

Haltung gut, alles gut. Mit Dr. Michael Lehnert
Wir leben in einer Welt, die sich schneller bewegt, als unser Körper folgen kann. Stundenlanges Sitzen, Smartphones, Dauerstress – der moderne Alltag macht uns wortwörtlich krumm. Doch Haltung ist mehr als Ästhetik: Sie ist einer der stärksten Hebel für ein langes, gesundes Leben. In der HEALTHWISE-Episode „Haltung gut, alles gut“ spricht Nils Behrens mit Dr. Michael Lehnert, Orthopäde, Sportmediziner und Autor. Seine zentrale These: Viele Beschwerden sind keine Frage des Alters, sondern Folge unserer Alltagsgewohnheiten.
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Warum unsere Haltung leidet
Unser Alltag ist bequem geworden – und genau das ist das Problem. Wir nehmen Treppen seltener, sitzen stundenlang vor Bildschirmen und bewegen uns meist nur zwischen Schreibtisch, Auto und Sofa. Für unseren Bewegungsapparat ist das eine Zumutung.
Dr. Lehnert erklärt, dass sich viele Beschwerden wie Rückenschmerzen, Nackenverspannungen oder Schulterprobleme auf mangelnde Bewegung und einseitige Belastungen zurückführen lassen. Der Körper ist für Aktivität geschaffen, aber heute fehlen ihm die Reize, die Muskulatur fordern und Haltung erhalten.
Ein besonders eindrückliches Beispiel: der „Handy-Nacken“. Unser Kopf wiegt rund fünf Kilogramm. Bei einer Vorneigung um 15 Grad steigt die Belastung für die Nackenmuskulatur auf etwa zwölf Kilogramm – bei noch stärkerer Neigung sogar deutlich darüber. „Das kann man sich wie ein kleines Gewicht vorstellen, das man stundenlang vor sich herträgt“, erklärt Lehnert. Kein Wunder, dass sich Spannung und Schmerz einstellen.
Der doppelte Schlag: Sarkopenie trifft Fehlhaltung
Das Problem wird durch einen zweiten Faktor verschärft: die Sarkopenie (altersbedingter Muskelschwund). Wir verlieren über das Leben automatisch an Muskelmasse. Wenn dieser natürliche Schwund auf eine antrainierte Fehlhaltung trifft (wie der Handynacken), verliert der Körper doppelt: Ihm fehlt die Kraft, die Fehlhaltung aktiv zu korrigieren.
Die Top 3 Problemzonen durch Fehlhaltung
Dr. Lehnert identifiziert drei Körperregionen, die unter dem modernen Lebensstil besonders leiden:
- Nacken & obere Brustwirbelsäule: Als direkte Folge des "Handynackens" und der Bildschirmarbeit.
- Die Schultern: Dr. Lehnert betont: "Die kann so viel und wird so wenig genutzt." Wir nutzen das volle Bewegungsausmaß (z.B. Arme über Kopf) im Alltag kaum noch. Als Beispiel nennt er das Wäscheaufhängen, das früher über Kopf stattfand, während der Trockner heute unten steht.
- Die Knie: Oft verursacht durch Achsfehlstellungen (O- oder X-Beine). Solange die Muskulatur stark ist, wird dies kompensiert. Lässt die Muskelkraft (durch Sarcopenie und Sitz-Lifestyle) nach, verliert das Gelenk seine Führung, was zu Abnutzung (Arthrose) führen kann.
Die Kraft der Gegenbewegung
Was also tun gegen den Handy-Nacken? Die Antwort ist einfach, aber sie verlangt Bewusstsein. „Wir müssen das, was wir zu viel machen, regelmäßig ausgleichen“, sagt Lehnert.
Er empfiehlt, mehrmals täglich Gegenbewegungen in den Alltag einzubauen: den Brustkorb öffnen, den Blick nach oben richten, kurz den Himmel ansehen und tief atmen. Schon wenige Sekunden reichen, um den Nacken zu entlasten und die Muskulatur wieder „in Balance“ zu bringen.
Lehnert warnt allerdings, diese Bewegung nicht abrupt zu übertreiben: Wer lange in Fehlhaltung war, kann anfangs Schwindel spüren. In diesem Fall sollte man die Übung im Sitzen starten und die Intensität langsam steigern.
Drei Bewegungen, die jeder täglich machen kann
Um die Haltung langfristig zu verbessern, braucht es laut Lehnert kein Fitnessstudio. Drei einfache Bewegungen, regelmäßig ausgeführt, genügen.
- Einbeinstand: Trainiert Koordination und Gleichgewicht. Anfangs darf man sich an einer Wand oder einem Stuhl festhalten, später versucht man, frei zu stehen. 30 bis 45 Sekunden pro Seite reichen. Fortgeschrittene können die Augen schließen aber nur, wenn das Gleichgewicht sicher ist.
- Kniebeugen bis 90 Grad: Täglich zehn saubere Wiederholungen sind ein hervorragender Reiz für Beine und Rumpf. „90 Grad reichen völlig“, betont Lehnert. Zu tiefe Beugen seien für viele Knie unnötig belastend, während moderate Bewegungen die Muskulatur stärken und Gelenke stabilisieren.
- Arme über Kopf: Zweimal täglich 30 Sekunden lang die Arme heben, Oberarme möglichst an den Ohren. Diese einfache Bewegung verbessert die Schulterbeweglichkeit und wirkt der typischen Bildschirmhaltung entgegen.
Lehnert rät, diese Übungen in bestehende Routinen einzubauen. Etwa morgens beim Zähneputzen oder abends nach dem Essen. So werden sie Teil des Alltags, nicht eines zusätzlichen Programms.
Kleine Pausen, große Wirkung
Viele Menschen versuchen, Bewegungsmangel durch intensive Workouts am Wochenende zu kompensieren. Doch Lehnert hält wenig von diesem Ansatz. „Mehrmals täglich ein paar Minuten Bewegung sind wirkungsvoller als einmal pro Woche eine Stunde“, sagt er. Seine Empfehlung sind kurze, häufige Unterbrechungen des Sitzens. Sie helfen nicht nur den Muskeln, sondern auch der Konzentration.
Ein Beispiel für eine 5-Minuten-Routine
- 60 Sekunden Brustöffner – Hände an den Hinterkopf, Ellbogen nach hinten, Blick an die Decke.
- Sechsmal isometrischer Nackendruck – Rücken an die Wand, Hinterkopf sechs Sekunden fest gegen die Wand drücken, dann zehn Sekunden lösen.
- Zehn Kniebeugen bis 90 Grad.
- Zweimal 30 Sekunden Arme über Kopf.
Eine weitere wirkungsvolle Übung ist das einfache Hängen an einer Klimmzugstange. Wer keine Klimmzüge schafft, profitiert trotzdem. Schon das Hängen entlastet die Wirbelsäule, weil sie dabei sanft auseinandergezogen wird. Eine Bewegung, die im Alltag fast völlig verloren gegangen ist.
Haltung ist auch eine Frage der Einstellung
Im Gespräch betont Lehnert immer wieder, dass Haltung nicht nur körperlich zu verstehen ist. Eine aufrechte Körperhaltung beeinflusst auch die innere Haltung. Wenn jemand aufrecht steht, verändert sich oft auch die Ausstrahlung. Menschen wirken präsenter, wacher und selbstbewusster.
Diese Rückkopplung zwischen Körper und Geist sei enorm: Wer sich körperlich klein mache, nehme weniger Raum ein, auch mental. Wer sich aufrichtet, signalisiere dagegen Stärke und Offenheit, selbst gegenüber sich selbst.
Haltung als Teil von Langlebigkeit
Gute Haltung ist ein Schlüssel für funktionelle Langlebigkeit, also dafür, sich bis ins hohe Alter frei und selbstständig zu bewegen. Es geht nicht um Jugendlichkeit, sondern um Beweglichkeit und Lebensqualität.
- Bewegung erhält Fähigkeiten. Wer sich heute regelmäßig bewegt, legt die Basis dafür, morgen aktiv zu bleiben.
- Haltung bewusst wahrnehmen. Ein einfaches Foto von hinten zeigt, wo sich der Körper verändert hat.
- Selbstbeobachtung statt Selbstkritik. Haltung zu prüfen ist kein Urteil, sondern eine Einladung, kleine Korrekturen im Alltag umzusetzen.
Take Aways
- Haltung ist trainierbar. Zu viel Sitzen und Bildschirmzeit sind die Hauptursachen für Fehlhaltungen.
- Gegenbewegungen wie Brust öffnen, Blick nach oben, entlasten Nacken und Rücken.
- Drei tägliche Übungen reichen: Einbeinstand, Kniebeugen bis 90 °, Arme über Kopf.
- Kurze Bewegungspausen mehrmals täglich wirken besser als seltene lange Workouts.
- Bewusstheit vor Perfektion. Kleine, regelmäßige Impulse zählen.
- Bewegung erhält Selbstständigkeit. Sie ist die Basis für funktionelle Langlebigkeit.
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Dr. med. Michael Lehnert ist seit über 30 Jahren als Orthopäde mit dem Schwerpunkt Handchirurgie tätig und zählt zu den renommiertesten Sportmedizinern Deutschlands. Vom Großzehengrundgelenk bis zum Atlaswirbel ist ihm kein Bereich des menschlichen Körpers fremd – im Guten wie im Schlechten. Zahlreiche Profisportlerinnen, Berufsmusikerinnen und engagierte Freizeitsportler*innen vertrauen auf seine umfassende medizinische Expertise und langjährige Erfahrung. Als Head of Medical betreut er seit mehreren Jahren das American-Football-Team »Berlin Thunder«. In seiner Freizeit ist der Mediziner selbst leidenschaftlicher Triathlet.
Auch als Autor feiert Dr. Lehnert große Erfolge: Sein Buch „Hände gut, alles gut“ (Südwest Verlag, München) stieg 2021 direkt in die SPIEGEL-Bestsellerliste ein. Mit seinem aktuellen Werk „Haltung gut, alles gut“ knüpft er daran an und zeigt erneut, wie eng Körperhaltung, Bewegung und Wohlbefinden miteinander verbunden sind. Darüber hinaus engagiert er sich als erster Beirat der Jäger Charity Initiative e.V., einer gemeinnützigen Organisation, die sich ganzheitlich für Kinder, Jugendliche und Senior*innen einsetzt. Ein Teil der Erlöse aus seinen Büchern fließt in diese Initiative.
140 Haltung gut, alles gut. Mit Dr. Michael Lehnert
[Dr. Michael Lehnert] (0:00 - 0:19)
Wenn man eine gewisse körperliche Fitnessverbesserung hat, auch gleichzeitig eine Verbesserung der geistigen Fitness hat, und dann bedingt sich das eine mit dem anderen. Das heißt, ich verstehe dann, dass mir das Körperliche gut getan hat, und wiederhole es auch.
[Nils Behrens] (0:19 - 1:15)
Herzlich willkommen zu HEALTHWISE, dem Gesundheitspodcast, präsentiert von Sunday Natural. Ich bin Nils Behrens, und in diesem Podcast erkunden wir gemeinsam, was es bedeutet, gesund zu sein. Wir tauchen ein in Themen wie Medizin, Bewegung, Ernährung und emotionale Gesundheit.
Immer mit einem weisen Blick auf das, was uns wirklich gut tut. Wir leben in einer Welt, die sich schneller bewegt, als wir körperlich ihr folgen können. Smartphones, Sitzen, Stress, der Alltag macht uns krumm.
Doch was, wenn die Haltung mehr ist als eine Rückenschule? Was, wenn gute Haltung unser stärkstes Rezept für ein langes und gesundes Leben sein könnte? Dr. Michael Lehnert ist Facharzt für Orthopädie und Sportmedizin mit jahrzehntelanger Erfahrung, Mannschaftsarzt im Leistungssport und Autor des Buches Haltung gut, alles gut. Darin zeigt er, unsere Beschwerden sind oft keine Frage des Alters, sondern der Alltagsgewohnheit. Und wir können sehr viel selbst tun, um gesund und beweglich zu bleiben. Und deswegen sage ich herzlich willkommen, Dr. Michael Lehnert.
[Dr. Michael Lehnert] (1:15 - 1:16)
Danke, herzlich willkommen.
[Nils Behrens] (1:18 - 1:21)
Also Michael, was hast du denn letzten Sonntag für deine Haltung so gemacht?
[Dr. Michael Lehnert] (1:22 - 1:28)
Letzten Sonntag? Am Sonntag ist immer der Tag, wo ich etwas weniger und später trainiere.
[Nils Behrens] (1:28 - 1:29)
Aber du trainierst?
[Dr. Michael Lehnert] (1:29 - 1:47)
Ja, ich trainiere auf jeden Fall. Das ist aber noch so drin, weil ich komme ja so ein bisschen aus dem Triathlon. Und Sonntags oder überhaupt am Wochenende waren oft die längeren Distanzen, die man trainiert hat.
Das habe ich tatsächlich geändert, weil der Sonntag ist mir ein bisschen wichtiger für die Freizeit jetzt geworden. Und am Sonntag gehe ich klassisch zum Krafttraining.
[Nils Behrens] (1:48 - 2:07)
Ah, okay. Sehr gut, sehr gut. Ja, ich bin meistens am Wochenende in Hamburg und da mein Lieblingsgym in Hamburg ist, aber auch meine Lieblingslaufrunde, mache ich immer beides.
Da wird ja mal viel diskutiert, ob man es machen sollte oder nicht. Aber es ist mir egal, weil mir tut es einfach gut. Und deswegen mache ich morgens meistens dann die Alsterrunde und danach gehe ich noch mal ins Gym.
[Dr. Michael Lehnert] (2:08 - 2:10)
Also du machst es in dieser Reihenfolge?
[Nils Behrens] (2:10 - 2:20)
Ja, ja, ich mache es in dieser Reihenfolge. Aber einfach nur, weil für mich einfach so Samstag, Sonntagmorgen diese Alsterrunde so dazugehört.
Und da ich nur am Wochenende in Hamburg bin, würde ich sonst dieses Gym nie sehen.
[Dr. Michael Lehnert] (2:20 - 2:21)
Verstehe.
[Nils Behrens] (2:21 - 2:38)
Dann kombiniere ich es halt immer.
Aber ich glaube, wenn man der aktuellen Studienlage folgt, dann sollte man, wenn, dann glaube ich erst ins Gym. Danach Ausdauer und dann aber unter 30 Minuten. Ich glaube, das ist sozusagen der letzte Stand der Studien.
Aber gut, wir kommen vom Thema ab. Jetzt schon.
[Dr. Michael Lehnert] (2:38 - 2:43)
Wobei man ein bisschen auch sehen muss, was möchte man eigentlich trainieren und davon hängt das ab.
[Nils Behrens] (2:43 - 2:48)
Ich finde letztendlich, sage ich ja immer, gesund ist das, was einem gut tut. Und mir tut es gut.
[Dr. Michael Lehnert] (2:48 - 2:48)
Ja, perfekt.
[Nils Behrens] (2:49 - 2:54)
Also du schreibst, dass wir evolutionär für das heutige Leben gar nicht gemacht sind. Was meinst du denn eigentlich damit?
[Dr. Michael Lehnert] (2:55 - 3:00)
Es ist so, dass wir erstmal viel zu schnell in den aufrechten Gang gekommen sind.
[Nils Behrens] (3:00 - 3:01)
Oh, da fangen wir an.
[Dr. Michael Lehnert] (3:01 - 4:09)
Ja, also da müsste man anfangen, denn unsere Muskulatur ist dafür eigentlich noch nicht geeignet.
Und dann, um das ein bisschen jetzt wieder, jetzt machen wir einen riesen Zeitsprung, aus dem aufrechten Gang haben wir uns aber nicht weiterentwickelt und entsprechend gekräftigt, sondern wir machen stattdessen Tätigkeiten, die dem aufrechten, kräftigen Gang entgegenstehen. Das heißt, wir sitzen plötzlich mehr. Dieser alte Spruch ist so abgedroschen.
Ich sage trotzdem, sitzen ist das neue Rauchen. Wir machen keine gezielten Muskelarbeiten mehr. Wir sind sogar im Alltag mit den kleinsten Dingen durch Technik verwöhnt.
Ich gebe immer sehr gerne das Beispiel, wir schließen ja zum Teil nicht mal mehr eine Tür auf. Oder eine Autotür. Wir drücken den Knopf.
Kein Mensch zieht mehr am Rollladenseil. Wir sprechen nicht von den schweren Gewichten im Gym. Wir sprechen vom Alltag.
Das fällt alles weg. Und das ist genau das Problem, warum wir eigentlich für unsere heutige Zeit schon wieder gar nicht gemacht sind. Weil unser Körper will mehr. Mehr Belastung.
[Nils Behrens] (4:10 - 4:19)
Warum würdest du sagen, hat der technische Fortschritt denn insbesondere in den letzten 25 Jahren aus orthopädischer Sicht sozusagen uns mehr Probleme gemacht als in den vielen Jahrzehnten davor?
[Dr. Michael Lehnert] (4:21 - 5:17)
Naja, in den vielen Jahrzehnten davor, im Grunde ist es diese Technologie, die dazu kam, dass uns Technik Arbeit abgenommen hat. Wenn man jetzt also in dieses Zeitalter der Industrialisierung zurückgeht, wo wir also das Eisen mit dem Hammer geschlagen haben, um so banale Dinge zu nennen. Wo wir vielleicht auch noch kein E-Bike hatten.
Das heißt, wir mussten selber treten. Wir hatten nicht so gute Bus- und Bahnverbindungen. Du siehst, ich gehe gar nicht auf das Digitale nur ein, sondern einfach auf die Erleichterung im Alltag.
Also die Bus- und Bahnverbindungen sind besser geworden. Das führt dazu, wir laufen weniger. Das heißt, plötzlich propagieren wir, wir brauchen 10.000 Schritte am Tag. Das hätte doch vor 30 Jahren kein Mensch gesagt. Vor 30 Jahren war eher so, versuch mal deinen Puls am Tag einmal auf 130 zu bringen. Das war dieses Trimm-Dich-Männchen, Trimm-Dich-Fit oder wie das hieß.
[Nils Behrens] (5:18 - 5:18)
Die Trimm-Dich-Fade.
[Dr. Michael Lehnert] (5:19 - 5:33)
Genau, Trimm-Dich-Fade. Das war schon auch so, dass wir darauf damals geachtet haben.
Aber heute wird uns so viel abgenommen. Und nicht nur Bus und Bahn, es geht auch um den Uber, es geht um den Fahrstuhl, es geht um Treppensteigen und so weiter.
[Nils Behrens] (5:34 - 6:14)
Ich finde es immer so irre, ich bin ja wirklich sehr viel mit der Bahn neuerdings unterwegs, seitdem ich in Berlin bin. Und gerade am Berliner Hauptbahnhof, man kommt aus Hamburg dann immer unten in den unteren Gleisen an. Und dann sieht man immer eine Riesenschlange vor dieser Rolltreppe.
Und kein Mensch benutzt die Treppe. Aber auch alle Altersklassen. Ich finde es so irre, dass die Leute kommen aus der Bahn, haben im Zweifelsfall zwei Stunden lang gesessen.
Und das erste, was sie machen, ist sich auf diese Rolltreppe zu stellen, statt sich darüber zu freuen, dass man sich ein bisschen bewegen kann und mal diese Treppen nach oben geht.
[Dr. Michael Lehnert] (6:14 - 7:00)
Und wenn man es ein bisschen weiter spinnt, muss man sagen, sind es häufig dann auch noch die, die dann aber im Gym auf der Stairs-Maschine sind, also dieser Treppenmaschine. Weil da laufen die dann plötzlich ohne Ziel diese Treppe hoch. Und das macht eine Menge aus.
Und das ist auch immer mein, wie ich propagiere, im fortgeschrittenen Alter sollte man auch in der Lage sein, ohne vor der Treppenstufe zu verharren, eine Treppe hinunter zu gehen. Das ist auch ein schönes Beispiel vom Bahnhof. Wenn dann jemand eine Treppe geht, dass er oft vor dem ersten Schritt etwas verharrt, weil er das koordinativ mit diesem Einbeinstand schon gar nicht mehr hinbekommt.
Das betrifft häufig eine Altersklasse natürlich. Eine bestimmte Altersklasse, die ist oft jenseits der 50. Aber auch jenseits der 50 ist das nicht notwendig.
[Nils Behrens] (7:01 - 7:02)
Absolut.
[Dr. Michael Lehnert] (7:02 - 7:04)
Mit 70 noch die Socke im Stehen anziehen.
[Nils Behrens] (7:05 - 7:05)
Ja.
[Dr. Michael Lehnert] (7:06 - 7:08)
Tolles Ziel. Ja. Auch mit 80 von mir aus.
[Nils Behrens] (7:09 - 7:22)
Ja, ja, ja. Ich denke gerade darüber nach. Ich bin meistens entweder keine Socken oder Füßlinge oder aber Kniestrümpfe.
Und Kniestrümpfe ist schon challenging, muss man sagen.
[Dr. Michael Lehnert] (7:22 - 7:27)
Kommt auf den Kniestrumpf drauf an, absolut. Aber das ist schon eine größere Herausforderung als eine Socke.
[Nils Behrens] (7:27 - 7:46)
Definitiv. Definitiv. Wo merken wir denn eigentlich, dass unser Körper für diese ganzen Alltagssituationen nicht gut tut?
Du hast jetzt eben gerade ein Beispiel genannt, quasi dieses auf einem Bein die Socken anziehen. Aber hast du noch so andere Sachen, wo du einfach merkst, dass gerade diese Alltagsbelastungen nicht gut für uns sind?
[Dr. Michael Lehnert] (7:47 - 8:36)
Also so klassisch ist jetzt zufälligerweise auch ein Kapitel im Buch. Nicht nur deswegen erwähne ich es, aber es ist wirklich dieser sogenannte Handynacken. Das ist immer schon so wegweisend, wenn die Patienten schon reinkommen und von sich aus eigentlich schon sagen, ich glaube, ich habe ein Handynacken.
Also es ist ein neues Wort kreiert, was auch gerne benutzt wird. Und da gibt es ja auch so wunderbare Daten. Also einfach aus der physikalischen Gleichung heraus.
Unser Kopf so im Durchschnitt wiegt fünf Kilo. Der eine vielleicht nur viereinhalb, der andere dafür fünfeinhalb. Wenn ich aber meinen Kopf 15 Grad nach vorne neige, ist die Belastung für meinen Nackenbereich, Nackenband, Nackenmuskulatur bereits zwölf Kilo.
Und das potenziert sich mit zunehmender Neigung nach vorne. Und wenn man jetzt mal sieht.
[Nils Behrens] (8:37 - 8:38)
15 Grad ist ja nicht viel.
[Dr. Michael Lehnert] (8:38 - 8:50)
Das ist nicht viel. Das ist im Zweifel weniger als beim Handyschauen. Und wenn man jetzt sich anschaut, ob ich jetzt ein Gewicht hochhebe, was fünf Kilo wiegt oder zwölf Kilo.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
[Nils Behrens] (8:50 - 8:50)
Definitiv.
[Dr. Michael Lehnert] (8:50 - 9:27)
Viele schaffen keinen Bizeps Curl damit.
Machen das aber in der Handybenutzung oder iPadbenutzung, wie auch immer, oftmals über viele Stunden des Tages. Natürlich fraktioniert. Aber das sind genau die, die diese Probleme haben, wo die Muskulatur im Nacken nicht ausreichend kräftig ist.
Weil wir laufen nun mal nicht mehr auf allen Vieren. Wir haben kein Geweih oder kein Gehirn wie die Tiere, die so ein ganz starkes Nackenband haben. Das ist zum Beispiel so was ganz einfaches Digitales, wo die Patienten oder die Menschen ganz spontan in die Praxis kommen und sagen, es geht einfach nicht mehr.
[Nils Behrens] (9:27 - 9:30)
Okay, das heißt, die leiden dann unter Verspannung?
[Dr. Michael Lehnert] (9:30 - 10:37)
Ja, die leiden, im Grunde kann man sagen, es ist eine Verspannung. Das muss man ja auch immer so ein bisschen sagen, was führt eigentlich dazu, nur weil der Kopf vorhängt?
Es ist das, dass die Muskulatur mag es überhaupt nicht, ständig passiv gezogen zu werden. Denn dann hat die nur eine Reaktionsmöglichkeit. Sie zieht sich in die andere Richtung zurück und das macht eine Verspannung.
Das ist immer so, wenn ich will, dass du zu mir kommst, du hast aber gar keinen Bock auf mich, dann gehst du in die andere Richtung. Das heißt, du setzt eine Gegenkraft und so macht es der Muskel auch. Das verspannt sich, dann werden Nerven, Schmerznerven aktiviert etc.
und das wiederum macht den Schmerz aus. Und da müssen wir gegen angehen. Entweder wir kräftigen die Muskulatur oder wir bewegen uns mehrfach am Tag genau in die andere Richtung.
Ich propagiere ja immer, wer legt denn heutzutage noch tagsüber den Kopf in den Nacken? Wer guckt denn in den Himmel? Wenn man das den Patienten empfiehlt, muss man dazu sagen, machen sie das das erste Mal mit Festhalten oder im Sitzen.
Vielen wird schwindelig, weil das keiner mehr gewöhnt ist.
[Nils Behrens] (10:37 - 11:50)
Aber interessant, bringt das wirklich was? Ich hatte jetzt gerade bei einem Anbieter in Berlin, die haben bei mir eine komplette Messung gemacht. Auch eine Haltungsanalyse und allem drum und dran.
Und es ist tatsächlich bei mir so, dass ich mittlerweile gegenüber der Zeit, wo ich für die Bundeswehr gemustert wurde, 1,2 cm kleiner bin. Und dann guckt man sich die Haltungsanalyse an und dann sieht man eben, dass mein Kopf tatsächlich ein bisschen nach vorne abgewinkelt ist. Also eben schon eine Art von dauerhafter Handy-Nacken.
Das heißt, ich verliere die Zentimeter durchs Abknicken. Das heißt, das ist, wenn ich ganz normal gerade stehe und nicht aufs Handy schaue. Das Handy hat jetzt sozusagen schon zu einer permanenten Veränderung geführt.
Ist jetzt die Frage, ein, zweimal gucke in die Luft, den Kopf in den Nacken legen. Kann ich dagegen anarbeiten? Weil ich denke mir einfach, wenn ich den ganzen Tag, das ist ja nicht nur Handy, das ist ja auch, wenn ich auf das iPad schaue, während wir hier den Podcast machen, wenn ich auf den Laptop schaue, wenn ich in der Bahn sitze.
All diese Dinge sind ja immer diese Schräghaltung sozusagen. Wie viele Stunden müsste ich denn dagegen den Kopf in den Nacken legen, damit es dann wieder was bringt?
[Dr. Michael Lehnert] (11:51 - 12:09)
Also den Kopf in den Nacken legen oder die Gegenbewegung zu machen, auch für andere Körperregionen gilt das ja, ist ja erstmal nur die Muskulatur aus dieser Zwangshaltung zu holen. Dass man mal wieder die andere Richtung macht, dass man den Brustkorb öffnet.
[Nils Behrens] (12:09 - 12:13)
Tut gut.
Alle Hörer an dieser Stelle mal ausprobieren, habe ich gerade getan, tut gut.
[Dr. Michael Lehnert] (12:13 - 13:36)
Dass man diese Position nur durch muskuläre Kräftigung dann auch fixieren und halten kann, also verbessern kann, das versteht sich dann von selbst, weil das ist ja dieser Teufelskreis. Auf der einen Seite begeben wir uns ein Leben lang in diese Fehlhaltungen, weil sich nun mal das Leben hier vorne abspielt, wir tippen nicht die Tastatur hinterm Rücken.
Auf der anderen Seite geht uns aber auch ein automatischer Muskelverlust übers Leben hinweg. Das heißt, wir verlieren ja diese Sarcopenie, ja ich finde diesen Begriff irgendwie ganz gut, aber auch irgendwie so abschreckend, missverständlich. Also Muskelschwund, der durch das normale Leben, einfach durchs älter werden entsteht.
Und gegen den müssen wir ja auch noch angehen. Das heißt, wir sollten erst den Muskelschwund eigentlich angehen und dann auch noch die Haltung korrigieren. Und beides zusammen führt dann dazu, dass wir Fehlhaltungen natürlich haben.
Und das ist aber auch wirklich so, in der Praxis ist es genau das, was wir sehen. Man muss sich auch in der Praxis die Zeit nehmen, den Patienten hinzustellen und ein bisschen mit dem zu quatschen. Du kannst den nicht hinstellen, drei Sekunden anschauen und sagen, du stehst top.
Da steht der natürlich top, weil alle stehen erstmal so, oh der Arzt guckt mich an. Aber red mal mit dem drei Minuten, dann steht der nämlich nicht mehr so.
[Nils Behrens] (13:36 - 14:04)
Naja, aber ich sage dir ganz ehrlich, Michael, bei mir war es wirklich so, ich kannte dann eh das Problem. Und bei mir im Gym haben wir auch immer so eine Messung, wo dann eben halt Größe und Gewicht dann gleichzeitig gemessen wird, in so einer Seca-Einheit. Und dann habe ich mich bewusst versucht, so gut wie möglich aufzurichten.
Ich kann das ja gar nicht mehr in dem Maße so. Also diese Haltung so weit zu korrigieren, da komme ich sozusagen kaum noch gegen an.
[Dr. Michael Lehnert] (14:05 - 14:25)
Da kommt dann möglicherweise der Physiotherapeut ins Spiel, der Osteopath ins Spiel, der Faszientherapeut, der regelmäßig auch mit einem arbeiten kann. Das heißt, das ist ja auch so bei meinen, ich wehre mich manchmal dagegen, Patient zu sagen. Ich sage auch manchmal Kunde, weil ich finde immer, man muss nicht unbedingt Patient sein, um zum Arzt zu gehen.
[Nils Behrens] (14:25 - 14:34)
Ja, ja, definitiv. Also ich habe ja keine Probleme, das ist ja der Vorteil. Wenn ich jetzt irgendwie Kopfschmerzen hätte, Nackenprobleme, Verspannungen, you name it, habe ich alles nicht.
[Dr. Michael Lehnert] (14:34 - 15:24)
Das ist kein Problem, aber ich meine einfach, dass man, wenn jemand jetzt auch mit Sport anfängt und aufbauen will, tut man gut daran, ihn häufig auch erstmal zur guten Physiotherapie zu schicken, um das System überhaupt für den Sport vorzubereiten. Ein bisschen zu lockern, die Faszien wieder aus den Verklebungen zu lösen. Weil das wissen wir ja auch, wie soll das Krafttraining wirken, wenn mein Körper nicht mobil dafür ist.
Das hat ja oftmals was mit dieser Elongation der Muskeln zu tun, also ob wir aus einer weiten Vorspannung kommen oder nicht. Aber diese weite Vorspannung, die müssen wir erstmal erreichen. Das erreichen viele nicht.
Also von daher ist es schon ein kleiner aufbauender Weg, um wieder ein Stück weit aus dieser Fehlhaltung rauszukommen.
[Nils Behrens] (15:25 - 15:52)
Gut, gut. Das nehme ich einfach mal so mit. Was würdest du sagen, ich hatte jetzt gerade gesagt, ich habe keine Probleme damit, aber was sind denn aus deiner Sicht die häufigsten Probleme, weil die meisten Leute kommen ja zum Arzt, weil sie Beschwerden haben, sagen wir mal so.
Die sagen ja nicht wie ich, ich wäre gerne wieder diese 1,2 Zentimeter größer, sondern die sagen einfach so, mir tut was weh.
[Dr. Michael Lehnert] (15:53 - 17:00)
Also leider kommen sie erst zum Arzt, wenn sie Beschwerden haben. Da haben die Zahnärzte uns einiges voraus, weil da gehen sie schon hin, wenn sie keine Beschwerden haben. Weil da hat sich diese Prophylaxe eben etabliert.
Und auch das ist ja das, wofür ich so ein bisschen im Buch stehe, dass ich kleine Selbsttests beschreibe, wo man auch mal selber gucken kann, stimmt denn alles, wie ist denn meine Schulterbeweglichkeit. Und das sind so diese Probleme. Die Menschen haben nicht mehr das gesamte Bewegungsausmaß ihrer Gelenke, weil wir natürlich auch mit 30 Prozent weniger im Leben gut zurechtkommen.
Als ich gelernt habe in den 80er Jahren, Ende 80er Jahre, haben wir den Schulterpatienten noch Sprüche empfohlen wie, du musst Wäsche aufhängen. Das resultiert daraus, dass es früher Wäscheleinen gab, vorzugsweise in Berlin auf dem Hängeboden, also unterm Dach. Und da musste man sich recken, um da ranzukommen.
Das heißt, wir müssen hier hoch. Aber wer hat denn seinen Trockner in dieser Position zu stehen? Der ist irgendwo unten und ich werfe die Wäsche rein.
Das heißt, diese Bewegung macht man in aller Regel nicht.
[Nils Behrens] (17:00 - 17:10)
Es ist so lustig, wenn man sich so alte Aerobic-Videos mal so anschaut, da haben die das immer gemacht. Da haben die dann wirklich immer so Übungen gemacht, wo sie wirklich über längeren Zeitraum, als ob sie Äpfel pflücken würden.
[Dr. Michael Lehnert] (17:11 - 17:27)
Ja, genau, dieses Hochgehen, Rotationen. Ich habe sehr viele, das ist auch so aus dem Leben, sehr viele Tennisspieler, die sagen, es tut mir nichts weh, aber ich merke, ich kriege meinen Aufschlag nicht mehr so hin.
[Nils Behrens] (17:28 - 17:30)
Ich empfehle Paddle an dieser Stelle, da muss man ihn von unten machen.
[Dr. Michael Lehnert] (17:30 - 18:02)
Paddle muss man von unten machen. Das ist eigentlich auch wieder schlecht. Ja, aber stimmt.
Von unten, da merkt man es dann nicht so. Aber wenn man die dann untersucht, stellt man fest, die kommen in der Außenrotation der Schulter nur noch bis hier oder hier. Und wenn man das jetzt mit einem Tennisschläger verlängert sich vorstellt, schlagen die den sich entweder auf den Kopf oder müssen sich in einer Brustwirbelsäule drehen und dann kriegen die wieder Probleme mit einer Brustwirbelsäule.
Ich meine nur damit, die Bewegungsverluste müssen nicht immer schmerzhaft sein, aber sie stören oft.
[Nils Behrens] (18:04 - 18:11)
Was würdest du sagen, welches sind die Top 3 Altersbewegungen, die in ihrer Schädlichkeit unterschätzt werden?
[Dr. Michael Lehnert] (18:14 - 18:17)
Die Altersbeweglichkeiten, also nicht die Beweglichkeitseinschränkungen.
[Nils Behrens] (18:18 - 18:24)
Nein, nein. Welche Bewegungen machen wir im Alltag? Oder, keine Ahnung, vielleicht nehmen wir auch einfach sitzen als Nichtbewegung. Ich weiß es nicht.
[Dr. Michael Lehnert] (18:26 - 18:32)
Ich glaube, dass es extrem schädlich ist, dass wir tatsächlich falsch auf dem Stuhl sitzen.
[Nils Behrens] (18:32 - 18:34)
Ich bin mit meinen Beinen überschlagen.
[Dr. Michael Lehnert] (18:35 - 20:12)
Ja, und wir sitzen zu wenig aufrecht, wir sitzen zu wenig auf der Stuhlkante vorne, also wir lehnen uns dabei zu sehr an.
Eine andere schlechte Alltagsbewegung, und das sind kleine Bewegungen, ist die Maus- und Tastaturbewegung. Es klingt immer so, als wäre die gute alte Zeit die bessere gewesen. Um Gottes Willen, das soll nur darstellen, was hat sich verändert.
Als wir früher die mechanische Schreibmaschine hatten, mussten wir, wir konnten die Tasten nicht nur aus dem Finger runterdrücken. Das ist einfach technisch und kraftmäßig nicht möglich gewesen. Wir mussten ein bisschen diesen Arm so machen.
Wenn man sich an dieses alte Comic-Video erinnert von Jerry Lewis, wo er diese Schreibmaschine mit der Musikunterlegung macht, das ist eine Aktion. Und so war es ja auch, wenn du nur dieses Ding wieder hin- und hergeschoben hast. Heute bewegen wir nur noch die Finger.
Aber diese Mikrobewegung in der Starre des gesamten Oberkörpers führt eben doch zu einer Reizung. Zu diesem Repetitive-Strain-Injury-Syndrom, RSI-Syndrom, wo eben kleinste Lesionen diese Schmerzen auslösen. Und das ist ja auch so, heute nennen wir das Mausarm.
Früher vielleicht eher Tennis-Ellenbogen. Da war es ja auch jedem geläufig, ich mache eine kraftvolle Bewegung, da ist Sport dahinter, klar überlaste ich mir den Ellenbogen. Jetzt habe ich einen Mausarm.
Das ist ja nicht angekommen eine Zeit lang in der Gesellschaft, dass das auch ein Krankheitsbild ist. Das waren ja erstmal die Krankmacher, die nicht mehr arbeiten wollten. Also das muss man schon so sehen.
Und das sind diese Bewegungen, die schädlich sind. Es sind nicht immer die großen, es sind die kleinen Bewegungen.
[Nils Behrens] (20:12 - 20:18)
Ich variiere dann mal meine Frage. Was würdest du sagen sind die Top 3 Körperregionen, die heute besonders leiden?
[Dr. Michael Lehnert] (20:19 - 20:36)
Absolut Nacken und obere Brustwirbelsäule oder überhaupt obere Wirbelsäule, weil die gehört so ein bisschen mit dazu. Für mich unbedingt die Schulter, ganz klar, weil die super wenig bewegt wird. Die kann so viel und wird so wenig genutzt.
[Nils Behrens] (20:38 - 20:56)
Interessanterweise sieht man das auch sehr häufig, dass gerade Menschen, die jetzt vielleicht nicht ins Gym gehen oder sowas, man sieht das sehr häufig, dass die einfach wirklich auch eine schlecht ausgeprägte Schultermuskulatur haben. Also diese leichte Kugel, die sich ja so im Idealfall da so andeuten sollte, die sieht man gerade, wenn man mal so irgendwo am Strand ist oder sowas immer weniger.
[Dr. Michael Lehnert] (20:56 - 21:16)
Ja, das stimmt, ist natürlich auch genau die Muskelregion, die extremst schwer zu trainieren ist, weil einfach diese drei Anteile des Schultermuskels gar nicht so leicht anzusprechen sind, wenn man es nicht sehr sehr regelmäßig macht. Aber das ist völlig richtig, die geht zurück und für mich ist schon ein bisschen die dritte Region und das vermutet man vielleicht gar nicht, ist am Ende doch das Knie.
[Nils Behrens] (21:18 - 21:19)
Oha, da war ich jetzt nicht gerechnet.
[Dr. Michael Lehnert] (21:19 - 21:57)
Genau, weil doch viele Menschen eine Achsfehlstellung im Bein haben und das wird über viele Jahre und Jahrzehnte vom Körper toleriert und aufgefangen. Und jetzt kommen wir wieder in die Reduktion der Muskulatur, unser Muskel führt und stabilisiert die Gelenkachse. Und wenn das weniger wird, dann kommt natürlich eine Fehlstellung mehr zum Tragen, logischerweise.
Und daraus resultiert dann doch oft eine Arthrose, die vielleicht vorher hätte erkannt werden können, wenn man einfach mal so einen, naja, vielleicht sich einfach mal im Spiegel fotografiert hätte.
[Nils Behrens] (21:57 - 22:07)
Ja, aber interessant, ich finde das ist ja wirklich etwas, was ich jetzt verstärkt sehe, dass das angeboten wird, dass man eben halt wirklich Haltungsanalysen macht.
[Dr. Michael Lehnert] (22:07 - 22:07)
Absolut.
[Nils Behrens] (22:09 - 22:31)
Also das Problem scheint erkannt zu sein, also auch selbst so, ich habe es jetzt gerade zuletzt hier in Berlin im Telegraphenamt die bieten eben halt auch so Haltungsanalysen, so X-Body nennt sich das glaube ich. Aber ist ja auch egal, wer es macht, ich sage nur einfach, dass man merkt, dass dieses Problem scheinbar erkannt ist und so ein bisschen mehr in diesen Präventions-Lifestyle-Bereich jetzt auch dann übergeht.
[Dr. Michael Lehnert] (22:32 - 23:15)
Das sind sicherlich immer so zwei Entwicklungen, das eine ist, das Problem ist erkannt, das andere ist, dass natürlich im Rahmen der Gesundheitsprävention oder auch der Behandlung immer wieder nach neuen Wegen gesucht wird, Dinge anzubieten. Das hat sicherlich für das eine oder andere Institut auch für Ärzte in den Praxen einen wirtschaftlichen Aspekt. Ganz klar, dass man natürlich versucht sich auch von anderen abzugrenzen, aber es macht absolut Sinn, weil ich habe früher immer schon auch meine Patienten, gerade wenn irgendwas hinten war, Achillessehne, Ferse schief stand, einfach mal ein Handyfoto gemacht.
Nach vorne gegangen und ihm gezeigt, weil der Patient an sich sieht sich oft nicht von hinten.
[Nils Behrens] (23:16 - 23:31)
Das stimmt, das stimmt. Was können wir denn im Alltag tun, um solche Verspannungen zu vermeiden, ohne dass wir gleich den Beruf wechseln müssen? Also wenn ich einfach sehr viel sitzend bin, sehr viel die Maus benutzen muss, sehr viel tippe, was mache ich dann?
[Dr. Michael Lehnert] (23:32 - 24:24)
Ich muss mir die Zeit nehmen, während der Arbeit und selbst wenn ich vielleicht in einem Büro sitze, wo andere dabei sind, zwischendurch mal einen Break von fünf Minuten zu machen. Ich meine, jetzt kommen wir ein bisschen aufs Rauchen oder so. Früher sind die Leute auch mal fünf Minuten rauchen gegangen und keiner hat nachgeschrien.
Und jetzt steht man einfach mal auf und man macht Übungen und schaut, dass man diese Übungen für sich eben auch verinnerlicht hat, die nicht länger in einer Frequenz vielleicht von fünf Minuten sind. Das ist einfach das, womit ich meinen Arbeitsalltag unterbrechen kann, also auch den schlechten Haltungsalltag unterbrechen kann. Das ist nicht unbedingt das Trainingsprogramm, um mich grundsätzlich fit zu halten, aber es geht darum, dieses permanente, fehlhaltungsbedingte Arbeiten zu unterbrechen.
Eben mal aufstehen, Haltung, Sitzposition verändern, Bildschirm verändern.
[Nils Behrens] (24:24 - 24:28)
Da muss man ja zumindest noch ausdrucken. Heute druckt ja auch kein Mensch mehr aus.
Ich meine, es ist gut für die Umwelt, aber trotzdem.
[Dr. Michael Lehnert] (24:28 - 25:22)
Genau, man muss nicht mal mehr zum Drucker gehen. Aber auch das hat ja Zeit gekostet und diese Zeit, die kann ich mir dann auch mal nehmen.
Das ist zum Beispiel da, ohne da jetzt irgendwie großartig Werbung zu machen, aber zwei meiner Söhne sind so ein bisschen im E-Sports verankert. Der eine macht das beruflich. Die haben so eine App gemacht, Inestix.
Da geht es darum, den E-Sportler oder den, der am Schreibtisch sitzt, mit kurzen Übungssequenzen wieder in die Bewegung zurückzuholen. Das ist bei mir genauso in der Praxis. Wenn ich dem Patienten was von halber Stunde Übung mache, dann sagt der immer, vorm Arzt wird immer Ja gesagt.
Der geht aber raus und denkt sich, nein, ich mache eh nicht, schaffe ich nicht, keine Zeit. Aber wenn du mit dem mit fünf Minuten kommst und in diese fünf Minuten packst du sogar sechs Übungen, dann hat der sich bewegt und der hat was für Fullbody gemacht. Das ist absolut sinnvoll.
[Nils Behrens] (25:22 - 25:50)
Ich hatte in meinem letzten Büro eine Klimmzugstange. Ich habe sie auch schon wirklich oft erwähnt in diesem Podcast.
Ich fand das immer so gut, weil es kommen ja diese ganzen wearables, da ist der Ring oder die Apple Watch oder sonst was. Die sagt ja immer so, hey, Zeit mal wieder aufzustehen. Ich habe dann jedes Mal, wenn diese Erinnerung dann kam, dachte ich so, jetzt stehe ich mal richtig auf und habe dann ein paar Klimmzüge gemacht.
Ich fand das einfach total gut, weil man sich danach natürlich dann auch gleich so viele Muskeln aktiviert hat. Ich merke an dieser Stelle, ich brauche wieder eine Klimmzugstange.
[Dr. Michael Lehnert] (25:50 - 26:07)
Jetzt muss man schon wieder sagen, das würde jetzt schon wieder alle abschrecken, weil wer kann denn schon Klimmzüge? Man könnte jetzt aber auch sagen, alleine das Hängen, dass man einfach hängt. Das heißt, die Wirbelsäule wird auseinandergezogen entgegen dem Sitzen von vorher.
Alleine das ist ja schon eine Sensation.
[Nils Behrens] (26:07 - 26:14)
Dann werde ich das jetzt hier durchsetzen, dass wir eine sehr hochhängende Klimmzugstange hier irgendwo aufhängen. Dann die, die keine Klimmzüge machen wollen, können sich einfach hängen.
[Dr. Michael Lehnert] (26:14 - 26:32)
Oder du machst gleich dieses Gummiseil zur Unterstützung dran, wo man den einen Fuß reinsetzen kann. Dann gehen auch die ran, die es nicht schaffen, die sich nicht komisch vorkommen. Die brauchen keinen Tritt, die können dann das Gummiseil haben, eine Unterstützung und können wenigstens eine leichte Aktivierung machen.
[Nils Behrens] (26:32 - 26:45)
Bestellung geht raus. Du zeigst in deinem Buch auch viele Übungen, die ohne Geräte funktionieren. Sind das denn zum Beispiel so Übungen für die, die wirklich wenig Zeit haben, die sie auch zwischendurch machen können?
[Dr. Michael Lehnert] (26:47 - 27:22)
Es sind erstmal Übungen für alle. Ich wehre mich sehr gegen das, ich habe wenig Zeit und muss deswegen diese Übungen machen. Die Zeit kann man immer finden.
Ich glaube, es ist eher dann die Übung für den, der doch nicht die super Motivation hat oder erstmal wieder an die Bewegung herangeführt werden muss. Das ist ja ein kleiner Prozess. Ich merke, fünf Minuten tun mir gut.
Warum soll ich nicht mal sieben machen? Das ist schon so eine Entwicklung bei den Menschen. Und genau die Übungen sind es.
Kein Equipment kaufen, nicht irgendwo hingehen müssen und so weiter.
[Nils Behrens] (27:23 - 27:25)
Jetzt rät mir nicht gleich wieder die Klimmzugstange aus.
[Dr. Michael Lehnert] (27:25 - 27:26)
Absolut nicht.
[Nils Behrens] (27:28 - 27:35)
Du gibst ja auch regelmäßig Selbsttests.
Kannst du ein bisschen erklären, warum diese Selbsttests aus deiner Sicht so wichtig sind?
[Dr. Michael Lehnert] (27:36 - 27:48)
Weil nicht jede Veränderung an unserem Körper, die langfristig oder mittelfristig gesehen schädlich sein wird, sofort Beschwerden macht. Das heißt, wir nehmen das ja nicht wahr.
[Nils Behrens] (27:48 - 27:50)
Das ist dein Kniebeispiel.
[Dr. Michael Lehnert] (27:50 - 28:25)
Genau, wenn kein Leidensdruck da ist. Aber es ist auch das Beispiel mit der Schulter. Das heißt, wer weiß dann, ob seine Schulter nach hinten, nach außen gut rotierbar ist.
Das heißt, ich muss mich einfach mal an die Wand stellen und mal gucken, schaffe ich es, meine Streckseite der Unterarme an die Wand zu bringen? Geht das? Oder wie weit komme ich zum Beispiel runter zum Boden?
Also dieser Finger-Boden-Abstand, wie wir den auch in der Medizin nennen. Kann ich mir eine Schürze zubinden? Macht ja auch keiner mehr heutzutage.
[Nils Behrens] (28:26 - 28:27)
Doch, aber vorne.
[Dr. Michael Lehnert] (28:27 - 28:48)
Genau, vorne. Aber kann ich das auch hinten?
Das nennen wir in der Medizin ja auch wirklich den Schürzengriff. Das sind ja wirklich so Begriffe, die sind noch aktuell. Wie sieht mein Fußabdruck aus, wenn ich aus der Dusche komme, auf dem Handtuch?
Ist das einfach so ein riesiger Wasserfleck oder kann ich da irgendeine Form erkennen?
[Nils Behrens] (28:49 - 28:49)
Was ist besser?
[Dr. Michael Lehnert] (28:50 - 28:51)
Eine Form zu erkennen.
[Nils Behrens] (28:53 - 28:56)
Was rätst du denn jemandem, der das Gefühl hat, jetzt ist es eh schon alles zu spät?
[Dr. Michael Lehnert] (28:57 - 30:23)
Also der muss in jedem Fall zu einem Mediziner gehen, der die Zeit hat, ihn ein bisschen aufzubauen und zu erklären. Und das ist einer, der schafft es nicht, alleine anzufangen. Und da muss man ehrlicherweise sagen, und das wissen ganz viele nicht.
Ich will jetzt nicht das Gesundheitssystem zusätzlich belasten, aber wir haben bei Muskelinsuffizienzen beispielsweise oder auch nach Operationen die Möglichkeit, ein Rezept auszustellen, das nennt sich KGG, Krankengymnastik am Gerät. Das heißt, ich habe einen Termin, schon mal gut, da geht der Mensch hin. Ich habe jemanden, der passt auf mich auf und im Idealfall korrigiert er mich, auch schon mal gut.
Und ich werde langsam da rangeführt und mache wahrscheinlich keine Fehler, in meinen ersten Übungen wieder dahin zu kommen. Ich glaube, das ist der Weg, wo man die Menschen hinführen muss. Und das stellt man relativ schnell fest, wer da für sowas geeignet ist und wem man aber vielleicht was für zu Hause, für sich selber eben an die Hand geben kann.
Es gibt ja welche, die schaffen das wieder. Und dann geht natürlich ganz viel damit einher. Ich muss wahrscheinlich auch ein bisschen mehr auf meine Ernährung achten.
Ich muss mal drüber nachdenken, ob vielleicht auch ein Glas Wein und ein Bier weniger nicht vielleicht auch dazu führt, dass es mir gut geht und so weiter. Das sind natürlich Begleitumstände.
[Nils Behrens] (30:25 - 30:43)
Ja, ich bin ein großer Fan. Also gerade was du sagst, das KGG, also wir hatten das bei uns im Lanserhof oder im Hansemedikum Hamburg, hatten wir das auch wirklich viel angeboten. Und da hatten wir, by the way, auch so ein HWS-Gerät.
Das heißt also, da war genau das, was ich hätte ich jetzt die Diagnose von heute auch benutzen würde, dass man eben tatsächlich gegen einen Widerstand den Kopf nach hinten drückt.
[Dr. Michael Lehnert] (30:44 - 31:14)
Wobei das schon wieder eine dynamische, auch das kann man übrigens ohne HWS-Gerät, das ist auch eine Übung, die ich beschreibe oder ein kleines Training. Wie man ja sehr gut Maximalkraft gut aufbauen kann, ist ja das isometrische Training. Also wir müssen uns gar nicht immer bewegen, um keine falsche Bewegung zu machen.
Wir stellen uns an die Wand gerade, der Rücken ist an der Wand und ich drücke einfach nur diese 6-8 isometrischen Sekunden meinen Hinterkopf fest gegen die Wand. Entspanne wieder und mache das vielleicht 6-mal, 7-mal, je nachdem wie ich es schaffe.
[Nils Behrens] (31:14 - 31:15)
Tut das nicht weh?
[Dr. Michael Lehnert] (31:16 - 31:17)
Am Kopf?
[Nils Behrens] (31:17 - 31:17)
Ja?
[Dr. Michael Lehnert] (31:17 - 31:17)
Nein.
[Nils Behrens] (31:18 - 31:19)
Probier gleich aus.
[Dr. Michael Lehnert] (31:19 - 31:29)
Ja, können wir ausprobieren. Also eigentlich, das tut nicht weh.
Aber das sind so einfache Sachen, womit wir auch wirklich die Nackenmuskulatur hinten stärken können. Kann man auch im Auto übrigens machen, an der Kopfstütze.
[Nils Behrens] (31:29 - 31:42)
Ich fahre mit dem Fahrrad. Du schreibst in deinem Buch ja auch über Longevity. Da habe ich nur gedacht, jetzt bist du einfach mal auf einen Trend aufgesprungen.
Aber nein, du sagst eben halt auch, dass das Thema Langlebigkeit hat eben halt auch eine Bedeutung aus orthopädischer Perspektive.
[Dr. Michael Lehnert] (31:42 - 32:14)
Naja, man kann ja, oder so schreibe ich es ja auch ein bisschen. Ich rücke ja die Orthopädie sozusagen an die Stelle der Vorreiter der Longevity. Weil ich natürlich einfach sage, wenn wir in der Orthopädie nicht schon vor hunderten von Jahren Ersatzglieder gebastelt hätten.
Das klassische Holzbein und so weiter. Dann hätten die Menschen einfach weniger Mobilität. Die hätten nicht am Leben teilnehmen können.
Die wären zwangsläufig früher gestorben. Also haben wir schon was für diese Langlebigkeit.
[Nils Behrens] (32:14 - 32:15)
Ihr seid eigentlich die Pioniere der Longevity.
[Dr. Michael Lehnert] (32:15 - 32:17)
Eigentlich Pioniere, ja.
[Nils Behrens] (32:17 - 32:18)
Ihr habt es erfunden. Wir haben es erfunden. Genau.
[Dr. Michael Lehnert] (32:19 - 32:21)
Es ist ein bisschen mit Augenzwingen.
[Nils Behrens] (32:21 - 32:50)
Aber ich will dir an einer Stelle was sagen. Mich hatte neulich jemand gefragt, was ist denn das Thema zum Thema Longevity. Und die Antwort gebe ich eben halt immer, die wichtigste Absicherung, die wir haben für ein langes, gesundes Leben, ist eine gute Muskulatur und eine Beweglichkeit.
Das ist genau das, was ich ehrlich gesagt, also ich habe dich jetzt bewusst ein bisschen provokant gefragt, aber das ist das, was ich immer sage. Weil es ist die Grundvoraussetzung, dass wir eben halt kräftig und beweglich bleiben, damit wir eben halt ein selbstbestimmtes Leben führen können.
[Dr. Michael Lehnert] (32:50 - 34:38)
Das ist richtig, zumindest meiner Ansicht nach, zum jetzigen Forschungsstand des Longevity ist es richtig. Denn für mich ist so, Longevity sind so drei Säulen eigentlich. Die eine Säule ist für mich das, was Oma schon immer gesagt hat.
Bub iss vernünftig, schlaft vernünftig, nimmt keine Drogen, trinkt nicht so viel Alkohol. Das ist so das, was ja jeder für sich machen muss. Also alles andere nutzt nichts, wenn ich das, was ich selber tun kann, völlig vernachlässige und da nur Mist baue.
Die zweite Säule ist das, wo ja auch richtig viel Geld da reinfließen, was wir zum Teil gar nicht, also viele gar nicht wissen, dass auch viele der Tech-Milliardäre investieren in diese ganzen Forschungszentren in Amerika. Wo wir die todbringenden Krankheiten so früh wie möglich erkennen wollen, ohne dass sie Schaden bringen. Also so ein bisschen Stichwort diese fluoreszierenden Geschichten von Zellen, die eben schon in Richtung Krebszellen gehen, um das sehr vereinfacht zu sagen.
Das ist die zweite Säule. Und die dritte Säule, und da spielt der Muskelaufbau keine Rolle mehr. Wir werden gar nicht erst alt.
Das heißt, wir schaffen es, diesen Alterungsprozess überhaupt aufzuhalten. Dann ist es egal. Dann werden wir auch keine Sarcopenie mehr haben.
Wir werden also diesen Muskelabbau nicht haben, weil auch der ja mit der Verkürzung der Telomere und so weiter, also gar nicht so wahnsinnig ins Detail. Wenn wir das schaffen, dann sind wir mit dem Thema nicht mehr gefragt als Orthopäden, den Muskelaufbau zu haben.
[Nils Behrens] (34:38 - 35:11)
Ich weiß nicht, ob ich dir da wirklich völlig zustimmen würde, weil laut meiner App bin ich fitter als ein durchschnittlicher 26-Jähriger. Und der Muskelabbau beginnt mit 25. Das heißt also, da müssen die schon in einem Jahr ganz schön viel verloren haben, als dass ich die jetzt irgendwie noch einholen kann.
Also von daher, ich würde schon sagen, dass natürlich, ich verstehe worauf du hinaus willst, aber ich glaube nichtsdestotrotz ist es ja so, dass man auch in seiner Jugend trotzdem was für seine sportliche Fitness und Leistungsfähigkeit tun muss.
[Dr. Michael Lehnert] (35:12 - 36:05)
Überhaupt gar keine Frage. Das ist ja auch so, wenn ich das in der Jugend heutzutage schon gut aufbaue, dann lebe ich von diesem Bonus länger. Wir wissen ja auch, dass der Muskel eine gewisse Erinnerungsfunktion hat.
Wenn ich immer früher viel Beine trainiert habe, muss ich heute nicht so lange Beine trainieren, um das wieder aufzubauen. Aber, auch wenn ich heutzutage laut einer App oder wie auch immer jünger bin, als mein wirklich biologisches Halter ist, ist es so, dass mir die Aufbauprozesse schwerer fallen, wenn ich älter bin. Das heißt, es gibt genauso Untersuchungen.
Ein 70-Jähriger, der zwei Wochen lang bettlägerig war, Lungenentzündung, Hüft-OP, was auch immer, wird es kaum schaffen, seine Muskulatur wieder so aufzubauen, wie es davor war.
[Nils Behrens] (36:06 - 36:06)
Zwei Wochen?
[Dr. Michael Lehnert] (36:06 - 36:40)
Zwei Wochen. Krass. Ein jüngerer Mensch wird das schaffen.
Warum schafft er es? Weil er natürlich einen ganz anderen Hormonhaushalt hat. Das ist einfach so.
Der eine große Rolle spielt für die Muskulatur. Er hat eine andere Regenerationsfähigkeit der Muskulatur. Die Mitochondrien arbeiten anders, also diese kleinen Kraftwerke der Zelle.
Und insofern, du bist jetzt deutlich jünger, richtig gut, aber du würdest auch viel schneller altern, wenn du das, was du tust, nicht mehr machen kannst, aus irgendeinem Grund.
[Nils Behrens] (36:42 - 36:47)
Ich finde, dafür muss man aber dann sagen, dann kriegen wir ein paar extra Credits dafür, dass wir so fit sind in unserem Alter.
[Dr. Michael Lehnert] (36:48 - 36:49)
Natürlich, absolut, klar.
[Nils Behrens] (36:50 - 36:52)
Was ist denn deine persönliche Definition von gesund alt werden?
[Dr. Michael Lehnert] (36:55 - 37:42)
Im Grunde die Kombination aus einer unabhängigen körperlichen Fitness. Das heißt unabhängig, mich muss keiner schieben. Mir muss auch nicht vielleicht irgendjemand helfen beim Anziehen, um einfache Dinge zu bringen.
Ich muss aber auch im Kopf so fit sein, dass ich merke, dass mich kein anderer anzieht und muss wissen, wo meine Sachen da sind. Das heißt, es ist eine geistige Fitness wichtig und die körperliche Fitness. Und wobei ich der geistigen Fitness ein bisschen größeren Stellenwert einräumen möchte, weil natürlich derjenige, der geistig fit ist, auch vielleicht ein Defizit im Körperlichen besser kompensieren kann.
[Nils Behrens] (37:43 - 37:51)
Ja, verstanden. Also dieser Stephen Hawking hat es ja relativ lange mit körperlicher Einschränkung sozusagen geschafft.
[Dr. Michael Lehnert] (37:51 - 38:05)
Genau, das sind ja eigentlich so klassische Beispiele aus dem Alltag. Und ich sehe es an meiner Mutter, sie ist schlecht zu Fuß, im Kopf sehr, sehr klar. Und das hilft ihr trotzdem am Leben aktiv teilzunehmen.
[Nils Behrens] (38:05 - 39:17)
Ja, das stimmt. Also meine Großtante ist 102 geworden, die ist aber jeden Tag immer noch geschwommen, bis sie damit aufgehört hat, ein halbes Jahr lang dann aufgehört und dann ist sie dann verstorben. Aber das fand ich so faszinierend, wenn die Skat mit uns gespielt hat.
Also ich bin schon immer schlechter drin, für alle, die nicht Skat spielen können, man muss so sich merken, wie viele Trümpfe noch im Spiel sind. Und ich glaube, es sind nur zwölf, oder? Und nicht mehr das schaffe ich, mich beim Spiel so gut zu konzentrieren, dass ich immer genau weiß, wie viele Trümpfe noch da sind.
Die hat nicht nur die Trümpfe mitgezählt, die hat auch genau gezählt, wie viele Punkte sie schon eingesammelt hat. Und da reden wir über mindestens 60 Punkte, die sie mitzählen musste. Und das fand ich schon, also da gehen ja zwei Rechenprozesse gleichzeitig sozusagen, die parallel laufen.
Und das fand ich schon echt immer sehr, sehr eindrucksvoll, wie die das eben halt mit, ich weiß nicht, das letzte Mal haben wir wahrscheinlich mit 99 oder so was im DS-Skat gespielt. Also da sind wir mal bei einer geistigen Fitness, die schon beeindruckend ist. Was aber auch da die neuesten Studien wiederum zeigen, dass durch ein regelmäßiger Kraftsport, die Mitochondrien besonders gesund sind, die gesunden Mitochondrien sich ja auch wiederum positiv auf den Geist auswirken.
[Dr. Michael Lehnert] (39:17 - 39:31)
Ja, es gibt auch, unglücklicherweise fällt es mir gerade nicht ein, aber es wird so ein Enzym ausgeschüttet aus der Muskulatur, die trainiert wird, die in der Tat auch die Regeneration im Hirn positiv beeinflusst.
[Nils Behrens] (39:31 - 39:45)
Ja, also von daher, sage ich mal sowas, dieser alte Ausspruch, den du als Lateiner bestimmt besser kannst als ich, aber ein gesunder Geist ist ein gesunder Körper und auch andersrum, das scheint einfach immer auch zu stimmen.
[Dr. Michael Lehnert] (39:46 - 39:47)
Absolut, absolut.
[Nils Behrens] (39:48 - 40:04)
Wie können wir denn besser lernen, auf unseren Körper zu hören?
Das heißt also wie, wir reden jetzt über, im Grunde genommen eigentlich reden wir die ganze Zeit über Menschen, die zu dir kommen, wo das Kind schon in den Boden gefallen ist. Und wir wollen jetzt ja, dass unsere ZuhörerInnen es gar nicht so weit kommen lassen.
[Dr. Michael Lehnert] (40:08 - 41:46)
Einfach gehört natürlich dazu, dass man sich immer wieder hinterfragt, das fällt vielen Menschen schwer, also hinterfragt im Sinne seines Lebensstils, aber auch in dem, was man macht, wie oft bin ich Treppen gestiegen und so weiter. Aber in der Tat ist es so, und das ist ein bisschen auch mein Hauptanliegen gewesen, ich muss in der Lage sein, Dinge zu haben, vielleicht auch mit Hilfe des Arztes oder des Physiotherapeuten, wo ich meinen Körper mal checken kann. Also ich muss einfach bestimmte Sachen checken können.
Es gibt Checklisten für kognitive Sachen, also für die Gedächtnisleistung, es gibt Checklisten, welcher Partner der richtige für mich ist und so gibt es eben auch kleine Checklisten, wie fit ich eigentlich bin. Das ist ja nichts Absolutes. Das heißt, wenn ich plötzlich nur noch 39 Sekunden auf einem Bein stehen kann, obwohl ich das vielleicht 45 machen sollte, dann gehe ich auch nicht gleich ins Grab.
Aber ich weiß zumindest, ich bin nicht in der oberen Hälfte derjenigen, die das machen. Und dass ich einfach auch mal probiere, kann ich überhaupt noch Kniebeugen machen. Oder rückwärts laufen.
Oder rückwärts laufen. Das sind so Dinge, auf die kann man ja mal achten. Viele fangen ja damit wieder an, wenn sie Kinder haben und wenn man älter ist, wenn sie Enkel haben.
Das ist ja ganz erstaunlich, wie oft Patienten zu mir kommen und sagen, ja es ist passiert beim Spielen mit den Enkeln. Ja warum wohl? Weil ich vorher nicht rückwärts gelaufen bin, weil ich vorher nicht die Treppe runtergerannt bin, weil ich vorher nicht auf den Knien herumgerutscht bin.
Und das muss man sich einfach bewahren. Und das kann man bewahren.
[Nils Behrens] (41:46 - 41:48)
If you don't use it, you lose it.
[Dr. Michael Lehnert] (41:48 - 41:49)
Ja, absolut.
[Nils Behrens] (41:49 - 42:30)
Ich finde es so interessant, auch die Geschichte habe ich schon mehrfach erzählt, mein Vater war mal der Meinung, dass er bald nicht mehr Fahrrad fahren könnte.
Weil alle seine Freunde, die so zwei Jahre älter sind als er, der wird jetzt 81, die meisten ab 80 können das nicht mehr, weil sie Schwindelgefühle haben. Das hast du eben auch schon angesprochen mit der Stufe. Und da sage ich ihm immer, naja, aber deine Freunde sind wahrscheinlich die gewesen, die dann den ganzen Winter über nicht gefahren sind, dann sich im Frühling einmal draufgesetzt haben und sagen, oh mir wird schwindelig und dann aufgehört haben Fahrrad zu fahren.
Du fährst jeden Tag, teilweise mehrere Stunden. Da wacht man doch, aber korrigier mich, man wacht ja nicht eines Morgens auf, setzt sich aufs Fahrrad und dann geht es nicht mehr.
[Dr. Michael Lehnert] (42:30 - 43:25)
Genau, genau so ist es aber auch. Das ist ja mit allem so. Wenn man irgendetwas sehr regelmäßig getan hat, Fahrradfahren, Skifahren, das gibt ja immer so, auch alte Sprüche im Grunde, Fahrradfahren verlernst du nicht.
Skifahren verlernst du irgendwie nicht, du musst das möglicherweise anpassen. Und das ist ja auch wieder der Grund, warum man im Alter jetzt mit E-Bikes echt vorsichtig sein muss, weil die plötzlich viel schneller fahren, als ich eigentlich selber könnte und so weiter. Das ist nicht so, wenn man aufsteht und etwas nicht mehr kann, was man vorher wirklich gut konnte, auch im Alter, dann muss man dringend zum Arzt gehen.
Weil dann ist irgendwas passiert im Körper, was nicht normal ist. Weil Alterserscheinungen, die kommen ja, aber sie kommen ja langsam und schleichend. Das ist ja eine long journey und das ist ja nichts, was von heute auf morgen passiert.
[Nils Behrens] (43:28 - 43:55)
Dein Buch heißt ja Haltung gut, alles gut. Und ich finde mit dem Wort Haltung ist ja auch ein bisschen Haltung im Sinne von mentalen Faktoren. Ich glaube, dass das Thema Stress oder auch emotionale Belastung sich ja auch auf die Haltung auswirkt.
Jeder kennt das ja, man sieht das ja manchmal so, da kommt ein falscher Anruf rein oder eine E-Mail und dann kann man den Leuten sehen, wie sie die Schultern hochziehen.
[Dr. Michael Lehnert] (43:58 - 44:47)
Der Begriff Haltung hat, glaube ich, ziemlich viele Aspekte. Das eine ist, unser Körper kann unter Stress schlechter atmen. Wir sitzen verspannter, wir kriegen plötzlich Kopfschmerzen, wir können nicht mehr so gut sehen, wir können nicht mehr so gut denken.
Das ist Haltung auch, die Haltung im negativen Sinne. Haltung ist aber auch gemeint, konsequent sein. Also eine Haltung bewahren bedeutet ja auch, ich habe eine Einstellung zu einer Sache, die vertrete ich und so möchte ich das auch verstanden wissen.
Das heißt nicht, dass ich von der Haltung abgehen muss, jemand kann mich überzeugen. Aber Haltung bedeutet auch, konsequent Dinge zu tun. Einmal in der Woche Sport zu machen, einen Jour fix zu haben für den Sport, irgendwo hinzugehen.
[Nils Behrens] (44:47 - 44:49)
Oft haben wir zu sagen, ich sage mal fünfmal die Woche Sport.
[Dr. Michael Lehnert] (44:50 - 45:02)
Ja, aber wie realistisch ist das? Ich sage mal, auch fünfmal die Woche Sport machen.
Aber das muss man einfach sagen, das ist meiner Meinung nach an der Realität vorbei.
[Nils Behrens] (45:02 - 45:49)
Ich bin mir da nicht so ganz sicher, ehrlich gesagt. Mich hat zum regelmäßigen Sport tatsächlich Joschka Fischer gebracht. Und das nicht durch sein Buch, indirekt durch sein Buch, aber in erster Linie, weil ich bin damals ganz frisch mit meiner damaligen Freundin zusammengezogen und da war ein Hamburg Marathon, da ist Joschka Fischer mitgelaufen.
Und da dachte ich mir, wenn der Mensch, der wahrscheinlich den stressigsten Job der Welt hat, also nicht der Welt, aber in Deutschland, sagen wir mal in Deutschland, weil Außenminister ja noch viel stressiger ist als Bundeskanzler, würde ich immer behaupten, weil du natürlich noch diese Reisetätigkeit dabei hast. Und gerade Reisetätigkeit bedeutet ja auch, da kannst du jetzt nicht irgendwie für den Marathon trainieren. Und trotzdem hat er es geschafft, sich auf den Marathon vorzubereiten.
Am Ende ist es alles eine Frage der Prioritäten. Absolut, der Disziplin und der Prioritäten.
[Dr. Michael Lehnert] (45:50 - 46:07)
Aber dennoch bin ich fest der Meinung, dass das Gros der Gesellschaft durch die Ansage fünfmal Sport abgeschreckt wird. Weil es ist immer so, dass die Leute, wenn sie feststellen, sie schaffen es nicht fünfmal oder nur dreimal, dann lassen sie es oft einfach weg.
[Nils Behrens] (46:08 - 46:15)
Ja, die sollen lieber das Handy weglassen und mal eine halbe Stunde weniger durch Instagram scrollen und dafür ins Gym gehen. Halbe Stunde bringt schon was.
[Dr. Michael Lehnert] (46:15 - 46:32)
Absolut, aber das ist sehr schwierig zu vermitteln. Also deswegen, ich bin kein Fan davon, sehr, sehr weit oben anzusetzen. Im Übrigen eine Sache, warum ich auch glaube, warum für viele Menschen Schweifen ganz kurz ab, dieser Mondkalender funktioniert.
[Nils Behrens] (46:33 - 46:37)
Oh, jetzt bin ich gespannt. Da weiß ich gar nicht, worauf du denn ausfällst.
[Dr. Michael Lehnert] (46:38 - 47:09)
Dieser Mondkalender, dass man Dinge nach dem Stand des Mondes macht. Ja, ist ja ein Riesenmarkt, auch richtig viel Geld drin. Der gibt den Menschen einen Rahmen ihrer Tätigkeiten.
Das heißt, Gärtner nach dem Mond. Klar vorgegeben, in dem Tag machst du das, dann machst du das, dann machst du das, einen Tag machst du gar nichts. Und dann sagen viele, seitdem ich nach dem Mond Gärtner bin, ist mein Garten wunderschön.
Ja klar.
[Nils Behrens] (47:09 - 47:10)
Die haben einfach einen Plan.
[Dr. Michael Lehnert] (47:11 - 48:03)
Das ist es.
Einlagen tragen nach dem Mondkalender. Tragen sie die Einlagen jeden Tag, wie jeden Tag. In den schon, in den geht nicht.
Mondkalender, tragen Einlagen dreimal in der Woche. Wunderbar. Ja, heute ist mein Einlagentag.
Dieser Plan, das ist für viele Dinge der Schlüssel zur Lösung. Patienten sind irritiert, wenn ich zu ihnen sage, wir wollen keinen festen Termin für die zweite Spritze machen. Wie, keinen zweiten Termin?
Ja, weil ich weiß ja nicht, ob sie, sie können sich melden. Wie, ich soll mich selber melden? Denen ist es angenehmer, gesagt zu bekommen, in zwei Wochen machen wir den Termin.
Wenn sie ihn nicht brauchen, sagen sie ihn lieber ab. Das ist den meisten Menschen, ich spreche jetzt nicht von dir oder von jemand anderem.
[Nils Behrens] (48:03 - 48:51)
Nein, aber ich weiß genau, was du meinst. Ich bin in meinem Leben siebenmal Marathon mitgelaufen und dann hast du einen Plan. Du bereitest dich darauf vor.
Und dann ist der Marathon vorbei und auf einmal hat man dieses Ziel nicht mehr. Und dann habe ich das wirklich gerade bei dem ersten oder zweiten Marathon immer stark gemerkt, wie du auf einmal dann anfängst, so beliebig zu laufen und damit das auch automatisch weniger wird. Klar wird es weniger, weil die Marathonvorbereitung insgesamt sehr intensiv ist.
Aber nichtsdestotrotz, dass du, ich hatte dann, ich brauchte neue Ziele. So und ich habe dann irgendwann mal dieses Ziel, weil von mir zu Hause um die Alster rumlaufen und wieder zurück in Hamburg sind zehn Kilometer. Und deswegen habe ich gesagt, ich will mindestens 21 Kilometer die Woche laufen.
Warum? Weil dann brauchst du noch eine dritte Einheit. So und manchmal, it's so simple.
[Dr. Michael Lehnert] (48:52 - 49:31)
Aber du bist nun jemand, der kommt aus dem Sport, der hat dieses Thema sowieso in sich und so weiter. Du denkst dir die Sachen selber aus. Aber das schaffen ganz viele nicht.
Ich meine, warum gibt es denn so wahnsinnig viele Fitness-Apps und so viele Beginner-Programms und so weiter. Gerade wieder eine, der ich auch folge auf Instagram, die einfach sagt, hey und ich mache einen Plan für die, die noch nie gelaufen sind. Ich hätte mir das auch gewünscht, sagt sie selber, als ich mit Sport angefangen habe.
Und nicht einen Plan, der jetzt von, keine Ahnung, irgendeinem Marathonläufer ist, der schon fünf Goldmedaillen gewonnen hat.
[Nils Behrens] (49:32 - 49:39)
Das können die Leute nicht. Das sind andere Pläne, ja. Trotzdem, ich glaube ganz fest daran, Ziele setzen ist auf jeden Fall ein wichtiger Punkt.
[Dr. Michael Lehnert] (49:40 - 49:40)
Unbestritten.
[Nils Behrens] (49:40 - 50:15)
Und bei mir der größte Gamechanger in Sachen Fitness zum Beispiel war auch, dass ich einfach sagte, ich will hundertmal im Jahr mindestens ins Gym gehen. Das klingt wahnsinnig viel, dann denkst du aber, naja, wir haben 52 Wochen, das sind zweimal die Woche und du darfst sogar zwei Wochen im Urlaub fahren und nicht machen.
Und wenn du dann aber ab und zu auch mal dreimal schaffst, dann hast du auch schon wieder eine halbe Gut. Von daher, es ist ja alles machbar, muss man einfach so sagen. Und wenn ich jetzt wiederum sage, hundertmal, das ist ja fast jeden dritten Tag, dann klingt es schon wieder viel, aber zweimal die Woche.
[Dr. Michael Lehnert] (50:16 - 50:30)
Aber das ist es ja, diesen Applaus holen wir uns heutzutage von irgendeiner App, von irgendeinem Programm, die es mannigfach gibt, wo dann plötzlich Sterne fliegen. Du hast die 10-Tage-Serie erreicht.
[Nils Behrens] (50:31 - 50:31)
10-Tage-Serie.
[Dr. Michael Lehnert] (50:32 - 50:44)
Zum Beispiel. Ja. Also das ist toll.
Aber diesen Applaus braucht man ja auch für sich. Ist ja auch heutzutage der Grund, warum Leute in den sozialen Medien bei Instagram posten, dass sie schon wieder im Gym sind.
[Nils Behrens] (50:45 - 50:52)
Ich komme nochmal zurück zum mentalen Faktor. Wie können wir denn im Alltag dafür sorgen, dass Körper und Geist wieder besser zusammenspielen?
[Dr. Michael Lehnert] (50:52 - 51:44)
Boah, das ist echt eine sehr, sehr schwierige Frage. Ich glaube, ich weiß nicht, ob man das bewusst wirklich machen kann. Oder ob es nicht ein Ereignis ist, was man selber merkt, dass wenn man eine gewisse körperliche Fitnessverbesserung hat, auch gleichzeitig eine Verbesserung der geistigen Fitness hat.
Und dann bedingt sich das eine mit dem anderen. Das heißt, ich verstehe dann, dass mir das Körperliche gut getan hat und wiederhole es auch. Ich glaube, das ist der Weg.
Aber jetzt bewusst ranzugehen und zu sagen, das ist das Programm, um körperliche und geistige Fitness zusammenzubringen, da fehlt mir tatsächlich so ein ganz ad hoc ein Beispiel.
[Nils Behrens] (51:44 - 51:52)
Okay, sehr gut. Dann habe ich eine andere Frage, wo du vielleicht ein Beispiel für uns hast. Welche Bewegung sollte jeder Mensch ab morgen täglich machen?
[Dr. Michael Lehnert] (51:53 - 51:54)
Ab morgen jede Bewegung?
[Nils Behrens] (51:54 - 51:55)
Ja. Welche Bewegung?
[Dr. Michael Lehnert] (51:57 - 52:00)
Jeden Tag wenigstens einmal auf einem Bein stehen.
[Nils Behrens] (52:01 - 52:02)
Mit Augen auf?
[Dr. Michael Lehnert] (52:03 - 52:32)
Erstmal Augen auf und womöglich mit festhalten am Anfang.
Oder es sollte was in der Nähe sein, woran ich mich festhalten kann. Das ist das eine. Jeden Tag mindestens ein paar Kniebeugen machen.
Vorzugsweise zehn. Und dabei spreche ich davon, dass wir nicht in die tiefe Hocke gehen, sondern nur 90 Grad. Das können wir wiederum gut messen, indem wir den Stuhl hinter uns stehen.
Wenn der Po die Sitzfläche berührt, dann sind wir in aller Regel in der richtigen Höhe.
[Nils Behrens] (52:33 - 52:37)
Weil wir nicht tiefer gehen sollten? Oder warum möchtest du nicht, dass wir tiefer gehen?
[Dr. Michael Lehnert] (52:37 - 53:19)
Weil ich nicht weiß, wer das alles macht. Und da sind vielleicht Menschen dabei, die haben schon Meniskusschaden. Die haben eine Abnutzung hinter der Kniescheibe.
Denen tut die tiefe Hocke nicht gut, weil die biomechanischen Anpressdrucke im Knie dann nicht gut sind. Und für den Muskelaufbau und für die gewisse Beweglichkeit und auch Koordination reicht 90 Grad. Und wir wollen ja den 40-Jährigen genauso ansprechen wie den 70-, 80-Jährigen.
Und deswegen sage ich bis 90 Grad den Stuhl zur Sicherheit hinter einem. Wenn jemand sagt, ja Mensch, das schaffe ich auch so, dann soll er den Stuhl weglassen von mir aus. Aber so müssen wir immer ein bisschen vorgehen.
Wir müssen eigentlich immer ein bisschen an das schwächste Glied der Kette denken.
[Nils Behrens] (53:20 - 53:23)
Okay, Kniebeugen sagtest du.
[Dr. Michael Lehnert] (53:24 - 53:33)
Einbeinstand, Kniebeugen.
Wenn man das Dritte noch hinzufügen will, dann hat man so ein bisschen alles. Wirklich jeden Tag die Arme über den Kopf.
[Nils Behrens] (53:34 - 53:35)
Ach, wie lustig.
[Dr. Michael Lehnert] (53:35 - 53:48)
Also wirklich hoch und möglichst schauen, dass die Oberarme irgendwie da sind, wo die Ohren sind. Nicht hier, nicht da, nicht dort. Oberarme an den Ohren.
[Nils Behrens] (53:49 - 54:05)
Könnte ich da jetzt mal eine Klimmzugstange an dieser Stelle wieder einbringen? Absolut. Sehr gut, sehr gut.
Also ich kriege das hier auf jeden Fall noch durch. Was wünschst du dir, was unsere HörerInnen aus dieser Folge mitnehmen und vielleicht dann ändern oder ausprobieren?
[Dr. Michael Lehnert] (54:05 - 55:00)
Ich wünsche mir total, dass sich nach dieser Folge, wer es gesehen hat, jeder einmal nackt oder zumindest mit einer Unterhose bekleidet. Und ich sage extra nicht auch BH, weil das spielt eine Rolle für die Asymmetrie des Oberkörpers, im Spiegel anschaut. Wenn er einen Partner hat oder irgendeine Freundin, Freundin, Partnerin, wie auch immer wer da ist, wo er keine Scheu hat, so davor zu stehen, ein Handyfoto von hinten zu machen.
Und sich einfach mal anschaut und vielleicht sogar in so ein Foto Linien einfügt, um mal zu schauen, wo ist da was schief, wie stehe ich eigentlich. Mehr will ich gar nicht. Das fände ich schon toll.
Ich fände das schon toll, weil das würde dazu führen, dass überhaupt die Menschen mal sehen, dass die Schulter schief ist, dass das Becken schief steht. Das kann man alles sehen. Habe ich ein O-Bein, habe ich ein X-Bein.
[Nils Behrens] (55:01 - 55:04)
Das könnte ich jetzt noch von der Seite machen und dann würde man den Handynacken auch sehen.
[Dr. Michael Lehnert] (55:04 - 55:06)
Das kann man auch noch machen, ja natürlich.
[Nils Behrens] (55:07 - 55:36)
Auch diese Geschichte habe ich in diesem Podcast schon sehr häufig erzählt, aber ich erzähle sie trotzdem an dieser Stelle nochmal, weil ich es so lustig finde.
Wenn man das Albert Memorial sich anschaut, was im Kensington Park steht, und wenn man dann, da ist eben der Royal Albert auf seinem Thron dargestellt. Ich weiß nicht, ob du dieses Denkmal kennst. Das ist genau gegenüber quasi von der Memorial Hall.
Wenn man das von der Seite schaut, dann hat er da eben auch seine beiden königlichen Teile in der Hand, so eine Kugel.
[Dr. Michael Lehnert] (55:37 - 55:39)
Zepter und Reisapfel.
[Nils Behrens] (55:39 - 56:05)
Ja genau, Zepter und Reisapfel. Aber sowas in der Art. Und der hat einen tierischen Handynacken. Also das ist wirklich so unglaublich, der ist wirklich so von der Seite, von der Perspektive, müsste ich mal googeln, ist das wirklich unfassbar, wie abgeknickt der Kopf da ist.
Und das finde ich so lustig, dass wenn man, ich meine normalerweise werden ja so Denkmäler und Stabtut eigentlich immer eher eine Verherrlichung gemacht. Also entweder war da jemand einfach brutals ehrlich oder es war in Wirklichkeit noch schlimmer.
[Dr. Michael Lehnert] (56:05 - 56:06)
Ja, wirklich.
[Nils Behrens] (56:08 - 56:28)
Michael, es hat großen Spaß gemacht. Ich kann auch nur sagen, dieses Buch von dir macht auch großen Spaß. Es ist ungefähr genauso, wenn nicht noch mehr unterhaltsamer, wie sich mit dir zu unterhalten.
Es ist auch zu lesen, es sind viele Übungen drin, es hat eben einige Selbsttests drin. Es heißt Haltung gut, alles gut. Und es ist im Gräfe und Unzer Verlag (GU) erschienen.
Und ich würde mal sagen, eine Schatztruhe für jeden, der noch beweglich bleiben möchte.
[Dr. Michael Lehnert] (56:28 - 56:31)
Vielen Dank für die Einladung, mir hat es auch richtig viel Spaß gemacht, Nils. Danke.
[Nils Behrens] (56:35 - 56:36)
Hast du ein persönliches Lieblingssupplement?
[Dr. Michael Lehnert] (56:38 - 56:39)
Ja, Arginin.
[Nils Behrens] (56:39 - 56:44)
Ach, Arginin.
Das ist jetzt das Letzte, was ich vom Orthopäden erwartet hätte.
[Dr. Michael Lehnert] (56:45 - 56:45)
Warum?
[Nils Behrens] (56:46 - 56:52)
Naja, weil es ja eigentlich auch eine positive Wirkung auf den Blutdruck haben kann.
[Dr. Michael Lehnert] (56:52 - 57:20)
Das ist eigentlich der Hauptgrund, warum ich das richtig toll finde. Weil ich in der Tat denke, dass das in meinem Lebensalter den Blutdruck positiv beeinflusst. Dadurch auch die Durchblutung meiner Strukturen, Muskeln verbessert.
Und ich mich damit echt wohl fühle. Also ich bin der Meinung, ich spüre, ob ich Arginin nehme oder nicht.
[Nils Behrens] (57:44 - 57:45)
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