Podcastfolge Nr. 222 Anti-Aging ist ein Mythos. Mit Prof. Dr. Volker SteinkrausPodcastfolge Nr. 222 Anti-Aging ist ein Mythos. Mit Prof. Dr. Volker Steinkraus

Anti-Aging ist ein Mythos. Mit Prof. Dr. Volker Steinkraus

Älterwerden gehört zum Leben. Volker Steinkraus plädiert dafür, diesen Prozess anzunehmen und das eigene Leben bewusst zu gestalten. In dieser Folge von HEALTHWISE spricht Host Nils Behrens mit dem Dermatologen Prof. Dr. Volker Steinkraus, Autor des Buches „How to look better“, über Akzeptanz beim Älterwerden, tägliche Routinen, Hautpflege und zwischenmenschliche Beziehungen.

    Die Folge HEALTHWISE auf YouTube

    Das Älterwerden annehmen

    Volker Steinkraus mag den Begriff Anti-Aging nicht. Für ihn gehört die Akzeptanz des Alterns an den Anfang der Auseinandersetzung mit dem Älterwerden. Dabei geht es auch darum, die eigene Persönlichkeit anzunehmen und mit Selbstvertrauen durchs Leben zu gehen.

    Sein persönlicher Wunsch ist ein selbstbestimmtes Leben bis zum letzten Tag. Im Gespräch verbindet er diesen Wunsch mit einem bewussten Lebensentwurf. Dazu gehört für ihn, auch die Begrenztheit des Lebens nicht auszuklammern.

    Tägliche Gewohnheiten bewusst gestalten

    Volker Steinkraus beschreibt Schlaf als festen Bestandteil seines Alltagskonzepts. Er rät dazu, rechtzeitig ins Bett zu gehen, späten Kaffee wegzulassen und nicht zu spät zu essen. Für das Schlafzimmer empfiehlt er eine kühle, dunkle Umgebung ohne elektronische Geräte. Nicht zu rauchen, führt er außerdem als eigene Maxime auf.

    Für die Ernährung nennt er mediterrane Essgewohnheiten mit einem hohen Anteil pflanzlicher Lebensmittel. Beim Training unterscheidet er Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer, Koordination und Flexibilität. Er selbst fährt regelmäßig Fahrrad und geht an den anderen Tagen zügig spazieren. Entscheidend ist in seiner Darstellung, solche Aktivitäten wiederholt in den Alltag einzubauen.

    Checkliste: Abendroutine nach Volker Steinkraus

    • Das Abendessen nicht zu spät einplanen.
    • Späten Kaffee weglassen.
    • Elektronische Geräte aus dem Schlafzimmer nehmen.
    • Das Schlafzimmer kühl und dunkel halten.
    • Rechtzeitig ins Bett gehen.

    Hautpflege und Sonnenschutz im Alltag

    Bei der Hautpflege unterscheidet Volker Steinkraus zwischen einem einfachen Grundprogramm und zusätzlichen Schritten. Das Grundprogramm besteht für ihn aus Reinigung und einer zum Hauttyp passenden Feuchtigkeitscreme am Morgen und am Abend. Zusätzliche Wirkstoffe ordnet er als Kür ein. Dabei kommt es ihm auf Regelmäßigkeit und das Dranbleiben an.

    Beim Umgang mit der Sonne verweist er auf Unterschiede zwischen den Hauttypen. Volker Steinkraus rät dazu, sich gut zu schützen und Sonnencreme nicht zu sparsam aufzutragen. Er spricht dabei auch über das Frühjahr, in dem der Sonnenschutz seiner Beobachtung nach häufig vernachlässigt werde.

    Freundschaft und Nähe im Alltag

    Volker Steinkraus erzählt von Freunden, die so alt sind wie seine Kinder, und von Freunden, die bereits 90 sind. Einen bunt gemischten Freundeskreis empfindet er als Bereicherung. Von Jüngeren lernt er nach eigener Aussage viel über digitale Themen, während er ihnen etwa seine Begeisterung für Literatur mitgeben möchte.

    Daneben beschreibt Volker Steinkraus Nähe als einen eigenen Bestandteil seines Lebenskonzepts. Er versteht darunter auch Berührung und Zuwendung jenseits von Sexualität. Als Beispiele nennt er eine gehaltene Hand oder eine Mutter, die ihr Kind an sich drückt.

    Checkliste: Offenheit im Alltag nach Volker Steinkraus

    • Das Gespräch mit Menschen unterschiedlichen Alters suchen.
    • Von jüngeren Menschen lernen und eigene Erfahrungen weitergeben.
    • Älteren Freunden Zeit schenken.
    • Andere Meinungen auch einmal stehenlassen.
    • Nicht jede Provokation aufgreifen.

    Toleranz und Leichtigkeit üben

    Andere Meinungen stehenzulassen, ist für Volker Steinkraus eine aktive Übung. Es geht ihm darum, nicht jede Provokation aufzugreifen und nicht immer einen Streit zu beginnen. Diese Offenheit bedeutet für ihn allerdings nicht, auch Intoleranz hinzunehmen.

    Seine abschließende Maxime lautet, mit einer gewissen Leichtigkeit durchs Leben zu gehen. Volker Steinkraus regt dazu an, nicht jeder einzelnen Falte hinterherzulaufen. Er verbindet das Gespräch über Schönheit und Ästhetik mit dem Wunsch, ein bewusstes Leben zu führen.

    TAKE AWAYS

    • Volker Steinkraus stellt die Akzeptanz des Alterns an den Anfang seines Lebenskonzepts.
    • Sein Blick auf den Alltag umfasst Schlaf, Ernährung, Bewegung und den Verzicht auf Rauchen.
    • Für die Hautpflege beschreibt er ein einfaches, regelmäßig wiederholtes Grundprogramm.
    • Freundschaften über Altersgrenzen hinweg, Nähe und Zuwendung haben für ihn einen festen Platz im Leben.
    • Toleranz und Leichtigkeit gehören zu seiner Vorstellung eines bewusst gestalteten Alltags.

    Mehr erfahren im Healthwise Podcast von Sunday Natural

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    Prof. Dr. Volker Steinkraus ist Dermatologe und Autor des Buches „How to look better“. Darin ordnet er seine Gedanken zu Alltagsgewohnheiten, Hautpflege, Freundschaft und dem Umgang mit dem Älterwerden in zehn Maximen.

    Zum Profil von Prof. Dr. Volker Steinkraus

    00:00 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Wenn man mich fragt, was ist die wichtigste dieser 10 Maßnahmen, wenn ich mich – ich weiß, alles wichtig, aber ich würde persönlich die Bewegung an Nummer eins stellen.

    00:13 – Niels Behrens

    Herzlich willkommen zu Healthwise, dem Gesundheitspodcast präsentiert von Sunday Natural. Ich bin Niels Behrens und in diesem Podcast erkunden wir gemeinsam, was es bedeutet, gesund zu sein. Wir tauchen ein in Themen wie Medizin, Bewegung, Ernährung und emotionale Gesundheit – immer mit einem weisen Blick auf das, was uns wirklich gut tut.

    Die heutige Folge ist wieder eine Live-Folge, die wir im Rahmen des Sommer-Zuhause von Mercedes-Benz auf Sylt aufgenommen haben. Ich hatte Professor Doktor Volker Steinkraus bei mir, einen der renommiertesten Dermatologen Deutschlands, und er hat mit mir über die 10 Wege gesprochen, wie wir besser aussehen. Und diese 10 Wege sind tatsächlich etwas überraschend teilweise. Natürlich sind so Sachen dabei wie eine gute Gesichtscreme zu benutzen, aber auch wirklich genügend zu schlafen, Dinge, die man vielleicht sich auch schon denken kann, nicht rauchen gehört auch mit dazu, aber es sind auch Sachen dabei wie z. B. Freunde aller Altersgruppen zu haben und noch die eine oder andere Überraschung. Also eine sehr spannende Folge, hört unbedingt rein. Und deswegen sage ich: Herzlich willkommen, Professor Doktor Volker Steinkraus!

    01:12 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Vielen Dank.

    01:17 – Niels Behrens

    Lieber Volker, können wir wirklich beeinflussen, wie wir besser aussehen?

    01:22 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ja, das können wir auf jeden Fall. Das geht nicht mit einer einzelnen Maßnahme, das ist ein Maßnahmenkatalog. Und klar spielen die Gene eine große Rolle. Das, was unsere Eltern uns in die Wiege gelegt haben, das choreografiert eigentlich das ganze persönliche Leben, aber wir wissen heute, dass das vielleicht 30, 35, 40 % sind. Weiß man nicht genau, wie viel auf Gene fallen, aber ich schätze mal, das ist ein gutes Drittel. Und zwei Drittel ist tatsächlich der Lebensstil, das, was wir täglich machen. Also man ist eigentlich das, was man täglich macht. Und insofern haben wir einen großen Einfluss mit ganz bestimmten Stellschrauben, um gut auszusehen. Man muss natürlich irgendwo auch seine Persönlichkeit akzeptieren, versuchen selbstbewusst, mit viel Selbstvertrauen, mit Selbstliebe durchs Leben zu gehen. Diese Menschen sehen einfach besser aus. Es ist sehr komplex: Interessiert bleiben, neugierig sein, viel lesen. Mir fällt auf, dass alle Leute, die alt sind und gesund sind, gut drauf sind, dass die alle messerscharf im Kopf sind. Also es ist nicht nur das Physische, sondern auch das Mentale, was glaube ich sehr, sehr wichtig ist. Und am Ende auch die Zufriedenheit, der Freundeskreis, die Menschen, die uns umgeben. Also es ist ein sehr großes Thema. Es gibt nicht den einen Punkt, wo man sagt, wenn du das machst, dann siehst du super gut aus und wirst alt und bleibst immer gesund, sondern es ist wirklich eine große Vielfalt an Dingen. Deshalb habe ich das natürlich versucht, einmal so zusammenzufassen mit „How to look better“.

    02:56 – Niels Behrens

    Also ich muss wirklich sagen, ich habe das Buch ja schon sehr frühzeitig lesen dürfen und es sieht nicht nur fantastisch aus, der Inhalt ist auch fantastisch und es ist so einfach nachzuvollziehen. Und damit ihr es auch alle einfach nachvollziehen könnt, hat das Volker für euch in 10 Punkte aufgegliedert. Und wir gehen jetzt einfach mal chronologisch diese 10 Punkte durch. Und ich wette, wenn ich jetzt hier eine Umfrage machen würde unter euch allen, die gerade hier anwesend sind, und ich mal fragen würde: Was würdet ihr glauben, was einer von diesen 10 Punkten sind? Ich würde schätzen, die kommen maximal auf drei. Was würdest du so schätzen, Volker?

    03:26 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ja, drei bis fünf, würde ich sagen.

    03:28 – Niels Behrens

    Drei bis fünf? Nein, es ist ein sehr intelligentes Publikum heute hier, also von daher du hast wahrscheinlich recht damit. Der erste Punkt, den kann ich immer gar nicht aussprechen: „Accept aging as inevitable“, also als unvermeidlich, ich kann es wirklich nicht aussprechen. Also: Akzeptiert die Unvermeidlichkeit des Alterns. Und du sagst, und das ist wirklich eins meiner Lieblingszitate, deswegen nehme ich es dir schon vorweg: „Anti-Aging ist wie Anti-Sonnenuntergang.“ Das heißt also, warum fällt es uns trotzdem so schwer, das Altern als etwas Unvermeidliches im Leben zu akzeptieren?

    03:57 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ja, es liegt einfach in der Natur von uns Menschen, nicht altern zu wollen und nicht sterben zu wollen, und deshalb wird das eben häufig ausgeklammert. Und ich persönlich mag den Begriff Anti-Aging gar nicht und versuche das auch zu erklären. Ich glaube, dass es kein Anti-Aging gibt. Ich glaube, dass es ein gutes Altern, ein langsames Altern, ein intelligentes Altern, ein kluges Altern gibt. Also Slow Aging wäre viel besser als Anti-Aging. Und das Ziel muss doch sein, dass wir mit 80 oder 90 so gut drauf sind wie andere mit 60 oder 70. Das Wort Anti-Aging ist in sich ein Oxymoron. Ein Oxymoron ist ein Widerspruch in sich. Also eine lebende Leiche ist ein Oxymoron. Ein offenes Geheimnis ist ein Oxymoron. Und Anti-Aging ist für mich ein Oxymoron, das gibt's nicht. Es gibt eben ein Ablaufdatum, und das ist für eine Fliege ein paar Tage, für eine Maus sind es vier Jahre, für den Elefanten sind es 60 Jahre, für uns sind es, wenn alles gut geht, 100 Jahre, die Schildkröte schafft 160 Jahre, es gibt sogar Wirbeltiere in der Arktis, die wahrscheinlich 500 Jahre werden, den Eishai. Aber ich glaube, wenn man 100 Jahre gut drauf ist, ist das schon eine ganze Menge. Und ich sage immer, das Ziel muss sein, dass ich mir am Tag vor meinem Tod noch selbst die Schuhe zubinden kann, das heißt, ich möchte bis zum letzten Tag ein selbstbestimmtes Leben führen. Und ich glaube bei diesen ganzen Anti-Aging-, Longevity-Sachen – ich begrüße das sehr, dass da Fahrt reinkommt, dass das belebt wird –, aber es ist wichtig, die Spreu vom Weizen zu trennen. Es tummeln sich wahnsinnig viele Leute, die sich mit Anti-Aging schmücken. Ich glaube, dass man eben mit vielen Maßnahmen – wenn man morgens eine Stunde mit dem Fahrrad durch den Wald fährt, das ist eine bessere Maßnahme, um alt zu werden und gesund zu bleiben, als 1.000 andere Empfehlungen und 1.000 Pillen zu schlucken. Was nicht heißen soll, dass man nicht vielleicht gewisse Supplements nimmt, das mache ich auch, aber sehr limitiert. Ich glaube, dass wir Anti-Aging kritisch sehen müssen. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir alt werden. Wir wollen ja alt werden. Die einzige Alternative, nicht alt zu werden, ist jung zu sterben, das ist keine gute Option. Und Ashley Montagu, einer meiner Lieblingsschriftsteller, hat mal gesagt: „Das Ziel ist, jung zu sterben, und zwar so spät wie möglich.“ Also wir wollen natürlich jung bleiben, aber wir können die Alterung nicht verhindern und ich halte es für sehr problematisch, diesen Begriff Anti-Aging immer so zu zentrieren.

    06:40 – Niels Behrens

    Verstehe ich voll und ganz. Was würdest du aber jetzt den Menschen raten, die morgen in den Spiegel schauen und sagen, sie leiden schon darunter, dass sie nicht mehr aussehen wie mit 30?

    06:51 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ja, also man kann natürlich auch für die Alterung der Haut – mich interessiert ja die Alterung des gesamten Organismus, jedes Organ, und die Organe arbeiten ja alle zusammen. Also wir altern mit der Haut genauso wie mit dem Herz und der Leber, aber die Haut hat natürlich unabhängig von dieser inneren Alterung noch mit der äußeren Alterung zu kämpfen. Das heißt, was kommt den ganzen Tag über Jahrzehnte auf uns zu? Überwiegend UV-Licht, aber auch umweltschädliche Stoffe oder Stress von außen. Und es gibt natürlich schon ein paar Maßnahmen, um das Gesicht optisch und biologisch zu verjüngen. Jetzt mal gar nicht an Botox, Filler und chirurgische Maßnahmen gedacht, aber es gibt ein paar Wirkstoffe, die ohne Frage funktionieren. Also weil du mich fragst, wenn jemand in den Spiegel guckt und sagt, er ist unzufrieden: Da kann man natürlich schon so ein bisschen was machen. Aber am Ende ist eine gute Haut zu haben ein Gesamtkunstwerk, und da gibt's viele Mosaiksteine, die da eine Rolle spielen. Und dazu gehören die Dinge, die auch sozusagen du propagierst: Bewegung, Schlaf, Ernährung, Freundeskreis. Es sind immer wieder die gleichen Stellschrauben. Aber es gehört in jedem Fall auch die Akzeptanz dazu, dass man altert. Also wenn man jetzt jeden Morgen vor dem Spiegel steht und sagt, ich bin eigentlich unzufrieden, unglücklich mit mir und so, da muss man vielleicht irgendwo anders ansetzen.

    08:20 – Niels Behrens

    Es ist ganz interessant, ich darf da kurz mal ergänzen: Es ist jetzt gerade eine Studie interessanterweise nur an Frauen durchgeführt worden, das sind 729 Frauen in New York. Und da hat man mal geguckt, wer hat Angst vorm Altern, und dann hat man sich tatsächlich die biologische Alterung anhand von einer Age Clock sozusagen angeschaut. Und man hat festgestellt, dass die Frauen, die besonders viel Angst haben, alt zu werden, schneller altern. Das heißt also, man sieht tatsächlich genau das, was du in deinem Buch schreibst: Die Akzeptanz ist eigentlich jetzt in Studien bewiesen worden. Akzeptanz ist schon mal ein wichtiger Mosaikstein, nicht schnell zu altern.

    08:55 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ganz, ganz wichtig. Deshalb geht das Buch, dieser erste Punkt ist eben: Akzeptiere, dass du alterst. Dann kann man immer noch versuchen, langsam zu altern, aber man muss es akzeptieren. Und ich glaube, man wird todunglücklich, wenn man das nicht irgendwie akzeptiert. Wir sind nun mal etwa 100 Jahre auf diesem Planeten und ich wiederhole es noch mal: Das ist schon eine ganze Menge. Und wenn man diese 100 Jahre schafft – der Killer ist doch, dass wir alle die letzten 10, 20 Jahre abhängig werden von anderen. Das fängt an: Zum 50. Geburtstag kriegt man einen langen Schuhlöffel geschenkt, dann muss man sich nicht mehr bücken. Also ich würde jedem empfehlen, der einen langen Schuhlöffel zu Hause hat, den wegzuschmeißen. Nach dem langen Schuhlöffel kommt der Rollator und nach dem Rollator kommt der Rollstuhl. Und diese Sequenz, die müssen wir verhindern, weil ich möchte bis zum letzten Tag gesund sein. Ich möchte gesund einschlafen, weil meine Gene nicht mehr können. Aber ich bin mir darüber im Klaren, dass ich meine genetische – das, was ich erwarten kann –, das kann ich derzeit – who knows, was noch alles kommt –,| derzeit kann ich es nicht verlängern. Deshalb ist es eben wichtig, dass die Lebensspanne genauso lang ist wie die Gesundheitsspanne. Und das Drama des heutigen Lebens ist, dass die Gesundheitsspanne kürzer ist als die Lebensspanne. Und das Ziel muss sein: Lebensspanne und Gesundheitsspanne müssen exakt gleich lang sein. Und dann kann man glaube ich ein sehr erfülltes, tolles Leben führen. Und da gibt es schon ganz wichtige Dinge, die man machen kann: „You are what you repeatedly do.“ Das heißt, du bist das, was du immer wieder machst. Und jeder, der Rückenschmerzen hat – ein Drittel oder 40 % aller Menschen haben Rückenschmerzen –, da gibt's eine ganz einfache Möglichkeit, die Rückenschmerzen zu verhindern. Ich hatte früher auch Rückenschmerzen. Seit ein paar Jahren habe ich keine Rückenschmerzen mehr, weil ich ein paar einfache Dinge nicht ab und zu mal mache, sondern jeden Morgen mache. Es gehört zu einer Routine zum Beispiel, und das Leben macht so viel mehr Spaß ohne Rückenschmerzen. Das ist jetzt nur ein kleiner Punkt von vielen. Und das ist mit Ausdauer so, das ist mit Muskelkraft so, das ist mit dem Freundeskreis so, mit Social Well-being. Und ich glaube tatsächlich, dass es ein gutes Lebenskonzept gibt, und deshalb habe ich das Buch geschrieben.

    11:14 – Niels Behrens

    Also wir akzeptieren jetzt erst mal Punkt 1: Wir akzeptieren, dass wir alt werden. Sind alle dabei? Sehr gut! Dann machen wir weiter mit Platz 2. Kann ich auch aussprechen: „Get enough sleep.“ Also schlaf ausreichend. Was sieht ein Dermatologe einem Menschen nach mehreren Nächten mit schlechtem Schlaf tatsächlich im Gesicht an?

    11:32 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ja, der Schlaf ist tatsächlich ein Gradmesser, wie die Nächte in der kurz zurückliegenden Zeit waren oder wie sie auf Dauer sind. Also es gibt tatsächlich den Schönheitsschlaf. Weil jemand, der 12 Stunden geschlafen hat, der sieht einfach besser aus als jemand, der die Nacht durchgemacht hat. Man sieht das manchmal morgens, wenn man in Frankfurt am Flughafen ist, wo die Leute gerade ihren Nachtstreckenflug hinter sich haben, kein Auge zubekommen haben, die sehen einfach 10, 20 Jahre älter aus. Man trocknet aus und im Schlaf passiert Folgendes: Im Schlaf reguliert sich unser Wasserhaushalt. Und wenn sich unser Wasserhaushalt reguliert, dann lagern wir mehr Wasser ein. Und wenn wir mehr Wasser einlagern, ist die Haut glatter, kann das einfallende Licht ebenmäßig reflektieren und kleine Fältchen, diese ganz kleinen Fältchen, die verschwinden, wenn jemand 12 Stunden geschlafen hat. Also es gibt den Schönheitsschlaf. Genauso wie es Menschen gibt, die verliebt sind, die glücklich sind, die sehen einfach besser aus, weil der ganze hormonelle Haushalt, das bildet sich auch in der Haut ab. Und Schlaf ist eben insofern wahnsinnig wichtig, weil unser Schlaf ist die Superpower des Immunsystems. Im Schlaf gelingt unserem Immunsystem alles. Man merkt das bei Kindern: Die sind abends krank, schlafen 12 Stunden durch, sind morgens gesund, als wäre nie was gewesen.

    13:52 – Niels Behrens

    Man muss sich das mal überlegen: Stell dir mal vor, dein Auto ist kaputt, du stellst es abends in die Garage, am nächsten Morgen ist es wieder heil.

    13:57 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Nein, und wir wissen eben nicht – Schlaf ist deshalb so interessant –, wir wissen nicht, warum wir Schlaf brauchen. Also wir wissen, warum wir schlafen, weil wir ganz bestimmte Stoffwechselprodukte, Adenosin, ansammeln, aber bis heute: Wir wissen, wie der Code des Lebens ist – Francis Crick 1953 DNA-Helix entdeckt –, wir wissen, warum wir essen müssen, wir kennen den Sexualtrieb, aber wir wissen nicht, warum wir den Schlaftrieb haben. Und ohne Schlafen sterben wir. Menschen, die auf Dauer schlecht schlafen, die werden krank, die kriegen Krebs, die werden dick, die haben nicht mehr das richtige Körpergewicht. Schlaf ist wirklich unglaublich wichtig. Und insofern glaube ich, ist es wichtig, dass man darüber spricht, weil viele Menschen haben Schlafstörungen. Und es gibt eben ein paar einfache Dinge, wie man einfach gut schläft, die sich manchmal nicht mit unserem modernen Leben vertragen.

    14:49 – Niels Behrens

    Nenn mal drei. Drei einfache Dinge, die mehr bringen als eine Nachtcreme.

    14:52 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Drei einfache Dinge ist: abends nicht spät essen, kein Kaffee mehr nach 14 Uhr – weil Koffein hat eine Halbwertszeit von vier Stunden, also kein später Kaffee –, kein spätes Essen, kein Stress. Stress ist Schlafkiller number one. Und wir alle haben natürlich Stress, das lässt sich nicht verhindern. Man liegt abends im Bett, kann nicht einschlafen, nicht durchschlafen, weil man diesen ganzen Film vor sich trägt von Dingen, die einen beschäftigen oder einen belasten. Also ich würde sagen: Stress abbauen – nicht einfach, aber ist nun mal Schlafkiller Nummer eins –, nicht zu spät essen. In der ersten Lebenshälfte völlig wurscht: Wenn man 30 ist, dann kann man um 23 Uhr sich was reinhauen, aber wenn man eben in der zweiten Lebenshälfte ist wie ich, schläft man nicht mehr so gut, wenn man abends spät isst. Und das verträgt sich nicht mit unserem modernen Lebensstil, weil wir natürlich abends um 21 Uhr gerne essen gehen, dann noch mal Nachtisch und noch ein Glas Wein und so weiter. Das ist ein Killer für Schlaf. Und keine Social Media und keine sozusagen elektronischen Geräte im Schlafzimmer. Schlafzimmer muss kühl sein, muss super dunkel sein. Und man sollte auch relativ früh ins Bett gehen. Wenn ich mich mit irgendeinem Leistungssportler unterhalte, egal mit Klitschko oder ganz egal: Die stehen alle morgens um 6 Uhr auf, die gehen aber auch um 22 Uhr ins Bett. Die stehen manchmal schon um 5 Uhr auf. Wir müssen uns mehr an den natürlichen sogenannten zirkadianen Rhythmus gewöhnen. Also: „Early to bed and early to rise makes you healthy, wealthy and wise.“ Das ist dieser alte Spruch, der wirklich super gut ist. Und ich glaube, wir alle – auch wenn ich viel zu tun habe, dann gehe ich abends um 1 Uhr ins Bett, aber das sind Killer. Es ist nicht gut, man wacht morgens nicht fit auf. Also wenn ich mal um 21:30 Uhr ins Bett gehe, und das passiert in letzter Zeit ab und zu mal, bin ich morgens super fit. Und man muss sich wirklich dran gewöhnen: rechtzeitig ins Bett, morgens gleich als Erstes viel Sonne, die erste halbe Stunde raus in den Wald, viel Sonne tanken. Und ich glaube, dass man diesen vegetativen Rhythmus tatsächlich trainieren kann. Das geht nicht innerhalb von einer Woche, aber wenn man sich das immer wieder vor Augen führt: kein Stress, nicht so spät essen, möglichst wenig Alkohol – schade, weil ich auch gerne ein Glas Rotwein trinke, aber Alkohol ist einfach schlecht für Schlaf, sowohl für Einschlafen als auch für Durchschlafen. Und ja, ich glaube, man kann es lernen, gut zu schlafen. Und wenn man viele Leute fragt: „Wie schlafen Sie eigentlich?“, sagen viele Leute: „Ich schlafe furchtbar schlecht.“ Und ich glaube auch, dass da vieles durcheinandergerät. Manchmal liegt man eine Viertelstunde wach und glaubt, das war eine Stunde. Also im Schlaf gerät die Traumwelt und die Illusion auch ein bisschen durcheinander, aber es ist ein Ziel von mir, gut zu schlafen. Und ich glaube, ein paar Stellschrauben zu kennen, wie man das lernen kann.

    16:52 – Niels Behrens

    Es sind noch ein paar mehr in dem Buch drin, also von daher: Punkt 2, Schlaf, abgehakt? Sehr gut, sehr gut. Kommen wir zu Punkt 3: „Eat, drink and exercise wisely.“ Also iss, trink und trainiere weise. Was sollten wir häufiger essen, wenn wir nicht nur gesund bleiben wollen, sondern auch unserer Haut was Gutes tun wollen?

    17:10 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Also es gibt keine spezielle Hautdiät. Es gab mal diesen Begriff Nutricosmetics, also Nutrition als Kosmetik, das ist aus meiner Sicht Blödsinn. Es gibt eine Top-Ernährung für unseren Körper und da freut sich das Herz und das Gehirn genauso drüber wie die Haut. Am Ende ist es, was wir alle wissen, die mediterrane Ernährung. Am Ende sind es eine hohe pflanzliche Kost und genügend, gerade in der zweiten Hälfte, Protein. Und das wissen wir alle, das haben wir tausendmal gehört: nicht so viel Zucker und Schokolade, obwohl ich auch gerne Schokolade oder Eis esse, aber man muss das eben auf ein Minimum reduzieren. Es ist einfach so. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass man in der zweiten Tageshälfte nicht mehr so viel Kohlenhydrate zu sich nimmt. Also Essen ist wichtig, nicht zu viel, auch eine gewisse Intervalldiät halte ich für richtig. Ich versuche z. B. nach dem Abendessen nicht zu essen bis zum nächsten Tag 11 Uhr. Ich habe so eine Marotte: Ich frühstücke gut und viel, richtig eine knackige Müslimahlzeit, aber erst spät. Die nehme ich erst um 11 oder 12 Uhr zu mir. Es ist beinahe so Lunch bei mir. Also von Abendessen bis spät, da schaffe ich so 14 bis 16 Stunden. Und das ist schon eine ganze Zeit, weil der Killer ist ja nicht das Zucker, sondern der Killer ist das Insulin. Weil der Zucker, den ich zu mir nehme, der ruft Insulin auf den Plan, und Insulin ist ein wichtiges Hormon, aber Insulin fördert Entzündung. Und deshalb ist es wahnsinnig wichtig, dass wir mal für 14 bis 16 Stunden keinen Insulin-Peak haben. Und der Insulin-Peak folgt dem Zucker-Peak. Dann wie gesagt, kalorisch eher zurückhaltend. Ich halte nichts von diesem wochenlangen Fasten. Ich glaube auch, das ist im Tierversuch gezeigt: Die Menschen leben nicht länger, aber es ist natürlich so: Ratten, die 20 % weniger zu fressen kriegen, die leben deutlich länger. Also es scheint was dran zu sein, dass man sich kalorisch nicht überlädt. Das sehe ich auch, wenn ich sozusagen alte, 90-, 100-jährige Menschen sehe, die alle Sinne und alle Körperteile gut beieinander haben: die sind alle schlank. Also es ist leider so: An einem gewissen kalorischen Defizit und einem gewissen ab und zu mal Fasten ist sicherlich was dran. Dann Fleisch ja, aber nicht zu viel. Fisch ja, gerne, fetter Fisch gerne, aber wie gesagt, glaube, dass wir zu viel rotes Fleisch essen. Und bei dem Trinken sind diese Softdrinks ein No-Go. Also Softdrinks ist out: Fanta, Sprite, dieser ganze Kram. Ich verstehe gar nicht, dass Leute so was noch trinken. Also insofern ist ernähren und trinken, glaube ich, wissen wir, was richtig ist. Und bei der Exercise, der ist ja auch noch in dem Punkt drin, ist es natürlich so, dass wir auch da wissen, was gut funktioniert. Das ist eben Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer, Koordination und Flexibilität. Diese Dinge kann man ganz systematisch abarbeiten. Und ja, bisschen Hanteltraining ist glaube ich wichtig, nicht zu viele Gewichte, sondern lieber ein paar mehr Übungen mit leichten Gewichten, ist mein Konzept. Es gibt ja Leute, die unglaubliche Muckis aufbauen wollen, das kann man natürlich, wenn man 20, 30 ist. In der zweiten Lebenshälfte rate ich davon ab, weil das geht eben einfach auf die Gelenke. Und die wichtigste Maßnahme ist meiner Meinung nach Cardio: Herz-Kreislauf. Und das mache ich persönlich jeden Tag.

    20:54 – Niels Behrens

    In welcher Form?

    20:55 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ich fahre dreimal die Woche mit dem Fahrrad anderthalb Stunden durch die Lüneburger Heide, morgens als Erstes, und an den anderen Tagen gehe ich eine halbe bis dreiviertel Stunde sehr schnell spazieren, aber sehr schnell, sodass ich anfange zu schwitzen.

    21:08 – Niels Behrens

    Gut! Haben wir Punkt 3 abgehakt, würde ich sagen. Punkt 4 ist wahrscheinlich keine so große Überraschung: „Don't smoke“, also nicht rauchen. Was genau macht Rauchen denn mit Kollagen, Durchblutung und Elastizität der Haut?

    21:22 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ja, Rauchen ist schlecht für jedes Organ, insbesondere für die Lunge, aber auch für die Haut. Und ich glaube, dass so in meinen Kreisen raucht kaum jemand, aber wenn ich so mich umgucke bei jungen Menschen, da sehe ich, da wird nach wie vor sehr viel geraucht. Ja, Rauchen ist einfach ein Killer für die Haut. Ein Raucher sieht einfach 20 Jahre älter aus.

    21:44 – Niels Behrens

    Ich glaube ja, die müssen nicht diese ganzen Fotos auf die Packung raufmachen und so, dass das Krebs und keine Ahnung was macht. Das ist so weit weg. Ich glaube einfach, wenn du sagst, Rauchen macht dich schneller alt und hässlich, würden das viel mehr Leute nicht kaufen.

    21:58 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Also man sieht es nicht, wenn jemand drei Zigaretten pro Tag raucht, was okay ist, da sehe ich das nicht. Aber wenn jemand 30 Zigaretten pro Tag raucht, sehe ich auf 20 Meter, ob das ein Raucher ist oder nicht. Weil die Raucher haben eine andere Hautfarbe. Die haben so eine gräulich-gelbliche Haut, die haben eine grobporige Haut. Und vor allem ist es so, dass die Wundheilung bei Rauchern eben sehr schlecht ist. Wenn wir Leute im Gesicht operieren, die da eine OP-Notwendigkeit haben, dann ist es immer eine Glückssache, ob diese Wundheilung gelingt, weil Raucher haben eine schlechte Wundheilung. Und die brauchen wir vielleicht ja irgendwann mal alle. Und es ist so, dass die Haut kann man sich leicht vorstellen wie eine Tischdecke und einen Tisch. Die Tischdecke ist die Oberhaut, die ist 0,1 mm dick und erneuert sich alle vier Wochen. Also wenn wir uns jetzt gegenseitig angucken, gucken wir auf unsere gegenseitigen Tischdecken. Aber die Tischdecke ist nur Teil des Ganzen. Die Musik spielt nicht in der Tischdecke – da spielt sie auch –, aber die Musik spielt im Tisch. Und der Tisch besteht überwiegend aus Kollagen. Kollagen sind Bindegewebsstrukturen, die unserer Haut Festigkeit geben. Und Rauchen zerstört das Kollagen. Und wenn ich das Kollagen zerstöre im Tisch, dann kann sich die Tischdecke auch nicht mehr glatt über den Tisch legen, dann wirft die Tischdecke Falten, dann wird das ganze System brüchig. Also Raucher haben – ich habe persönlich gar nichts gegen das Rauchen, also ich will jetzt hier kein militanter Nichtraucher sein –, aber Rauchen ist einfach, und deshalb gehört es in so ein Buch als extra Punkt: Rauchen ist leider extrem schlecht für jedes Organ, nicht nur für die Lunge, sondern insbesondere auch für die Haut.

    23:41 – Niels Behrens

    Du hast eben gerade gesagt, du siehst es jemandem an, einen starken Raucher. Und jetzt nehmen wir mal an, hier sagt der eine oder andere: „Ab jetzt, ab heute, jetzt hat Professor Steinkraus das gesagt, er hat mich überzeugt, ich rauche nicht mehr.“ Was würdest du sagen, wie viel Zeit braucht die Haut nach so einem Rauchstopp, um sich wieder zu erholen?

    23:56 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Das gelingt gar nicht, das kann die Haut nicht. Das ist ein Schaden. Klar kann die Haut sich dann um 10, 15, 20 % verbessern, aber das sieht man gar nicht. Also wenn jemand eine vom Rauchen zerstörte Haut hat, dann hat er damit eine Entscheidung für sich getroffen, die irreversibel ist, die ist nicht umkehrbar.

    24:18 – Niels Behrens

    Gut, dann wollen wir doch mal in den nächsten Punkt gehen, der auch leider irreversibel ist, nämlich: „Tan carefully“, also bräune dich vorsichtig. Viele Menschen verbinden ja eigentlich eine leichte Bräune mit Gesundheit und Attraktivität. Warum ist genau dieses Schönheitsideal eigentlich aus dermatologischer Sicht ein Problem?

    24:35 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ja, also mir gefällt es, wenn jemand eine leichte Gesichtsfarbe hat, eine Bräune, sieht einfach auch besser aus, als wenn jemand jetzt fahlweiß ist und die letzten drei Monate keinen Sonnenstrahl gesehen hat. Aber man muss fairerweise sagen: Es gibt keine gesunde Bräune. Jede Bräune ist ein Zeichen, dass die Haut versucht, sich zu schützen, ihr eigenes Pigmentsystem anwirft. Und die gesunde Haut von, würde ich mal sagen, 99 % von uns, die wir hier im Raum sitzen, die steckt das auch gut weg. Also ich bin jetzt nicht einer, der sagt: Um Gottes willen, du bist braun, du warst viel in der Sonne, du hast dich nicht eingecremt. Aber es ist natürlich so, dass die Sonne ein wunderbarer Faktor in unserem Leben ist. Dennoch haben die UV-Strahlen der Sonne nicht nur positive Dinge im Sinn, wie z. B. die Vitamin-D-Synthese, die über UVB-Strahlen geht, sondern auch negative, weil die UV-Strahlen uns alt machen, weil sie den Tisch zerstören. Wir waren eben schon beim Tisch beim Rauchen. Die UV-Strahlen machen das Gleiche wie Nikotin oder Kondensate, sie zerstören den Tisch und sie machen eben auch Hautkrebs. Wobei auch hier muss man sagen: Wir haben zu viel Angst vor Hautkrebs. Keiner von uns will Hautkrebs haben, aber in der Sterblichkeitsrate ist Hautkrebs ganz weit hinten. Also die Leute sterben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, an Stoffwechselerkrankungen, an neurodegenerativen Erkrankungen, Alzheimer und Parkinson, und die Leute sterben an inneren Krebserkrankungen. Hautkrebs ist der häufigste Krebs des Menschen, aber in der Sterblichkeit – stirbt man an Hautkrebs? – ist er ganz weit hinten. Es gibt gerade eine interessante Studie von Epidemiologen, die haben Schottland mit Australien verglichen. Und die Menschen in Australien werden drei Jahre älter als in Schottland, obwohl sie fünfmal häufiger Hautkrebs kriegen. Und wenn man mich heute fragen würde: „Möchtest du lieber drei Jahre älter werden und Hautkrebs haben oder möchtest du lieber drei Jahre früher sterben und keinen Hautkrebs haben?“, würde ich sagen: Ich bin für Hautkrebs und drei Jahre länger leben. Weil Hautkrebs – deshalb ist die Vorsorge eben auch so wichtig –, wenn jemand zu mir mit Hautkrebs kommt, der ist ja in 10 Minuten geheilt: hinlegen, rausschneiden, vielleicht mit Glück kann man die Narbe kaum sehen. Man kann keine Krebserkrankung so gut heilen wie Hautkrebs. Deshalb glaube ich, Hautkrebs ist ein ganz wichtiger Issue, aber man darf keine Angst davor haben, deshalb muss man zur Hautvorsorge gehen, weil Hautkrebs kann man zu 99,9 % der Fälle heilen. Und es ist eben so, dass wenn man mich fragt, ist die Sonne eher positiv oder eher negativ zu bewerten, dann würde ich sagen, die ist auf jeden Fall eher positiv zu bewerten, insbesondere für gesunde Menschen. Und die jungen Leute heute, wenn ich so mit 20-jährigen Frauen spreche: Die meiden die Sonne panisch, die haben Angst vor der Sonne, die gehen nicht mal eine Minute in den Garten. Und ich halte es für falsch. Ich halte es für falsch für das Glücksempfinden, für Vitamin D. Natürlich macht Sonne schneller alt, ein bisschen vielleicht. Und wenn man in die Sonne geht, muss man sich auch eincremen, das ist doch gar keine Frage, wenn ich den ganzen Tag in der Sonne bin. Aber die panische Vermeidung der Sonne, wie es heute Usus ist, die halte ich für falsch. Ich rede von unseren Breitengraden, ich rede nicht von Kenia oder vom Äquator. Und dann ist es eben auch ganz wichtig: Bei der Sonne ist es eben wahnsinnig wichtig, dass man guckt: Was bin ich denn für ein Hauttyp? Ich bin ein Hauttyp, ich habe überhaupt kein Problem mit der Sonne. Bei dir würde ich sagen, du musst mit der Sonne aufpassen, weil du bist zwei Stufen heller als ich. Und man muss, wenn man über Sonne spricht, immer sagen, über welchen Hauttyp spricht man. Es gibt sechs Hauttypen, gibt's eine wunderbare Statistik von Fitzpatrick, ist auch in dem Buch genau beschrieben. Es gibt Leute, die sind rothaarig, die sind blond, die können nur wenige Minuten in der Sonne sitzen. Und bei der Sonne ist es ganz wichtig, dass wir eine Größe für uns im Kopf haben, und das ist die sogenannte Eigenschutzzeit. Jeder von uns, der hier sitzt, hat eine eigene persönliche Eigenschutzzeit. Die kann wenige Minuten sein, die kann aber auch zwei, drei Stunden sein. Die Eigenschutzzeit ist die Zeit, die man ungeschützt in der Sonne sitzen kann, bevor man rot wird. Und wenn ich eine kurze Eigenschutzzeit habe, dann ist doch völlig klar, dass ich mich vor der Sonne schützen muss, dann würde ich auch hier sofort eingehen. Aber wenn ich eine stundenlange Eigenschutzzeit habe, dann kann ich mit dem Sonnenschutz auch ein bisschen lässiger sein. In jedem Falle brauchen wir die Sonne. Ich halte es für ganz, ganz wichtig, dass wir die Sonne nicht ausklammern aus unserem modernen Leben, sondern dass wir uns gut schützen in Abhängigkeit vom Hauttyp, in Abhängigkeit von Vorschäden – wenn ich schon dreimal Hautkrebs hatte, dann ist doch klar, dass ich mich besser schütze als jemand, der das noch nie hatte –, in Abhängigkeit von meiner Familienvorgeschichte – wenn es bei mir Hautkrebs in der Familie gibt, dann ist es wahrscheinlich, weil ich die gleichen Gene trage, dass ich mich gut schützen muss. Aber ich warne davor, die Sonne zu Unrecht zu verteufeln, nur weil man vielleicht ein ganz klein bisschen schneller altert. Ich glaube, dass das kaum wahrnehmbar ist. Man kann wirklich die Sonne genießen, wenn man gut geschützt in die Sonne geht.

    30:03 – Niels Behrens

    Darf ich da kurz einhaken? Wegen „gut geschützt“ – wir haben uns schon häufiger im Podcast unterhalten, und da möchte ich noch mal auf einen Punkt eingehen: dieses „gut geschützt“. Welchen Fehler beim Thema Sonnenschutz ist der, den selbst gut informierte Menschen am häufigsten machen?

    30:18 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Der häufigste Fehler, dass die Menschen sich im Frühjahr, wenn sie das Gefühl haben, die Sonne ist noch nicht so stark, ungeschützt der Sonne exponieren. Weil gerade im Frühjahr, wenn die Haut noch nicht an die Sonne gewöhnt ist – die Haut kann ja auch einen Eigenschutz aufbauen –, gerade im Frühjahr ist der noch nicht gegeben. Also ist der Sonnenschutz im Frühjahr wichtiger als im Herbst, auch bei gleichem Sonnenstand. Und dann ist der Hauptfehler, dass die Leute sich nicht mit genügend Sonnencreme eincremen. Also wenn ich mir eine Packung kaufe, da steht drauf: Lichtschutzfaktor 30 oder Lichtschutzfaktor 50. Das heißt ja, ich kann 30- oder 50-mal so lange in der Sonne bleiben, bis ich rot werde. So ist ein Lichtschutzfaktor definiert. Und das Problem ist, dass diese Zahl gilt nur, wenn ich 40 Gramm pro Körper Sonnencreme auftrage. 2 Milligramm pro Quadratzentimeter Oberfläche, das weiß kein Mensch, sagen wir 40 Gramm pro Körper. Das heißt, wenn ich mir eine 200-ml-Tube kaufe, muss sie nach fünfmal Eincremen leer sein. Das ist sie aber nicht, weil die Leute fahren in den Urlaub, drei Wochen, und die Tube kommt mit, ist noch halb voll. Das heißt, was für ein Sonnenschutz hat stattgefunden? Gar keiner. 40 Gramm Creme pro Körper, das ist eine Menge Creme! Und nur dann habe ich den Lichtschutzfaktor auf der Haut, der auch auf der Verpackung steht. Und ich glaube, ein Hauptfehler ist, dass die Leute sich mit einem hohen Faktor eincremen – 30, 50 oder sogar 100er, ja, gibt es –, und dann sagen: „Ich bin ja gut geschützt“, haben aber nicht die Crememenge auf der Haut, die diesen Schutz auch absichert. Also Hauptfehler: zu wenig Creme, Hauptfehler: im Frühjahr nicht richtig eingecremt. Und dann ist es eben auch wichtig, dass man sich darüber im Klaren ist, dass selbst wenn man keinen Sonnenbrand kriegt, weil man ja einen hohen Lichtschutzfaktor aufgetragen hat, kriegt man immer noch sehr viel UVA-Strahlen, weil die modernen Filter nicht so gut gegen UVA schützen wie gegen UVB. Man wird nicht mehr rot, bleibt länger in der Sonne, weil man ja nicht mehr rot wird, kriegt aber sehr viel UVA. Und UVA schwächt das Immunsystem. Und das habe ich einmal versucht, auch in dem Buch ganz klar zu erklären, damit jeder das versteht: Was ist UVA? Was ist UVB? Was ist sichtbares Licht? Was sind die ganzen Schutzfaktoren, die uns zur Verfügung stehen, und wie muss man sich richtig eincremen?

    32:48 – Niels Behrens

    Okay, dann kommen wir mal zum Punkt oder Maxime Nummer 6: „Fine-tune with proven skincare technology“, also nutze bewährte Technologien für dieses gezielte Finetuning. Deswegen frage ich mal als Erstes: Welche Wirkstoffe, wenn wir über das Thema – wir nennen es jetzt nicht Anti-Aging, sondern Slow Aging – sprechen, sind aus deiner Sicht extrem gut vermarktet, aber wissenschaftlich eher nicht ganz so überzeugend?

    33:12 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Also diese ganze Cremerei mit Peptiden, da würde ich gerne noch mehr darüber wissen, weil ich kenne keine gute Studie, aber wir sind da gerade auch dran, das zu untersuchen, weil das hört man immer wieder: Alle nehmen Peptide. Ich weiß nicht, was sie machen sollen, aber vielleicht machen sie was, weiß ich nicht. Generell kann man zur Hautpflege sagen: Hautpflege ist ganz einfach. Die moderne Hautpflege ist eine leichte Pflege mit Hydrogel. Diese alten, fetten Cremes, diese Old-School-Kosmetik, die ist out, da kriegt man Entzündung, das mag die Haut nicht. Eine moderne Hautpflege ist eine leichte Pflege und die besteht aus einer guten Reinigung und aus einer Feuchtigkeitscreme. Und es gibt eine leichte Feuchtigkeitscreme oder eine fettere Hautcreme, je nach Hauttyp. Also wenn man es ganz einfach will, dann sollte man wenigstens reinigen und eine Feuchtigkeitscreme machen morgens und reinigen und eine Feuchtigkeitscreme abends. Das ist die Pflicht einer jeden Hautpflege. Und dann kann man eine Kür einbauen mit Wirkstoffen, und da gibt es für einige Wirkstoffe eben ganz tolle Daten: Das ist Vitamin A, das ist Vitamin C, das ist Niacin und das sind auch die Fruchtsäuren. Das nenne ich eine Wirkstoffkosmetik. Dennoch: Die beste Wirkstoffkosmetik nützt nichts, wenn ich jede Nacht nur 3 Stunden schlafe oder 30 Zigaretten rauche, da brauche ich keine Hautpflege mehr machen. Kann ich mir schenken. Aber ich glaube, dass es eine Wirkstoffkosmetik-Pflege gibt, die in wissenschaftlichen Studien gezeigt hat, dass sie die Struktur und Funktion der Haut verbessert, ohne jede Frage. Und man sieht einem Menschen an, der 60 Jahre alt ist, ob er sich die letzten 30 Jahre gut gepflegt hat oder nicht. Das sieht man an der Haut. Und insofern glaube ich, dass Hautpflege wichtig ist, dass Hautpflege von vielen Menschen überbewertet wird, aber viele Leute glauben auch, es bringt alles gar nichts. Das ist falsch. Eine gute, leichte, regelmäßige Hautpflege mit Wirkstoffen bringt's. Aber es ist eben kein Kurzstreckenlauf, Hautpflege ist ein Langstreckenlauf. Ich kann nicht mich 6 Wochen gut pflegen und sage: „Boah, alles toll!“, sondern da muss man schon mal ein paar Monate und Jahre rangehen. Muss man dranbleiben, wie mit dem Sport. Man muss eben jeden Tag ein bisschen was machen und so ist es auch mit der Hautpflege. Insofern glaube ich, es gibt ein gutes Reinigungskonzept, es gibt ein gutes Konzept mit einer leichten Pflegecreme, das ist das Mindestprogramm für jeden. Und einbauen kann man in dieses Pflichtprogramm eine Kür: morgens Hyaluron und Vitamin C und abends Vitamin A und Niacin. Und wenn man das macht, macht man alles, was man mit Hautpflege erreichen kann.

    35:48 – Niels Behrens

    Sehr gut, sehr gut. Dann gucke ich jetzt gerade noch mal: Gerade junge Menschen beginnen immer früher mit Botox und Fillern. Kann man, ich sag mal, dafür sinnvoll etwas präventiv behandeln oder trainiert man da eher eine lebenslange Abhängigkeit von vielleicht gewissen Stoffen, die gar nicht so gut sind für uns auf Dauer?

    36:08 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ja, ich halte das tatsächlich für ein Problem, dass junge Menschen immer früher diese Sachen machen. Preventive Botox heißt das, dass also schon 19-, 20-Jährige anfangen, sich Botox zu spritzen. Das ist natürlich am Ende furchtbar, dass es diese Entwicklung gibt. Das ist so ein Konformitätsdruck: Jeder macht das, man möchte den Normen seiner Gruppe entsprechen. Jeder will irgendwie individuell und anders sein, trotzdem machen alle dasselbe. Und es ist halt unter jungen Mädchen – 16, 17, 18, 19, 20 – ist dieses Preventive Botox leider so ein Trend. Da haben wir natürlich gar keinen Einfluss drauf, das aufzuhalten, aber das ist natürlich nicht schön. Ich halte das sogar für – ich will jetzt nicht sagen gefährlich –, aber es ist absurd. Aber Ionesco hat so schön gesagt: „Wer sich an das Absurde gewöhnt hat, findet sich in unserer Welt bestens zurecht.“ Es ist ein Trend, dass gerade 16-, 17-Jährige, die eigentlich gar keine – also ich habe auch eine Tochter, die 16 ist, die braucht null Pflege. Ein 16-jähriges Mädchen, die muss die Haut reinigen, that's it, die braucht nicht mal eine Creme. Aber die jungen Menschen wollen sich einfach gerne pflegen, die gucken sich das überall ab. Und es ist leider ein Trend, wir haben relativ wenig Möglichkeiten, dagegenzuwirken.

    37:36 – Niels Behrens

    Ist ja auf TikTok, also dann muss es ja wahr sein. Kommen wir mal zur Maxime Nummer 7, und ich hatte ja gesagt, es sind ein paar Sachen wirklich sehr überraschend, ich finde, das ist auf jeden Fall eine davon: „Have friends of all ages“, also habe Freunde aller Altersstufen. Was macht das mit uns, wenn wir Freundschaften haben mit deutlich jüngeren und deutlich älteren Menschen, und warum verändert das unser Aussehen?

    38:00 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ja, ich glaube, dass ein Lebensstil, der das abbildet, dass man eben sehr interessiert ist, gleichaltrige Freunde – ich habe Freunde, die sind so alt wie meine Kinder, und ich habe Freunde, die sind 90 –, ich glaube, dass das ein tolles Leben ist, wenn man bunt gemischte Freundeskreise hat in der Struktur. Und das bereichert einen: Man kann von den Jüngeren sehr viel lernen, man bleibt immer sozusagen am Ball. Von älteren Freunden kriegt man große Dankbarkeit, dass man ihnen seine Zeit schenkt, weil ältere Menschen haben häufig mehr Zeit und freuen sich, dass Jüngere ihnen ihre Zeit schenken. Und das ist einfach ein schönes Lebensgefühl. Und Menschen, die ein schönes Lebensgefühl haben, die sehen besser aus. Also diese positiven Dinge im Leben wie „Have friends of all ages“, die werden einem gewisserweise in die Haut eingeschrieben und auch ins ganze Bewegungsmuster. Das fängt an mit der Körperhaltung: Menschen, die sozusagen ihre Sinne in alle Richtungen immer wieder schulen, die sind besser drauf, und man kann es am Ende an der Physis, am ganzen Körperlichen erkennen, ob jemand gut drauf ist.

    39:09 – Niels Behrens

    Was würdest du denn sagen, können wir von deutlich jüngeren Menschen lernen, was wir vom gleichaltrigen Freundeskreis vielleicht nicht lernen können?

    39:16 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ja, da fällt mir natürlich ein als Vater von jüngeren Kindern, die halt auch relativ jung sind – 15, 16 sind die Kleinen –, da lernt man natürlich wahnsinnig viel über sozusagen das sind ja alle Native Digitals, das sind wir ja nicht. Ich bin ja ein analoger Mensch und versuche mich in beiden Welten zurechtzufinden. Da lernt man natürlich unglaublich viel, wie schnell das Leben ist. Also die Schnelligkeit des Lebens verdutzt mich immer mehr. Und ich versuche auch immer z. B. nicht nur Dinge von denen zu lernen – was ich lerne im Social-Media-Bereich oder auch im IT-Bereich –, sondern auch denen Dinge zu geben, die für die offensichtlich nicht mehr wichtig sind. Das Wichtigste, was vernachlässigt wird, ist, dass die jungen Leute nicht mehr lesen. Sie kommen in eine Wohnung von jungen Menschen, da ist kein einziges Buch. Dann denke ich: Was ist denn hier los? Wenn ich das bei meinen Kindern erreiche, dass die wirklich anfangen zu lesen – die müssen nicht jede Woche ein Buch lesen –, aber dass sie noch mal einen Dostojewski lesen oder einen Tolstoi oder einen Thomas Mann, ich glaube, das ist wahnsinnig wichtig auch für unsere Kulturgeschichte. Und insofern geht es in beide Richtungen: Ich lerne von denen viel, aber versuche denen natürlich auch gewisse kulturelle Dinge noch reinzuverleiben, die mir zu kurz kommen.

    40:41 – Niels Behrens

    Du hast die Antwort auf die Frage mir schon eigentlich implizit eben gerade gegeben, aber ich stelle sie trotzdem noch mal so explizit: Muss man sich solche generationsübergreifenden Beziehungen bewusst suchen oder entstehen sie einfach automatisch, solange man neugierig und offen bleibt?

    40:54 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ich glaube, sie entstehen automatisch. Jedenfalls habe ich ja das große Glück, mit unglaublich vielen Menschen täglich Berührung zu haben. Und da entstehen natürlich als Arzt unglaublich gute Gespräche. Es geht ja nicht immer nur um die Krankheit, sondern es geht ja häufig auch um Begleitfragen. Und ja, ich glaube, dass wenn man offen durchs Leben geht, dass diese Begegnungen von alleine kommen. Denn Freundschaften, „Have friends of all ages“, das Besondere von Freundschaften ist ja: Freundschaften haben ja eine eigene Dimension. Es gibt Freundschaften, die sind dick, welche, die sind dünn, welche, die hat man in der Ferne. Die Währung der Freundschaft ist ja die Authentizität. Freundschaft ist eine emotionale Erhöhung für beide Freunde, für beide Seiten. Und ich glaube, das findet man überall und an jeder Ecke. Natürlich muss man offen dafür sein, muss offen durchs Leben gehen. Es gibt ja Menschen, die gucken immer nach unten und gucken keinen an, suchen nicht das Gespräch. Man muss natürlich auch das Gespräch suchen und ein offener Mensch sein. Und ich glaube, dann hat man die Möglichkeit, das zu leben: „Have friends of all ages“. Ich glaube, das kommt relativ von alleine, wenn man offen durchs Leben geht.

    42:19 – Niels Behrens

    Sehr gut! Wir haben jetzt die ersten sieben Maximen hinter uns und gehen jetzt zur Maxime 8. Also ihr habt das hier durchgehalten, jetzt kommt der erste Reward, es geht um Sex: „Enjoy intimacy and sexuality“, genieße Intimität und Sexualität. Du meinst mit Sexualität ausdrücklich nicht nur Sex, sondern auch Berührung, Erotik, Nähe, Geborgenheit. Was löst eben halt diese Form von Nähe biologisch-emotional bei uns aus?

    42:43 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Also Intimität, Nähe – und das muss nicht immer ein Partner sein, das kann auch mal jemand sein, dem man die Hand eine Minute hält, weil er krank ist und weil man bei ihm am Bett sitzt, oder eine Mutter mit ihrem Kind, die ihr Kind an die Brust drückt –, Nähe, körperliche Nähe ist das Wichtigste, was es für uns Menschen gibt. Wir haben fünf Sinne: Hören, Sehen, Schmecken, Riechen und Fühlen. Und wir können auf vier dieser Sinne verzichten: Wir können auf Hören, Sehen, Schmecken und Riechen verzichten, wir können aber nicht auf Fühlen verzichten. Über das Gefühl, über die Nähe haben wir eine Verbindung zur Welt. Man könnte auch sagen, dass die Haut ein verlängerter Arm des Gehirns in die Peripherie ist. Das heißt, unser Gehirn lernt über die Haut, was da draußen in der Welt passiert, und das geht über Gefühl. Intimität, Nähe ist eben wahnsinnig wichtig. Man sieht das auch bei älteren Ehepaaren: Wenn einer stirbt, dann stirbt der Zweite häufig vier, sechs, acht Wochen später. Sieht man immer wieder, dass Nähe wichtig ist. Und mit dieser Nähe, mit Sexualität meine ich nicht im engeren Sinne Sex – Sex gibt diese Nähe natürlich auch –, aber damit ist eine Form von Nähe gemeint, die zwei Menschen sich gegenseitig schenken. Und das ist eben irrsinnig gut für das Immunsystem. Deshalb macht die Liebe auch schön.

    44:15 – Niels Behrens

    Ja, es gibt dieses berühmte angebliche Experiment, das hat Friedrich der Große mal versucht. Er wollte wissen, was die globale Sprache der Menschheit ist, und hat dafür Waisenkinder in einen Raum getan und hat denen nur zu essen und zu trinken gegeben, aber keine körperliche Nähe, keinen Kontakt, gar nichts. Und leider hat er nie rausgefunden, was die globale Sprache der Menschheit ist, weil sie alle gestorben sind, weil dieser Mangel an diesem Kuschelhormon Oxytocin halt sie sterben lassen hat.

    44:40 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ja, und das gibt es eben bei jeder Spezies. Es gibt einen Versuch aus den 60er-Jahren in den USA: Man hat 2.000 Ratten gehabt. Gruppe A waren 1.000 Ratten und Gruppe B waren 1.000 Ratten. Und in Gruppe A, diese 1.000 Ratten hatten ein enges Verhältnis zu ihrem Pfleger. Das heißt, der hat die Käfige gereinigt und die gefüttert und hat die gehätschelt und getätschelt und hat mit denen gesprochen. In Gruppe B wurde nur der Käfig gereinigt, die wurden ernährt, die haben die gleiche sozusagen Grundversorgung bekommen wie Gruppe A, aber die Pfleger haben nicht mit denen gesprochen und die nicht gehätschelt und getätschelt. Und dann wurden alle 2.000 Ratten operiert. Und von Gruppe A, von der Rattengruppe, die gehätschelt und getätschelt worden ist, haben 90 % die Operation überlebt, und von Gruppe B haben nur 30 % die Operation überlebt. Das heißt, ein Unterschied von 60 % in der Resilienz, in der Abwehr! Das heißt: Menschen, die Zuwendung kriegen, die Berührung kriegen, die gehätschelt und getätschelt werden, die sind gesünder und sie haben eine höhere Resilienz. Und das ist eben unglaublich wichtig. Im täglichen Leben nicht, aber wenn wir in Belastungssituationen kommen, wo wir operiert werden, wo wir krank werden, ist es wahnsinnig wichtig. Dann können die Menschen, die gut eingebettet sind in Berührung und Intimität, haben mehr zuzusetzen als die anderen.

    46:15 – Niels Behrens

    Super spannend! Wir kommen zu Maxime Nummer 9: „Tolerate different mindsets“, also toleriere unterschiedliche Denkweisen. Du beschreibst Toleranz nicht als eine passive Nachgiebigkeit, sondern eher als eine aktive Leistung. Was muss man innerlich können, um einen anderen Menschen stehenzulassen, ohne ihn unbedingt überzeugen zu wollen?

    46:36 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Mir fällt auf, dass intelligente, kluge, gebildete, tolerante Menschen – Toleranz im Sinne von humanistisch tolerant – besser aussehen. Wie kommt es zu dieser Beobachtung? Es gibt zwei Formen von Toleranz: Es gibt einmal die Toleranz, die man nicht tolerieren darf. Also wir als tolerante Gesellschaft dürfen keine intoleranten Gesellschaften tolerieren. Es gibt also eine Toleranz, die wir nicht leben sollten, indem wir eben Intoleranz tolerieren. Das ist das, was Karl Popper gesagt hat. Aber es gibt auch eine andere Form von Toleranz und das ist eben ganz wichtig, dass wir die leben. Das heißt, dass man sich nicht über alles aufregt, dass man andere Orientierungen, andere Menschen, die vielleicht nicht der gleichen Meinung sind, toleriert. Und das müssen wir lernen: Meinungsfreiheiten so stehenzulassen: „We agree to disagree.“ Ich glaube, wichtig ist, dass man sich auch mal lockerschüttelt und nicht immer den Fehdehandschuh aufgreift und einen Krieg beginnt, sondern wie Churchill so schön sagte: „Don't stop and throw stones at every dog that barks.“ Es ist also ganz wichtig, und das muss man lernen: Toleranz ist nicht einfach. Toleranz ist nicht einfach nichts machen, sondern Toleranz ist eine aktive Übung. Das ist auch in der Immunologie so: Die werdende Mutter muss ja das zu 50 % anders genetische Kind, was in ihr heranwächst, tolerieren, weil das Immunsystem der Mutter möchte dieses Kind mit 50 % fremdem Erbgut eigentlich bekämpfen. Also muss die Mutter eine biologische Toleranz aufbauen, das ist eine sehr komplizierte, aktive Leistung, für die auch gerade der Nobelpreis vergeben wurde für ganz bestimmte Immunzellen, regulatorische T-Zellen. Toleranz ist ein aktives Phänomen. Und ich muss mich einfach mal lockerschüttelt, wenn mich jemand anhupt im Verkehr, zu sagen: „Ich habe das gar nicht gehört.“ Ich beame mich auf eine Ebene, wo mich das nicht erreicht. Und wenn man diese Kraft hat – und das ist eine aktive Leistung –, ist man ganz weit vorne.

    49:09 – Niels Behrens

    Total. Ich finde das so ein schönes Beispiel. Ich finde tatsächlich – nehmen wir mal in der Theorie an, man wird so angehupt im Straßenverkehr und dann zeigt man tatsächlich einen seiner fünf Finger an der Hand –, dann fühlt man sich danach schlechter. Es ist meistens so, dass wenn man dann zurückpöbelt oder irgendwie so was...

    49:28 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Weil man hat sich nicht unter Kontrolle gehabt. Der andere, der einen provoziert hat, ist ja der Mächtigere, weil der hat mich ja zu dieser Provokation bringen können. Und ist doch viel cooler, zu sagen: „Weißt du was, ich sehe deinen Angriff, deine Aggression, aber wir sind einfach nicht auf der gleichen Ebene. Du erreichst mich nicht mit deiner Aggression.“ Und deshalb meine ich „Tolerate different mindsets“: Man muss nicht alles tolerieren, aber man kann lernen, viele Dinge zu tolerieren. Und man hat auch einen schlechteren Gesichtsausdruck, wenn man immer sozusagen auf Aggression gepolt ist. Die Leute sehen auch nicht gut aus, die haben ein unentspanntes Gesicht. Und ich glaube, dass Menschen, die so eine gewisse Großzügigkeit, Toleranz haben, dass diese Leute besser aussehen.

    50:20 – Niels Behrens

    Ich glaube das auch. Ich bin ja sehr viel mit dem Fahrrad unterwegs, deswegen kenne ich das dann irgendwie, wenn man im Straßenverkehr immer mal so angepöbelt oder angehupt wird. Ich sage dann immer: „Gute Besserung!“

    50:31 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Cool. Sehr gut, sehr gut.

    50:33 – Niels Behrens

    Kommen wir zur zehnten Maxime: „Relax and smile“, sei locker und lächle. Damit haben wir doch eigentlich schon gleich eine moderative Brücke hier geschossen. Warum macht ein Lächeln einen Menschen häufig attraktiver als die perfekten Gesichtszüge?

    50:45 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ja, das ist eigentlich der wichtigste Punkt in meinem Buch: „Relax and smile“, weil ich glaube, dass wir lernen müssen, mit einer gewissen Leichtigkeit durchs Leben zu gehen. Und wer jeder Falte hinterherläuft und sagt: „Oh Gott, da habe ich schon wieder eine Falte, ich muss schnell wieder Botox...“ – ich glaube, das ist wahnsinnig unentspannt. Ich glaube, dass alle Menschen, die gut altern, die gut aussehen... Und ich mache ja immer die Beobachtung: Wenn ich im Patientenzimmer bin, dann kommt der Patient ja immer mit einer ganz bestimmten Fragestellung, weshalb er zu mir kommt. Aber ich habe immer noch ein Hobby: Ich überlege immer, wie alt ist eigentlich der Patient, ohne dass ich auf die Akte gucke. Und da liege ich manchmal super gut, aber ich liege mal total daneben. Ich schätze Leute 10, 15 Jahre älter, als sie sind, oder 10, 15 Jahre jünger, als sie sind. Und dann sage ich: Was hast du jetzt hier falsch wahrgenommen? Was ist passiert mit diesem Menschen, dass er so jung geblieben ist oder dass er so vorgealtert ist? Und da fällt mir auf, dass Menschen, die lächeln, die locker sind, die eine gewisse Leichtigkeit haben, die altern einfach besser.

    51:49 – Niels Behrens

    Ja, du, ich meine wir wollen dein Alter ja nicht verraten, aber ich würde sagen, da liegen die meisten Leute auch bei 10 Jahren daneben. Hinter „Relax and smile“ steht ja auch eine Erkenntnis, dass unser Leben kurz ist und unsere eigene Bedeutung, ich sag jetzt einfach mal, begrenzt. Warum kann gerade dieser Gedanke auch so befreiend sein?

    52:08 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ja, was ich vorhin schon sagte: Wir wollen einfach nicht sterben. Und ich habe auch in dem Buch bewusst ein Kapitel über den Tod, weil ich glaube, es ist wichtig, dass man auch wenn man 20, 30, 40 ist, wir dürfen den Tod nicht ausklammern und wir müssen uns mit der Begrenztheit abfinden. Michel de Montaigne, einer meiner Lieblingsessayisten, hat vor 500 Jahren gesagt: „Wir müssen lernen, zu Lebzeiten zu sterben.“ Und deshalb muss man sich rechtzeitig damit befassen, damit man vom Tod nicht überrascht wird. Denn ich habe ja einen Lebensplan: Ich möchte 100 Jahre werden, das sind 5 x 20 Jahre in unterschiedlichen Abschnitten, und ich möchte davon nicht überrascht werden. Ich mache alles, damit ich diese 100 erreiche. Und ich plane mein Leben, ich habe also einen gewissen Lebensentwurf. Und wir brauchen natürlich am Ende – und das ist wahnsinnig wichtig –, wir brauchen auch Fortune! Weil wir können alle morgen vor den Bus laufen, das war's. Du kannst alles richtig machen und hast trotzdem kein Fortune oder du hast eine Infektion. Ich glaube aber, dass es wichtig ist, sich mit der Begrenztheit des Lebens zu befassen, weil ich glaube, nur dann kann man ein schönes, bewusstes Leben, wo man nicht überrascht wird, aktiv führen, wenn man weiß: Ich habe etwa 100 Jahre zur Verfügung und die möchte ich voll ausnutzen. Und ich halte es für falsch, den Tod auszuklammern. Und ich spreche nicht über den Tod aus einer depressiven Stimmungslage heraus: „Oh Gott, du musst irgendwann sterben, wie furchtbar!“, sondern ich spreche aus einem Glücksgefühl heraus über den Tod, dass ich weiß, er wird kommen. Was kann ich machen, dass er möglichst spät kommt? Aber ich weiß, er kommt, ohne ihn auszuklammern. Deshalb ist es mir wichtig und deshalb ist das am Ende auch ein philosophisches Buch mit Zitaten über viele Aspekte, über Schönheit, Philosophie. Das ist eben auch wichtig. Da haben wir jetzt heute nicht drüber gesprochen, aber ich muss für mich auch definieren, was Schönheit ist, was Ästhetik ist, und ein bewusstes Leben führen in der Kenntnis, dass es am Ende begrenzt ist. Und das wird mir in den ganzen Longevity-Diskussionen, in den ganzen Anti-Aging-Mythen, in den ganzen Versprechungen ein bisschen zu sehr ausgeklammert.

    54:36 – Niels Behrens

    Kann ich nichts hinzufügen. Wenn jemand jetzt nach diesem Gespräch, was wir geführt haben, das alles so aufgenommen hat und sagt, er beginnt jetzt morgen konsequent mit einer deiner zehn Maximen: Was würdest du sagen, womit sollte er beginnen?

    54:51 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Die wichtigste Maxime von diesen zehn ist ohne jede Frage, 1A, ganz, ganz wichtig: Bewegung. Wenn man heute mit einem Onkologen spricht – das sind Krebsspezialisten, weil wir können ja alle Bauchspeicheldrüsenkrebs haben oder Magenkrebs –, wenn man heute mit einem Onkologen spricht: „Was machen Sie, um keinen Krebs zu kriegen?“, dann sagen die alle an erster Stelle: Bewegung, Bewegung, Bewegung. Das muss nicht Leistungssport sein. Ich glaube nicht, dass die Leute, die jeden Tag Marathon laufen, 100 Jahre alt werden. Aber die Leute, die gesund alt werden, das sind alles Leute, die den ganzen Tag im Garten rumpuzzeln, Rosen schneiden, umgraben oder mit dem Fahrrad unterwegs sind. Wenn man mich fragt: Was ist die wichtigste dieser zehn Maßnahmen?, ich weiß, alles wichtig, aber ich würde persönlich die Bewegung an Nummer eins stellen.

    55:51 – Niels Behrens

    Ein wunderbares Schlusswort. Ich sage vielen Dank fürs Gespräch. Ich möchte euch allen jetzt auf jeden Fall noch Volkers Buch „How to look better“ ans Herz legen. Und man kann es heute sogar auch noch hier kaufen. Und ich glaube, für die, die es hier kaufen, würdest du auch was reinschreiben, oder?

    56:03 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Ja, selbstverständlich.

    56:05 – Niels Behrens

    Sehr gut! Du hast zwar gesagt, du nimmst nicht viele Supplements, aber wenn du nur eins nehmen dürftest, welches wäre das?

    56:15 – Prof. Dr. Volker Steinkraus

    Vitamin D.

    56:16 – Niels Behrens

    Und das vom Dermatologen!

    56:18 – Niels Behrens

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