Informationen zur Podcastfolge Nr. 169 Schön genug: Über Selbstakzeptanz in einer Welt voller Filter. Mit Susanne KrammerInformationen zur Podcastfolge Nr. 169 Schön genug: Über Selbstakzeptanz in einer Welt voller Filter. Mit Susanne Krammer

Schön genug? Selbstakzeptanz in einer Welt voller Filter

Schönheit ist heute allgegenwärtig – auf Bildschirmen, in Feeds, in Werbung. Doch je präsenter perfekte Bilder werden, desto häufiger entsteht das Gefühl, selbst nicht zu genügen. In dieser Folge von HEALTHWISE spricht Host Elisabeth Seidel mit der Autorin, ehemaligen Make-up-Artistin und Beauty-Redakteurin Susanne Krammer über Selbstakzeptanz, innere Stimmen und den Druck einer Industrie, die von Unsicherheit lebt. Im Mittelpunkt steht nicht die Frage, wie wir schöner werden – sondern, warum wir glauben, es zu müssen.

Die Folge HEALTHWISE auf YouTube

Schönheitsideale und der Druck, „richtig“ zu sein

Susanne Krammer beschreibt, wie sich Schönheitsideale über Jahrzehnte verdichtet haben. Während frühere Generationen nur punktuell mit idealisierten Bildern konfrontiert waren, wirken diese heute dauerhaft – besonders über Social Media. Filter, Retuschen und standardisierte Gesichter erzeugen Vergleichsbilder, die sich tief in die Selbstwahrnehmung einprägen.

Ein zentrales Problem: Unser Gehirn unterscheidet nicht zuverlässig zwischen realen und digital bearbeiteten Bildern. So entsteht ein inneres Ideal, das mit dem eigenen Spiegelbild kaum vereinbar scheint – und damit ein dauerhaftes Gefühl von Mangel.

„Diese Fehlersuche ist sehr groß geworden in unserer Gesellschaft.“ – Susanne Krammer

Warum der Druck heute oft stärker wirkt:

  • Dauervergleich: Ideale sind jederzeit abrufbar – nicht nur punktuell.
  • Filter & Retusche: Bilder zeigen häufig eine optimierte Realität.
  • Standardisierung: Ähnliche Gesichter, ähnliche Merkmale, gleiche Ästhetik.
  • Algorithmus-Effekt: Inhalte, die Unsicherheit triggern, werden oft stärker ausgespielt.

Weiterführende Impulse zur Selbstakzeptanz

Wenn Selbstkritik zur inneren Stimme wird

Susanne Krammer macht deutlich, dass Selbstablehnung selten plötzlich entsteht. Häufig wurzelt sie in frühen Erfahrungen: bewertende Stimmen aus der Kindheit, fehlende emotionale Sicherheit oder das Gefühl, nur über Leistung oder Aussehen gesehen zu werden. Diese äußeren Stimmen werden mit der Zeit internalisiert – und prägen, wie wir mit uns selbst sprechen.

Besonders problematisch wird es, wenn gesellschaftlicher Druck auf bereits bestehende innere Zweifel trifft. Dann können Schönheitsideale als scheinbare Lösung erscheinen – obwohl sie das Grundgefühl des „Nicht-genug-Seins“ nicht auflösen.

Beauty als Berührungspunkt – nicht als Lösung

Susanne Krammer kritisiert die Beauty-Welt nicht grundsätzlich. Sie beschreibt Beauty vielmehr als ersten Kontaktpunkt: Pflege, Make-up oder Rituale können ein Einstieg sein, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Entscheidend ist jedoch die Haltung dahinter. „Wir müssen durch die Oberfläche tauchen, um in die Tiefe zu kommen“ so Susanne Krammer.

Problematisch wird Beauty dann, wenn sie zum Reparaturversuch eines inneren Mangels wird – oder wenn immer neue Optimierungsschritte suggeriert werden, um endlich „richtig“ zu sein.

Selbstoptimierung, Routinen und der Kipppunkt

Auch Themen wie Achtsamkeit, Longevity oder gesunde Routinen betrachtet Krammer differenziert. Sie betont, dass alles, was als starres Regelwerk gelebt wird, Druck erzeugen kann – selbst wenn es ursprünglich als hilfreich gedacht war.

Ein zentrales Warnsignal ist dabei das Körpergefühl: Enge, Stress oder Schuldgefühle können Hinweise sein, dass eine Praxis nicht (mehr) unterstützend wirkt. Statt ständiger Optimierung plädiert sie für Selbstkontakt, Ehrlichkeit und Flexibilität.

Ein liebevoller Blick: Das Spiegelritual

Ein konkretes, niedrigschwelliges Beispiel aus dem Gespräch ist ein tägliches Spiegelritual. Susanne Krammer beschreibt, wie sie sich selbst bewusst mit dem Blick begegnet, den sie einer guten Freundin schenken würde – ohne sofortige Bewertung oder Kritik.

Es geht dabei nicht um Euphorie oder positive Affirmationen, sondern um einen einfachen Akt der Anerkennung: Ich sehe dich. Du bist da.

Checkliste: Impulse für mehr Selbstakzeptanz im Alltag

Diese Gedanken aus dem Gespräch können helfen, den eigenen Umgang mit Schönheit und Selbstbild zu reflektieren:

  • Vergleiche hinterfragen: Welche Bilder prägen mein Ideal – und wie realistisch sind sie?
  • Innere Stimmen erkennen: Spreche ich mit mir so, wie ich mit einer nahestehenden Person sprechen würde?
  • Druck ernst nehmen: Alles, was Enge erzeugt, darf überprüft werden – auch vermeintlich „gesunde“ Routinen.
  • Zeit für Selbstkontakt: Kleine Rituale können ein Einstieg sein, sich selbst wieder wahrzunehmen.
  • Reduktion statt Optimierung: Weniger Maßnahmen, weniger Regeln – mehr Raum für eigenes Empfinden.

Take Aways  

  • Schönheit wird heute häufig über Vergleich und Optimierung definiert.
  • Selbstablehnung hat oft tiefere, biografische Wurzeln.
  • Beauty kann ein Einstieg in Selbstfürsorge sein – aber keine Lösung für innere Leere.
  • Routinen sind nur dann hilfreich, wenn sie nicht unter Druck setzen.
  • Selbstakzeptanz beginnt mit Wahrnehmung statt Bewertung.

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Susanne Krammer (aka fraubeauty) ist Journalistin, Content Creatorin, Hair- & Make-up-Artistin und Unternehmerin. 2016 gründete sie nach ihrer Arbeit für verschiedene Frauenmagazine das Beauty-Online-Magazin June Mag und arbeitete mit großen Marken wie Gucci, Chanel, L’Oréal und Prada. Über ihre eigenen Plattformen – vor allem Instagram – hat sie sich eine große Community aufgebaut. In ihrem Podcast „Trotzdem schön“ spricht sie außerdem über persönliche Erfahrungen rund um Beauty, Selbstbild und den Druck von Außen. 2023 wurde sie von Glamour als „Content Creatorin des Jahres“ ausgezeichnet, 2024 launchte sie ihre eigene Kosmetiklinie hautsache.

 

Mehr über Frau Beauty: https://fraubeauty.com/

 

169 Schön genug: Über Selbstakzeptanz in einer Welt voller Filter. Mit Susanne Krammer

[Susanne Krammer] (0:00 - 0:25)

Das sind eben diese Kleinigkeiten, wo wir auch anderen Menschen oft ihre Wahrnehmung absprechen. Warum nicht ehrlich sein? Warum sage ich, wenn es mir nicht gut geht, ah nee, mir geht es am besten.

 

Warum müssen wir denn immer alles im Griff haben? Wieso müssen wir immer alles alleine schaffen? Wir sind so weit weggekommen von so gesunden Strukturen.

 

Dieser Turbo-Individualismus, dass jeder so sein Ding macht und die Powerfrau, die alles alleine schafft.

 

[Elisabeth Seidel] (0:26 - 0:26)

High-Performance.

 

[Susanne Krammer] (0:26 - 0:27)

Ja.

 

[Elisabeth Seidel] (0:27 - 1:25)

Herzlich willkommen zu HEALTHWISE, dem Gesundheits-Podcast, präsentiert von Sunday Natural. Ich bin Elisabeth Seidl und in diesem Podcast erkunden wir gemeinsam, was es bedeutet, gesund zu sein. Wir tauchen ein in Themen wie Medizin, Bewegung, Ernährung und emotionale Gesundheit, immer mit einem weisen Blick auf das, was uns wirklich gut tut.

 

Herzlich willkommen zu einer neuen Folge HEALTHWISE. Heute sprechen wir über ein Thema, das uns alle betrifft, sichtbar oder unsichtbar, Schönheit. Was bedeutet es heute, schön zu sein?

 

Und was macht es mit uns, wenn Schönheitsideale immer enger, künstlicher und perfekter werden? Unser heutiger Gast ist Susanne Krammer, ehemalige Make-up-Artistin, Beauty-Redakteurin, Autorin und Gründerin von Frau Beauty. Susanne kennt die Beauty-Welt wie kaum eine andere, von innen und außen.

 

Heute setzt sie sich dafür ein, dass Schönheit wieder echt, ehrlich und heisam sein darf. Ich freue mich ganz sehr. Hallo Susanne.

 

[Susanne Krammer] (1:26 - 1:37)

Hallo. Es ist so schön, dass ich da sein darf.

 

Ich habe mich sehr über die Einladung gefreut. Ich mag euren Podcast wirklich gerne und hatte immer so ein bisschen den Traum, Mensch, wenn ich da auch mal sitzen könnte und hier bin ich.

 

[Elisabeth Seidel] (1:37 - 1:38)

Also a dream come true.

 

[Susanne Krammer] (1:38 - 1:44)

Ja, wirklich. Wirklich. Ich finde, ihr habt immer tolle Gäste. Wirklich, ich finde das ganz, ganz toll.

 

Ich würde ihn sehr gerne.

 

[Elisabeth Seidel] (1:45 - 1:57)

Finde ich auch. Und heute bist du einer davon. Du weißt ja dann, wenn du den schon gehört hast, wir starten immer mit einer Sonntagsfrage. Deswegen meine Frage an dich, wie sieht für dich ein schöner Sonntag aus?

 

[Susanne Krammer] (1:57 - 2:20)

Ein schöner Sonntag hat für mich immer ganz wichtig viel Zeit mit mir selber. Also am Sonntag habe ich auf jeden Fall Zeit für Meditation, ganz viel Zeit, mit meinen Tieren rauszugehen, habe ganz viel Zeit, mich zu bewegen und einfach nur zu sein, weil ich finde, das ist das, was am allermeisten zu kurz kommt in unserer Gesellschaft, dass wir einfach sind. Und das mache ich rigoros den ganzen Sonntag.

 

[Elisabeth Seidel] (2:21 - 2:26)

Also eigentlich ein aktiver Achtsamkeitssonntag, wenn man so sagen kann.

 

[Susanne Krammer] (2:26 - 2:37)

Genau, ich gehe so voll in die Intuition, ich esse das, worauf ich Lust habe, um die Uhrzeit, wann immer ich es haben will. Also ich werde viel intuitiver am Sonntag, weil da nicht so viel Störfunk ist.

 

[Elisabeth Seidel] (2:39 - 2:40)

Sounds perfect.

 

[Susanne Krammer] (2:40 - 2:43)

Ja, finde ich auch, sollte der Sonntag von jedem sein, wenn du mich fragst.

 

[Elisabeth Seidel] (2:43 - 2:52)

Ja, eigentlich schon. Ich habe schon vieles gehört hier, aber ja, eigentlich macht am Sonntag fast jeder, was ihm, was er am liebsten tut, oder jede, was er am liebsten tut.

 

[Susanne Krammer] (2:52 - 3:04)

Ja, alle Menschen zumindest, die halt den Luxus haben, den Sonntag frei zu haben. Ich habe in meiner Community ganz viele Menschen, die arbeiten Schicht und die haben natürlich dann nicht den Sonntag. Aber ich hoffe, dass sie sich dann einen anderen Wochentag für ihre Achtsamkeit nehmen.

 

[Elisabeth Seidel] (3:05 - 3:16)

Oder Gastro hat der auch ganz oft, Montag, dann Ruhetag. Okay, kurz abgeschweift, gibt es denn irgendein Beauty-Ritual, was jetzt noch das Äußere betrifft, was du auch in deinen Sonntag einbaust? Ist ja eigentlich die Achtsamkeit auch.

 

[Susanne Krammer] (3:16 - 3:59)

Für mich ist ein Ritual, was ich jeden Tag einbaue, dass ich mich im Spiegel begrüße wie eine gute Freundin. Also ich schaue mich nie an, wenn ich jetzt zum Beispiel meine beste Freundin treffe, gucke ich sie ja auch nicht an und denke so, oh, Augenringe, das linke Auge ist ein bisschen mehr geschwollen. Ich habe mich nicht satt gesehen an ihr, weil ich sie ohne Ende liebe.

 

Und genau mit diesem liebevollen Blick schaue ich mich jeden Morgen oder wann immer ich mich im Spiegel sehe, schaue ich mich immer an und freue mich, dass ich da bin. Das ist voll das Geschenk. Und das geht so oft verloren in dieser Hektik und dem Stress des Alltags, spüren wir nur noch das, was wir machen müssen und nicht mehr das, was wir machen dürfen.

 

Und machen dürfen, da ist ganz groß und allem voran die Tatsache, dass wir hier sein dürfen.

 

[Elisabeth Seidel] (4:00 - 4:03)

Vielleicht könnte man sich so einen Reminder ans Spiegel pinnen.

 

[Susanne Krammer] (4:04 - 4:12)

Und das muss ja auch gar nichts Pathetisches sein, man muss da ja nicht heulen vor Glück oder sowas. Einfach nur diese Tatsache, ich freue mich, dass du da bist und es war richtig, richtig doll.

 

[Elisabeth Seidel] (4:13 - 4:14)

Ja. Schön.

 

[Susanne Krammer] (4:14 - 4:44)

Ja. Es ist wirklich schön, wenn man das mal etabliert hat.

 

Und ich habe das natürlich schon vielen, besonders Frauen gesagt, mach das mal. Und dann so, ja, also das kann ich doch nicht bringen. Und ich habe auch schon von Frauen gehört, dass sie sich im Spiegel anspucken, weil sie sich so verachten oder sich eine reinhauen, weil sie wieder irgendwie müde und abgeschlagen aussehen.

 

Und dann denke ich mir, ja, also das ist mit Sicherheit nicht der richtige Ansatz. Wenn du eh schon fertig bist, dann solltest du einfach dich anschauen und sagen, ich kümmere mich jetzt um dich. Nichts ist jetzt wichtiger, als dass es dir wieder gut geht.

 

[Elisabeth Seidel] (4:45 - 4:46)

Wow, das ist traurig zu hören.

 

[Susanne Krammer] (4:46 - 5:19)

Ja, es bricht mir das Herz und ich möchte sie alle in den Arm nehmen und für jede Einzelne da sein. Und ich glaube, deswegen brenne ich so für dieses Thema, weil ich natürlich auch oft gefragt werde, so ist das nicht total oberflächlich und diese ganze Beauty-Kiste?

 

Aber das ist es nicht, weil das ist der erste Berührungspunkt. Wir müssen durch die Oberfläche tauchen, um in die Tiefe zu kommen. Selbst bei mir.

 

Es geht nicht anders, man muss immer durch die Oberfläche durch. Und das ist genau dieser Berührungspunkt. Und den habe ich aber auch für mich selber.

 

Ich kann mich über Beauty halt auch so in einem ersten Schritt mir annähern und sagen, diese Zeit nehme ich mir jetzt für mich.

 

[Elisabeth Seidel] (5:21 - 5:28)

Du warst ja lange in der eher oberflächlichen Beauty-Welt, in der Beauty-Industrie unterwegs als Redakteurin.

 

[Susanne Krammer] (5:28 - 5:29)

Bin ich immer noch, ja.

 

[Elisabeth Seidel] (5:29 - 5:29)

Bist du immer noch.

 

[Susanne Krammer] (5:29 - 5:30)

Ich bin immer noch Teil davon.

 

[Elisabeth Seidel] (5:32 - 5:42)

Was hat dich dazu geführt, so ein bisschen kritischer zu hinterfragen? Gab es da vielleicht auch so Momente, die dich so aufgerüttelt haben?

 

[Susanne Krammer] (5:42 - 7:00)

Die gab es immer wieder, immer wieder Impulse, wo ich mich falsch gefühlt habe. Und das Ganze hat sich dann irgendwann in so eine große Sinnkrise umgewandelt, dass ich mir dachte, okay, ich gehöre hier einfach nicht her. Und dann hatte ich aber einen Austausch mit einer ganz tollen Frau, die mir gesagt hat, nee, du gehörst gerade dahin.

 

Wenn du merkst, da gibt es nicht so viel von diesem Gefühl, sondern nur Oberflächlichkeit, aber du kannst das, du siehst in die Herzen der Leute, du siehst sie, du liebst sie, du findest die Schönheit in jedem, dann solltest du genau das machen, du solltest da bleiben und nicht irgendwo anders hingehen, wo das vielleicht eh schon da ist, in die spirituelle Richtung oder welche auch immer oder Inner Health oder was auch immer. Da gibt es das ja schon, da gibt es ja schon Menschen, die das ganz, ganz, ganz stark erzählen und dieses Narrativ verteilen.

 

Aber in der Beauty gibt es das noch nicht so viel, dass Menschen eben bei sich sind und sagen, ich weiß, dass ich schön bin und mir muss niemand was anderes erzählen. Ich spüre das, ich fühle mich schön. Und ich möchte, wenn ich einen Traum formulieren dürfte, ähnlich wie ihr sein zu dürfen, ist es halt einfach so, wenn ich nur ein paar Menschen damit berühren kann und die in dieses Gefühl finden, dann hat es sich gelohnt.

 

[Elisabeth Seidel] (7:02 - 7:31)

Um nochmal auf die Frage zurückzukommen, gab es so, also du hast mir ja schon im Vorgespräch auch erzählt, du hattest eine Beauty-OP, du hattest ein sehr schwieriges Erlebnis damit, was dich halt auch hat umdenken lassen, war das so ein Schlüsselereignis oder gab es so andere Schlüsselereignisse, an die du dich auch erinnerst, wo du dachtest, okay, ich kann es irgendwie nicht mehr oder das entspricht nicht mehr dem, was ich vertreten möchte?

 

[Susanne Krammer] (7:31 - 10:47)

Also ich glaube, das lässt sich ganz gut zusammenfassen, dass ich früher, also vor dieser Beauty-OP, habe ich mir immer die Frage gestellt, wie andere mich sehen, selbst egal auf welchem Job ich war, dieser Job Make-up-Artistin, der hält sich ja im Prinzip an der Oberfläche auf. Also am Set von so einem Fotoshooting will niemand wissen, wie es dem Model geht oder du tauschst dich zwar schon auch untereinander aus, ich will jetzt nicht sagen, dass das Team nicht liebevoll miteinander umgeht, aber es geht darum, ein Ideal zu erschaffen, eine Illusion zu kreieren und ich habe noch in den Zeiten angefangen, da gab es noch nicht so viel Photoshop. Wir haben teilweise noch analog fotografiert, da hattest du dann so ein Polaroid, das du dann mit einer Lupe angeschaut hast und dann hast du es versucht, auf Film zu kreieren, aber du konntest kein einziges Foto irgendwie kontrollieren, das heißt, du warst die ganze Zeit nur so, sitzt hier der Wimper, sitzt hier das Haar, du warst die ganze Zeit nur damit beschäftigt, Fehler zu suchen und das am Abend dann nicht auf die eigene Person zu transferieren, ist schwierig und ich habe mich immer damit beschäftigt, wie sehen andere aus, wie sehe ich aus und irgendwann durchdringt dich das so und irgendwann nimmt das dein ganzes Leben in Beschlag, dass du zum Beispiel vor so einem Termin wie heute, hätte ich mich früher drei Wochen vorher gefragt, sollte ich vielleicht noch abnehmen, damit ich beim Sitzen von der Seite nicht so dick aussehe, lauter so ein Blödsinn, also wofür ich meine Energie früher hergegeben habe und das hat sich immer weiter aufaddiert, dann kam natürlich immer, also ich bin jetzt 45, das heißt, mit Anfang 30 hat es dann angefangen, dass ich gemerkt habe, oh, mein Gesicht verändert sich, ich kriege so ein bisschen Augenringe und die Nase wird größer und Falten kommen dazu, das war dann natürlich auch total schlimm für mich, das heißt, diese Selbstablehnung hat dann ihren Höhepunkt in diesem missglückten Eingriff, das war ein journalistischer Selbstversuch, bei dem ich oder ich bin dort in Kontakt gekommen mit resistenten Krankenhauskeimen und bin dann bei einer Not-OP gerettet worden und stand wirklich auf der Kippe, ob ich das überlebe oder nicht und das war wirklich dieses klassische Rock-Bottom-Erlebnis, du sitzt ganz, ganz unten, es gibt kein weiter runter mehr, du sitzt da, du hast Schuldgefühle, dir wird zum ersten Mal bewusst, dass das alles ziemlich gefährlich ist, ich hatte ja auch als Teenagerin, hatte ich schon Magersucht und habe auch immer so ein bisschen mit diesem Gefühl, ich möchte verschwinden, ich möchte nicht hier sein, ach, ist doch egal, wenn ich sterbe, damit habe ich so ein bisschen koketiert, aber das ist ja eine krasse Kontrollgeschichte auch, Hunger zu kontrollieren und sowas, das war anders, weil das ist passiert mit mir, ich hatte keine Möglichkeit, da Kontrolle auszuüben, es ist mir entglitten und ich stand da und dachte mir nur noch, was habe ich getan, meine Kinder wachsen ohne Mutter auf, alles nur, weil ich größere Brüste haben wollte, also was für ein Blödsinn und das war der größte Wendepunkt in meiner Geschichte, das war wirklich das, wo ich wachgeschrien wurde im Prinzip, weil vorher war es so, dass ich mich oft falsch gefühlt habe, dass ich oft gemerkt habe, das ist nicht richtig, was wir hier machen und die ist viel zu dünn und warum gebt ihr ihr nichts zu essen, also auch so dieses Muttergefühl für viele Models in so Shootingsituationen, aber diese OP war natürlich der Big Bang, der mich dann gezwungen hat, in die andere Richtung zu gehen.

 

[Elisabeth Seidel] (10:48 - 11:42)

Es wirft natürlich dann auch, wenn du an so einem Punkt bist, die Frage aus, warum habe ich das getan, wie kam es dazu, wie habe ich so ein Bild von mir selbst entwickelt, wie kam es dazu, dass ich das haben musste, um mich irgendwie kompletter zu fühlen. Jetzt ist es ja so, wie du schon meintest, viele, vor allem Frauen, glaube ich, sind relativ anfällig dafür, mittlerweile vielleicht auch Männer durch Social Media und so weiter, aber denkst du, warum denkst du, ist es vor allem bei Frauen so, dass die so suggeriert bekommen oder sie so ein Selbstbild entwickeln, wo sich dann überlegt wird, okay, ich bin nicht richtig, ich bin vielleicht nicht dünn genug, ich brauche Ozempic, ich muss meinen Körper optimieren, ich darf keine Falten haben, obwohl ich irgendwie 40 Jahre alt bin, einen stressigen Job habe, wie kommt das? Hast du eine Erklärung dafür?

 

[Susanne Krammer] (11:43 - 13:56)

Ich glaube, da gibt es ganz, ganz viele unterschiedliche Gründe. Für mich zum Beispiel war es meine Kindheit. Ich hatte eine sehr strenge Mutter, die sehr kalt war, die sehr bewertend war.

 

Ich habe keine bedingungslose Liebe erfahren und die Stimme, die ich von Kindestagen immer so gehört habe von außen, die ist irgendwann ins Innen gegangen. Das heißt, ich habe alles immer bewertet, ich habe mich selbst drunter gemacht, ich habe mich meistens selbstfertiger gemacht, als es jemals hätte jemand von außen machen können. Aber ich glaube, es gibt auch andere Gründe.

 

Es gibt schon auch Menschen, die den gesellschaftlichen Druck jetzt über Jahrzehnte gespürt haben, weil die Frauen, die jetzt zum Beispiel Anfang 20 sind, die sind vielleicht in ganz anderen Familienkonstrukten groß geworden. Da waren die Eltern vielleicht eher physisch abwesend, weil die beide gearbeitet haben. Dann sind diese Menschen sehr viel mit sich alleine.

 

Alleinsein und Einsamkeit haben dann irgendwann so einen fließenden Übergang. Und dieses Sich-Nicht-Mehr-Spüren, weil man sich vorher zu viel gespürt hat, weil diese Einsamkeit oft auch vielleicht unerträglich ist, alles führt zu dieser Form von Selbstablehnung. Weil wenn ich mich selbst angenommen habe, dann möchte ich ja, dass es mir gut geht.

 

Und ich glaube, dass diese Stimmen von außen, egal ob das jetzt von einer Mutter kommt, von einem Vater kommt, von einer Großmutter habe ich auch in den letzten Tagen ganz oft gehört aus meiner Community. Alle, die das Buch gelesen haben, haben mir geschrieben, so krass, bei mir war es die Großmutter, der Großvater, die Tante. Also es gibt diese Stimme von außen.

 

Und die ebnet den Weg, dass dann, wenn die Stimme der Gesellschaft dazukommt, du plötzlich damit resonierst und dir denkst, oh ja, stimmt. Also ich sehe ja nicht so aus wie das Model oder ich sehe nicht so aus wie die Influencerin. Und ich glaube leider, dass es mittlerweile Mädchen wie Jungs betrifft.

 

Weil bei Jungs ist ein anderes Ideal, was da gezeichnet wird. Aber die rennen ja teilweise auch mit 14 ins Fitnessstudio, weil sie irgendwie aufgepumpt sein müssen. Damit sie irgendwie so wie diese Alpha-Männer aussehen.

 

Und die Frauen müssen dann so aussehen und die Männer müssen so aussehen. Und da entsteht so eine Gleichschaltung, so eine optische, die ich gerade beobachte in dieser Generation. Dass die Mädels untereinander alle ähnlich aussehen und die Jungs aber auch.

 

Die haben alle den selben Haarschnitt, alle dieselbe Schulterbreite.

 

[Elisabeth Seidel] (13:57 - 14:26)

Ich habe kürzlich erst von so einem neuen Trend bei Jungs, das heißt Looksmaxxing oder irgend so was. Und dann gibt es Foren, in denen man sich bewertet. Und es gibt Vorschriften, wie darf der Abstand zwischen Nase und Mund sein.

 

Und teilweise auch echt gefährliche Sachen, wo sie sich selbst irgendwas spritzen, damit die Wangen mehr eingefallen sind. Und diese Bälle auf den Jawline. Du kennst wahrscheinlich manche von diesen Sachen.

 

[Susanne Krammer] (14:26 - 15:20)

Ich kenne leider viel zu viel davon. Ich wünschte, ich müsste es alles nicht kennen. Weil ich das natürlich nicht nur aus der Empathie heraus beobachte, dass ich mir selbst so viel angetan habe.

 

Sondern auch natürlich als Mutter beobachte. Jetzt nicht bei meinen Söhnen speziell, aber einfach bei dieser Generation. Weil ich glaube, dass diese Messbarkeit des eigenen Körpers ist halt immer ein Konstrukt, das daraus entsteht, dass ich mich nicht genug fühle.

 

Ich möchte irgendwie in diese Raster passen, damit ich endlich genug bin, damit ich endlich stimmig bin. Damit ich mich nicht mehr falsch fühle. Und dieses Gefühl angenommen, gesehen und geliebt zu werden, ich glaube, das ist generationsübergreifend.

 

Das hat meine Mutter mit Mitte 80 genauso wie ich. Oder mein Sohn oder ein ganz kleines Kind. Wir wollen alle gesehen werden.

 

Und eigentlich auch bedingungslos. Und nicht immer erst was machen müssen. Das macht uns komplett kaputt.

 

[Elisabeth Seidel] (15:21 - 15:47)

Aber das ist ja eigentlich das, was dann im besten Fall, wenn du sagst, es entsteht oft schon in der Kindheit. Idealerweise bekommt man ja dieses Urvertrauen von seinen Eltern geschenkt. So in den ersten Lebensjahren.

 

Da entwickelt sich das ja eigentlich. Jetzt ist natürlich auch kein Elternteil fehlerfrei. Das sind die kleinsten Sachen, die irgendwie dazu beitragen können, dass man sich nicht genug fühlt auf irgendeine Art.

 

[Susanne Krammer] (15:47 - 16:47)

Oder falsch. Ich erzähle da immer sehr gerne eine Situation. Das ist ein Klassiker, passiert in jeder Familie.

 

Und zwar, Eltern haben gestritten. Kind hört oben im Zimmer, da unten ist irgendwas los. Kind kommt runter in die Küche und sieht die Mama weinen.

 

Und fragt, was ist los? Und die Mutter sagt, nichts. Das Kind spürt, es ist was los.

 

Dann gibt es die andere Seite, wo Eltern dann sagen, oder die Mutter dann sagt, der Papa und ich, wir haben so gestritten. Das überfordert das Kind. Dann mache ich das Kind ja direkt zu meinem Freund, meinem Therapeuten oder sonst was.

 

Aber zu sagen, ich bin gerade traurig, aber es ist überhaupt nicht dein Problem, ich kümmere mich da jetzt selber drum. Einfach diese Abgrenzung. Aber dem Kind zu bestätigen, du hast das richtig gespürt, du hast absolut das richtige Gefühl.

 

Du bist absolut in Ordnung. Du kannst aber gerade nichts machen, ist überhaupt nicht dein Job. Weil du bist mein Kind.

 

Also den anderen Menschen den Platz geben.

 

[Elisabeth Seidel] (16:50 - 17:07)

Das ist spannend, dass du das sagst, weil man ja oft davon ausgeht, die Kinder kriegen das noch nicht mit. Die können das nicht verstehen, aber natürlich kriegen die es mit. Und man unterschätzt das ganz oft.

 

Aber das ist ein interessantes Beispiel, wo ich mir denken würde, okay, eine Großzahl der Menschen kennt das vielleicht.

 

[Susanne Krammer] (17:07 - 17:36)

Total. Und das sind eben diese Kleinigkeiten, wo wir auch anderen Menschen oft ihre Wahrnehmung absprechen. Warum nicht ehrlich sein?

 

Warum sage ich, wenn es mir nicht gut geht, ah nee, mir geht es am besten. Mir geht es total gut. Mein Vater ist doch gerade gestorben.

 

Warum müssen wir denn immer alles im Griff haben? Wieso müssen wir immer alles alleine schaffen? Wir sind so weit weggekommen von so gesunden Strukturen.

 

Dieser Turbo-Individualismus, dass jeder so sein Ding macht. Und die Powerfrau, die alles alleine schafft.

 

[Elisabeth Seidel] (17:36 - 17:37)

High-Performer.

 

 

 

[Susanne Krammer] (17:37 - 18:41)

Ja, mein bestes Selbst sein. Und alles ist immer so darauf ausgerichtet, dass wir noch mehr leisten können, noch fitter sind, noch krasser sind. Und dadurch geht dieses einfach-zusammensein, wo jeder seinen Ort hat.

 

Wo das Kind neben der Mama auf der Bank sitzt und weiß, die kümmert sich, ich bin gerade sicher. Ich muss hier nicht den Raum scannen und nicht gucken, gibt es irgendwo eine Gefahr. Und das sind oft so Dinge, das ist ein ganz blöder Vergleich, aber ich denke mir manchmal, wir sollten so etwas wie so Schulen haben, wo wir solche Dinge als Eltern lernen.

 

Weil wir machen das ja auch zum ersten Mal. Wir sind zum ersten Mal auf der Welt, irgendwann kriegen wir ein Kind. Und egal, wie viele Erziehungsratgeber wir vorher gelesen haben, es fühlt sich anders an.

 

Weil unser Kind ist ein Individuum, wir bringen unsere Geschichte mit. Und ich glaube, das wäre total toll, wenn es so Anlaufstellen gäbe, wo man in dieses Intuitive reinkommt. Und einfach spürt, wo man systemisch auch seinen Platz hat.

 

Wo gehört ein Kind eigentlich hin? Wo gehöre ich denn als Mutter hin? Und das ist total wichtig, finde ich.

 

 

 

[Elisabeth Seidel] (18:41 - 18:44)

Vielleicht wäre das ein neues Projekt für dich jetzt.

 

[Susanne Krammer] (18:44 - 19:01)

Ich habe ganz, ganz lange systemische Ausbildungen gemacht, berufsbegleitend. Und Familiensysteme sind total mein Ding.

 

Ich finde nichts Wichtiger eigentlich. Und auch nichts Trostspendender. Gerade in harten Zeiten merken Menschen, wie stabil oder instabil ihr Familiensystem ist.

 

[Elisabeth Seidel] (19:02 - 19:12)

Magst du vielleicht kurz erklären, was so eine systemische Aufstellung ist? Oder wie das abläuft kurz? Weil viele unserer Zuhörer haben, glaube ich, keine Ahnung, was das ist.

 

[Susanne Krammer] (19:12 - 20:44)

Wir sind ja alle Teil von einem System. Egal, wo wir uns befinden, sind wir Teil eines Systems. Und ich erkläre das immer gerne mit einem Bild, weil sich dann alle Menschen vorstellen können.

 

Nimm eine große Schüssel, füll sie mit Wasser und leg ganz viele Plastikbälle rein. Jetzt lässt du das da einfach stehen. Es beruhigt sich.

 

Alle Bälle sind auf einer Ebene an der Oberfläche vom Wasser. Du nimmst einen Ball, das ist stellvertretend ein Mensch in deinem Familiensystem, und drückst den Ball nach unten. Und alles kommt in Bewegung.

 

Wir sind alle Teil von einem Familiensystem. Und wenn sich etwas in uns ändert, ändert sich etwas im gesamten System. Und deswegen mag ich die systemische Arbeit.

 

Die systemische Arbeit ist sehr, sag ich mal, die Suche nach Ressourcen, nach Lösungen. Das heißt, wir graben nicht in der Vergangenheit rum und schauen irgendwie, wo war es jetzt am allerschlimmsten? Und ach Gott, und deine Mutter und dein Vater.

 

Sondern wir schauen, was ist denn da? Und was können wir ausbauen? Und da gibt es unterschiedliche Herangehensweisen.

 

Es gibt zum Beispiel die Familienaufstellung, die entweder mit Stellvertretern funktioniert. Oder du kannst sie auch mit Gegenständen machen. Und so kannst du dich Problemen nähern, die dich in deinem Alltag betreffen.

 

Wenn du zum Beispiel sagst, du hast immer wieder auf der Arbeit das Problem, dass du dich unterordnest, dass du am Ende alles machst. Dass wir einfach schauen, woher kann das denn kommen? Und dann gibt es natürlich auch generationsübergreifend systemische Arbeit, wo ich wirklich gucke, wo bei den Großeltern, Urgroßeltern könnte es denn sein.

 

Und ich habe dann noch die Kinesiologie mit dazu genommen. Und dann hast du auch noch das Körpergedächtnis. Und dann wird es richtig cool.

 

 

 

[Elisabeth Seidel] (20:44 - 20:45)

Richtig spannend.

 

[Susanne Krammer] (20:45 - 20:48)

Ja, es ist so spannend. Es ist mit die spannendste Arbeit, die es gibt.

 

 

 

[Elisabeth Seidel] (20:48 - 20:50)

Arbeitest du auch noch damit?

 

[Susanne Krammer] (20:50 - 21:29)

Nee, ich habe das eine Zeit mal gemacht neben meinem eigentlichen Beruf. Und fand es auch immer ganz toll.

 

Habe dann auch die Meditation noch mit dazu genommen. Und habe eben so ein übergreifendes im Prinzip Behandlungskonzept auch entwickelt. Aber als es mit Frau Beauty losging, war das nicht mehr möglich.

 

Feste Termine. Also diese Zuverlässigkeit, die du ja auch wahrscheinlich aus deinem Job kennst, du musst da sein. Weil die Menschen verlassen sich auf dich.

 

Und die sollen sich auf dich verlassen. Und diese Zuverlässigkeit konnte ich nicht mehr gewährleisten. Und das war dann der Moment, wo ich gesagt habe, ich muss schweren Herzens diese Zweigleisigkeit, die ich eine Zeit lang da hatte, aufgeben.

 

[Elisabeth Seidel] (21:29 - 21:41)

Nichtsdestotrotz hast du ja viele Sachen gelernt, die du auch für dich persönlich ... Kinesiologie kannst du auch für dich nutzen. Das Aufstellen kannst du für dich und deine Familie nutzen. Für die Probleme deiner Kinder vielleicht.

 

[Susanne Krammer] (21:41 - 22:21)

Ja, das darf ich ja nicht, weil die zu nah an mir dran sind. Da bringe ich meinen eigenen Blödsinn mit rein.

 

Weil das ist ja immer ganz gefährlich, dass du einfach Menschen, die dir zu nah sind, da hast du dann einfach ein persönliches Interesse. Und es ist besonders kraftvoll, wenn du dem Menschen, dem du gegenüber sitzt, nicht persönlich verbunden bist, sondern ihn wirklich neutral betrachtest. Und wirklich auch dieses Interesse an der Geschichte.

 

Weil wenn mein Sohn mir jetzt was erzählt, dann weiß ich ja, wie der so drauf ist und werte das. Aber bei jemandem, den ich gar nicht kenne, da kann ich nachfragen und auf Worte hören. Das ist eine ganz tolle Detektivarbeit, finde ich auch.

 

 

 

[Elisabeth Seidel] (22:21 - 22:25)

Finde ich auch, tolle Arbeit. Vielleicht machst du es irgendwann wieder.

 

[Susanne Krammer] (22:25 - 22:27)

Vielleicht, das wäre schön.

 

[Elisabeth Seidel] (22:27 - 22:32)

Vielleicht, wenn du diese Teachings für werdende Mütter machst.

 

[Susanne Krammer] (22:32 - 22:56)

Ja, das wäre so scheiße. Ich glaube wirklich, wenn ich einen Kurs geben dürfte, dann wäre es dieses Einfachsein. Den Menschen beizubringen, dass sie gar nichts leisten müssen, einfach nur um zu sein.

 

Es gibt Bereiche in unserem Leben, da müssen wir was leisten. Wir müssen auf der Arbeit einen guten Job machen, damit wir unser Gehalt bekommen. Aber wenn ich hier bin, muss ich ja nichts leisten in dem Sinn.

 

Ich bin einfach gerade hier.

 

[Elisabeth Seidel] (22:58 - 22:59)

Und das reicht aus.

 

[Susanne Krammer] (22:59 - 22:59)

Ja, ja.

 

[Elisabeth Seidel] (23:01 - 23:27)

Um nochmal auf unser vorheriges Thema zurückzukommen.

 

Wir hatten ja schon über den Ursprung von solchen Glaubenssätzen in der Kindheit gesprochen. Jetzt ist es aber auch so, es wird ja vermittelt über die Medien, die Industrie, Social Media. Was würdest du meinen, spielt das für eine Rolle?

 

Was wir da suggeriert bekommen und was bekommen wir suggeriert und was macht es mit uns?

 

[Susanne Krammer] (23:27 - 25:42)

Das ist ganz dramatisch aus meiner Sicht, weil wenn wir es mal mit den 90ern oder 80ern vergleichen, da bin ich dann durch die Stadt gelaufen und hab ab und wann irgendwo ein Plakat gesehen oder mal eine Zeitschrift, die ich mir leisten konnte, aufgeblättert und da war dann mal so ein Frauenkörper drin. Da habe ich in homöopathischen Dosen mit diesem Idealkontakt gehabt. Dann kam immer mehr Fernsehen dazu, wo dann irgendeine Frau halbnackt durch die Wellen gesprungen ist, um ein Duschspiel zu bewerben oder irgendjemand super schlank am Waschpulver stand.

 

Das heißt, da wurde es dann schon ein bisschen schneller von der Taktung, dass wir dieses Idealbild suggeriert bekommen haben und das, was ja so gefährlich ist, wenn wir jetzt in unsere jetzige Zeit schauen, dann kriege ich das ja sekündlich. Ich kann ja da in so einem Doomscroll, wenn ich weiter wische, sehe ich ja wahrscheinlich 500 Frauenidealbilder mit dem perfekten Gesicht. Alle sehen aus wie die Kardashians.

 

Das ist ja unfassbar. Und wenn sie es in echt nicht tun, haben sie ihr Gesicht durch Facetune gejagt, haben irgendwie geschaut, dass sie zumindest auf dem Video, auf dem Foto dem Ideal näher kommen. Und das Hirn kann nicht unterscheiden, ob es etwas echt sieht oder etwas in einem Film, in einem Video, in einem Foto sieht.

 

Das Hirn baut sich ein Idealbild zusammen. Und wenn ich dann so stundenlang da durchgeswalt bin und alle sehen fantastisch aus und dann gehe ich ins Badezimmer, dann sehe ich von meinem inneren Auge aus wie ein Picasso. Dann denke ich mir, heiliger Bim Bam, da ist ja nichts gerade in diesem Gesicht.

 

Da sind ja Tränensäcke. Ich habe ja ein Gesicht wie, keine Ahnung, ein Pferd. Da passt ja dann nichts mehr in dieses Ideal.

 

Und das ist das Gefährliche, dass wir so viel von diesem Idealbild sehen, wenn wir uns davor nicht schützen. Natürlich gibt es Menschen, die folgen irgendwelchen Skatern oder Athleten oder Tennisspielern oder was auch immer. Die haben das nicht in so einer hohen Frequenz.

 

Aber die Kids, die haben genau diesen Stream, der das füttert. Und dann kommt der nächste Schritt. Dann gibt es überall die Leute, die darüber berichten, ich bin nach Istanbul geflogen und habe mir für 7.000 Euro einen Deep Plane-Facelift mit Mitte 20 machen lassen.

 

[Elisabeth Seidel] (25:42 - 25:42)

Was ist das?

 

[Susanne Krammer] (25:43 - 26:25)

Das ist ein Facelift, was nicht die Haut strafft, sondern in der Tiefe strafft. Und dadurch bleibt die Haut ganz beweglich.

 

Das hat Chris Jenner jetzt gemacht. Lindsay Lohan hat es angeblich gemacht. Brad Pitt hat es gemacht.

 

Das sind Menschen, die sich im Prinzip unter dem Gesicht haben straffen lassen. Den Deepplane, da wird in den tieferen Schichten gearbeitet. Und da ist dann die Gefahr, dass das auch so plötzlich so käuflich ist.

 

Dann sage ich, flieg doch nach Istanbul. Das war super, ich war in so einem schönen Hotel untergebracht. Dann haben die so Verbände um den Kopf.

 

Und dann sagen sie irgendwie so, das bin ich 10 Tage Post-op und das bin ich 20 Tage Post-op. Und dann sehen die alle fantastisch aus. Dann fliegen sie noch mal hin und lassen sich noch mal die Ohren machen.

 

 

 

[Elisabeth Seidel] (26:25 - 26:26)

Geht zu diesem Arzt.

 

[Susanne Krammer] (26:28 - 27:12)

Istanbul wird dann da so als das Nonplusultra dargestellt. Und jetzt bin ich so alt, dass ich das abstrahieren kann.

 

Und mir denke so, also Leute, es gab schon ein paar Mal in der Beautyindustrie so das vermeintliche gelobte Land, wo dann alle hingepilgert sind. Und ich kann euch sagen, das hat alles ein Schwester im Unglück. So geil das am Anfang aussieht.

 

Wir wissen nicht, wie das in 5 oder 10 Jahren aussieht. Ihr seid noch ein bisschen auf dem Planeten. Lasst euch doch einfach mal Zeit.

 

Und dann kriege ich irgendwie in Interviews mit plastischen Chirurgen gesagt, dass ich jetzt nur noch ganz wenig Zeit habe, um wirklich ein gutes Facelift hinzubekommen. Das soll ich lieber jetzt machen. Dann muss ich es nicht mehr später so krass machen.

 

Und ich denke mir so, oder ich werde einfach die Frau, die ich halt werde. What about?

 

[Elisabeth Seidel] (27:13 - 27:17)

Ja, was ist eigentlich mit diesem Altern?

 

 

 

[Susanne Krammer] (27:17 - 27:18)

Was war das denn noch?

 

[Elisabeth Seidel] (27:18 - 27:19)

Was war das noch?

 

[Susanne Krammer] (27:20 - 28:03)

Ich finde ja z.B. Longevity ist ja was ganz anderes. Da sind wir ja im Bereich, der Alterungsprozess ist ein Entzündungsprozess. Und wenn ich mich darum kümmere, dass es meinem Körper gut geht, dass ich fit bin, dass ich Sport mache, dass ich mich gut ernähre, dass ich genug Schlaf bekomme.

 

Vollkommen andere Chose. Das ist für mich ab einem gewissen Alter essenziell, dass wir so ein gutes Gefühl zu unserem Körper finden und uns das geben, was wir brauchen. Aber jetzt eine Mitte 20-Jährige, also schauen wir uns die Bella Hadid z.B. an. Das ist ein Model, das ist, glaube ich, mit 18 schon komplett operiert gewesen. Die Kardashians, das sind ganze Familien, die sich komplett haben operieren lassen. Da sieht niemand mehr aus.

 

 

 

[Elisabeth Seidel] (28:03 - 28:05)

Hat er ja auch viel Geld damit gemacht.

 

[Susanne Krammer] (28:05 - 28:23)

Natürlich. Das ist einfach ein Hingucker und ich sage überhaupt nicht, dass ich das nicht attraktiv finde, nicht schön finde. Ich lehne nichts davon ab. Aber ich gebe einfach zu bedenken, dass das eine gewisse Kurzfristigkeit hat auf einer psychologischen Ebene, weil es uns nicht wirklich weiterbringt.

 

[Elisabeth Seidel] (28:26 - 28:40)

Es ist halt auch so, es wird einem suggeriert, die Leute eifern dem nach. Es wird so ein neues Beautyideal kreiert eigentlich. In unserem Vorgespräch hast du schon gemeint, es ist eigentlich grotesk.

 

Kannst ja noch mal sagen, was wäre das Ideal?

 

[Susanne Krammer] (28:40 - 30:23)

Ja, das kann ich gar nicht so richtig in Worte fassen, aber es sind ja im Prinzip Mandelaugen, hohe Wangenknochen. Also eigentlich aus allen ethnischen Gruppierungen der Welt wird so ein Gesicht zusammen gebastelt. Und du kannst wirklich jeden einzelnen Baustein kannst du an irgendeinem Ort der Welt etwas weiterverbreitet finden.

 

Und wir wissen alle, dass hohe Wangenknochen woanders zu finden sind als zum Beispiel schräge Mandelaugenformen oder ganz kleine Puppenmünder dann mit super kleinen Narben. Also das ist ja ganz grotesk, was da zusammen gebastelt wird. Und soweit ich weiß, sind das auch bisher nur männliche plastische Chirurgen.

 

Was ich jetzt einfach mal so in den Raum stellen möchte, und ich habe es jetzt nicht richtig hart recherchiert, aber soweit ich es mitbekommen habe, wann immer jemand kommuniziert wird, es ist ein Mann. Und ich finde das einfach so grotesk, da bin ich jetzt schon wieder bei dem Wort, dass Gesichter erschaffen werden, dass da wirklich, wie früher so ein Künstler, der sich vor so eine Leinwand gestellt hat und dann was gemalt hat, ist da jemand in einem OP und sagt Nase noch kleiner, Wangen noch größer, Kinn, nee doch nicht, machen wir hier noch. Also da wird einfach ein Bild erschaffen und dann wird es zur Normalität dazu gezählt.

 

Und wenn wir jetzt ein Bild von Kim Kardashian zum Beispiel von vor 20 Jahren nehmen, dann denken wir uns so, oh, ich weiß nicht, ob das nur die Gene waren. Und alleine darüber sollten wir eigentlich gar nicht nachdenken, weil eigentlich kann die ja machen, was sie will. Aber wenn es halt so einen globalen Impact hat, dann muss man es halt doch mal irgendwie thematisieren.

 

[Elisabeth Seidel] (30:23 - 30:34)

Es ist ja auch so, das Ding so, ich sehe so und so aus und es liegt daran, dass ich das und das mache und hier kauf mein Korsett oder kauf mein, was war jetzt hier diese Kinnteile.

 

[Susanne Krammer] (30:34 - 31:00)

Ja, das ist ja auch für Menschen, die gerade irgendwie zum Beispiel Fettabsaugung im Kinnbereich hatten, ist es ja durchaus sinnvoll, so eine Bandage unterm Kinn zu haben. Aber für alle anderen Menschen ist das totaler Quatsch, weil ich meine, die Haut ist elastisch und meine Haut, die wird jetzt nicht, also mein Doppelkinn oder mein hängendes Kinn wird jetzt sich überhaupt nicht davon beeindrucken lassen, wenn ich mir nachts so eine orthopädische Binde um den Kopf wickel.

 

[Elisabeth Seidel] (31:02 - 31:04)

Aber die Leute machen es trotzdem.

 

[Susanne Krammer] (31:04 - 31:38)

Natürlich, klar, weil die Hoffnung stirbt zuletzt. Und es ist so verdammt schwer, sich selbst einfach als das anzunehmen, was man ist. Seine Geschichte anzunehmen, seine Stärken und Schwächen anzunehmen, das ist richtig Arbeit.

 

Und da ist so eine 89, 95 beige Kopfbinde irgendwie, oder diese Ozempic-Spritze und sowas, das ist halt einfach. Da muss ich mich nicht mit der Frage auseinandersetzen, warum habe ich denn immer Hunger? Warum habe ich denn immer so Hunger auf Süßes?

 

Brauche ich vielleicht Trost? Wo kann ich den Trost denn anders bekommen?

 

[Elisabeth Seidel] (31:38 - 31:39)

Was will ich füllen?

 

 

 

[Susanne Krammer] (31:39 - 32:09)

Genau. Genau, all diese Fragen. Und da musst du sehr mit dir in Kontakt gehen und sehr ehrlich mit dir sein und vielleicht auch dir eingestehen, dass du super unglücklich in deiner Beziehung bist oder super unglücklich mit deinen Lebensumständen, mit der Stadt, in der du lebst oder was auch immer.

 

Und das bringt meistens dann Veränderungen und die braucht wiederum Mut und wir wissen ja, was es bedeutet, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Und ich glaube, das ist dann der Moment, wo ganz viele Leute sagen, oh, ich nehme die Abnehmspritze.

 

[Elisabeth Seidel] (32:09 - 33:03)

Es kann super painful sein, da reinzugehen, in seine Schatten. Das weißt du ja aus Erfahrung. Du hast dich damit auseinandergesetzt.

 

Was ich auch erschreckend finde, dass viele ja sich diese Filter, also diese Filtern nutzen und sich dann danach oder mit einem Filter irgendwie wohin gehen und sich dann danach operieren lassen. Ich wollte noch mal auf das Thema, du hast ja gesagt Longevity, also wir versuchen ja nicht nur möglichst lang zu leben, sondern eher möglichst gesund. Genau.

 

Ich denke, dass es ja auch hier so eine gesunde ja, wie sagt man, eine gesunde Balance geben sollte. Du hast auch in einem, du hattest mal was gesagt zu Don't Die Bewegungen, nicht sterben, das ist ja auch schon wieder sehr, sehr extrem. Das ist extrem.

 

So extrem muss es natürlich jetzt nicht sein, aber diese...

 

[Susanne Krammer] (33:03 - 33:21)

Das ist ja auch nicht machbar. Der Typ gibt glaube ich Millionen im Monat dafür aus und hat ein Ärzteteam von 20 Ärzten oder sowas, also ich weiß jetzt nicht die genaue Zahl, aber dieser Bryan Johnson, der hat alles in seinem Leben um dieses Thema gestrickt, ist ja auch hochpsychologisch. Also da liegt mit Sicherheit irgendwas anderes zugrunde.

 

[Elisabeth Seidel] (33:22 - 33:54)

Ja, ich weiß nicht, ob mir das Leben Spaß machen würde, aber genau so denke ich mir oder sehe ich das ja auch. Du hast ja Social Media erwähnt, man zeigt schöne Momente, es wird ja nicht gezeigt, wie geht es der Person eigentlich wirklich? Sie zeigt irgendwie, ich gehe das und ich esse das Gesundes und dann gehe ich wieder zum Sport und das suggeriert dann, okay, du solltest das eigentlich auch machen, um gesund zu leben.

 

Wenn ich jetzt eine Frau habe, die zwei Kinder hat und 40 Stunden arbeitet, es ist einfach schwierig, dann auch noch solche Sachen zu erfüllen.

 

[Susanne Krammer] (33:54 - 33:55)

Das ist ein weiterer Druck.

 

[Elisabeth Seidel] (33:56 - 34:44)

Druck, der aufgebaut wird und die konsumiert dann vielleicht auch diese Bilder im Kopf ist dann okay, ich fühle mich schön, wenn ich dann in den Spiegel gucke und so weiter.

 

Würdest du auch sagen, es gibt jetzt zum einen in der Beauty-Industrie oder beim Thema Schönheit aber natürlich auch, was diese ganze Selbstoptimierung angeht, ein gesundes Maß und irgendwann kippt es dann, wie mit diesen ganzen Beauty- OPs oder übertriebenen Eingriffen, dann auch, wenn ich irgendwie jeden Tag irgendwo hingehen muss, dann Achtsamkeit üben muss, ich muss das und das und das machen, um vermeintlich gesund zu sein, aber eigentlich bin ich total gestresst von meinen Routinen und so weiter oder entwickle eigentlich auch eine Essstörung, weil es impossible ist, dass ich jetzt ein Stück Kuchen esse, weil dann Ja, ich weiß,

 

[Susanne Krammer] (34:44 - 36:54)

ich lache aus tiefer Liebe und Empathie, weil ich diesen Druck so gut kenne, ich kenne den so gut. Ich glaube, alles wo ich in einem Regelwerk festhänge, selbst wenn es vermeintlich gesund ist, jede Regel schafft mir eine Enge. Und ich glaube, wenn ich jetzt merke, ich bin Mutter von zwei Kindern, also das muss ich nicht merken, ich bin ja Mutter von zwei Kindern, ich habe einen super stressigen Alltag, ich habe meine Tiere, ich habe eine Beziehung, ich habe alles, Haushalt, alles mache ich.

 

Und wenn ich dann merke, und das ist eben genau dieses mit mir selbst in Kontakt sein, ich fange jetzt an, mich so einem Blödsinn hinzugeben, wie ich glaube, ich ernähre mich jetzt strikt nach dem Prinzip XY und fange schon an, mit so einer Härte in irgendeine Richtung zu gehen, dann ist alles, was hilft, zu sagen, nein, das machst du nicht. Du setzt dich jetzt hier hin, du machst dir einen Tee und dann genießt du dieses Stück Kuchen. Dann genießt du es.

 

Und dann machst du dir kein schlechtes Gewissen. Wir müssen diese Stimmen in unserem Kopf von du musst noch mehr machen, wir müssen wirklich transformieren, diese Stimmen, die bleiben da, auch ich habe die immer noch. Aber ich überlagere sie dann, ich pegel die runter und ich mache dann ganz bewusst, ich spreche richtig mit mir selber, du bist müde, du gehst jetzt ins Bett.

 

Du musst jetzt nicht mehr die Küche aufrollen. Du gehst jetzt ins Bett. Und dann erlaube ich mir das.

 

 

 

Und das ist eben, wann immer ich das Gefühl habe, es erzeugt Druck, ich fühle eine Enge, ich fühle mich noch kleiner, raus da. Also wir sind erwachsen, wir können überall rausgehen, wir haben keine Abhängigkeiten mehr in dem Sinne. Ich kann spüren, das tut mir nicht gut, das macht mich klein, das macht mich eng, das bringt mich nicht weiter.

 

Und dann kann ich das sein lassen. Und diese Druckkulisse, von der du jetzt gerade gesprochen hast, die mache ich mir ja selber. Es gibt ja genug Druck, der wirklich von außen kommt, mit wir müssen alle Geld verdienen, wir müssen alle unsere Rechnungen zahlen, das reicht ja.

 

Da müssen wir jetzt nicht noch anfangen, uns von Innendruck zu machen.

 

[Elisabeth Seidel] (36:56 - 37:05)

Würdest du sagen, es gibt oder es gibt jemand oder Industrien, die davon profitieren, von diesem, ich fühle mich nicht genug?

 

[Susanne Krammer] (37:05 - 37:15)

Jede. Ja, egal, ob das jetzt die Süßigkeitenindustrie ist, die dann mit warmen Armen dasteht und sagt, oh komm, hier, die ganzen Süßigkeiten.

 

[Elisabeth Seidel] (37:15 - 37:16)

Hier ist dein Trost.

 

 

 

[Susanne Krammer] (37:16 - 38:03)

Oder auch die Coaching-Industrie, die dann alle auffängt. Das ist ein globales Netzwerk an Industrien, was davon auf irgendeine Weise profitiert, ob jetzt auf eine gute oder eine schlechte Art. Also ich will jetzt überhaupt keinem Coach unterstellen, dass er sich darüber freut, dass der Mensch elend beisammen ist.

 

Aber trotzdem profitiert auch dieser Mensch davon und es profitiert die Gemüsetheke, weil plötzlich der Health-Wahn aufkommt. Und jede Industrie profitiert in gewisser Weise davon, dass die Menschen sich nicht selbst genügend fühlen und das Gefühl haben, sie müssen es mit irgendwas kompensieren, mit einem Personal-Trainer, mit einer Schokolade, mit Fastfood, ist vollkommen egal.

 

[Elisabeth Seidel] (38:03 - 38:08)

Es werden ja teilweise auch bewusst Probleme geschaffen im Marketing, um sie dann zu lösen.

 

[Susanne Krammer] (38:08 - 38:16)

Ja, es gibt auch das so genannte Mean Girl-Marketing, wo ich ja alle anderen Produkte schlecht mache, um meins, wie das Beste auf der Welt, darstellbar zu lassen.

 

[Elisabeth Seidel] (38:17 - 39:00)

Ja, ich bin kein Marketing-Profi. Aber ist mir schon klar, auch jetzt in anderen Industrien irgendwie, keine Ahnung, du hast ja immer Bauchschmerzen und so weiter. Du brauchst jetzt das und das.

 

Du brauchst jetzt mein Mittel gegen deinen Bauchschmerz. Es werden bewusst Probleme kreiert. Bauchschmerzen ist vielleicht jetzt ein schlechtes Beispiel, aber jetzt zum Beispiel die sinnlossten Probleme eigentlich, die da kreiert werden.

 

Aber in der Beauty-Industrie wäre es halt jetzt klassisch, du hast die Falte, die ist ein Problem. Genau. Ich hab Botox für dich.

 

Ja, genau. Du bist jung, hast noch keine Falten, du sollst ja Prävention betreiben.

 

[Susanne Krammer] (39:00 - 39:01)

Prävention betreiben, genau.

 

[Elisabeth Seidel] (39:01 - 39:05)

Hier hast du auch schon Botox, was ich ja auch eigentlich absurd finde.

 

[Susanne Krammer] (39:05 - 40:12)

Es macht aus der Sicht des Dermatologen, der das spritzt, total Sinn, nicht nur wirtschaftlich, sondern es macht tatsächlich Sinn, das präventiv anzuwenden. Die viel größere Frage ist doch, warum müssen wir denn alle so faltenfrei sein? Warum müssen wir denn alle so glatt gebügelt sein?

 

Also warum? Ich möchte wirklich, dass mir irgendjemand das mal beantwortet. Und dann gibt es natürlich den soziologischen Ansatz, den psychologischen Ansatz, den Beauty- Industrie-Ansatz.

 

Du kannst das von allen Seiten beleuchten. Aber schlussendlich ist diese Fehlersuche sehr groß geworden in unserer Gesellschaft. Und das kannst du wirklich, egal in welcher, da kannst du zu Hundefutter gehen oder Hundebetten oder sowas.

 

Da wird dir dann im Sommer erzählt, dass dein Hund jetzt an einem Hitzeschlag stirbt und du brauchst das sich selbst kühlende Bett. Und dann brauchst du noch das Futter, weil da ist ja das dann noch drin. Und diese Pulverchen musst du da drüber.

 

Also in jeder Branche wird gerade so ein neues Feld der Problembewältigung. Als könnten wir uns irgendwann alle einfach perfekt machen. Mit dem perfekten Hundebett, der perfekten Lichttemperatur im Wohnzimmer.

 

[Elisabeth Seidel] (40:15 - 40:16)

Das geht nicht.

 

[Susanne Krammer] (40:16 - 40:52)

Das wird nicht passieren. Man kann sich entspannen, das wird nicht. Und ich habe das im Vorgespräch auch gesagt, dass Selbstliebe ist die größte Rebellion, genau aus diesem Grund.

 

Weil in dem Moment, wo du bei dir bist und da so ein tiefer Frieden und so eine tiefe Entspannung herrscht, bist du nicht mehr so anfällig für das alles. Und ich will mich nicht gegen das Hundebett wehren. Ich habe auch einige ganz tolle Zuhause.

 

Und ich will mich auch überhaupt nicht gegen die Kosmetikindustrie stellen. Das ist nicht meine Absicht. Aber das gesunde Maß ist so wichtig.

 

Zu sagen, ich möchte eine Creme haben. Aber nicht, ich möchte 25 Cremes, weil ich sonst furchtbar aussehe. Ich möchte eine Creme, weil meine Haut sich dann besser anfühlt.

 

Punkt.

 

[Elisabeth Seidel] (40:53 - 40:57)

Also es muss nicht immer irgendwie das Ziel sein, auch was damit zu erreichen.

 

[Susanne Krammer] (40:57 - 41:03)

Ja und auch genau.

 

Und auch nicht das Ziel sein, dass ich dann besser bin. Und organisierter.

 

[Elisabeth Seidel] (41:03 - 41:07)

Du sagst es ja auch, Beauty darf Spaß machen, aber es muss niemandem entsprechen.

 

[Susanne Krammer] (41:07 - 41:45)

Ja. Und das ist auch so, diese Idealisierung von Schönheit, diese Idealisierung von Weiblichkeit. Das ist ja Weiblichkeit und Jungsein wird ja plötzlich so in einen Tropf geworfen.

 

Also alle Attribute, die als weiblich gelten, sind eigentlich Jugendlichkeit. Und dann kommst du ganz schnell an den Punkt, wo du merkst, dass Weiblichkeit ein Ideal geworden ist und nicht mehr das Zuhause, was es eigentlich sein sollte. Dieses tiefe Gefühl von Verbundenheit.

 

Und vielleicht sollten wir wirklich diesen Kurs starten einfach sein.

 

[Elisabeth Seidel] (41:46 - 42:36)

Ja, ich finde es schön, dass du es nochmal ansprichst mit dieser Jugendlichkeit. Weil Frauen, die dann, also das spielt sich ja dann ab irgendwie mit 20 bis 30, vielleicht Mitte 30 und dann geht es schon so los, dass Frauen eigentlich irgendwie immer unsichtbarer werden. Und nicht mehr als so oder in ihrer weiblichen Power wahrgenommen werden.

 

Ich glaube, es ist jetzt schon so ein bisschen ein Switch und auch Menopause und so weiter erfährt viel mehr irgendwie Aufmerksamkeit, was total wichtig ist. Die Frauen wurden irgendwie so lange gegaslighted mit ihren Problemen und so weiter. Aber das hattest du, glaube ich, auch gesagt, diese Schönheit oder diese Industrie findet ja irgendwie nur in so einem kleinen Altersframe statt.

 

Und danach ist eigentlich gar nicht mehr viel los.

 

[Susanne Krammer] (42:36 - 43:47)

Ja, das ist total traurig, dass es auch alles so kategorisiert wird. Ich habe ja auch eine Hautpflege Linie, die sehr simpel und einfach gestaltet ist, weil ich der Meinung bin, dass wir gewisse Unterstützung für unsere Haut durchaus brauchen, weil wir in einer Welt leben, wo wir sehr viel mit Umwelteinflüssen und UV-Licht und sowas in Kontakt kommen. Deswegen ist eine gute, solide Hautpflege schon durchaus sinnvoll.

 

Aber ich renne halt nicht durch die Gegend und sage, das ist für die Frau ab 50 oder nur für die Frau mit 20 und so. Weil die Haut ist ein Organ und die Haut braucht eigentlich immer dasselbe, egal in welchem Alter. Und da findet einfach so eine Zielgruppenorientierung statt, die ich nachvollziehen kann, aber nicht mitgehen möchte, weil ich denke, tu deine Haut einfach in jedem Alter was Gutes, lieb sie, pfleg sie, so wie du auch deinen Körper pflegst.

 

Wir trinken ein Glas Wasser, so braucht eben auch unsere Haut ein bisschen Unterstützung. Die eine Haut braucht mehr Unterstützung, die andere weniger. Aber diese ganze Aufregung von der würde ich gerne mehr und mehr Abstand nehmen und die Menschen auch super gern auf die Reise Richtung Frieden und einfach Freude mitnehmen.

 

[Elisabeth Seidel] (43:49 - 44:01)

Hast du den Tipps, wie man diesen Blick auf sich selbst in Richtung Liebe und Neugier lenken kann, wie du das am Anfang schön mit diesem Spiegel Beispiel genannt hast?

 

[Susanne Krammer] (44:02 - 45:31)

Was für mich essentiell ist, ist Meditation, weil ich dann in dieses Gefühl von Frieden finden kann. Das ist der erste Kontakt mit diesem Frieden, den wir unter all dem Lärm alle in uns tragen. Das ist Gott gegeben.

 

Das ist einfach da, dieser Frieden. Hinter der Wut über den Ehemann oder die Traurigkeit über den Brief der Mutter oder was auch immer sich an Gefühlen so da drauf gelegt hat, darunter ist Frieden. Und wenn ich in der Meditation erstmal diesen Frieden gefunden habe und es jeden Tag mehr und mehr kultiviere, das ist ein Prozess, werde ich irgendwann merken, dass dieses Gefühl, Frieden in sich zu haben, eigentlich das Schönste auf der Welt ist.

 

Und dann überlege ich mir ganz gut, ob ich irgendjemanden in diesen Raum lasse, den Frieden zu torpedieren. Das heißt, mein Tipp ist, für jeden Menschen eine Meditationsroutine aufzubauen, egal wie die aussieht. Es gibt so viele verschiedene Ansätze.

 

Es gibt geführte Meditation. Es gibt einfach stilles Dasitzen. Das mache ich zum Beispiel nicht.

 

Ich bin jemand, der gerne eine geführte Meditation macht, weil mir das hilft, weil ich dann sehr viel Kraft auch entwickeln kann. Und da sollte jeder Mensch einfach seine Art und Weise finden. Und ich finde, es gibt ja auch zum Beispiel, kann ja auch Handarbeit für viele Menschen total meditativ sein oder...

 

Gartenarbeit. Gartenarbeiten, langer Spaziergang, alles, wo ich eine Gedankenlehre im Kopf habe. Wenn ich merke, oh krass, ich habe stundenlang nicht mehr an das Problem gedacht.

 

Das ist genau der Ort, an dem ich ganz, ganz, ganz oft sein sollte.

 

[Elisabeth Seidel] (45:33 - 45:47)

No mind, sagt man. Ja. Aber natürlich am Anfang, wenn man keine Praxis hat, will ich einfach nochmal mitgeben, es ist super schwer, in so einen Zustand reinzukommen.

 

Deswegen nicht aufgeben.

 

[Susanne Krammer] (45:48 - 46:07)

Üben. Nee, und wenn es nach zwei Wochen noch nicht so ist, dass man irgendwie im Schneidersitz schwebend durchs Wohnzimmer gleitet, dann braucht es einfach noch eine Zeit. Bei mir hat es ewig gedauert.

 

Ich weiß noch, dass ich am Anfang total gefeiert habe, wenn ich es überhaupt sekundenweise in diesen Zustand geschafft habe. Und jetzt kann ich zwei Stunden da sitzen und es ist einfach nur tiefer Frieden in mir.

 

[Elisabeth Seidel] (46:08 - 46:23)

Am Anfang ist es manchmal frustrierend. Ich schaffe es nicht, die Gedanken abzustellen. Aber was ich auch gerne empfehle, sind dann so Atemtechniken.

 

Das kann auch super helfen. Für manche ist es der bessere Zugang. Oder wie du schon meintest, alltägliche Sachen.

 

[Susanne Krammer] (46:24 - 46:32)

Ja, oder eben auch geführte Meditation. Ich weiß nicht, ob du das schon mal ausprobiert hast, weil, okay. Das heißt, du schweibst dann ab und denkst doch an den Einkauf im Rewe.

 

[Elisabeth Seidel] (46:32 - 46:41)

Nee, mittlerweile nicht mehr, aber an sich zu Beginn schon. Also da war es ähnlich wie bei dir. Okay, ich habe eine Sekunde geschafft.

 

 

 

[Susanne Krammer] (46:41 - 46:43)

Aber das ist ja schon was.

 

[Elisabeth Seidel] (46:43 - 47:21)

Aber ich denke oder ich komme oft mit, dass die Meditation oder die Achtsamkeit an sich ist ein massiver Hebel fürs Wohlbefinden. Wenn es den Leuten oder teilweise auch meinen Patienten dann besser geht, ist es meistens das Erste, was hinten runterfällt.

 

Und das ist für mich so eigenartig, weil die Ernährung bleibt, der Sport bleibt, sie nehmen ihre Supplements, aber die Achtsamkeit ist immer das, was dann so schleifen gelassen wird. Wobei es ja eigentlich das Nichtstun ist, was so schwerfällt dann oder was als erstes geht.

 

[Susanne Krammer] (47:21 - 47:33)

Ja, ich glaube, es fühlt sich nicht so aktiv an, wenn man meditiert. Es ist immer so ein bisschen auch schlechtes Gewissen, wie jetzt bin ich gerade aufgestanden, um mich dann irgendwo hinzusetzen, um basically wieder zu schlafen. Nein.

 

Also...

 

[Elisabeth Seidel] (47:37 - 47:49)

Okay, du hast ja gerade dein Buch veröffentlicht. Das wollte ich auch nochmal ansprechen. Schön genug heißt es.

 

Magst du uns da nochmal kurz was dazu erzählen? Was kann man da lesen? Also nicht das Ganze, nicht den ganzen Content jetzt.

 

 

 

[Susanne Krammer] (47:50 - 47:51)

Habt ihr siebeneinhalb Stunden Zeit.

 

[Elisabeth Seidel] (47:52 - 47:54)

Hast du auch ein Audiobook?

 

[Susanne Krammer] (47:55 - 48:41)

Ja, fand ich ganz wichtig, weil die Menschen ja auch in meinen Videos mir viel zuhören und deswegen habe ich es auch selbst eingesprochen. Das war mir ganz wichtig.

 

Aber mein Buch Schön genug ist im Prinzip meine eigene Geschichte. Die startet in meiner doch relativ schwierigen Kindheit, geht über die Teenagerzeit, die Zeit als junge Erwachsene, in der ich mich selbst sehr abgelehnt habe. Und dann beginnt aber der Heilungsweg, der sehr genau beschrieben wird.

 

Und genau das möchte ich den Menschen auch mit diesem Buch mitgeben, dass es da einen Ausweg gibt. Selbst wenn es manchmal verfahren wirkt, beschreibe ich ganz genau, wie ich es daraus geschafft habe. Und hoffe, dass ich damit ganz viele Menschen auch bewegen kann, das genauso zu machen.

 

[Elisabeth Seidel] (48:42 - 48:48)

Du hast ja schon angedeutet, dass du jetzt schon Feedback bekommst, wo Leute Sachen erkennen, die es ihnen eigentlich genauso ergeben.

 

[Susanne Krammer] (48:48 - 48:59)

Total. Und ganz viel Dankbarkeit und auch vor allen Dingen sagen, dass es so ein tiefes Gefühl von Versöhnung in ihr Leben gebracht hat. Und genau das wollte ich.

 

Das freut mich wahnsinnig.

 

[Elisabeth Seidel] (48:59 - 49:01)

Ich wollte gerade sagen, was macht das mit dir, wenn du das hörst?

 

[Susanne Krammer] (49:01 - 49:17)

Ich habe es nicht für mich, sondern für die Menschen geschrieben, die es brauchen.

 

So blöd sich das anhört, aber das war jetzt nicht etwas, wo ich mir gedacht habe, also ich muss jetzt mal oder so, sondern ich habe das geschrieben, weil ich das Gefühl hatte, dass es anderen Menschen helfen kann.

 

[Elisabeth Seidel] (49:19 - 49:41)

Das tut es ja jetzt schon. Ziel erreicht. Noch ein Ziel erreicht.

 

Es geht hier. Hättest du Tipps oder eine Botschaft? Irgendwas, was du deinem jüngeren selbst oder vielleicht auch anderen jungen Frauen mitgeben würdest?

 

Jetzt an dem Punkt, wo du stehst.

 

[Susanne Krammer] (49:41 - 51:55)

Bei meinem jüngeren selbst wäre es, dass ich ihr nicht noch was sagen würde, sondern sie einfach nur in den Arm nehmen würde, weil ich glaube, es hätte die am dringendsten gebraucht, einfach mal gehalten zu werden und einfach mal so ein Trost und so eine Sicherheit, so einen sicheren Halt zu empfinden. Und bei den jungen Frauen, die vielleicht jetzt gerade in einer ähnlichen Situation sind, glaube ich, bringen auch Worte relativ wenig, weil die Überzeugung so tief in ihnen sitzt, dass das jetzt richtig ist, dass die kleinere Nase sie glücklich macht, dass die Filler an den Wangenknochen sie glücklich machen. Und ich glaube, da kommen wir nicht weiter mit Sprechen.

 

Ich glaube wirklich, das bringt nichts, denen zu sagen, das ist Quatsch und da sind voll die Gefahren oder sowas. Das macht nur noch mehr Druck. Ich glaube, was wir allen Menschen in diesem Alter zeigen sollten ist, dass sie mehr sind als ihre Oberfläche.

 

Das fällt ihnen, glaube ich, so schwer. Die haben so ihren Platz nicht gefunden und versuchen, sich den über ihr Äußeres zu sichern. Und das fängt in den Schulen an, das fängt bei uns im Elternhaus an.

 

Es ist wichtig, dass wir den Kindern ihren Platz geben und ihre Wichtigkeit. Weil ich glaube, dass die zwar dann immer noch Freude an Make-up und an Outfits haben, aber nicht mehr das Gefühl haben, dass sie grundlegend nicht stimmen, weil sie einfach wissen, ich weiß, wo ich hingehöre. Und das ist so wichtig.

 

Und ich glaube, das ist etwas, was averbal funktioniert. Und da gibt es leider keinen Harry Potter oder Zauberspruch, sondern das ist wie immer ein Weg und ein Ernstnehmen. Ich kriege das so oft mit bei Töchtern, die in meinem Freundeskreis jetzt irgendwie so 17, 18 sind, dass die einfach nicht sein dürfen.

 

Die werden die ganze Zeit irgendwie, ja, jetzt studiere doch Medizin und wolltest du nicht dies und mach doch mal das. Nein. Was möchtest du denn machen?

 

Dann back halt mal einen Kuchen und dann schmeckt der köstlich und dann isst man den zusammen. Das sind so minimalste Sachen, die Sicherheit im Kind erzeugen. Und ich glaube, das ist der Weg raus aus dieser ganzen Außenauslenkung, Ablenkung.

 

 

 

[Elisabeth Seidel] (51:56 - 51:58)

Also eine Reduktion von Druck.

 

[Susanne Krammer] (51:58 - 52:18)

Genau. Weil wenn wir jetzt sagen, du darfst nicht mehr auf Instagram sein, dann wird es nur noch, weckt es noch mehr Begehrlichkeiten, wenn wir irgendwie sagen, Mensch, du bist doch schön, wie du bist, was hast du denn?

 

Da komme ich ja nicht ans Gefühl ran, weil das Gefühl sagt, ich bin nicht richtig. Ich muss jetzt anders aussehen, damit ich hier in der Welt überhaupt eine Chance habe.

 

[Elisabeth Seidel] (52:19 - 52:41)

Aber denkst du nicht, dass trotzdem so eine Altersbeschränkung, also ich weiß, dass es in manchen europäischen Staaten ist schon so, dass Social Media, glaube ich, erst ab 14 oder 16 genutzt werden darf, von Gesetzes wegen her. Einfach, weil man mittlerweile weiß, okay, es hat schon wirklich starke Effekte auf die Psyche der Kinder, auf deren Selbstwahrnehmung und alles, was damit einhergeht.

 

[Susanne Krammer] (52:43 - 53:59)

Also ich glaube, dass wenn wir das Ganze jetzt von psychologischer oder menschlicher und Herzensebene betrachten, sollte man damit zu spät anfangen, dann ist eigentlich auch 14 und 16 noch viel zu früh, weil die Menschen in dem Alter so wahnsinnig beeinflussbar sind. Das ist einfach in der Natur der Sache, müssen wir uns ja nur an unsere eigenen Teenager-Zeiten, da muss nur die falsche Person immer an uns vorbeilaufen, dann ist die Wortwahl da sehr harsch und sehr willkürlich. Das trifft, glaube ich, viele, viele Kids unfassbar, wenn die da so hart angegangen werden.

 

Und ich habe vor zwei oder drei Wochen ein Video gesehen von einer Sechsjährigen, die ein Get Ready With Me gedreht hat. Die hatte Gehlnägel, die hatte Extensions und die hat sich einfach komplett geschminkt und hat die ganze Zeit eben diese ASMR-Sounds mit den Flaschen gemacht und hat sich mit ihren Hatern auseinandergesetzt, die gemeint haben, hey, solltest du nicht eigentlich irgendwie wie ein Kind spielen und geh doch mal auf den Baum. Also die Hater waren eigentlich besorgte Eltern, die gesagt haben so, wach doch mal auf, was machst du denn da?

 

Und die hat sich angehört, also das hat sich alles angefühlt wie bei einer Ende-20-jährigen Beauty-Influencerin, aber das Mädchen war sechs Jahre oder ist sechs Jahre. Und das hat ganz viel mit mir gemacht.

 

[Elisabeth Seidel] (54:00 - 54:03)

Es nimmt dir auch irgendwie die Kindheit, aber so richtig.

 

 

 

[Susanne Krammer] (54:04 - 55:13)

Faktisch, ja. Und das ist nicht nur in diesem Fall schlimm, sondern die Außenwirkung ist ja immer das. Ich kann sagen, wenn ich einen Pelz trage, das Tier ist doch eh schon tot, aber wenn ich überall mit dem Pelz rumrenne, dann zeige ich ja, dass ich das schick finde und bin vielleicht Vorbild für andere Leute und schon werden ganz viele Tiere für Pelz getötet.

 

Und genauso ist es ja, wenn ich da sitze und lasse meiner Tochter mit sechs Jahren die volle Freiheit, was sie hochladen möchte. Die hatte teilweise dann auch baufreie Sachen und Hotpants an. Da frage ich mich, wo ist die Mutter, die auf dieses Kind aufpasst?

 

Die braucht Schutz mit sechs Jahren. Die ist vielleicht nicht mehr biologisch ein Baby, aber auf Herzebene braucht die in Watte packen. Und die Eltern verdienen wahrscheinlich mit der Million und denken sich, lass sie gewähren.

 

Und das ist eben die Schattenseite dieser Regellosigkeit. Und ich weiß überhaupt nicht, warum das stattfinden darf. Ich dachte, das ist schon reguliert.

 

Ich dachte, dass da nicht sechsjährige irgendwelche Inhalte hochladen dürfen. Aber wahrscheinlich, wenn die Eltern den Account betreuen, dann ist das vielleicht in Ordnung.

 

[Elisabeth Seidel] (55:13 - 55:28)

Es ist ja auch so, dass Leute irgendwie schon für ihre Kinder irgendwelche Accounts saven für später. Absurd eigentlich. Susanne, wo kann man dich erreichen?

 

Vielleicht nicht erreichen, aber wo kann man dich finden?

 

[Susanne Krammer] (55:29 - 55:51)

Ich bin auf Instagram oder TikTok, eigentlich hauptsächlich auf Instagram über FrauBeauty zu finden. Da lade ich jeden Tag ein Video hoch, wo es Tipps und Tricks gibt. Nicht nur, wie man sich besser fühlen kann, sondern auch, wie man vielleicht, wenn man einen Liedstrich ziehen möchte, den ganz besonders gut hinbekommt.

 

Und ja, da freue ich mich natürlich, jeden zu treffen. Dich oder auch alle anderen.

 

[Elisabeth Seidel] (55:52 - 55:53)

Ich komm vorbei.

 

[Susanne Krammer] (55:53 - 55:54)

Ja, mach das mal.

 

[Elisabeth Seidel] (55:54 - 55:55)

Das mit dem Lidstrich kann ich noch lernen.

 

[Susanne Krammer] (55:55 - 55:57)

Dabei hast du das perfekte Auge.

 

[Elisabeth Seidel] (55:58 - 56:06)

Danke.

 

Aber nicht die ruhige Hand. Und vielleicht auch einfach nicht die Geduld und kein Bock.

 

[Susanne Krammer] (56:06 - 56:13)

Genau, das ist ja auch total legitim.

 

Ja, kein Bock, es wegzumachen. Kommt dann erschwerend hinzu.

 

[Elisabeth Seidel] (56:14 - 56:42)

Vielen, vielen Dank, dass du uns besucht hast. Es war ein ganz, ganz tolles Gespräch für mich persönlich, aber ich denke auch für unsere Zuschauer.

 

Es war mir ganz wichtig, über dieses Thema zu sprechen und nicht über irgendwelche Beauty-Routinen, die natürlich toll sind, aber es ging vor allem ja auch dir darum, was du mit deinem Buch natürlich schon jetzt, was du veröffentlicht hast, aufgegriffen hast. Was ist Schönheit und was ist gesunde Schönheit, wenn ich es mal so...

 

[Susanne Krammer] (56:42 - 56:46)

Ja, das ist ein sehr, sehr schöner Begriff. Gesunde Schönheit.

 

[Elisabeth Seidel] (56:47 - 56:49)

Und in dem Sinne, vielen Dank.

 

[Susanne Krammer] (56:49 - 56:50)

Danke dir.

 

[Elisabeth Seidel] (56:50 - 56:54)

Und ich hoffe, wir hören uns wieder.

 

Das hoffe ich auch sehr. Danke dir.

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