

Dein Körper spricht hormonisch! Mit Dr. Konstantin Wagner
Unser Körper wird durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Hormone gesteuert. Wenn dieses System gefordert ist, macht sich das oft im allgemeinen Wohlbefinden bemerkbar. In dieser Folge von HEALTHWISE spricht Host Elisabeth Seidel mit dem Gynäkologen Dr. Konstantin Wagner über das hormonelle System aus medizinischer Sicht und gibt praktische Impulse für einen ausgewogenen Alltag.
Die Folge HEALTHWISE auf YouTube
warum ist der weibliche zyklus so komplex?
Dr. Konstantin Wagner erklärt, dass die hormonellen Veränderungen im weiblichen Körper völlig natürliche biologische Prozesse sind. Wenn Frauen das Gefühl haben, ihre Hormone spielen verrückt, handelt es sich meist um ganz normale physiologische Schwankungen. Dieser Zyklus ist laut Dr. Konstantin Wagner unfassbar komplex und gleichzeitig faszinierend. Ein solches Auf und Ab kennen Männer überhaupt nicht, da ihr Testosteronspiegel morgens höher ist als abends und sonst kaum fluktuiert.
Gynäkologe Dr. Konstantin Wagner erläutert in dieser Folge, wie vielschichtig das hormonelle Zusammenspiel ist und warum es sich lohnt, auf die eigenen Körpersignale zu achten.
Welche rolle spielt der blutzucker?
Bei der Suche nach hormonellen Einflüssen auf das Wohlbefinden reicht es nicht aus, sich nur Östrogen und Progesteron anzusehen. Dr. Konstantin Wagner verdeutlicht, dass auch Organe wie die Schilddrüse, Nebenniere und die Bauchspeicheldrüse mit dem Insulin eine riesige Rolle spielen. Das Faszinierendste an Insulin ist für Dr. Konstantin Wagner die Tatsache, dass wir es selbst durch unsere Ernährung von außen beeinflussen können.
Eine große Rolle für unseren Blutzucker spielen dabei die ständigen Zwischenmahlzeiten. Dr. Konstantin Wagner führt aus, dass kohlenhydratreiche und insbesondere zuckerhaltige Snacks den Blutzucker beeinflussen. Wenn wir diese Routinen durchbrechen und beispielsweise zuckerhaltige Snacks gegen eiweißreiche Lebensmittel oder Ballaststoffe austauschen, spüren wir schnell mehr Energie. Solche kleinen Schritte im Alltag sind laut Dr. Konstantin Wagner viel zielführender als radikale Crash-Diäten für das generelle Wohlbefinden im eigenen Körper.
welchen einfluss hat unser stresserleben?
Ein weiterer essenzieller Aspekt für das körperliche Wohlbefinden und die hormonelle Balance ist unser modernes Stresserleben. In der aktuellen Podcast-Folge erklärt Gynäkologe Dr. Konstantin Wagner die physiologischen Hintergründe: Unser Körper nutzt noch immer evolutionäre Muster, die bei Herausforderungen sofort Energie bereitstellen. Ist unser Alltag dauerhaft anspruchsvoll, kann es abends schwerfallen, richtig abzuschalten und zur Ruhe zu kommen. Eine ausbleibende nächtliche Erholung beeinflusst wiederum den Start in den nächsten Tag.
Der Körper sucht dann oft nach schneller Energie, was sich im Verlangen nach süßen und salzigen Snacks äußern kann. Um diesen Kreislauf zu verstehen und den Alltag wieder ausgewogener zu gestalten, kann neben mentalem Ausgleich auch eine gezielte Mikronährstoffzufuhr unterstützen: So trägt beispielsweise Vitamin B6 zur Regulierung der Hormontätigkeit bei, während Magnesium einen Beitrag zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung leistet.
wie hängen Mikronährstoffe und kognition zusammen?
Hormonelle Veränderungen zeigen sich nicht nur körperlich, sondern beeinflussen oft auch unsere mentale Verfassung und innere Balance. Gynäkologe Dr. Konstantin Wagner erläutert in dieser Folge, warum es so wichtig ist, kognitive Signale wie emotionale Sensibilität oder nachlassende Stressresilienz ernst zu nehmen. Er erklärt die Rolle essenzieller Nährstoffe als Bausteine für den Zellstoffwechsel und zeigt auf, wie Frauen durch eine bewusste Nährstoffzufuhr und Selbstfürsorge mehr Stabilität im Alltag gewinnen können.
Um den Körper in fordernden Phasen zu unterstützen, spielt eine gezielte Mikronährstoffversorgung eine zentrale Rolle. So tragen beispielsweise die Omega-3-Fettsäuren DHA und EPA zur Erhaltung einer normalen Gehirnfunktion bei, während Eisen zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung sowie zu einer normalen kognitiven Funktion beiträgt. Auch Vitamin D leistet einen wichtigen Beitrag, indem es zur normalen Funktion des Immunsystems beiträgt. Mit solchen gezielten Bausteinen lässt sich das eigene Wohlbefinden im Alltag nachhaltig stärken
CHECKLISTE: 5 SCHRITTE FÜR EINEN STABILEN BLUTZUCKER
- Snacks reduzieren: Vermeide ständige Zwischenmahlzeiten für einen stabilen Blutzuckerspiegel.
- Ballaststoffe erhöhen: Setze auf ausreichend Gemüse, das stark sättigt.
- Proteine integrieren: Tausche süße Snacks am Nachmittag gegen proteinreiche Alternativen aus.
- Flüssige Kalorien prüfen: Ersetze kalorienreiche, milchige Kaffeegetränke bevorzugt durch schwarzen Kaffee.
- Keine starren Verbote: Behalte dir Ausnahmen für Feierlichkeiten und den reinen Genuss vor, um Routinen stressfrei umzusetzen.
TAKE AWAYS
- Der weibliche Zyklus ist ein hochkomplexes Orchester und Schwankungen sind völlig normale biologische Prozesse.
- Insulin ist ein zentrales Hormon, das den Blutzucker steuert und sich leicht über bewusste Ernährung regulieren lässt.
- Dauerhafter Stress begünstigt schlechten Schlaf und starken Heißhunger.
- Die ersten Anzeichen für hormonelle Veränderungen, wie etwa in der Perimenopause, sind oft kognitiver Natur, wie starke Reizbarkeit oder neue Ängste.
- Eine gezielte Zufuhr mit Mikronährstoffen kann unterstützend wirken.
Mehr erfahren im healthwise Podcast von sunday natural
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Dr. Konstantin Wagner ist Gynäkologe, Bestseller-Autor ("Dein Körper spricht hormonisch") und klärt seit über 10 Jahren als leidenschaftlicher Medizin-Enthusiast auf Social Media und YouTube über ganzheitliche Frauengesundheit, Hormone und Nährstoffe auf.
Mehr Infos: https://www.praxis-wagner-kassel.de/
Dr. Konstantin Wagner [00:00]
Blutwerte: wichtig für mich, um das ganze Gesamtpaket zu sehen, aber es ist und bleibt eine Momentaufnahme. Es kann im nächsten Zyklus ganz anders aussehen. Was zählt, ist das, was Frau einem sagt und erzählt und Veränderung spürt.
Elisabeth Seidel [00:14]
Herzlich willkommen zu Healthwise, dem Gesundheitspodcast präsentiert von Sunday Natural. Ich bin Elisabeth Seidel und in diesem Podcast erkunden wir gemeinsam, was es bedeutet, gesund zu sein. Wir tauchen ein in Themen wie Medizin, Bewegung, Ernährung und emotionale Gesundheit. Immer mit einem weisen Blick auf das, was uns wirklich guttut.
Elisabeth Seidel [00:36]
Um zu leben, sind wir darauf angewiesen, dass unsere Hormone in einem komplexen Orchester zusammenspielen. Für unseren weiblichen Zyklus ist es nicht nur wichtig, Östrogen oder Progesteron zu verstehen. Nein, wir müssen uns auch auskennen mit Testosteron, mit unserem Blutzuckerspiegel oder Insulin oder aber auch Cortisol, was vor allem bei Stress ausgeschüttet wird. Es gibt ganz, ganz viele Hormone und Drüsen, an denen die ausgeschüttet werden, die für unser komplexes Leben zuständig sind. Wie die zusammenspielen und was passiert, wenn die aus dem Rhythmus gelangen, darüber spreche ich heute mit dem Experten Dr. Konstantin Wagner. In seinem neuen Buch „Dein Körper spricht hormonisch“ hat er einmal beschrieben, wie diese Hormone zusammenwirken und heute erklärt er uns, was man machen kann, vielleicht mit Ernährung, Bewegung oder Schlaf oder auch Stressregulation, um seine Hormone zu balancieren.
Elisabeth Seidel [01:32]
Herzlich willkommen, Dr. Konstantin Wagner! Ich freue mich ganz sehr, dass du hier bei Healthwise zu Gast bist.
Dr. Konstantin Wagner [01:38]
Ja, vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich.
Elisabeth Seidel [01:40]
Du hast ja gerade dein neues Buch veröffentlicht: „Dein Körper spricht hormonisch“. Das heißt, du kennst dich sehr, sehr gut aus mit Hormonen, was die so machen bei uns im Körper. Wenn wir den Satz hören: „Die Hormone spielen verrückt“, was denkst du, was ist da eigentlich medizinisch gemeint?
Dr. Konstantin Wagner [01:58]
Veränderungen der Hormone spürt man natürlich und da hat man gleich immer die Assoziation: Irgendwas spielt verrückt in meinem Körper. Aber es sind einfach natürliche biologische Prozesse, die da teilweise passieren. Und dieses Verrücktspielen sind eigentlich Schwankungen. Also die hat man ja im Zyklus ganz normal, physiologischerweise. Es gibt aber auch Schwankungen, sagen wir mal um die Wechseljahre, das wird dann richtig heavy und dann hat man erst recht das Gefühl: Irgendwas stimmt nicht mit mir, irgendwas spielt verrückt. Und deswegen kommt da diese Wortart her, dass meine Hormone verrücktspielen. So verrückt spielen die gar nicht. Ist einfach ein physiologischer Prozess, der da meistens passiert.
Elisabeth Seidel [02:31]
Wir sind ja auch irgendwie darauf angewiesen, dass die fluktuieren, dass die hoch und runter gehen, sonst wären wir ja gar nicht lebensfähig eigentlich, ne?
Dr. Konstantin Wagner [02:40]
Genau. Also der Zyklus, wenn man den sich mal so im Detail anschaut, ist unfassbar komplex, unfassbar faszinierend. Also ich kann da nur alle Menschen mal einladen, sich damit mal auseinanderzusetzen, was da eigentlich genau passiert. Ein Hoch und Runter, ein Auf und Ab, da können wir Männer überhaupt nicht mitreden. Also bei uns ist so, wenn man sich das auf so einen Monat mal angucken würde, so eine Graphik – ich habe da auch immer bei Vorträgen so eine Graphik dabei, wie so ein weiblicher Zyklus aussieht und dann im Gegensatz dazu dieser männliche Zyklus –, dann ist das quasi nur so eine horizontale Linie. Also wir haben morgens einen höheren Testosteronspiegel als abends, that's it. Viel mehr Fluktuation haben wir nicht. Deswegen können wir diese Veränderung auch gar nicht so nachempfinden.
Elisabeth Seidel [03:19]
Wie kam's, dass du angefangen hast, dich vor allem für Frauengesundheit zu interessieren und dann Gynäkologe geworden bist?
Dr. Konstantin Wagner [03:26]
Der Klassiker, würde ich sagen. Mein Papa ist auch Gynäkologe. Ich habe mich im Studium tatsächlich eigentlich dagegen entscheiden wollen, weil ich nicht – rebellisch wie ich war – dasselbe machen wollte wie der Papa. Der hat sich aber gut entschieden. Ich habe dann auch gemerkt, dass das ein wahnsinnig tolles Fach ist, wo nicht nur auch kranke Menschen kommen, sondern eben auch Menschen mit einem totalen Lebensglück in der Schwangerschaft. Also man betreut einfach von jung bis alt Frauen in allen Lebensphasen. Und ich hatte schon immer mehr Affinitäten zu weiblichen Freundinnen. Also ich bin auch einfach mit diesem Geschlecht näher dran. Ich habe da einfach viel mehr Zugang zu und so bin ich da gelandet. Und zu den Hormonen bin ich gekommen, weil ich keine Ahnung hatte nach dem Studium und nach meiner Ausbildung. Ich bin dann quasi in der Praxis gesessen und dann kamen die ersten Frauen mit hormonellen Problemen und ich habe gemerkt: Diese hoch megagute Ausbildung, die hat mir im Grunde in der Richtung nicht viel gebracht. Und dann habe ich mich da seitdem reingefuchst, sage ich mal.
Elisabeth Seidel [04:20]
Du hast ja auch in deinem Buch geschrieben, dass so die Endokrinologie eigentlich eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat oder nicht so super ausführlich behandelt wurde?
Dr. Konstantin Wagner [04:32]
Ja, das ist noch verschönt. Also es wird eigentlich gar nicht behandelt, muss man sagen. Na klar, wir lernen so Basics. Wir lernen, wann die Menopause ist und was das bedeutet, so, aber das ist wirklich so runtergebrochen. Wenn man sich dann näher damit beschäftigt, denkt man: Wow, was wir alles nicht wissen! Und das Groteske ist ja, dass ja jede Frau im Laufe ihres Lebens mit hormonellen Schwankungen, auch Veränderungen und auch Beschwerden zu tun haben wird. Also man hat ja safe mit Frauen zu tun, die in dieser Phase sind. Und wenn ich dann halt überhaupt wenig Ahnung habe, wird's ganz schwierig auf beiden Seiten. Also dann kriegt Frau im schlimmsten Falle Gaslighting, was ja zu oft passiert, oder eben: „Ich habe keine Ahnung, hm“, oder aber ja, die Frau ist natürlich auch frustriert, weil sie keine Hilfe bekommt, aber sie merkt, dass da sich was tut und dass sie Hilfe benötigt.
Elisabeth Seidel [05:19]
Deshalb ist es umso wichtiger, dass es Ärzte wie dich gibt und Ärztinnen.
Dr. Konstantin Wagner [05:25]
Auf jeden Fall, ja. Aber noch mal, das möchte ich – ist auch kein Ärzte-Bashing jetzt. Die können ja auch nicht viel dafür. Es ist wirklich ein politisches Problem, strukturelles Problem und ich hoffe, das wird in den nächsten Jahrzehnten angegangen, damit sich da was tut.
Elisabeth Seidel [05:39]
Das hoffe ich auch und ganz, ganz viele Frauen auch. Du hast dich ja wahrscheinlich auch aus dem Grund entschieden, medizinische Inhalte auch auf Social Media zu teilen, oder?
Dr. Konstantin Wagner [05:48]
Ja, Gott, das ist schon wieder zehn Jahre her, wenn ich das überlege. Wir werden alle älter. Genau, ich war in der Klinik damals und da war ich noch im Kreißsaal. Also auch hormonelles Thema, aber ganz anders. Und ich habe einfach gemerkt, dass ich wenig Zeit habe, also in so Notfallsituationen die Leute aufzuklären, Dinge zu erklären. Ich hatte irgendwie den Anspruch, immer Dinge erklären zu wollen, dass sie es auch verstehen. Und das wurde dem Ganzen nicht gerecht, das zeitliche Management. Und dann habe ich irgendwie über Nacht angefangen, mir den Gedanken zu machen: „Ich will einfach YouTube machen.“ Und damit ging's los: erstes, zweites YouTube-Video, dann kam Instagram dazu und jetzt sind zehn Jahre rum und irgendwie macht man's immer noch. Und das zeigt auch mal, wie groß diese Frauenmedizin ist. Die Themen ebben nicht ab. Ich habe immer noch den Katalog hier voll, was ich noch alles bespielen möchte.
Elisabeth Seidel [06:36]
Gibt's denn so einen Hormon-Mythos, der immer wieder eben auch auf den Socials verbreitet wird, der dich wirklich wahnsinnig macht?
Dr. Konstantin Wagner [06:44]
Viele, aber gar nicht so auf den Socials, sondern eher auch in den Praxen da draußen. Und das ist die Tatsache, dass Frau zu hören bekommt: Wenn sie noch ihre Periode, also einen Zyklus hat, dass dann ja hormonell alles noch stimmen muss und deswegen können die Veränderungen, die sie spürt, nicht hormonell bedingt sein. Da werde ich fuchsteufelswild, weil das einfach Quatsch ist. Also man kann trotzdem noch einen super regelmäßigen Zyklus haben, die Periode kommt auf den Tag genau, und trotzdem können sich im Hintergrund schon kleine Veränderungen einschleichen, hormonelle Dysbalancen einschleichen. Und das dann abzutun: „Nö, die Periode kommt ja irgendwie noch, also passt das“, das finde ich, da machen wir es uns zu einfach. Also Frauen haben ein sehr diffiziles Gefühl für den eigenen Körper und auch den geistigen Zustand. Man kennt sich einfach jahrzehntelang und wenn man das Gefühl hat: „Jetzt stimmt hier was nicht, irgendwas ist nicht in Ordnung“, dann sollte man das selbst erst mal natürlich total ernst nehmen und auf jeden Fall das Gegenüber, das ärztliche Personal sollte das eben auch ernst nehmen. Wenn dann nichts bei rumkommt, hormonell gesehen, okay, aber das auf jeden Fall mitzuspielen, ist auch ganz wichtig.
Elisabeth Seidel [07:48]
Wenn wir jetzt den weiblichen Zyklus oder den weiblichen Körper eher verstehen wollen, welche Hormone sollten wir uns denn dann mal genauer anschauen?
Dr. Konstantin Wagner [07:58]
Wird oft gefragt: Welche Hormone muss ich mir genau angucken? Also ich überlege ja immer ganzheitlich, das ganze System betrachtet, und ich gehe dann immer auf die Hormondrüsen ein. Also ich sage: Okay, wir müssen uns natürlich die Schilddrüse angucken. Wir müssen uns die Bauchspeicheldrüse angucken mit dem Insulin. Wir müssen uns auch natürlich Eierstöcke angucken mit den Hormonen, die dort gebildet werden, die Nebenniere mit den Hormonen, die dort gebildet werden. Und dann kommt unterm Strich – und im Buch sind ja einige Tabellen drin – kommen dann so, ja, fünf bis zehn ganz, ganz wichtige Hormone auf jeden Fall raus. Und das ist auch so ein Mythos vielleicht, der mich auch wahnsinnig macht, weil es reicht eben nicht, nur zwei Hormone mal zu bestimmen irgendwo im Zyklus, Östrogen und Progesteron sich anzugucken. Denn wenn ich nicht weiß, was die Schilddrüse macht, dann kann diese ganze Erschöpfung, die Müdigkeit, die Gewichtszunahme, der Haarverlust, kann genauso eine Schilddrüsenunterfunktion machen wie auch eine Perimenopause. Ich muss das unterscheiden und es reicht mir also nicht, dann nur so zwei Hormone abzunehmen. Deswegen, man muss leider das ganze System betrachten und das ist ein wieder politisch-strukturelles Problem, weil das kostet alles Geld.
Elisabeth Seidel [09:03]
Das heißt, es sind dann häufig eben auch Selbstzahlerleistungen für Patientinnen?
Dr. Konstantin Wagner [09:07]
Im blödesten Falle ja. Also es gibt natürlich endokrinologische Praxen, die haben entsprechendes Budget für solche Laboruntersuchungen, aber ich sag mal, die normale Hausärztin, der normale Hausarzt oder die 08/15-Gynäkologin und Gynäkologen, wozu ich mich jetzt auch mal zählen würde, die haben dafür bei gesetzlich Versicherten eben überhaupt kein Budget. Das sprengt das sofort. Also muss die Praxis unterm Strich das bezahlen. Und dann kommt das nächste Problem: das zu interpretieren. Also wenn man dann die Werte hat und ich mache das jetzt mal als Selbstzahler und zahle meine 300, 400 Euro, habe dann die ganzen Werte da und dann fehlt das Wissen, das gut zu interpretieren, dann geht's ja weiter, das Problem. Das heißt, ich habe jetzt die Werte, aber ich komme damit nicht weiter. Und das ist eben auch die mangelnde Ausbildung, die da dann auch noch reinkommt. Also wir haben so ein Riesen-Potpourri an Teufelskreis und den müssen wir irgendwo durchbrechen. Also entweder muss es mehr Budget geben, bessere Ausbildung, Gehalt überhaupt – für so eine Wechseljahresberatung gibt's ja keinen Cent aktuell – und dann steht natürlich diese große Gap: Ja, die eine kann sich's leisten, da irgendwie 400 Euro auszugeben für eine Selbstzahlerleistung, die nächste eben nicht. Ein riesenfrustranes Potpourri gerade an Problemen, die mit diesem Thema einhergehen.
Elisabeth Seidel [10:20]
Du erwähnst ja in deinem Buch, dass du früher gesagt hättest: „Ja, Östradiol, Progesteron, die sind super wichtig.“ Heute sagst du: „Ah, Insulin ist eigentlich super wichtig.“ Was hat das für einen Grund und was kann passieren, wenn zum Beispiel das Insulin oder der Blutzucker dysreguliert ist?
Dr. Konstantin Wagner [10:38]
Das ist also wirklich faszinierend gewesen, weil ich habe mich dann – ich habe angefangen, mich mit Hormonen auseinanderzusetzen, und hatte natürlich über Östradiol, Progesteron, Testosteron alles schon was gehört, gelesen. Und dann begann ich, mich mit Insulin zu beschäftigen und was das halt für Wechselwirkungen auch hat mit den anderen Organen. Also wenn man weiß, dass Insulin einfach die vermeintlich männlichen Hormone – werden sie ja im Volksmund genannt, deswegen nennen wir es jetzt auch mal so – erhöhen kann, weil wir eine Insulinresistenz zum Beispiel bilden, oder auch die anderen Sexualhormone dadurch erhöht werden können, weil in der Leber ein bestimmtes Bindungsprotein nicht mehr gebildet wird, wenn zu viel Insulin da ist. Also das fand ich alles schon sehr faszinierend, aber das Faszinierendste an der ganzen Nummer fand ich eigentlich, dass das ein Hormon ist, was wir selber beeinflussen können von außen, durch unsere Ernährung. Und das fand ich das Spannendste, weil wir kommen an die Eierstöcke irgendwie nicht ran. Wir können jetzt nicht den Gelbkörper dazu irgendwie animieren, mehr Gelbkörperhormon zu produzieren, aber ich habe es total in der Hand zu sagen, ob meine Bauchspeicheldrüse jetzt mehr oder weniger Insulin macht. Und wenn man sich dann mit diesem Thema mal auseinandergesetzt hat und merkt: Okay, krass, also wenn ich mir eine Insulinresistenz züchte, also wenn Insulin einfach nicht mehr gut wirkt, weil ich ständig am Snacken bin oder ständig Blutzuckerspitzen habe, dann macht das was mit dem ganzen System und das gerät durcheinander und ich kriege noch mehr Heißhungerattacken und der Teufelskreis schließt sich. Dadurch schlafe ich schlechter, Cortisol geht hoch und so weiter. Also da kommt man in so ein richtiges Rabbit Hole rein, wenn man die Konsequenzen sieht. Und ich habe das Tool in der Hand, meinen Insulinspiegel und meine Insulinsensitivität wieder zu verbessern, indem ich einfach auf meine Ernährung achte. Und das ist so langweilig, das zu sagen jedes Mal, und dieses Buch ist so ein Deep Dive in die Hormonwelt und zum Schluss fragen natürlich alle: „Was kann ich denn jetzt tun?“ Und dann stehen da so die Klassiker da: Bewegung, Schlaf, Ernährung. Klingt natürlich total banal, aber es ist – und das muss man einem einfach glauben –, es ist ein riesen, riesen Schlüssel, dass es einem besser geht.
Elisabeth Seidel [12:35]
Wir werden vielleicht dann noch mal ganz kurz drauf zu sprechen kommen. Wenn jetzt so eine Insulinresistenz vorliegt, oder mal andersrum: Frauen kommen in die Praxis mit Zyklusstörungen, vielleicht mit PMS, mit PMDS. Gehst du dann immer davon aus, dass vielleicht, oder untersuchst du dann immer eine Insulinresistenz mit, oder wann würdest du erwarten, dass eine vorliegt?
Dr. Konstantin Wagner [12:59]
Wenn sie nüchtern zu mir kommen, mache ich das immer mit, tatsächlich. Ich mache aber auch immer, immer mit, auch wenn sie nicht nüchtern sind – ist irgendwie 14:00 Uhr und sie kommt zur Blutentnahme –, mache ich definitiv diesen HbA1c, also Langzeitzucker. Ich will einmal gucken, wie steht's denn so um die Bezuckerung der Moleküle im Körper. Da kann man ja so auf die letzten Wochen ein bisschen Rückschlüsse ziehen. Und wenn ich den Verdacht habe: „Da ist ein bisschen was im Argen“, dann bestelle ich die mir auch nüchtern ein und mache den HOMA-Index, also dass ich die Insulinresistenz wirklich sehen möchte. Noch mal: Man braucht jetzt nicht unbedingt die nachgewiesene Insulinresistenz, um schon ein kleines Zuckerproblem zu haben. Deswegen macht es bei vielen, die jetzt auf dem Blatt Papier noch nicht insulinresistent sind, trotzdem auch Sinn, da zu schauen, wie ich vielleicht mein Insulin wieder sensitiver bekomme. Und man denkt immer, man muss irgendeine krasse Crash-Diät oder irgendwas machen. Es sind tatsächlich – also was uns immer killt, sind die Snacks. Und das ging mir jetzt neulich genauso. Die Geschichte erzähle ich total gerne, weil ich einfach mal – und KI macht's möglich – über ein paar Tage getrackt habe, was ich so zu mir nehme. Und ich war jemand, der sehr gerne – hier steht einer, das ist ein schwarzer Kaffee –, ich habe sehr gerne einen Cappuccino getrunken am Tag und auch mal vier, fünf. Und wenn dann zum Schluss rauskommt, dass so ein Cappuccino mal gerne 100, 150 Kalorien hat, und ich davon fünf, sechs trinke, dann habe ich – und dann noch mal ein Proteinriegel zwischendurch –, dann habe ich auf einmal fast 1000 Kalorien am Tag, die gar nichts mit Ernährung zu tun hatten für meinen Körper. Also das war kein „Ich nehme jetzt Energie auf, um zu funktionieren“, sondern das war lediglich ein Gesneake, wo jedes Mal eine Blutzuckerspitze ist, Insulinspitze, und dann crasht alles wieder rein und man denkt: „Warum bin ich eigentlich jetzt so müde? Ich trinke doch hier gerade einen Cappuccino.“ Und da ist mir auch mal bewusst geworden, was unsere „Zwischenmahlzeiten“ in Anführungszeichen da eigentlich mit uns machen. Und wenn wir die irgendwie nicht jetzt rauslöschen aus unserem Alltag, aber vielleicht ersetzen – deswegen habe ich jetzt hier den schwarzen Kaffee einfach hier stehen und vielleicht den Proteinriegel gegen einen Apfel austauschen –, das macht was mit einem. Ich habe das auch gemerkt, nach drei, vier, fünf Wochen habe ich mehr Energie gehabt, nicht mehr diese Müdigkeit, diese Erschöpfung gespürt, so am Nachmittag. Das war cool, so auch cool zu spüren, dass es funktioniert. Und noch mal: Das ist so ein Schlüssel, den wir alle in der Hand halten, der aber extrem schwer ist, weil die Routinen zu durchbrechen am Tag, das ist heavy. Also das ist wirklich, wirklich höchste Disziplin. Das fällt uns sehr schwer als Menschen, die wir einfach Routinen gewohnt sind und das gibt uns einfach Sicherheit. Aber es lohnt sich, da mal mit einem Brecheisen ranzugehen.
Elisabeth Seidel [15:20]
Was hältst du in dem Zusammenhang von diesen CGMs, also den – für die, die es nicht wissen – diese Sensoren, die den Blutzucker messen, die man in den Arm steckt?
Dr. Konstantin Wagner [15:32]
Genau, es ist natürlich so nice to track. Also wir haben alle die Wearables an und gucken, wie unser Blutdruck ist und wie unser Schlaf ist. Wir mögen das: Wieder Kontrolle gibt Sicherheit. Und es ist natürlich mal interessant zu sehen: Was macht eine Avocado mit meinem Blutzucker? Was macht eine Walnuss oder was macht der Proteinriegel mit meinem Blutzucker? Aber ich sehe nicht unbedingt, dass man jetzt überall was tracken muss, sondern es ist auch der gesunde Menschenverstand oder das, was wir von Ernährung heutzutage wissen. Es sind einfach die Basics. Ich muss jetzt nicht gucken: Was macht denn der Cappuccino jetzt unbedingt mit meinem Blutzucker? Ich weiß ja auch noch gar nicht, was das mit meinem Insulin macht. Im Grunde kann es sein, dass ich ja wenig Blutzuckerspitzen habe, aber mein Insulin übermäßig ausgeschüttet wird etc. Also da gibt's ja auch noch andere Stoffwechselwege, die da gehen können. Also nö, ist nett, macht man mal, genauso wie mal Schlaf tracken oder mal, was weiß ich, seinen Blutdruck mal über eine gewisse Zeit angucken, machen wir alle mal gerne, aber es braucht's jetzt für mich nicht flächendeckend für alle.
Elisabeth Seidel [16:29]
Ich glaube, es hat halt auch immer die Gefahr, dass man sich so sehr auf diese Daten versteift. Ich meine, es ist ja normal, dass man eine Spitze hat, nachdem man...
Dr. Konstantin Wagner [16:38]
Ja, genau! Also wir brauchen ja Blutzucker. Es ist ja genau – das ist noch mal ein wichtiger Punkt: Wir brauchen ja auch die Blutzuckerspitzen und wir brauchen ja Insulin. Es geht ja nur um die Quantität und vor allen Dingen, ja genau, auch die Qualität. Wenn wir uns jetzt, weiß ich nicht, den Schokoladenriegel – ich kenne es ja aus der Praxis auch: Da liegt da diese Packung rum, die immer verschenkt wird, um Danke zu sagen, und dann geht man da vorbei und hat gerade so ein kleines Loch und das ist so: Man hat es so schnell sich reingefahren. Und dann gibt's natürlich eine riesen Blutzuckerspitze. Die gibt natürlich kurz mal Energie, aber danach crasht's halt. Und wenn das der Apfel gewesen wäre – ich nehme jetzt noch mal den Apfel –, dann hätte ich auf jeden Fall einen milderen Blutzuckeraufbau und milderen Insulinspiegel. Also das tut meinem Körper einfach besser. Man muss auch, oder was ich immer in den Vorträgen auch sage: Wir haben einfach noch ein Steinzeitsystem. Dieser Körper, dieses System ist nicht hinterhergekommen hinter unserer Industrialisierung, dass wir diese Supermarktregale voll haben mit Nährstoffen. Der ist immer noch so: „Gott, ich habe einen Blutzucker-Crash jetzt, weil ich gerade Insulin ausschütte. Das ist für mich Gefahr!“ Cortisol wird ausgeschüttet, ich kriege eine Heißhungerattacke, weil der Körper will natürlich ganz schnell den Blutzucker wieder anheben, weil das Gehirn ist absolut davon abhängig, dass da Zucker ist. Und genauso ist es mit Fettdepots: Der Körper sagt: „Oje, jetzt habe ich aber genug, jetzt packe ich mir das irgendwo mal auf die Hüften, weil es können ja wieder die schlechten Zeiten kommen.“ Dass hier das Supermarktregal nebenan voll ist, das checkt er ja nicht. Und so müssen wir wieder ein bisschen uns zurückdenken: Wie war's denn mal? Mit mehr Bewegung, mehr Tageslicht und eben auch eine andere Art von Ernährung.
Elisabeth Seidel [18:09]
Das finde ich ganz toll, dass du das ansprichst. Wenn man jetzt mal so – ja, Steinzeit oder diese frühere, ja, Entwicklungsstufen des Menschen zurückgeht: Dann ist es ja auch so, dass das Stresserleben ja nicht so war wie heute. Also wir sind heute gestresst von einer E-Mail oder von unseren Terminen im Terminkalender oder vielleicht von unserem Partner, unseren Kindern. Damals – man sagt ja so gerne dieser Säbelzahntiger –, aber das war halt für eine kurze Phase und ich habe das teilweise halt auch abgebaut, weil ich dann irgendwie meine Extremitäten genutzt habe und abgehauen bin oder gekämpft habe. Das haben wir ja heutzutage nicht und wir haben ja eher einen konstanten, ja, Stresspegel oder viele haben das, gerade viele Frauen, die natürlich irgendwie auf Arbeit gehen, aber irgendwie zu Hause eigentlich noch einen Job durchführen mit Kinderbetreuung, Haushalt etc. Wie siehst du das so im hormonellen Orchester? Du beschreibst es ja auch in deinem Buch ganz schön. Ich komme jetzt gerade drauf, weil es Cortisol natürlich auch wiederum einen Einfluss auf unseren Blutzucker hat, ne? Wie siehst du den konstanten Stress in dem Zusammenhang auch in Hinblick auf zum Beispiel Zyklusbeschwerden?
Dr. Konstantin Wagner [19:24]
Ist mit einer der größten Faktoren, also mit der Ernährung. Du hast es erwähnt: Der Stress ist einfach ein ganz natürlicher Prozess, den wir – der überlebenswichtig war. Wir brauchten das, dass da jemand ist, ein Hormon aus der Nebenniere, was sofort Energie bereitstellt und uns aktiviert. Das ist Lebensgefahr gewesen damals, wenn es die Herde Wölfe war oder der Säbelzahntiger. Aber jetzt haben wir ständig Lebensgefahr. Unser Körper ist ständig in Gefahr gefühlt und will ständig Dinge mobilisieren. Und du hast ja – das ist ein einziges Mini-Hormon, was unfassbar viel Macht hat, das Cortisol. Aber es ist so wichtig – und da kommen wir gleich zum nächsten Punkt der Basics: Also wenn ich einen Cortisolspiegel habe, der einfach überhaupt nicht abfällt über den Tag – morgens ist das unsere Aufweckreaktion, ne? Das Cortisol peakt, geht hoch, wir wachen auf. Das ist unser Zeichen und dann sackt das über den Tag so langsam ab. Du hast es erwähnt, vor allen Dingen Frauen, die einfach einen Mental Load haben, der einfach überhaupt nicht beschreibbar ist für Menschen, die das nicht durchmachen, die 1000 Sachen gleichzeitig machen müssen, die dann auch noch mit ihren hormonellen Veränderungen kämpfen, Brain Fog haben und trotzdem an der Arbeit noch funktionieren sollen, aber auch kaum schlafen, weil sie nachts um 2:00 Uhr wach werden. Also das kann man noch weiter ausführen, schon heavy. Und dann hat man so einen Cortisolspiegel, der einfach abends nicht runterfährt und oben bleibt, und man ist maximal erschöpft. Man hat das Gefühl: „Ich lege mich jetzt hin und sobald mein Kopf das Kopfkissen auch nur berührt, bin ich weggetreten, weil ich so fertig mit der Welt bin.“ Und dann, zwei Stunden später, denkt man sich: „Was geht denn hier eigentlich ab? Warum schlafe ich denn nicht? Ich bin doch müde!“, weil man so aufgekratzt ist, weil dieses Cortisol einfach gar nicht runterkommt. Und dann beginnt wieder das, was wir mit dem Heißhunger auch hatten: Also wir schlafen schlecht, die Aufweckreaktion ist eine andere, das Cortisol geht mehr und mehr den Bach runter und wir fangen an mit Cravings und mit, weiß ich nicht, süß und salzig wollen wir dann, ne? Unsere Nebenniere sagt: „Wir brauchen jetzt Energie, süß und salzig.“ Das kennen wir alle. Wenn ich mit den Kindern eine schlechte Nacht hatte, morgens würde ich mir am liebsten eine Packung Pizza in den Ofen schieben oder so was, weil ich dann einfach dieses süße und salzige Verlangen schon fast habe. Das ist ja schon fast eine Obsession, da irgendwie eine Chipstüte zu greifen und sich die Schokolade zu schnappen. Und das alles ist das eine Hormon, was uns da gerade durcheinanderbringt. Und da sieht man schon: Es ist so ein Kreislauf und den zu durchbrechen, das ist quasi die Aufgabe und das ist auch quasi die Mission dieses Buches, dass man diese Dinge erst mal versteht: Was passiert denn da eigentlich mit mir? Warum habe ich die Heißhungerattacken? Warum habe ich eine Schmierblutung kurz vor der Periode und so weiter? Warum bin ich so erschöpft? Da gibt's sicherlich viele Erklärungen und wenn man die erst mal kennt, gibt's auch Wege, wie man da vielleicht auch wieder ein bisschen zu einer Besserung kommt.
Elisabeth Seidel [22:01]
Wenn wir jetzt bei diesem Beispiel bleiben: eine Frau, Insulinresistenz, sehr gestresst. Du hattest auch so natürliches Licht erwähnt. Wie ist es denn dann? Wie würde zum Beispiel – also würdest du sagen: Okay, intermittierendes Fasten ist zum Beispiel nicht geeignet für dich? Du profitierst von einer proteinreichen Mahlzeit vielleicht am Morgen mit ein bisschen Fett, um auch eben diesen Cortisolhaushalt zu stabilisieren, oder wie würdest du da vorgehen? Denn das Fasten könnte natürlich ja positiv für die Insulinresistenz sein, für jetzt den Stress wahrscheinlich eher nicht.
Dr. Konstantin Wagner [22:35]
Ja, klar. Also man muss immer sehr individuell gucken. Nicht für alle ist intermittierendes Fasten was, nicht für alle ist eine Diät was. Ich versuche es immer sehr einfach zu halten, weil ich glaube, wir schocken immer Menschen, wenn wir sagen: „Ja gut, du darfst jetzt dies und das gar nicht mehr. Du darfst jetzt nie wieder ein Eis essen, nie wieder einen Kuchen.“ Das macht's nicht besser, weil das geht eher – dann geht man in so eine Defense-Haltung, dann möchte ich das alles nicht. Und mein Ansatz ist eigentlich immer das, was ich vorhin schon auch skizziert hatte: Erstmal zu gucken, gucke ich mir erst mal die Snacks an, so die Zwischenmahlzeiten am Tag, und gucke mir da an: Was kann ich denn da vielleicht rauslassen? Was kann ich denn da abändern? Es geht auch nicht immer um Verbot, sondern sagen: Okay, den gesüßten Joghurt, den ich mir mittags noch mal gerne reinfahre, kann ich den vielleicht austauschen gegen den – ich sage jetzt mal irgendwas – Skyr mit Heidelbeeren oder irgendwas, oder einer kleinen Dattel drin? Ist ja auch Zucker, aber es ist eben viel mehr Ballaststoff drin und viel weniger schnelle Blutzuckeranstiege. Und dann gucken wir erst mal, wenn wir die Zwischenmahlzeiten irgendwie so ein bisschen gesettelt haben, wie geht's einem dann? Und dann gucken wir auch noch weiter: Kann ich vielleicht proteinreicher mich ernähren? Kann ich mir vielleicht doch mehr Ballaststoffe – also wir reden ja seit Jahren über Proteine, Proteine: ganz wichtig, ganz toll, aber wir vergessen immer so ein bisschen die Ballaststoffe. Und ich kann mich – und das ist das Schöne – mit Ballaststoffen ja vollstopfen. Also wenn ich mir abends so eine TK-Gemüsepackung auf den Teller kloppe, dann ist der Teller voll und ich bin richtig gesättigt und trotzdem habe ich vom Kalorien – von den Kalorien jetzt nicht den Mega-Überschuss, als wenn ich eine Packung Kartoffeln oder so was essen würde. Deswegen, wir können uns ja gut sättigen auch mit den Ballaststoffen und mit den Proteinen. Und dann geht's wirklich darum, so langsam aber sicher über Wochen das Ernährungskonzept so ein bisschen so umzustellen, dass wir dahin kommen, was wir heutzutage als gesund erachten, und nicht zu sagen: „Frau Müller, ab morgen machen Sie jetzt mal intermittierendes Fasten.“ Da steigt mir die Frau Müller die Wände hoch und macht es nicht mit und dann hat man eine Incompliance und dann kommt sie irgendwie nach sechs Monaten wieder und sagt: „Es ist alles nur noch schlimmer geworden.“ Also kleine Schritte sind für mich jedenfalls zielführender als die großen, ganzen Schritte.
Elisabeth Seidel [24:30]
Das sieht man ja auch oft, dass Menschen dann eher so überfordert sind von diesen ganzen Sachen, die sie hören, die sie machen sollen, irgendwie so und so viel Protein, dann noch die Ballaststoffe, dann noch...
Dr. Konstantin Wagner [24:41]
Ja, voll!
Elisabeth Seidel [24:42]
Und das ist ja wiederum dann auch eine Stressquelle, wenn ich mir denke: „Ach Mist, ich habe es heute nicht zum Krafttraining geschafft und ausreichend Protein habe ich auch nicht und ich muss mich noch um die Kinder kümmern und dies, das.“ Das führt ja auch...
Dr. Konstantin Wagner [24:54]
Ja, und wir sind Menschen, ne? Wir brauchen den Genuss auch. Wir brauchen unser Dopamin, unser Serotonin in Form von Genuss. Und das ist eben nicht Ziel der Sache, nie wieder ein Stück Kuchen essen zu dürfen, wenn die Oma Geburtstag hat oder so was. Ganz im Gegenteil: Darf man sich gönnen. Es geht darum, dass man, wenn man das ganze Jahr betrachtet, dass man hier so zu 80, 85 % in Ordnung sich ernährt, so. Und dann sind da immer noch genug Prozente für Feierlichkeiten, für mal ein Wochenende, für mal einen Urlaub. Ich möchte in meinem Urlaub nicht an meiner Karotte nagen und meinen Schluck Wasser trinken, sondern da möchte ich gerne mal ein Glas Wein auf der Terrasse und einen Teller Pasta essen und das ist auch völlig in Ordnung, weil dann darf man das auch. Und das Schöne ist eigentlich, dass man den Effekt von dieser kleinen Ernährungsumstellung relativ schnell spürt. Ich habe dann kein Sixpack am nächsten Tag, aber ich merke vor allen Dingen so am Zustand, wie es mir geht, wie viel Energie ich habe, wie viel Power ich habe, dass sich – dass es funktioniert. Und natürlich merke ich das irgendwann nach ein paar Monaten auch ein bisschen auf der Waage. Um Fett zu verbrennen, braucht man einfach viele, viele, viele Geduldsfäden, sage ich mal, aber es funktioniert schon auf einer Ebene, die viel wichtiger ist. Und ich glaube, das macht die Motivation, wenn ich merke: Irgendwie fühle ich mich besser. Die Waage zeigt irgendwie selber an, aber ich fühle mich schon besser und es macht Spaß. Und da müssen wir hin, dass diese Ernährungsweise dann die Routine wird und die Ausnahmen sind dann die schönen, genussvollen Momente, die wir so haben.
Elisabeth Seidel [26:16]
Was hältst du in Hinblick – also auf Ernährung bzw. Getränke auch –, was hältst du von Koffein? Hast du die Erfahrung gemacht, dass Frauen davon profitieren können, gerade bei Zyklusstörungen, wenn sie weniger Koffein trinken?
Dr. Konstantin Wagner [26:32]
Interessanterweise verstoffwechselt ja Frau, die noch Östrogen hat, den Koffein viel, viel – ganz anders als Menschen, die keine Östrogene mehr haben. Also ich glaube, das kennt auch jede Frau auch im Zyklus, dass sie manchmal das Gefühl hat, sie verträgt ihn nicht, sie ist bis zum Schluss aufgekratzt und trinkt einen Kaffee und ist total drüber. Und an einer anderen Zyklusphase, da merkt sie, da passiert jetzt gerade gar nichts. Das liegt an den Östrogenen, die quasi den Koffeinabbau so ein bisschen hemmen können. Und ich bin großer Koffein-Fan, ich brauche das auch. Ich glaube, jede Ärztin, jeder Arzt mag Koffein, brauchen wir auch, um wach zu werden, und gerade die, die Kinder haben noch. Man muss halt gucken: Wie man's verträgt, wann man's wie verträgt. Ansonsten spricht überhaupt nichts dagegen, das in Maßen zu konsumieren. Wir wissen auch, was die Herzgesundheit angeht, dass es sogar förderlich ist, dass es eben nicht irgendwie entwässert oder was da alle für Mythen noch über den Koffein standen, sondern grundsätzlich muss man sagen, ist das ein Stoff, der uns schon auch weiterbringen kann. Aber auch da wieder individuell gucken: Es gibt Menschen, Frauen auch, die überhaupt kein Koffein vertragen, gerade wenn man eine Hormonersatztherapie macht und täglich Östradiol schmiert, sprayt oder klebt als Pflaster, kann es sein, dass Koffein nicht mehr so super gut vertragen wird. Und ja gut, wenn man den Kaffeegeschmack mag, gibt's koffeinfreie Varianten heutzutage.
Elisabeth Seidel [27:49]
Ich würde gerne einmal noch mal zurückkommen auf unsere Zyklusgesundheit.
Dr. Konstantin Wagner [27:54]
Ja.
Elisabeth Seidel [27:55]
Welche Beschwerden siehst du denn häufig in der Praxis, die jetzt klassischerweise, sage ich mal, als Krankheitsbild eingeordnet werden? Also ich spreche da so von Zyklusunregelmäßigkeiten, vielleicht Schmierblutungen, vielleicht leichte Zwischenblutungen, PMS. Sind das Signale für dich, genauer hinzuschauen? Wann ist es noch normal, wann nicht mehr?
Dr. Konstantin Wagner [28:20]
Das, was am frühesten losgeht und was wir gar nicht so verorten mit hormonellen Veränderungen, sondern wieder die gute, alte Stresskeule rausholen, sind kognitive Veränderungen, sprich: Ich bin gereizter als sonst, ich bin emotional labiler, ich habe nicht mehr diese Stressresilienz, die ich früher hatte. An der Arbeit stresst mich auf einmal oder überfordern mich Dinge, die ich früher weggewuppt habe, und auch zu Hause: Die Kinder stressen mich mehr, obwohl sie jetzt älter sind und eigentlich hat sich's ein bisschen entspannt. Ich frage die Patientin dann ganz gerne auch, wenn sie es auf den Stress beziehen: „War denn vor fünf Jahren weniger Stress?“ Und dann überlegen die und dann: „Ja, die Kleine war vier, die andere war sechs. Nee, eigentlich war's da ein bisschen stressiger, weil die Kinder waren auch noch kleiner und ich war beruflich noch nicht so etabliert. Eigentlich müsste jetzt weniger Stress sein.“ Aber man empfindet den Stress als häufiger. Man hat auf einmal Ängste, Sorgen, Panikattacken, die man früher nicht hatte. Es gibt Menschen, die können nicht mehr mit der Gondel auf den Berg fahren, obwohl sie das jahrzehntelang gemacht haben, oder ins Flugzeug steigen. All diese kleinen psychischen Komponenten quasi, das ist etwas, wo ich hinhorche, weil damit geht's in den allermeisten Fällen erst los, bevor die Klassiker kommen mit Hitzewallungen, vaginaler Trockenheit. Das verorten wir sofort mit: „Oh, Wechseljahre oder Hormone.“ Aber diese kognitiven Dinge – selbst die Betroffene sagt: „Ja, ist auch gerade viel an der Arbeit und zu Hause und die Kinder und pubertär und der Partner sowieso und keine Ahnung.“ Also man sucht immer sehr viel die Problematik irgendwo extrinsisch, also irgendwie von außen, und dann ist eine große Schuldfrage da: „Ja, ich schaff das nicht so, ich krieg das alles nicht mehr hin.“ Und dabei sind's einfach schon die ersten hormonellen Schwankungen, die sich so einschleichen und dann wird der Schlaf auch noch schlechter. Also das ist so ein Thema, wo ich immer sehr viel Awareness schaffen möchte: Damit geht's los. Und dann kommen natürlich auch mal Zyklusveränderungen. Du hast schon erwähnt: kurze Zyklen, Schmierblutungen vor der Periode. Das sind so die absoluten Klassiker. Sowas steht sogar im Lehrbuch: Wenn wir jetzt den Gelbkörperhormonmangel nehmen, dann sind die Schmierblutungen vor der Periode da ganz oben als Symptom gelistet.
Elisabeth Seidel [30:19]
Das sind aber ja auch Sachen, die auftreten können zum Beispiel bei Frauen, die sich noch nicht in einer Perimenopause befinden. Frauen, die starkes PMS haben – würdest du das dann häufig auf ja, einen Progesteronmangel oder aber auf eine sogenannte – man hört ja oft Östrogendominanz – zurückführen? Was sind deine Erfahrungen?
Dr. Konstantin Wagner [30:41]
Also grundsätzlich sind nicht die Hormone immer an allem schuld, das muss man auch wissen. Es ist sicherlich ein Baustein, der abgeklärt werden sollte, neben ganz vielen anderen Dingen. Das kann natürlich auch mal eine psychische Erkrankung sein, es kann natürlich auch mal der maximale Stress sein. Deswegen muss man auch mit den Menschen sprechen und reinhören: Wann ging's los? Gibt's irgendwelche Ereignisse in der letzten Zeit? Hat sich was verändert im Leben: Umzug, Trennung und so weiter und so fort, um da einfach mal reinzufühlen. Denn natürlich ist das ganze System Mensch betroffen und es ist nicht entkoppelt. Es sind immer nicht nur die Hormone, sondern der Stress kann die Hormone beeinflussen, die Hormone können den Stress beeinflussen, der Kopf kann den Darm beeinflussen, der Darm kann den Kopf beeinflussen. Also immer das große Ganze sehen, macht immer, immer, immer Sinn. Und wenn jetzt eine Frau mit PMS oder sogar PMDS kommt, also einer prämenstruellen dysphorischen Störung – das ist quasi die maximale Ausprägung von PMS –, dann sind die Hormonwerte in dieser Zyklusphase oftmals ziemlich normal. Das ist sehr frustrierend, wenn man dann sich so das Verhältnis von Östrogen zu Progesteron in der Phase anguckt, wo es schlimm ist, und sagt man: „Eigentlich passt's aber.“ Also Gelbkörper hat funktioniert, Eisprung war da. Ganz oft reagieren diese Menschen – und das sind relativ häufig auch Menschen aus einem neurodivergenten Formenkreis, also mit einer Hochsensibilität, mit einem ADHS –, die einfach auf diese hormonellen Schwankungen sehr stark reagieren, weil die Rezeptoren im Gehirn, z. B. der GABA-Rezeptor, auf diese Hormonschwankungen extremer reagiert oder sensibler reagiert als bei den Menschen, die das nicht haben. Und da muss man dann auch anders ansetzen. Dann kann ich ihr nicht jetzt einfach ein Progesteronpräparat geben, weil davon hat sie genug. Früher – und das macht man auch heute noch ganz gerne, ob das jetzt gut oder schlecht ist, sei dahingestellt – wurde dann eine Pille verschrieben. So, damit bügelt man natürlich ihnen das zyklische Auf und Ab weg und damit sind die Beschwerden meist auch besser. Ob das jetzt zielführend ist oder ob man erst mal andere Ansätze angeht, das muss man mit der Frau persönlich klären. Natürlich, wenn ich hormonelle Schwankungen reduziere, weil ich dem Körper einfach ein externes Hormon vorlege, was synthetisch ist, dann werden natürlich auch viele Dinge besser. Aber ich weise auch drauf hin, sage: „Okay, das ist jetzt schon heavy. Da kann man auch mal eine Diagnostik in Form von einer ADHS-Diagnostik oder wirklich diese Neurodivergenz einfach mal angucken: Gibt's da was? Müssen wir da ansetzen? Verhaltenstherapie.“ Und auch das Verständnis über vielleicht eine Andersartigkeit im Gehirn macht schon viel, dass man sagt: „Okay, ich weiß, ich bin da so.“ Ich habe jetzt eine Patientin, die hat dann ADHS diagnostiziert bekommen, kriegt jetzt ihre ADHS-Medikation und siehe da: Das PMS ist auch besser. Also man sieht mal, wie das ganze Konstrukt Mensch zusammenhängt und es ist nicht immer nur ein Hormon, sage ich mal.
Elisabeth Seidel [33:27]
Ja, ein riesen Orchester und alles beeinflusst sich gegenseitig.
Dr. Konstantin Wagner [33:33]
Ja, macht's komplex.
Elisabeth Seidel [33:35]
Wenn wir jetzt bei diesem Zusammenspiel sind: Interessieren mich zwei Sachen. Zum einen: Was du auch von zyklusbasierter Ernährung hältst, aber zunächst mal, was natürlich noch ganz, ganz wichtig ist, ist auch sowas wie die Leber für unsere Entgiftung und natürlich der Darm auch – auch zur Entgiftung, aber auch Hormon-Recycling, schreibst du ja auch in deinem Buch drüber. Was spielen die für eine Rolle?
Dr. Konstantin Wagner [34:00]
Ja, auch riesig. Also der Darm ist, wenn wir damit anfangen wollen, so so unterschätzt. Also wir haben das immer nur, den Darm irgendwie als: „Der macht unseren Stuhlgang, fertig.“ Was das für ein Immunorgan ist und auch eine Hormon-Recycling-Stelle! Du hast es erwähnt: das Östrobolom, also ein eigenes Mikrobiom, was den Östrogenstoffwechsel steuert, was entscheidet: Kriege ich Östrogen zurück in den Körper oder wird's ausgeschieden? Wenn da was nicht stimmt auf Mikrobiom-Ebene zum Beispiel, kann ich mir auch eine Östrogendominanz züchten oder ganz im Gegenteil, dass ich Östrogen zu viel verliere. Und die Leber ist – wow, also es ist ein unglaubliches Entgiftungsorgan und alle alle Hormone, die wir so zu uns führen, müssen da irgendwie aufgeknackt werden. Das kann man sich manchmal zunutze machen: Wenn man Progesteron zum Beispiel oral nimmt, wird es da aufgespalten, dann kommen da Spaltprodukte raus. Eins davon nennt sich Allopregnanolon. Das ist genau der Effekt, den Frauen spüren, wenn man's abends nimmt und gut schläft. Das macht man sich dann zunutze mit dem Wissen, dass die Leber das macht. Wenn ich der Frau das vaginal gebe, das Progesteron, wird dieser Effekt eben nicht so passieren und auch über die Haut nicht. Deswegen ist Lebergesundheit sowieso – also da sollten wir jetzt mal unabhängig von den Hormonen drauf achten –, dass wir unsere Leber einfach gesund halten sollten. Und wenn es eine Entgiftungsstation ist, dann wissen wir auch: Wir dürfen einfach weniger Gifte zu uns nehmen und dann geht's der Leber auch meistens gut. Und beim Darm ist genauso: Wir hatten die Ballaststoffe schon, wir hatten die Blutzuckerschwankungen schon, wir hatten die Proteine schon. Das sind alles – es dreht sich immer im Kreis. Es sind immer dieselben Dinge, wo wir unseren Darm möglichst gesund halten und dann funktioniert auch so ein Östrobolom ganz gut.
Elisabeth Seidel [35:39]
Fermentierte Lebensmittel kann man vielleicht auch noch mal erwähnen.
Dr. Konstantin Wagner [35:42]
Jawohl, Kefir und das gute, alte Sauerkraut. Schmeckt nicht jedem, aber ist für den Darm ein absoluter Massagemodus.
Elisabeth Seidel [35:54]
Genau. Jetzt kommen wir zum zyklusbasierten Essen, zum zyklusbasierten Lifestyle. Das bezieht sich ja auch auf: Wie lege ich meine Termine oder wie trainiere ich? Was hältst du davon? Hast du Erfahrungen gemacht, dass das sich positiv auf zum Beispiel ein PMS-Geschehen auswirken kann? Du sprichst ja in deinen Videos auch über Ernährung und du weißt oder sagst ja auch: „Hey, mit Leinsamen kannst du das Östrogen positiv beeinflussen.“ Das wäre in den Zyklusphasen auch wünschenswert tatsächlich.
Dr. Konstantin Wagner [36:25]
Genau, gibt ja auch Seed Cycling oder so, wie es heißt, genau. Im Grunde: Keep it simple. Also wenn das euer Alltag hergibt, dass ihr euch zyklusbasiert ernähren könnt und wollt und euch das Spaß macht, wer euch da so richtig reinfuchst: Go for it. Wenn euch das mehr stresst und ihr denkt: „Oh nee, heute habe ich meine Leinsamen nicht gegessen“ oder „Nee, jetzt bin ich in der zweiten Zyklusphase, jetzt muss ich auf den Zucker achten“, dann let it be. Also es ist schon so, dass wir uns mit einer grundsätzlichen, soliden, abwechslungsreichen Ernährung, da tun wir uns schon was richtig Gutes. Wenn wir jetzt das noch auf den Zyklus hochtrimmen, okay super, dann holen wir das Maximum raus quasi. Wo ich ein totaler Fan von bin: den Zyklus zu tracken, einfach zu schauen: Wann geht's mir wie und warum? Wann vertrage ich Dinge besser oder schlechter? Wir waren beim Kaffee schon, das gilt auch für andere Lebensmittel, dass ich schaue: Okay, wenn ich das und das zu mir nehme, dann kickt mein PMS richtig, dass man da wirklich ein Gefühl für hat und das funktioniert toll, wenn man das über Jahre wirklich regelmäßig macht und schaut: Hier habe ich gut geschlafen, hier war ich immer so erkältet, woran liegt denn das? Und auf einmal ergibt sich da so ein System draus. Und wenn man auch an der Arbeit die Möglichkeit hat: „Okay, jetzt weiß ich, ich habe meine Follikelphase, bald ist mein Eisprung, hier halte ich meinen Vortrag, hier kann ich mir das so hinlegen, weil da bin ich pumped ohne Ende, da habe ich Energie, da ist mein Gehirn voller Östrogen, da funktionieren die Synapsen super“, dann go for it, super cool. Wenn man das aber nicht die Möglichkeit hat an der Arbeit und der Vortrag liegt genau, ich sag mal jetzt, in der späten Lutealphase – also Periode noch nicht eingetreten und die Hormone sind gerade so am Abschnuffen –, dann kann es natürlich sein, dass ich irgendwie ein bisschen brainfoggig bin und dann muss ich halt das Beste draus machen. Da muss ich mich halt besser vorbereiten, das aus dem Effeff können und irgendwie versuchen, mir ein gutes Gefühl zu geben, weil ich weiß, da bin ich nicht so in meinem Saft. Und das, was man selber spürt, ist ja auch nicht das, was andere sehen. Also wie oft haben wir das alle – ich ja auch –, dass ich auf der Bühne stehe und denke: „Wow, war das eine blöde Performance, also ich habe mich verhaspelt“, und andere sagen dann: „Nee, war alles super, du hast richtig selbstbewusst gewirkt“ und ich denke: „Hä, so habe ich mich gar nicht gefühlt.“ Also ich glaube, das Wissen ist auch wichtig: Wie man sich fühlt, spiegelt nicht immer das wider, wie andere einen wahrnehmen. Und wenn euch das Spaß macht, nach dem Zyklus mal zu leben – es gibt ja auch Leistungssportlerinnen, die machen ihr Training nach dem Zyklus –, probiert es gerne mal aus. Wenn ich eine Frau wäre, würde es mich wahrscheinlich mehr stressen, als dass es mir was bringen würde, weil ich ständig mit einem schlechten Gewissen rumlaufen würde: „Ah Mist, jetzt habe ich heute das nicht gemacht“ oder „Heute hatte ich aber Lust, den Kaffee nach 16:00 Uhr noch zu trinken.“ Also für mich wär's nix.
Elisabeth Seidel [39:01]
Okay. Ich würde gern noch auf ein Thema kommen, was glaube ich viele interessiert. Du hast ja gerade auch von Zyklustracking gesprochen. Jetzt gibt's ja verschiedene Art und Weisen, wie man seinen Zyklus tracken kann: Entweder ich kreuze einfach eine Tabelle an, so ganz oldschool wie früher –, aber mittlerweile haben wir ja, du meinst ja, die verschiedenen Fitnessuhren und Ringe und so weiter. Was hältst du für ja, besonders wertvoll?
Dr. Konstantin Wagner [39:29]
Es regelmäßig zu machen. Und auf welche Weise, ist erst mal wurscht. Man sollte jetzt, wenn man so ein Wearable jetzt anhat und da wird die Temperatur ganz toll gemessen, muss man natürlich auch immer bedenken – und ich glaube, die Software sagt einem das auch –, es ist nicht so ganz genau. Aber es ist ein Hinweis und es ist auch ganz cool zu beobachten, was selbst so eine externe Temperatur am Handgelenk einem sagen kann über ein kleines Hormon, das Progesteron, was meine Körperkerntemperatur einfach erhöhen oder absenken kann. Das ist schon spannend. Viel spannender finde ich aber auch die Basics, zu sagen: Okay, hier startet meine Periode – und das ist schon das erste, die erste kleine Fehlerquelle, denn viele nehmen diese Schmierblutungen, die sie vielleicht vor der Periode haben, als ersten Tag und dann trackt man seinen Zyklus halt falsch. Sondern der erste Tag der Periode ist wirklich da, wo ich regelstark, so wie ich es kenne, blute. Das merkt Frau eigentlich, dass sie sagt: „So, hier, das ist jetzt meine Blutung, wie ich sie kenne“ und das davor war eben die Schmierblutung, und die auch einzutragen. Und dann zu gucken: Wo ungefähr ist denn mein Eisprung? Das finde ich eigentlich der spannendste Moment und wir können den niemals auf den Tag genau festzurren. Selbst ich mit dem Ultraschall habe da meine Schwierigkeiten und selbst die Ovulationstests, wo ich auf so ein Stäbchen pinkle und gucke: „Wie ist denn da das LH?“, wir können nie feststellen: Jetzt ist der Eisprung. Dafür bräuchten wir ein Supermikroskop, das haben wir nicht im Körper. Aber so ungefähr, roundabout drei plus/minus drei Tage zu gucken: Hier ist Eisprung und jetzt, wann blute ich das nächste Mal? Diese zweite Zyklusphase ist ja relativ konstant, 12 bis 14 Tage. Und wenn die regelhaft unter zehn Tage kurz ist, dann ist da irgendwas nicht ganz in Ordnung. Und das ist auch immer so die Regel, dass ich sage: Okay, ihr seid ja auch keine Maschinen, wir sind ja alle keine Maschinen. Man darf ja auch mal einen Zyklus-Wackler haben, man darf auch mal eine Zwischenblutung haben, man darf auch mal gar keine Periode haben. Aber alles, was so länger als drei Monate andauert, da bin ich dann schon so langsam hellhörig. Also wer seit drei Monaten und darüber hinaus Schmierblutungen vor der Periode hat, da gucke ich dann schon mal hin, was da los ist. Oder seit drei Monaten und darüber keine Periode hat und eine Schwangerschaft ist ausgeschlossen, da gucke ich dann auch mal genauer hin, weil hier passt dann irgendwie vielleicht was nicht und das können Kleinigkeiten sein, aber es können auch größere Stoffwechselstörungen sein.
Elisabeth Seidel [41:37]
Was hältst du von Hormondiagnostik? Also du sagst, du guckst dir dann mal genauer an. Was für Hormone schaust du dir denn so gängigerweise an und wie hängt das vielleicht auch – also die Aussagekraft –, wie hängt die zusammen mit dem Zeitpunkt der Messung? Wir haben ja vorhin schon gesagt oder festgelegt: Okay, das sind alles Zyklen – Cortisol, unser Blutzucker, alles schwankt und so eben auch unsere Sexualhormone. Wie handhabst du das mit der Testung und was hältst du für sinnvoll und was nicht?
Dr. Konstantin Wagner [42:08]
Jetzt bin ich natürlich total der Hormonenthusiast, das heißt, in meiner Praxis werde ich natürlich auch Hormone bestimmen. Grundsätzlich muss man eins vorweg sagen: Ich brauche keine Hormonbestimmung, um einer Frau zuzuhören. Und wenn die mir solche Veränderungen schildert, dann habe ich natürlich schon ein Gefühl, wo die Reise hingeht. Nehmen wir jetzt mal diese, weil wir sie die ganze Zeit haben, die Schmierblutungen vor der Periode, das verstärkte PMS, die Erschöpfung, dann weiß ich schon: Mhm, und die ist jetzt sagen wir mal 39, dann wüsste ich schon, ohne jetzt die Hormone bestimmt zu haben: Da könnte natürlich die Gelbkörperphase nicht ganz optimal laufen. Natürlich – und das propagiere ich ja immer und das sage ich auch immer – muss man das ganze System sich anschauen. Also das kann genauso gut eine Schilddrüsenunterfunktion sein. Und wie viele Frauen haben Schilddrüsenunterfunktion? Viel, viel, viel mehr als die Männer. Und wie oft steckt da auch eine Autoimmun-Schilddrüsenerkrankung dahinter, also Hashimoto zum Beispiel, ohne dass man's jetzt im Blut – wenn man normal, ich sag mal den TSH, den Schilddrüsenwert, der gar kein Schilddrüsenwert ist, abnehmen würde, der würde das untergehen. Und selbst die freien peripheren Hormone, dieses fT3, fT4, die können manchmal noch völlig normal sein oder schon so andeutungsweise ein bisschen verrutschen, aber alles im Referenzbereich. Aber man sieht und hat da schon ein Gespür dafür, dass da vielleicht was nicht in Ordnung ist und dann kommen diese Antikörper von der Schilddrüse und puff, die sind auffällig, obwohl die komplette Schilddrüsendiagnostik eigentlich unauffällig ist. Also hat eine Frau mit eigentlich augenscheinlich normalen Schilddrüsenwerten eine Autoimmunerkrankung, was die Schilddrüse angeht. Und das macht natürlich extrem viel aus. Was ich nur sagen will: Unser Körper kompensiert wahnsinnig viel. Bis da mal wirklich was außerhalb unserer riesigen Referenzbereiche ist, dauert's. Und so verhält sich das natürlich auch mit den Hormonen. Wenn ich – Zyklusbeginn macht man typischerweise so ein größeres Hormonlabor, also Tag 3 bis 5, wo man alles dabei hat –, dann weiß ich natürlich, dass Östrogen, Progesteron, die sind alle da ziemlich im Keller, so. Das ist ja aber trotzdem im Referenzbereich. Wenn diese Konstellation aber eine Woche vor der Periode wäre, dann wäre was nicht in Ordnung, weil warum sollten jetzt die Hormone im Keller sein? Also man muss es immer natürlich im Zusammenhang sehen mit dem Zeitpunkt, wo abgenommen wurde. Das ist normiert, deswegen nimmt man – diejenigen, die es seriös machen – immer am Anfang der Periode einmal ab, also Tag 3 bis 5, und auch in der zweiten Zyklusphase ungefähr eine Woche vor der Periode, wenn man denn noch einen Zyklus hat. Und da bestimmt man nur das Östrogen und das Progesteron in den meisten Fällen. Man kann auch in der Mitte des Zyklus beim Eisprung noch mal gucken, ob der überhaupt ausgelöst wird durch das LH und so weiter. Das ist aber schon sehr speziell. Für mich: Also man braucht nicht unbedingt eine Hormondiagnostik, um Frau ernst zu nehmen und auch ein Gefühl dafür zu bekommen: Was könnte los sein? Und die Therapieschritte, die ersten, sind ja auch oftmals sehr ähnlich, dass man jetzt nicht um die Ecke kommt und sagt: „Jetzt nehmen Sie aber mal hier sofort das Hormonpräparat“, sondern wir gucken natürlich auch erst mal wieder – sind wir wieder beim Blutzucker – können wir hier irgendwas regeln? Was macht der Eisenstoffwechsel? Ist Eisen aufgefüllt? Ist deswegen die Schilddrüse so ein bisschen in der Grätsche und so weiter? Also Blutwerte: wichtig für mich, um das ganze Gesamtpaket zu sehen, aber es ist und bleibt eine Momentaufnahme. Es kann im nächsten Zyklus ganz anders aussehen. Was zählt, ist das, was Frau einem sagt und erzählt und Veränderung spürt.
Elisabeth Seidel [45:20]
Also Symptomatik über Laborwerte.
Dr. Konstantin Wagner [45:23]
Definitiv! Weil die Frau kennt sich seit Jahrzehnten und hat sich jetzt über Jahrzehnte beobachtet und sagt: „Seit einem Jahr geht's mir anders.“ Der Laborwert sagt mir: „Heute ist es so und so.“ Deswegen, das muss man immer ernster nehmen, was Frau sagt. Und wie gesagt, muss ja auch nicht hormonell sein. Wenn ich das ausgeschlossen habe, sage ich: „Okay, dann müssen wir noch mal weitergucken, woran könnte es denn noch liegen?“
Elisabeth Seidel [45:45]
Du hast ja jetzt schon in dem Zusammenhang zum Beispiel Eisen erwähnt. Welche Rolle spielt denn die Mikronährstoffversorgung bei der Zyklus- oder hormonellen Gesundheit?
Dr. Konstantin Wagner [45:54]
Die macht – das sind die Bausteine. Also das ist verrückt: Wir können – und vor allen Dingen Frau – braucht unfassbar viele Mikronährstoffe, um alles zu bauen, um Energie überhaupt herzustellen in unseren Mitochondrien. Also ohne ein Coenzym Q10 wird keine Energie hergestellt, ohne Eisen funktioniert ein Schilddrüsenenzym nicht, um die Schilddrüsenhormone zu machen. Das ist, als ob man dem Kind die Legobausteine wegnimmt und sagt: „Bau jetzt mal das Haus auf.“ So funktioniert's eben nicht. Das heißt jetzt nicht, dass alle Frauen ein Riesen-Kombipräparat an allem Drum und Dran brauchen, aber es gibt so ein paar Basics und das ist Eisen definitiv. Also wie viele Frauen laufen mit einem latenten Eisenmangel rum und wundern sich, dass sie müde und erschöpft sind? Nicht aufgrund des Sauerstoffmangels, den sie jetzt durch den Eisenmangel haben, sondern auch die Schilddrüse, die da so langsam in die Knie geht. Das ist wichtig. Die Omega-3-Fettsäuren, die bei uns einfach quasi gar nicht vorhanden sind. Also wir haben zu, ich glaube, über 90 % keine ausreichende Sättigung mit Omega 3. Da müsste man mit dem Index über 8 % kommen, das schaffen Leute, die ein Jahr lang supplementieren gerade so. Vitamin D immer angucken, vor allen Dingen in den Wintermonaten sowieso, aber auch im Sommer gucke ich ganz gerne mal drauf, weil man denkt: „Ach, die Sonne scheint ja jetzt ganz gut“, aber der UV-Index muss halt über 5 sein und wenn er dann irgendwie irgendwo vor sich hindümpelt oder man ist zu der Zeit an der Arbeit und kommt erst nachmittags raus und da ist der UV-Index 3 und 4, man setzt sich in die Sonne, dann bilde ich kein Vitamin D. Das sind Dinge, die ich mir definitiv angucke. Ganz selten auch mal – ich habe es schon erwähnt – das Coenzym Q10, da haben wir einfach einen Mangel, weil wir ab dem 40. Lebensjahr langsam diesen Kofaktor verlieren. Also das macht schon Sinn, wenn jemand 45, 50 ist und Erschöpfung hat, da mal nachzugucken. Kreatin ist jetzt voll im Kommen, jetzt nicht nur in der Bodybuilding-Szene, sondern wir wissen auch, was es im Gehirn macht laut neuesten Studien: verbessert die Kognition und auch die Leistungsfähigkeit. Also das ist auch ein super interessantes Supplement. Heißt nicht, dass man da sich jetzt wie so eine Omi morgens den Blister vollmachen muss mit 15 Medikamenten, aber es gibt schon auch Nahrungsergänzung, die durchaus Sinn macht, vor allen Dingen bei Frau in und um die Wechseljahre.
Elisabeth Seidel [48:03]
Vielleicht auch Selen, Jod für...
Dr. Konstantin Wagner [48:05]
Selen, Jod für die Schilddrüse, genau.
Elisabeth Seidel [48:07]
...für hormonelle...
Dr. Konstantin Wagner [48:09]
Es gibt wahnsinnig viel, was wir über die Ernährung natürlich super regeln können. Ich meine, Selen, es ist kein Hexenwerk, sich Selen aufzufüllen mit bestimmten Nüssen. Aber das ist ganz, ganz selten, dass wir jetzt ernährungsbedingt, sage ich mal, irgendwo einen Mangel haben. Das geht verloren, dieser Coenzym Q10 geht teilweise dann verloren und das Eisen natürlich durch die Blutung, aber wir kriegen es eigentlich ganz gut hin über die Ernährung, fast alles aufzufüllen. Omega 3 wird schwierig, aber sonst schaffen wir da schon ganz, ganz viel über die Ernährung. Das will ich nur sagen: Man muss nicht unbedingt immer ganz viel schnucken.
Elisabeth Seidel [48:45]
Es gibt wahrscheinlich – also nicht wahrscheinlich, es gibt halt Gruppen: vegane, vegetarische Ernährung haben...
Dr. Konstantin Wagner [48:51]
Ja.
Elisabeth Seidel [48:52]
...einen Extra-Bedarf an B-Vitaminen.
Dr. Konstantin Wagner [48:55]
Schwangere, Stillende, Frauen in den Wechseljahren, das sind sicherlich so Patientenklientel, da gucke ich auch genauer hin. Aber ich sag mal, eine 23-Jährige, die bräuchte für mich jetzt nicht das ganze Potpourri an Nahrungsergänzungsmitteln. Aber ich bin auch der Meinung: Wir kommen gar nicht mehr so groß drumherum teilweise, irgendwann im Alter was aufzufüllen. Also dass jemand ein Leben lang durchläuft, ohne irgendwo mal in Mangel zu rutschen, das passiert glaube ich gar nicht.
Elisabeth Seidel [49:22]
Was deiner Meinung nach ist so – also oder gibt's deiner Meinung nach Supplements oder Nährstoffe, die so ein bisschen overrated sind, die sehr gehypt werden auch im Internet? Du bist ja auch auf den Socials unterwegs.
Dr. Konstantin Wagner [49:37]
So ein einzelnes fällt mir jetzt ad hoc nicht ein. Ich finde diese Kombipräparate immer schwierig. Erstens muss ich natürlich auch individuell gucken: Vielleicht brauche ich ja vom Eisen ein bisschen mehr als das, was in diesem Beutelchen drin ist, vielleicht brauche ich vom Vitamin D ein bisschen mehr, dann ist von allen so ein bisschen was drin. Also da finde ich eher die Kombipräparate, die ja irgendwie versprechen, alles zu können: „Ich heile mein PMDS, ich heile meine Endometriose, gegen Wechseljahre ist das aber auch.“ Das finde ich immer ein bisschen schwierig. Unterm Strich ist es gepresstes Lebensmittel. Auch was die Wechseljahre angeht, da gibt's ja so unfassbar viel auch pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel, die weit weg sind von einer Dosierung, wo ein pflanzliches Arzneimittel hinkommt. Also ob wir jetzt die Traubensilberkerze nehmen oder das Mönchspfeffer, da sind in diesen Kombipräparaten so ein Schnüffchen drin, das bringt dem Körper erst mal gar nichts, wenn man sich die Studien anguckt, in welchen Dosierungen da gearbeitet wurde und wofür es Evidenz gibt. Dann ist das was ganz anderes, aber der Hersteller schreibt natürlich drauf: „In Studien getestet“, aber nicht in welcher Dosierung und welches Stück von der Pflanze genommen wurde. Und schon steht sowas auf einer Verpackung und alle denken: „Ja, ist ja in Studien getestet.“ Da bin ich eher kritischer, dass ich denke: Puh, ein bisschen mehr Wissen wäre in der Hinsicht gar nicht so schlecht, dass man jetzt nicht diesen Heilversprechen, die es ja auch oft sind, nachgeht und sich wundert, warum es nicht besser wird.
Elisabeth Seidel [50:56]
Zum Schluss, lieber Konstantin: Gibt's so eine Sache, von der du dir wünschst, dass Frauen, die oder ja allgemein Lesende deines Buches oder Hörerinnen des Podcasts, dass sie die mitnehmen? Eine Message?
Dr. Konstantin Wagner [51:10]
Die Message – die Message ist eigentlich: Also ich sag das bei Vorträgen auch immer: Mein Ziel wäre eigentlich, dass man uns nicht mehr so wirklich viel braucht, was das Thema angeht, weil – und das kennen ganz, ganz viele: Man nicht weiterkommt in der Praxis und man hat Probleme und man möchte Hilfe bekommen und irgendwie wird man nur so abgetan. Das ist etwas, was ich tagtäglich höre. Und noch mal: Das ist jetzt kein Bashing, es gibt da sicherlich ganz kompetente Kolleginnen und Kollegen da draußen, aber es ist einfach die Mehrheit. Da gibt's ja auch Studien jetzt auch von einer renommierten Krankenkasse, die einfach gezeigt haben, wie viele Menschen da unzufrieden sind mit der Beratung. Und es wäre total schön, indem man sich das Wissen aneignet über diese Thematik, dass man uns weniger und weniger benötigt. Und man braucht uns dann vielleicht nur noch irgendwie für ein Rezept später mal für Progesteron, sage ich jetzt mal. Aber sonst kann man sich vielleicht schon ganz viel selbst helfen, gerade in so einer Übergangsphase, damit's einem besser geht. Man kann diesen Prozess nicht aufhalten. Also ich kann meine Eierstöcke nicht einfrieren und habe mit 80 noch einen kompletten Eierstockpool. Das passiert nicht, sondern der Prozess läuft, aber diese Veränderungen, die damit einhergehen, die kriege ich ja vielleicht ein bisschen verbessert. Und wir waren beim Eisen und einen Eisenmangel aufzufüllen, da brauche ich ja eigentlich jetzt nicht wirklich eine große Diagnostik. Da kann die Hausärztin, Hausarzt mal schauen, dann merke ich: Ich habe einen Eisenmangel, ich bin auch erschöpft, mir geht's schlechter, und dann gehe ich zu dem Hersteller meiner Wahl und fülle das Eisen wieder auf und siehe da: Mir geht's nach ein paar Wochen vielleicht schon ein bisschen besser. Das ist etwas, wofür man jetzt überhaupt nicht großartig eine ärztliche Beratung oder sowas bräuchte. Das wäre mein großes Ziel: Dass man diese Selbstwirksamkeit schätzt und ernst nimmt, weil ihr könnt unfassbar viel alleine mit euch schon machen, weil ihr kennt euch am allerbesten. Ihr kennt euren Körper und ihr wisst auch, was euch gut tut. Und alles andere, was dann mal vielleicht irgendwann auf euch zukommt, da wär's schön natürlich, wenn Kolleginnen und Kollegen und Politik mal einlenken und sagen: „Das ist ein Thema, ja. Ich glaube, so ein paar Frauen kommen in die Wechseljahre. Wäre nicht schlecht, wenn wir das vielleicht auch mal ausbilden und honorieren.“
Elisabeth Seidel [53:09]
Vielen, vielen Dank für die Arbeit, die du in der Hinsicht tust und machst, und dass du aufklärst und dass du dir heute Zeit genommen hast für unser Gespräch.
Dr. Konstantin Wagner [53:19]
Sehr gerne. Hat mir sehr viel Freude bereitet.
Elisabeth Seidel [53:26]
Wenn dir unser Gespräch und die Folge gefallen hat und du vielleicht noch tiefer in das Thema Hormone einsteigen willst, dann haben wir ganz, ganz viele Folgen, die geeignet für dich sein können. Vielleicht möchtest du mit Folge 204 mit Dr. Katharina Burkhardt starten. Dort sprechen wir, was in den verschiedenen hormonellen Umbruchsphasen passiert und wie du deine Gesundheit während dieser Phase unterstützen kannst. Hör gerne mal rein!
