mehr eingesetzt habe, wie ein Bild dazu vorgestellt habe.

Also, das ist was, was man bei Aufgaben auf jeden Fall tun kann. Wenn ich mir eine tolle Podcast-Folge anhöre, einen Artikel lese, einfach immer danach sich diese kurze Pause gönnen, sich einmal selber zu fragen, was war jetzt daran interessant für mich? Worum ging es denn da?

Dann gibt man dem Gehirn diese Chance, eben nochmal das weiter zu verarbeiten, selber es abzurufen. Macht einen riesen Unterschied. Die Effektgrößen sind sehr, sehr groß.

Wie viel ich dann eine Woche später noch weiß. Ich bin ja auch für meine Auftritte, ich bin ja auch viel auf Bühnen dann, ziemlich viel in Deutschland unterwegs, entweder mit dem Auto oder mit dem Zug. Also, ich höre auch sehr gerne Podcasts.

Das ist tatsächlich was, was ich mir sehr bewusst angeeignet habe, dass ich, wenn es eine sehr lange Folge ist, vielleicht sogar zwischendurch mal eine Pause mache, und wenn es sonst eine Folge ist, die ich gehört habe, nicht sofort danach die nächste auf Autoplay, sondern einmal kurz drüber nachdenken. War lustig, aber hat keine Relevanz für mich. Ist auch mal ein Ergebnis, ist ja auch okay.

Wenn es gar nicht gut war, hätte ich es wahrscheinlich eher gestoppt. Und meistens, das war mir interessant. Und das will ich mir vielleicht nochmal nachschauen.

Und wenn das dann wirklich was ist, was ich mir merken will, dann baue ich mir eben tatsächlich Bildgeschichten dazu oder nutze den Gedächtnisballast.

[Nils Behrens] (35:04 - 35:24)
Sehr interessant. Also, ich habe das sehr häufig, dass ich entweder Formulierungen, entweder in Podcasts oder eben halt auch in Büchern lese, wo ich dann einfach so sage, oh wow, die muss ich mir nochmal merken, die kann ich bestimmt nochmal in einer anderen Stelle dann anwenden. Und die schreibe ich mir mittlerweile auf.

Das heißt also, auch da würdest du sagen, könnte man es theoretisch auch in einen Gedächtnisballast ablegen?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (35:25 - 36:14)
Könnte man. Ich würde aber gar nicht sagen, dass das eine schlechte Idee ist. Weil aus meiner Sicht, das Tolle ist ja, dass wir heute viele Hilfsmittel haben und die nutze ich auch gerne.

Das heißt, wenn ich jetzt mein Buch geschrieben habe und ich hatte zwischendrin Ideen dazu, war ich froh, dass ich meine Techniken hatte, wenn die Idee beim Autofahren, Joggen oder Duschen kam, dass ich jetzt nicht irgendwo rausspringen und das aufschreiben musste. Ich wusste, das liegt da erstmal. Weil hinterher habe ich es trotzdem in den Orden an den Computer gelegt, dass ich dann, wenn ich am Text arbeite, eben die Formulierung, die ich gerade toll fand, nochmal sehe und denke, warum fandest du die toll?

Oder die war wirklich toll. Das heißt, dass ich dann natürlich trotzdem auch die Gelegenheit nutze, es noch abzuspeichern. Die Gefahr sehe ich, dass viele eben diesen Zwischenschritt gar nicht machen, das nicht überhaupt erstmal zu merken und sofort es aufschreiben und dann hinterher vielleicht wieder begeistert sind, weil es ihnen dann völlig unbekannt vorkam, wenn sie es nochmal lesen.

Das ist für das Gehirn eben auch langfristig wirklich nicht gut. Das Thema hatten wir jetzt einzusetzen. Das Gehirn ist das, was es am fittesten hält.

[Nils Behrens] (36:15 - 36:26)
Ich bin ja gerade im Buchschreibeprozess tatsächlich selbst und merke dann so, dass ich, ich bin jetzt gerade kurz vor Abgabe, dass ich immer so, wenn ich nochmal so wieder durchgehe, dachte ich so, das hast du mal geschrieben, das ist ja wirklich interessant.

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (36:27 - 36:31)
Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass das bei mir nicht auch mal passieren kann oder umgedreht. Ja, kommt bei mir auch vor, klar.

[Nils Behrens] (36:32 - 36:40)
In deinen Studien sieht man ja, dass Gehirnsportler weniger Stress empfinden. Warum hängt ein gutes Gesellschneid auch mit einer, ich sage es mal, inneren Ruhe zusammen?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (36:42 - 42:02)
Die Beobachtung ist tatsächlich, dass vieles stresst, dass man hinterher auch gar nicht weiß, wie kann ich die Information denn jetzt wiederfinden? Ich sehe den Menschen, oh, ich müsste den Namen wissen. Ich habe gar keine Strategie, es zu suchen.

Wenn ich es mit der Methode gelernt habe, weiß ich, wo ich nachgucken muss. Sehr platt ausgedrückt. Und das beruhigt schon mal.

Generell, ob Gehirnsportler dann weniger Stress erfahren, das weiß ich immer sehr bezogen auf unsere Aufgaben. Das heißt, ob die das im Allgemeinen anders empfinden, haben wir weniger untersucht. Das wüsste ich nicht, ob ich das behaupten kann.

Aber generell hilft auch da Visualisierung. Und wenn man das durch solche Methoden natürlich viel trainiert hat, hat das dann vielleicht auch wieder andere Möglichkeiten. Das heißt, eine Empfehlung, die man ja öfter hört, aber die leider auch die wenigsten umsetzen, wenn ich weiß, da kommt jetzt ein stressvoller Termin, kann ich vorher mit Visualisierung arbeiten.

Ich kann mir das schon mal vorstellen, wie das abläuft. Und wenn ich dann merke, ich gehe sofort in den Panikweg, natürlich wird das Jahresgespräch ganz schlimm sein und mein Chef ist ganz böse auf mich und findet das alles kacke, was ich gemacht habe, kann ich mir aber auch mal ein anderes Bild vorstellen. Er ist überraschenderweise vollkommen begeistert und bietet mir von sich aus die Lohnerhöhung an.

Heißt jetzt nicht, dass das eine oder das andere realistischer ist, aber ich habe sozusagen die Szenarien schon mal durchgespielt und damit beruhige ich das Gehirn. Und wenn ich eben mit Vorstellungskraft und Visualisierung öfter arbeite, fällt mir das natürlich auch immer leichter und kann ich damit entsprechend auch mehr auf das Stresssystem einbürgen. Vielleicht ganz kurz dazu, dieses Stressempfinden, Stresssystem ist halt sehr stark in diesem unbewussten Verarbeiten verankert.

Da gibt es im limbisches system, was tief drin im Hirn ist, den Hippocampus, der Erinnerungen abspeichert, aber eben auch die Amygdala, die ganz stark Stress erleben, wichtig ist. Und da ist es wieder so, wie beim Bilddenken, was wir viel zu wenig nutzen, wo das Gehirn sich eigentlich für entwickelt hat, dass unser Gehirn eigentlich ein Stresssystem entwickelt hat, damit wir überleben, wenn im Wald ein wilder Wolf uns begegnet. Und ich weiß, wie ich darauf reagieren kann, dass ich jetzt ein Stressmodus habe, wo ich schneller reagieren kann oder vielleicht nicht mehr so tief nachdenken.

Ich habe nicht dafür gedacht, dass ich halt 47 Mal am Tag einem Wolf begegne, weil das nicht passiert ist. Wenn ich immer 47 Mal am Tag und das ist bei manchen ja schon wenig, dann Push-Nachricht bekomme, die jedes Mal ein kleiner Stressor ist, springt das Gehirn jedes Mal in diesen Modus und da sind wir viel zu viel drin und dann kommt es eben zu dieser Überforderung. Das heißt, auch Stressoren zu vermeiden, ist sicherlich eine gute Strategie, gleichzeitig aber auch Wege zu haben, damit anders umzugehen, weil ich mir ein bisschen angeeignet habe, dann mir auch Dinge vorstellen zu können, die mich beruhigen, ist das sicher sehr, sehr gut.

Das heißt, man kann das visualisieren in die eine Richtung und das geht eben auch in die andere. Wenn ich jetzt mal einen entspannten Tag habe, die Kinder sind bei der Oma, ich kann alleine bald spazieren oder eben einen schönen Urlaub, dann kann ich das ja auch immer bewusster wahrnehmen, nicht nur den Moment genießen, das natürlich auch, aber mir das auch noch mal bewusst mit anderen Sinnen irgendwie einzuverleiben. Es gibt ja ganz simple Techniken, viele haben schon mal so aus dem Bereich des Achtsamkeitstrainings gehört, von der 5-4-3-2-1 Technik einfach mal, ich muss jetzt nur 5 Dinge wahrnehmen, die mir gerade gar nicht bewusst waren, die ich sehe, 4, die ich höre, 3, die ich fühle, 2, die ich rieche und vielleicht habe ich noch einen Geschmack im Mund, damit die Situation nochmal anders zu verarbeiten.

Das ist auch wieder ein anderer Gehirnmodus tatsächlich, wenn ich diese Filter so ein bisschen öffne und wenn ich jetzt merke, nehme ich mal mein Extrembeispiel, ich habe jetzt gleich hier einen Fernsehauftritt, ich muss jetzt meine Gedächtnisleistung abrufen, am besten auf Weltklasse-Niveau, geht auch an mir nicht spurlos vorbei. Aber wenn ich dann so ein paar von solchen Momenten abgespeichert habe, wo ich mal kurz gedanklich hingehen kann, reguliere ich einfach das Stresssystem, weil ich dem einfach gerade wieder den Input gebe, ne, ist eigentlich alles gerade ganz gut, dass ich eben nicht mehr über diesen Schwelle drüber komme, dass ich von ja, gestresst, aber dadurch leistungsfähig in Blackout und Überforderung sprenge, sondern ich bringe es gerade so ein bisschen runter. Das gilt bei jeder Prüfungssituation, in einem wichtigen Gespräch und ist tatsächlich am Ende überraschenderweise gar nicht so unähnlich, was selbst, was hoffentlich für manche wahrscheinlich schon, aber für die wenigsten von denen, die uns jetzt zuhören, relevant ist, so auch in die Richtung geht, wie auch traumatische Belastungen verarbeitet werden.

Die Frage kriege ich dann manchmal, wie kann ich denn was Schlimmes, was mir passiert ist, vergessen? Das sollte nicht das Ziel sein, ist auch nicht realistisch. Das Ziel sollte sein, dass die Erinnerung daran dich nicht mehr in den Panikmodus schießen lässt, dass du nicht mehr dadurch wieder Trauma erfährst oder starke Belastung.

Das heißt, Traumatherapeuten wollen tatsächlich gar nicht, dass du es vergisst, sondern dass es eben dann Entspannung gibt, die dir hilft, damit umzugehen, dass es dich nicht mehr so belastet. Die würden dich also in der Gesprächstherapie bewusst an den Moment erinnern lassen, aber dann sofort es unterbrechen, wenn es jetzt zu viel wird und sagen, hey, schau mal, dir geht es gerade gut, du hast eine Tasse Kaffee hier, einen schönen Stuhl. Einmal atmen, Atmung hat natürlich einen großen Einfluss auf das Stresssystem und der Gedanke ist eigentlich gar nicht so gefährlich.

Was eben auch spannend ist, in Bezug zum Gedächtnis, da kommen wir ja her, was neben dieser Gesprächstherapie sehr gut funktioniert, ist das EMDR, das ist, dass man jemanden auch sich daran erinnern lässt, aber dann gar nicht gesprächsmäßig darauf eingeht, sondern das EMDR kommt ursprünglich von der Augenbewegung, Eye Movement heißt es, EM, Desensitization und Reprocessing, dass man nämlich damit das Arbeitsgedächtnis ablenkt. Lange dachte man, es hat vielleicht wirklich was mit den Augenbewegungen zu tun.

Bei uns im Institut auch oder dann mehr in New York, eine Kollegin war da hingegangen, hat es da weiter erforscht, hat man ganz gut zeigen können, ich persönlich war nicht involviert, aber die Kolleginnen und Kollegen, dass es statt den Augenbewegungen auch hilft, dann Kopfrechenaufgaben zu machen, das Arbeitsgedächtnis einfach abzulenken, weil dann dieses Wiederverarbeiten ins Negative nicht so gut funktioniert. Und was zeigt uns das? Wie eng Gedächtnis und Stress eben da zusammenhängen und dass es sich total lohnt, für beide Strategien zu haben, um damit umzugehen.

[Nils Behrens] (42:05 - 43:22)
Wow, und da war jetzt wirklich ganz schön viel drin. Also die 5-4-3-2-1-Methode, die hatten wir tatsächlich jetzt, glaube ich, jetzt das dritte Mal im Healthwise Podcast, also das scheint wirklich eine sehr gute, etablierte Methode zu sein und ich habe die auch schon wirklich vielen Leuten empfohlen, die insbesondere jetzt auch gerade, sage ich mal so, was so schon am Burnout oder im Burnout sind, finde ich ganz toll. Das, was du sagst mit dem Vorvisualisieren, wir hatten hier die Jessica von Bredow-Werndl, das ist so eine zweimal doppelt Olympiasiegerin, also in der Summe dann vier Goldmedaillen, und die sagt es auch, dass sie eben halt in diesem Parcours, dann in dem Sinne schon immer, oder dieses Thema, die reitet im Kopf schon mehrfach in die Halle und geht dann eben halt ihren Wettbewerb durch komplett.

Also die ist dann tatsächlich im Kopf so, dass sie das dann auch einfach mehrfach durchreitet und dadurch dann eben halt auch diese Sicherheit hat. Also es ist wirklich eine spannende Geschichte. Das, was mich aber in dem Zusammenhang, du hattest jetzt gerade gesagt, man will so traumatische Erinnerungen oder kann sie schwer vergessen, aber muss sie nur positiv eben halt hinterlegen.

Für mich ist mal eine grundsätzliche Frage, was passiert eigentlich im Gehirn, das wir vergessen? Und natürlich die Frage auch idealerweise, wie können wir das verhindern?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (43:25 - 45:57)
Ich würde jetzt behaupten, dass wir noch keine hundertprozentige Antwort darauf auch in der Hirnforschung haben, dass da noch gewisse Dinge passieren müssen. Aber so ein Modell, wo denke ich, die allermeisten Forschenden zustimmen würden, ist, dass das eine Art, Englisch heißt es dann Global Downscaling, gibt, dass in diesem Aufräummodus, der im Schlaftag stark passiert, tatsächlich auch dazu gehört, dass tatsächlich auch Verbindungen wieder abgebrochen werden. Und zwar unselektiv, doch im Globalen.

Und dass eben relativ viel dadurch verloren geht, aber gerade das, was relevant war, ist eben so stark, dass es eben übrig bleibt. Nur wenn ich den Namen eben beiläufig nur gehört und verarbeitet habe, ist der eher bei den Dingen, die wegfallen. Umgedreht gibt es eben diese Schutzmechanismen, um eben das Vergessen zu verhindern, die dazu führen, dass in diesem generellen Sinken Einzelsachen immer wieder gespielt werden, dadurch gefestigt werden.

Also wir sprechen an der Schule nämlich von Replay, dass Erinnerungsfolgen im Schlaf dann nochmal abgespielt werden. In dem Tiermodell, wo man ja auch von einzelnen Hirnzellen die Daten auslesen kann, kann man das zumindest für abgegangene Wege und so tatsächlich nachweisen. Und da gibt es eben verschiedene Faktoren, die dazu führen, dass was auf dieser Nochmalwiederholliste im Gehirn draufsteht, Emotion, ganz klar, Stress kann eine Rolle spielen.

Interessanterweise sowohl Neuheit, Novelty, als auch es passt ins Schema. Das scheint ein bisschen widersprüchlich, aber die Kurve ist so ein bisschen das, was wirklich total neu ist. Das habe ich noch nie gehört, voll interessant.

Das bleibt natürlich eher hängen. Und das, was genau da reinpasst, wo ich schon viel weiß, hat auch eine gute Chance, gut verarbeitet zu werden. Das, was so in der Mitte ist, war jetzt nicht völlig neu, ist jetzt nicht der erste Boris, aber auch nicht der letzte, wie ich kenne.

Das hat die größte Gefahr, verloren zu gehen. Das ist ganz spannend, weil man das eben wieder auch mit Methoden dann beeinflussen kann, wie den Gedächtnistechniken. Und tatsächlich auch, was eine Rolle spielt, ist, was habe ich selber nochmal abgerufen?

Das ist genau der Grund, warum ich den Tipp vorher gegeben habe. Wenn ich jetzt den Podcast höre, und da war einiges drin, was in deiner Zusammenfassung gerade gehört hat, hier und da schon mal bekannt vorkamen, habe ich schon mal von gehört, ist die Gefahr groß, dass das eher verloren geht. Nicht nach dem Gespräch, aber wenn ich mich jetzt nochmal daran erinnere, wo ging es denn drum?

Also diese 5-4-3-2-1-Technik, das habe ich schon öfter gehört, vielleicht sollte ich das echt mal ausprobieren. Dann rufe ich selber ab, und dann merkt das Gehirn irgendwie, und natürlich ganz spannend, da ist die Hirnforschung sich noch nicht so einig, was passiert jetzt da bei dem Gehirn, bei diesem Entdecken, aber dann scheint es dem Gehirn irgendwas zu geben, dass das Gehirn merkt, hey, ich habe das selber abgerufen, es ging erst rein, aber dann auch nochmal sozusagen vom Langzeit ins Arbeitsgedächtnis zurück, dass das dazu führt, dass das danach, auch im Schlaf danach, viel tiefer und besser verarbeitet wird, als wenn ich das nicht gemacht hätte. Der Fakt, der ist sehr, sehr gut etabliert und gut untersucht.

[Nils Behrens] (45:59 - 46:19)
Ja, ich merke das immer, weil du sagst immer dieses nochmal selbst abrufen, ich merke es immer tatsächlich sehr gut, wenn ich dann danach Leuten davon erzähle, wenn ich denen das versuche mit meinen eigenen Worten zu erklären, dass das natürlich schon auch immer eine sehr positive Wirkung hat. Du arbeitest in deinem Begriff mit neural efficiency, das heißt, wie schaffen wir es, weniger zu denken und dabei mehr zu wissen?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (46:21 - 46:37)
Genau, ich würde es nicht eine Strategie nennen, das ist tatsächlich diese Beobachtung, die hatten wir vorhin ja schon mal kurz angesprochen, die wir bei den Gedächtnissportlern sehen, die tatsächlich sehr gut auch bei Kopfrechnen belegt ist. Das ist vielleicht ein schönes Beispiel, weil es leicht nachvollziehbar ist. Manche Menschen können das total gut, andere nicht so.

[Nils Behrens] (46:39 - 47:06)
Das ist lustig, ich mache das zum Beispiel mit Lego-Steinen immer noch, das heißt also, ich habe früher viel mit Lego gespielt und wenn ich dann immer wusste, so jetzt ist hier an der einen Stelle sozusagen quasi noch zwei frei, also wenn ich jetzt so eine 8 habe, dann fehlen zwei Lego-Nubsis noch sozusagen zu 10. Und wenn ich mir dann vorstelle, ich stelle jetzt da ein 6er rauf, dann weiß ich, dass da 4 überstehen, das heißt, ich komme auf eine 14. Also ich rechne tatsächlich in Lego.

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (47:07 - 48:53)
Was übrigens toll ist, weil es ist eine visuelle Strategie, das heißt, du nützt mehr dein visuelles Hirn, was wir auch im Rechnen viel zu wenig tun. Also da hast du eine gute Strategie für dich entwickelt, sehr gut. Und tatsächlich zeigt es, dass Menschen, die eben gut Kopfrechnen können, bei der gleichen Schwierigkeit von Aufgaben deutlich weniger eben wieder Aktivität im Gehirn haben, als die, die sich damit schon schwer tun.

Wenn die jetzt aber immer schwierigere Aufgaben bekommen, die die erste Gruppe vielleicht gar nicht mehr lösen kann, nimmt die Aktivität schon wieder zu. Das ist jetzt nicht so zu sehen, dass dann die Effizienz so gut ist, dass dann das nicht steigt. Das passiert schon, aber generell kann die Aufgabe einfach viel effizienter erledigt werden, weil das entsprechend in den eigenen Hirnwendungen so gut angelegt ist.

Gibt es in Schweden, wer sich das genauer nochmal anschauen will, er lebt leider inzwischen nicht mehr, hat dann lange in Amerika geforscht, Anders Ericsson. Meistens geschrieben K-Punkt, Anders Ericsson. Ist sehr viel auch bekannt für die Theorie, die immer sehr stark übertrieben dargestellt wurde, dass es Talent gar nicht gibt oder mit anderen Worten Zehntausendstundenregel, weil er hat sich in seiner ganzen Forschung, seiner ganzen Karriere mit ganz vielen Menschen beschäftigt, die Dinge extrem gut können.

Das ist gar nicht so viel anders wie dein Podcast. Also sich Olympiasieger angeschaut, Profimusiker, Wissenschaftler und immer geguckt, was passiert denn bei denen jetzt anders im Kopf? Und der hat eben ganz oft entdeckt, es geht sehr wenig darum, welches Talent jemand mitbringt, sondern sehr viel wie das Gehirn eingesetzt und trainiert wurde.

Und er spricht dann auch immer von dem deliberate practice. Das heißt, der Unterschied sagt ja, es gibt natürlich viele Menschen, die Zehntausendstunden ihr Hobby gemacht haben, Golf spielen, Hockey, wie auch immer, aber jetzt dann weit weg vom Profiniveau sind oder auch ein Musikinstrument, weil die es nur gespielt haben, aber nicht bewusst. Das heißt, für ihn ist der Unterschied eben auch bewusst drüber nachdenken.

Was habe ich denn jetzt eigentlich gerade getan? Warum war der Ball jetzt nicht drin, anstatt einfach den Nächsten wieder zu schlagen? Das heißt, die es bewusst reflektieren, macht echt einen Unterschied darüber, wie gut ich fast egal was werde.

[Nils Behrens] (48:54 - 49:01)
Aber die Zehntausendstunden, das ist sozusagen, also die haben der eine oder andere schon mal gehört, also ich schon häufiger, die kommen von ihm?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (49:03 - 49:57)
Die haben verschiedene Quellen, aber sehr oft werden sie auf ihn bezogen. Und er war da so semi glücklich mit, weil es ihm dann als Wissenschaftler vielleicht doch etwas zu verkürzt war. Er hat sich zum Ende seiner Karriere, leider auch dann seines Lebens, er ist dann relativ jung gestorben, vor ein paar Jahren ein Buch geschrieben, das sich dann PEAK nennt, Englisch, ich weiß nicht, ob es eine deutsche Übersetzung gibt, wo er das noch ein bisschen differenzierter darstellt, aber es geht stark auf seine Forschung zurück.

Und so einige seiner ersten Studien waren vielleicht immer etwas zu stark vereinfacht, aber im Kern natürlich genau das, dass er gesagt hat, er hat sich Musikerinnen und Musiker angeguckt, die auf sehr gutem Niveau spielen können, manche eben gutes Hobbyniveau, und andere machen es als Beruf. Und hat eben unterschieden, was ist jetzt der Unterschied, was die ausmacht. Haben die eine bessere Fingerfähigkeit, haben die ein besseres Gehör, können die schneller denken?

Fast immer ist das Ergebnis, die haben einfach bis zum Alter von 14 schon 10.000 Stunden gespielt, die anderen nicht.

[Nils Behrens] (49:59 - 50:01)
Spannend. Spannend.

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (50:04 - 50:10)
Tatsächlich kann es auch motivieren, weil es zeigt mir, es geht gar nicht um das Talent, das jemand mitgebracht hat. Wenn man es bewusst trainiert, bewusst tut, kann man extrem viel erreichen.

[Nils Behrens] (50:11 - 50:40)
Ich habe neulich mal die Dokumentation über David Beckham gesehen, der einfach wirklich von morgens bis abends im Garten seinen Eltern Bälle geschossen hat. Von daher, der wird seine 10.000 Stunden mit Sicherheit auch im Garten gespielt haben. Das ist aber eine ganz gute Brücke für mich, weil du bietest in deinem Buch ja ein 30-Tage-Programm an.

Und was würdest du denn sagen, verändert sich dann wirklich messbar in unserem Kopf oder in dem, der das dann ausführt, wenn man diese 30 Tage das dann auch wirklich gemacht hat?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (50:41 - 51:38)
In unserer Studie waren es dann 6 Wochen. Ich habe es für das Buch auf 30 Tage verkürzt, weil es als Monat handlicher ist und in der Studie wir bewusst ja auch gewisse Dinge dann ein bisschen manipulieren wollten, sie messen zu können. Bin aber sehr sicher, dass im Endeffekt nach 30 Tagen schon was sehr ähnliches da ist, wie nach 6 Wochen, nämlich tatsächlich die Vereinbarung von gewissen Gehirnnetzwerken.

Ich hatte über diese Modi im Gehirn gesprochen. Wir können tatsächlich beweisen, dass zwar die Aktivierung während der Aufgabe im Gehirn sogar eher runtergeht, aber gewisse Netzwerke sich verändern. Und zwar die, die das strategische Denken hier hinter der Stirn, die das visuelle Denken in den visuellen Zentren verbinden, mit wieder diesem tief drinnen liegenden System, wo auch der Hippocampus in der Nähe ist.

Das heißt, es werden tatsächlich Gedächtnisnetzwerke gestärkt, was dann einen großen Nutzen darstellt. Gleichzeitig wird ein innerer Methodenkoffer aufgebaut, dass ich dann einfach Strategien habe, die, auch wenn ich sie nicht täglich benutze, wenn ich es dann aber brauche, einfach da sind, dass ich weiß, um mir mal eine Liste zu merken, wenn es doch mal vorkommt mit 20 Begriffen, brauche ich mir keine Gedanken machen. Das ist so einfach.

Da habe ich mal eine Strategie für.

[Nils Behrens] (51:40 - 51:49)
Finde ich sehr gut. Würdest du denn sagen, dass jeder Erwachsene wieder Freude am Lernen entdecken kann, ohne, sage ich mal, Leistungsdruck, aber eben halt einfach mit Neugier?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (51:50 - 53:13)
Ich denke schon. Ich gönne es jedem. Also, ich finde es einfach total schön, auch bei Menschen zu sehen, wo ich es dann mitbekomme.

Entweder, weil das dann nicht ein Buch war, sondern ein Training, wo ich die Leute nicht mehr erlebe, wo einfach Gedächtniserfolge erzielt werden, die die Menschen sich vorher nicht vorgestellt haben. Schon in meinem Vortrag, wenn ich dann nur eine Dreiviertelstunde auf der Bühne habe, wenn es der Gedächtnistrainingsvortrag ist, lasse ich die Leute im Vortrag sich eine Liste mit 20 Begriffen in der richtigen Reihenfolge einprägen. Ich frage immer vorher, wer von sich schon begeistert, wenn das klappt, und sehe weniger Hände, als man denkt, weil die meisten dann eher flüstern, geht ja sowieso nicht.

Und wenn es dann geklappt hat, das Strahlen einfach, ja, das ist, ich glaube, darum gehe ich auch so gerne auf die Bühne, dieses Strahlen zu sehen, wenn Leute, ich habe das gerade geschaut, wow, das Erleben, das ist schon toll. Und das ist auch an sich schon wieder nützlich. Auch das, gerade wenn ich dann manchmal in Trainings habe, dass dann Menschen kommen, die sagen, ich wollte vielleicht auch ansprechen, ich weiß nicht, ob der Kurs das Richtige für mich ist, weil ABC ist mir passiert, ich hatte einen Unfall, ich hatte eine Erkrankung, da ist wirklich was passiert, und das Gedächtnis ist seitdem viel schlechter, ich weiß nicht, ob das Training überhaupt noch was bringt. Sage ich auch immer ehrlich, ich bin kein Gehirnschirurg, ich habe jetzt nicht verfolgt, was bei dir da passiert ist, tut mir auch leid zu hören, aber probier es halt mal aus. Und ganz oft, dass die dann plötzlich was merken können, was sie sich nicht zugetraut haben, führt zu so einem Schub im Selbstbewusstsein, der einfach vor allem dazu führt, dass sie es wieder einsetzen, anstatt zu sagen, oh, ich muss mir alles aufschreiben, weil ich kann mir nichts mehr merken.

Ich kann schon, das mache ich auch mal wieder. Und das verändert so viel, das ist echt toll.

[Nils Behrens] (53:14 - 53:23)
Toll, toll. Gibt es denn eine Gedächtnisübung, die du jeden Tag machst, so wie andere meditieren oder joggen? Ich habe hier immer so meine Drei-Minuten-Gehirn-Routine oder irgendwie sowas.

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (53:25 - 54:27)
Letztlich weniger dann aus dem Gerecht-Gedächtnis-Bereich, weil dann nutze ich die Techniken schon fast täglich, aber jetzt nicht zielgerichtet, dass es jeden Tag sein muss. Aber dieses bewusste Wiederholen. Also ich versuche es jeden Tag zu machen und fast immer klappt es auch, dass ich abends, wenn ich zu Hause bin, auch gerne mit meinen Kindern oder mit der Frau, dass wir so im Gespräch vorm Bett gehen und sagen, was waren denn drei Dinge, die du heute schön fandest?

Selbst wenn es echt ein stressiger Kacktag war, den habe ich auch mal. Es sind drei Dinge zu suchen, aber der Kaffee heute Morgen, der war lecker. Das war schön.

Da kam eine nette Anfrage rein, das könnte ein toller Podcast werden, wenn wir das machen. Das fand ich schön. Dadurch muss ich erst in den Tag nochmal durchgehen.

Was habe ich heute überhaupt gemacht? Das ist eigentlich schon eine Gedächtnisübung, wenn ich es so sehe. Gleichzeitig führt es dazu, dass man das Gehirn wieder ein bisschen beruhigt, ein bisschen das Positive in den Vordergrund stellt.

Das führt dazu auch, dass man schneller einschläft. Das ist auch eine ganz kleine Übung. Man kann es Achtsamkeit nennen oder auch Dankbarkeit.

Manche machen es wie ein Tagebuch, dass sie es notieren. Mir reicht es, wenn ich es im Kopf mache. Die aber tatsächlich ich sehr regelmäßig mache.

Wo ich finde, dass ich sehr klar wahrnehme, dass mir das hilft, dass das etwas Gutes ist.

[Nils Behrens] (54:28 - 54:35)
Sehr schön. Wenn du nur einen Satz an alle HörerInnen weitergeben dürftest, damit sie ihr Gehirn besser nutzen, welcher wäre denn das?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (54:36 - 54:38)
Stell dir öfter mal was bildhaft vor. Denk in den Bildern.

[Nils Behrens] (54:42 - 54:55)
Lieber Boris, deinen Namen werde ich jetzt hoffentlich nicht mehr so schnell vergessen. Ich bedanke mich ganz herzlich für das Gespräch. Ich möchte natürlich den HörerInnen dann auch dieses Buch nochmal empfehlen.

Mehr Platz im Gehirn. Es ist im Ariston Verlag erschienen. Ist das richtig?

 

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (54:56 - 54:56)
Das stimmt, ja.

[Nils Behrens] (54:58 - 55:15)
Auch das habe ich mir nicht gemerkt, weil ich hier auf meinem iPad stehe. Aber in Zukunft, ich werde das mal Challenge annehmen, dass ich solche Sachen dann auch so Verlag, Name, Titel einfach mit drauf nehme.

Es ist auf jeden Fall eine Gebrauchsanleitung für mehr Klarheit und Gelassenheit im Kopf. Und ich sage nochmal vielen Dank für das Gespräch.

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (55:16 - 55:21)
Sehr, sehr gerne. Ich ziehe mein Nikolaushut für die tolle Gesprächsführung. Es war richtig angenehm.

Danke dir.

[Nils Behrens] (55:25 - 55:27)
Hast du eigentlich ein Lieblingssupplement?

[Dr. Boris Nikolai Konrad] (55:28 - 55:36)
Ich nehme tatsächlich regelmäßig nur Vitamin D. Das weiß ich, dass ich das zu wenig bekomme, auch wenn ich gerne rausgehe. Das heißt, Vitamin D ist eigentlich das einzige, was ich regelmäßig einnehme.

[Nils Behrens] (55:36 - 56:02)
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