Podcastfolge 146 + Selbstwert stärken: Der Schlüssel zu erfüllten Beziehungen. Mit Stefanie StahlPodcastfolge 146 + Selbstwert stärken: Der Schlüssel zu erfüllten Beziehungen. Mit Stefanie Stahl

Selbstwert stärken: Der Schlüssel zu erfüllten Beziehungen

Wir alle suchen nach der großen Liebe und tiefen Verbindungen, übersehen dabei aber oft, dass die wichtigste Beziehung mit uns selbst beginnt. Ein stabiler Selbstwert ist das Fundament, auf dem wir nicht nur fester im Leben stehen, sondern auch zu einem besseren Partner, Freund oder Elternteil werden. Doch warum fällt es uns oft so schwer, diesen Selbstwert zu spüren, und wie hängen alte Kindheitsprägungen mit unseren heutigen Beziehungsproblemen zusammen?

In dieser HEALTHWISE-Episode spricht Nils Behrens mit Stefanie Stahl, Deutschlands bekanntester Psychologin und Bestseller-Autorin von "Das Kind in dir muss Heimat finden", über die Kraft des Selbstwerts und wie wir ihn im Alltag stärken können. Zum zehnjährigen Jubiläum ihres Erfolgsbuchs zeigt Stefanie Stahl, warum Selbstannahme wichtiger als Selbstoptimierung ist und wie wir durch Reflexion, emotionale Klarheit und faire Kommunikation zu erfüllten Beziehungen finden.

Die Folge HEALTHWISE auf YouTube

Warum Liebe bei uns selbst beginnt

Ein stabiles Selbstwertgefühl beeinflusst, wie wir uns und andere sehen. Wer tief im Inneren glaubt „Ich genüge nicht“ oder „Ich bin nicht wichtig“, gestaltet Beziehungen aus einem Gefühl des Mangels. Solche Glaubenssätze, so Stefanie Stahl, sind die „Programmiersprache des Selbstwerts“. Fehlt das Vertrauen in den eigenen Wert, entstehen subtile Dynamiken: übermäßige Anpassung, übertriebene Selbstbehauptung oder emotionale Rückzüge.

Ein gesunder Selbstwert dagegen ermöglicht Nähe, ohne Angst vor Ablehnung und Distanz, ohne Schuldgefühle.

Das Kind in dir muss Heimat finden – Stefanie Stahls Bestseller feiert 10 Jahre

Buch: Das Kind in dir muss Heimat findenBuch: Das Kind in dir muss Heimat finden

Schattenkind erkennen, Sonnenkind aktivieren

Alte Programme entmachten

Stefanie Stahl unterscheidet zwischen dem Schattenkind, dem verletzten, unsicheren Anteil und dem Sonnenkind, das Selbstvertrauen und Lebensfreude verkörpert. Bevor man positive Glaubenssätze verankert, gilt es, das Schattenkind zu verstehen. Stefanie Stahl betont, dass der erste Schritt ist, die Ursprünge der negativen Überzeugungen zu verstehen, die meist in der Kindheit liegen, um sie dann entmachten zu können. Erst dann kann das Sonnenkind aktiv werden.

Das „Ertappen-und-Umschalten“-Prinzip

Sobald das Verständnis für das eigene Schattenkind da ist, kommt das tägliche Training. Stefanie Stahl nennt es ihr Mantra: "Ertappen und Umschalten".

  • Ertappen: Im Alltag den Moment zu bemerken, in dem man getriggert wird und in das alte Gefühl (z.B. „Ich bin nicht wichtig!“) hineinrutscht.
  • Umschalten: In diesem Moment bewusst einen Schritt zurückzutreten und sich in die erwachsene Realität zurückzuholen: „Moment mal, ich bin ja heute groß und die Welt da draußen ist nicht Mama und Papa“. So kann man sich selbst regulieren, anstatt aus dem alten Programm heraus zu reagieren.

Das "Sonnenkind" bewusst aktivieren

Nachdem man das Schattenkind verstanden und angenommen hat, kann man sich dem "Sonnenkind" zuwenden. Das Sonnenkind steht für unsere Stärken, unsere Ressourcen und unsere positiven, realistischen Glaubenssätze. Statt "Ich genüge nicht" kann ein neuer, realistischer Glaubenssatz lauten: "Meiner Frau bin ich wichtig". Es geht darum, sich bewusst mit der "Fülle des Lebens" zu verbinden – den Dingen, die gut laufen: die eigene Gesundheit, finanzielle Sicherheit oder die Freude an einem Spaziergang im Wald.

Selbstfürsorge statt Selbstoptimierung

Stahl betont: „Ich empfehle Selbstreflexion, nicht Selbstoptimierung.“ Viele Menschen glauben zunächst alles, was ihnen durch den Kopf geht, ohne zu prüfen, ob diese Gedanken wirklich stimmen. Wer lernt, seine Gedanken und Gefühle bewusst wahrzunehmen, statt ihnen automatisch zu folgen, gewinnt innere Freiheit.

Selbstfürsorge bedeutet, sich selbst anzunehmen, auch mit Schwächen, und sorgsam mit der eigenen Energie umzugehen. Gerade Menschen, die ständig Erwartungen erfüllen wollen, verlieren leicht den Kontakt zu sich selbst. Bei Burnout-Betroffenen wird das besonders deutlich. Ihr Weg zurück beginnt oft mit klaren Grenzen, echten Pausen und ehrlicher Selbstreflexion.

Warum Grenzen kein Egoismus sind

Grenzen zu setzen bedeutet, die eigene innere Klarheit und Selbstachtung zu bewahren. Viele Menschen, denen das schwerfällt, haben schon früh gelernt, dass die Bedürfnisse anderer wichtiger sind als die eigenen. Wenn Grenzen fehlen, entstehen mit der Zeit Unzufriedenheit und stiller Groll, der eine Beziehung spürbar belasten kann.

Stefanie Stahl empfiehlt deshalb, Spannungen früh und in einem wertschätzenden Ton anzusprechen: „Sprich Dinge an, solange du sie noch freundlich sagen kannst.“ Werden Gefühle zu lange heruntergeschluckt, kommt es später leichter zu heftigen Reaktionen. Wer seine Wut als Hinweis versteht, dass etwas nicht mehr stimmig ist, kann sie nutzen, um in ein klares und konstruktives Gespräch zu gehen.

Praktische Kommunikationstipps:

  • Verwende Ich-Botschaften („Ich fühle …“, „Ich brauche …“) statt Vorwürfen.
  • Bleib konkret: „Ich wünsche mir, dass wir die Aufgaben klarer aufteilen.“
  • Nutze höhere Werte wie Fairness oder Authentizität, um Konfliktscheu zu überwinden.

 Grenzen sind kein Ausdruck von Härte. Sie sind ein Zeichen von Selbstachtung.

Anerkennung und Selbstwert: Geben und Annehmen

Anerkennung suchen, ohne abhängig zu werden

Wir alle brauchen Anerkennung, sie gehört zu unserem Bindungsbedürfnis als Menschen. Problematisch wird es erst, wenn Bestätigung fast ausschließlich im Außen gesucht wird und der Kontakt zu den eigenen inneren Maßstäben verloren geht. Stefanie Stahl bringt es auf den Punkt: „Wenn du 20 Leute im Raum beeindrucken willst, tanzt du 20 Tänze, und keiner ist mehr wirklich deiner.“ Ein stabiler Selbstwert ermöglicht es, Lob anzunehmen, ohne sich davon bestimmen zu lassen.

Lob, das Nähe schafft

Echte Wertschätzung zeigt sich nicht nur in großen Worten, sondern oft in kleinen Gesten: ein freundlicher Blick, eine Berührung, aufrichtiges Interesse. Solche Mikromomente von Zuwendung sprechen das Sonnenkind an und stärken das Gefühl von Nähe und Verbundenheit.

Den Selbstwert trainieren – ohne Druck

Alltagstaugliche Übungen

Stefanie Stahl hält wenig von starren Routinen oder 30-Tage-Challenges. Stattdessen empfiehlt sie:

  • Selbstreflexion: Erkenne deine prägenden Glaubenssätze.
  • Atemübungen: Atme regelmäßig bewusst in den Bauch, das beruhigt das Nervensystem.
  • Ertappen & Umschalten: Beobachte dich im Alltag und kehre sanft in den Sonnenkind-Modus zurück.
  • Ressourcenblick: Fokussiere auf das, was da ist – wie die eigenen Stärken, Gesundheit, Freundschaften oder die Natur

Ein gestärkter Selbstwert wirkt über alle Lebensbereiche hinweg. Wer sich selbst besser versteht, begegnet Partnern, Freunden und Kollegen gelassener und übernimmt Verantwortung für das eigene Wohlbefinden.

Take Aways  

  • Der Selbstwert ist die emotionale Basis jeder Beziehung.
  • Glaubenssätze wie „Ich genüge nicht“ prägen unser Verhalten – und lassen sich verändern.
  • Schattenkind verstehen, Sonnenkind aktivieren: Das ist der Schlüssel zur Selbstannahme.
  • Grenzen schützen – und schaffen Nähe, wenn sie klar und respektvoll kommuniziert werden.
  • Selbstfürsorge heißt, Bedürfnisse ernst zu nehmen – nicht, perfekt zu funktionieren.
  • Atemübungen, Reflexion und kleine Achtsamkeitsmomente stabilisieren den Selbstwert.

Mehr erfahren im healthwise Podcast von sunday natural

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Stefanie Stahl ist eine der bekanntesten Psychologinnen Deutschlands und Expertin für Bindungs- und Selbstwertthemen. Mit ihrem Bestseller „Das Kind in dir muss Heimat finden“ hat sie Millionen Menschen dazu inspiriert, sich selbst besser zu verstehen und alte Glaubenssätze zu lösen. Als Psychotherapeutin, Autorin und Rednerin vermittelt sie psychologische Erkenntnisse auf verständliche und praxisnahe Weise, immer mit dem Ziel, mehr Selbstannahme, innere Stabilität und erfüllte Beziehungen zu fördern. In ihren Büchern, Seminaren und Podcasts zeigt sie, wie wir unser Schattenkind liebevoll annehmen und das Sonnenkind stärken können – den Anteil in uns, der Vertrauen, Freude und Selbstwert verkörpert. Stefanie Stahl steht für eine Psychologie, die alltagstauglich, menschlich und zugleich tiefgehend ist, und erinnert uns daran, dass echte Veränderung mit Selbstreflexion statt Selbstoptimierung beginnt.

Mehr über Stefanie Stahl: https://www.stefaniestahl.de/

 

146 Selbstwert stärken: Der Schlüssel zu erfüllten Beziehungen. Mit Stefanie Stahl

[Stefanie Stahl] (0:00 - 0:31)
Weil Wut ist ja ein Gefühl, was stark macht. Wut verleiht Mut. Das heißt, gerade die, die eben so Probleme haben, das anzusprechen, müssen erst mal richtig wütend werden.

Und dann wird es aber oft unfair, weil sie dann einfach mit Kanonen auf Spatzen schießen. Und deswegen sage ich, sprich es doch möglichst früh an. Und dann kannst du es doch noch ganz freundlich sagen.

Und dann findet man doch oft früh eine Lösung, weil das ist ja auch dem anderen Gegenüber nicht fair. Weil die ja oft sagen, sag mal, warum hast du das ja nicht früher gesagt?

[Nils Behrens] (0:32 - 1:27)
Herzlich willkommen zu HEALTHWISE, dem Gesundheits-Podcast, präsentiert von Sunday Natural. Ich bin Nils Behrens und in diesem Podcast erkunden wir gemeinsam, was es bedeutet, gesund zu sein. Wir tauchen ein in Themen wie Medizin, Bewegung, Ernährung und emotionale Gesundheit.

Immer mit einem weisen Blick auf das, was uns wirklich gut tut. Wir suchen alle nach der großen Liebe und übersehen dabei oft, dass sie mit uns selbst beginnt. Wer seinen Selbstwert stärkt, steht nicht nur fest im Leben, sondern wird auch zu einem besseren Partner, Freund oder Elternteil.

Stephanie Stahl ist Deutschlands bekannteste Psychologin und Bestseller-Autorin. Mit Das Kind in Dir muss Heimat finden hat sie Millionen Menschen gezeigt, inklusive mir, wie man die Schattenkind-Glaubenssätze erkennt, heilen kann und mehr Sicherheit in Beziehungen gewinnt. Heute sprechen wir anlässlich des zehnjährigen Buchjubiläums darüber, wie Selbstwert nicht nur unser Inneres verändert, sondern auch jede Beziehung stabiler und liebevoller macht.

Und deswegen sage ich herzlich Willkommen, Stephanie Stahl.

[Stefanie Stahl] (1:27 - 1:29)
Hallo, danke für die Einladung.

[Nils Behrens] (1:30 - 1:33)
Liebe Steffi, wie wichtig sind denn Sonntage für unser Selbstwertgefühl?

[Stefanie Stahl] (1:33 - 2:08)
Das kommt drauf an, weil sie das Selbstwertgefühl nicht verändern. Und wenn mein Selbstwertgefühl nicht so stabil ist und ich bin vielleicht auch gerade ein bisschen unglücklich, am besten noch unglücklich verliebt, dann sind die Sonntage ganz, ganz schlecht für unser Selbstwertgefühl, weil dann das Selbstwertgefühl oft nochmal sich sehr schmerzhaft zu Wort meldet, weil man ja nicht in der Alltagsroutine so gefesselt ist. Auf der anderen Seite können die natürlich auch toll sein für unser Selbstwertgefühl, nämlich dann, wenn wir den Sonntag nutzen, um was richtig Schönes zu machen, weil wenn wir Freude im Leben verspüren, tut das auch unserem Selbstwert gut.

[Nils Behrens] (2:10 - 2:36)
Ja, ich finde es eine sehr gute Antwort, weil Sonntag, man kennt ja schon so ein bisschen Sonntagsblues und ich glaube gerade, wenn man in einer unglücklichen Liebessituation ist, kann ich mir vorstellen, dass sich das Ganze dann nochmal etwas stärker aufbaut. Aber deswegen, lass uns doch mal wirklich einsteigen, weil wir wollen ja am Ende dieser Folge dann lernen, wie wir alle noch glücklicher werden und noch mehr Selbstwertgefühl haben. Warum ist Selbstwert in Beziehungen so entscheidend und warum können wir die Liebe nicht wirklich genießen, wenn sie fehlt?

[Stefanie Stahl] (2:38 - 4:34)
Also der Selbstwert hängt halt sehr eng mit unserem Selbstbild auch zusammen. Also wenn ich zum Beispiel so ein Selbstbild von mir habe und das hängt viel damit zusammen, was meine Eltern mir mitgegeben haben, wie ich aufgewachsen bin. Wenn ich so einen Selbstwert habe, der durch so einen Glaubenssatz bestimmt ist, zum Beispiel ich genüge nicht, dann ist das ja eine Aussage über meinen Selbstwert.

Ich sage immer, die Glaubenssätze sind die Programmiersprache des Selbstwertgefühls. Und wenn ich jetzt mit diesem Glaubenssatz Beziehungen gestalte, dann habe ich ja natürlich irgendwie so eine latente Sorge, dass die anderen auch mal merken können, dass ich eigentlich nicht genüge. Und das kann dann wiederum dazu führen, dass ich mich vielleicht immer besonders anstrenge und versuche, alle Erwartungen zu erfüllen, damit mich bloß alle mögen.

Was dann wieder dazu führt, dass ich selber das Gefühl habe, mich irgendwie ein bisschen zu verlieren in dieser Beziehung. Oder es kann auch dazu führen, dass ich gar kein so nahe mich rankomme, als dass ich überhaupt entdecken könnte, dass ich nicht genüge. Das heißt, das strahlt so sehr ab auf mein Verhalten, weil mein Selbstwert auch darüber bestimmt, wie ich andere Menschen wahrnehme.

Wenn ich mich grundsätzlich eher minderwertig fühle, nehme ich andere schnell als überlegen wahr. Und das hat Auswirkungen. Wenn ich nämlich jemand als überlegen empfinde, dann bekommt er auch schnell eine bedrohliche Qualität für mich, weil er hat ja die Macht, über mich zu entscheiden, ob er mich jetzt gut findet oder ob er mich ablehnt.

Das kann wiederum dazu führen, dass ich den anderen ablehne und sage, der ist doch sowieso ein Idiot, mit dem brauche ich überhaupt nicht. Und so hat das ständig Dynamiken, weil das, was ich über mich selbst fühle und denke, also auch hinsichtlich meines Selbstwertes, sich natürlich auch in Verhaltensweisen ausdrückt.

[Nils Behrens] (4:35 - 4:58)
In deinem Buch geht es ja sehr stark um diese zwei Kinder. Das eine ist das Sonnenkind und das andere ist das Schattenkind. Diese Glaubenssätze, die du jetzt gerade beschrieben hast, sind wahrscheinlich die, die eher das Schattenkind, wenn ich es richtig verstanden habe, geprägt haben.

Das heißt also dieses Ich-genüge-nicht oder Ich-bin-nicht-wichtig. Was würdest du sagen, sind die Glaubenssätze, die am häufigsten in Partnerschaften vorkommen? Sind das schon so die beiden oder würdest du sagen, da gibt es noch andere?

[Stefanie Stahl] (4:59 - 6:05)
Also im Grunde genommen, also es gibt ja so gesehen viele Glaubenssätze. Wir bleiben jetzt mal gerade bei den negativen. Ich bin nicht wichtig, ich bin wertlos, ich genüge nicht und so weiter.

Bis hin, also ganz devastating, einer der Schlimmsten ist. Ich darf nicht leben. Aber im Großen und Ganzen läuft ja mehr oder minder, wenn man es mal sieht, sehr vereinfacht ausgedrückt.

Alles darauf hinaus, ich bin ein Fehler. Also mit mir stimmt irgendwas nicht. Mit mir ist irgendwas nicht korrekt und das kann dazu führen, dass ich in Partnerschaften mich eben auch sehr schnell schuldig fühle.

Man denkt, ich bin schuld oder dazu führen, dass ich meine, ich bin total verantwortlich dafür, dass der andere sich gut fühlt mit mir, dass die Beziehung gelingt. Es kann aber auch dazu führen, dass ich immer ziemlich genau aufrechne, wer hat jetzt was gemacht und wo macht der andere vielleicht auch Fehler. Also das hat eine ziemlich weite Auswirkung.

Ich habe bei der Beantwortung der Frage vergessen, welche Frage du gestellt hast. Passte die Antwort zu deiner Frage?

[Nils Behrens] (6:06 - 6:22)
Die passt sehr gut. Es geht einfach darum, welche Glaubenssätze uns dann negativ beeinflussen. Insofern, du hast die gelernten Bandbreiten, glaube ich, ganz gut aufgemacht.

Und von daher, ja, passt es sehr gut. Wie erkenne ich im Alltag, dass gerade mein Selbstwert wackelt? Also gibt es so eine Art Frühwarnsignal?

[Stefanie Stahl] (6:24 - 8:19)
Viele Menschen wissen ja, dass sie eher sich unsicher fühlen. Das ist, und versuchen es dann eben zu kompensieren. Darum geht es ja häufig.

Und es gibt im Grunde genommen so zwei Wege, ihn zu kompensieren. Entweder, indem ich mich anstrenge, alles richtig zu machen und allen zu gefallen, also ziemlich angepasst, überangepasst bin. Oder indem ich mich eher auf die autonome Seite schlage und sage, ihr könnt mich mal, ich mache sowieso mein ein Ding.

Ich bin von keinem von euch abhängig. Und partiell kennen wir es natürlich alle, weil der Selbstwert ist kein so ein ganz stabiles Ding. Also jeder Mensch kennt einfach Situationen, in denen er sich unsicher fühlt.

Ja, sei es, man kommt ganz neu auf den Arbeitsplatz. Nicht man, der Arbeitsplatz ist neu, wollte ich sagen. Also man kommt auf einen neuen Arbeitsplatz.

Sei es, man kommt auf eine Party, wo man vielleicht gar keinen kennt. Sei es, man ist mit furchtbar wichtigen Leuten zusammen, wo es aber richtig entscheidend ist, dass man bei denen einen guten Eindruck macht, weil vielleicht irgendwas davon abhängt. Sei es, dass man einen Vortrag halten muss oder sonst irgendwie auf die Bühne gehen muss.

Also dass man so unter Unsicherheiten leidet. Und es macht einen ziemlich großen Unterschied, ob ich generell so eine Unsicherheit habe, also generell so ein Schattenkind in mir habe oder ob das so situativ manchmal auftaucht. Wenn das nämlich generell ist, dann ist es ganz wichtig, dass ich mich mit dem Programm, was dahinter steckt, auseinandersetze.

Und wenn es situativ ist, dann muss ich mir überlegen, am besten vor der Situation, meistens weiß man ja, dass irgendeine Situation auf einen zukommt, muss ich mir davor am besten überlegen, welche innere Einstellung ich mir dafür zurechtlege, welche Verhaltensstrategien, ob es gewisse Sachen zum Beispiel vorträgen oder so. Da kann man sich auch sehr gut vorbereiten, die kann man schon mal üben. Also da braucht es dann mehr so situative Strategien.

[Nils Behrens] (8:21 - 9:05)
Ja, ich weiß genau, was du meinst. Ich hatte mal ein Podcast-Interview mit Katja Suding, das ist eine FDP-Politikerin, die war lange im Hamburger Parlament in einer führenden Rolle und dann, glaube ich, eben auch im Bundestag als Vize-irgendwas. Entschuldige, ich weiß nicht mehr genau die Bezeichnung wieder.

Aber die hatte zum Beispiel, als sie noch in Hamburg war, sich überlegt, weil sie so ungern vor diesem Plenarsaal präsentiert hat, wie sie die Treppe runterfallen könnte, dass sie sich nicht allzu sehr verletzt, aber doch genug, um diesen Vortrag nicht zu halten. Ich meine, das ist auch eine Art, mit dieser Situation umzugehen, aber wahrscheinlich gibt es da bessere Strategien. Deswegen ist meine Frage, welche zwei Alltagsroutinen helfen sofort, das Sonnenkind zu aktivieren?

[Stefanie Stahl] (9:06 - 12:39)
Bevor ich das Sonnenkind aktiviere, ist es total wichtig, das Schattenkind zu verstehen, weil es funktioniert meistens nicht, dass man versucht, sich irgendwas Positives einzureden oder so. Ich habe noch nie eine Frau erlebt oder kennengelernt, die subjektiv das Gefühl hatte, ich bin hässlich und die diesbezüglich ihren Selbstwert verbessert hat, weil sie jeden Tag von den Spiegeln getreten ist und gesagt hat, ich bin schön, ich bin schön. Das funktioniert nicht.

Wenn ich eine tiefere Überzeugung von was habe, dann wird es mir nicht gelingen, mir was anderes einzureden. Und deswegen halte ich es immer für den wichtigsten Schritt, dass man zuerst mal guckt, was ist das eigentlich für ein Programm und wo kommt das her? Also Michael, zum Beispiel mein Buch, der ist aufgewachsen in einer Bäckerei, also die Eltern waren Bäcker, der hatte noch drei Geschwister, die Eltern waren permanent gestresst, sie konnten dem kleinen Michael überhaupt nicht die Aufmerksamkeit geben, die er verdient hätte.

Und deswegen flippt er heute noch total leicht aus, wenn er irgendwie das Gefühl hat, er wird nicht vollgenommen, er wird übergangen, er wird übersehen. Das ist ein mega krasser Trigger für ihn. Und dann kann er nicht direkt zum Sonnenkind gehen und sagen, ach nee, ich bin ja toll, ich bin ja wichtig.

Er muss erst mal verstehen, hey, das ist ja ein uraltes Programm. Das kommt von damals von Mama und Papa und diese Glaubenssätze, ich bin nicht wichtig. Das sagt doch gar nichts über meinen Wert aus.

Das sagt doch nur etwas darüber aus, dass meine Eltern offensichtlich sehr überfordert waren. Und dieses Selbstverständnis, das ist erst mal der wichtigste Schritt. Und dann so in diese Selbstannahme zu gehen, dass man sagt, okay, das ist ein Teil von mir, der darf auch sein, aber der darf mich nicht beherrschen.

Ja, es ist also wichtig, dass ich die Oberhand bewahre. Und dann sage ich ja immer ertappen und umschalten. Das sage ich ja immer mit Augenzwinkern, ist das Steffi Stahl-Mantra.

Das heißt, in dem Moment, wo Michael in seinem Erwachsenenleben sich wieder getriggert fühlt und wieder in dieses Gefühl reinrutscht, ich bin nicht wichtig, ich wurde übersehen und dann wird immer direkt wütend, dass er es merkt. Wenn er es nicht merkt, läuft das ganze Programm einfach ab. Er muss es merken, er muss sich ertappen, dann umschaltet und sagt, Moment mal, ich bin ja heute groß und die Welt da draußen ist nicht Mama und Papa.

Und natürlich kann mein Chef oder meine Frau oder wer auch immer mal irgendetwas übersehen, was mir wichtig ist oder nicht so ganz aufmerksam zuhören, wenn ich was erzähle. Sowas passiert mir ja umgekehrt auch und kann sich somit noch innerlich regulieren und kann wieder in seine heutige erwachsene Realität kommen. Und im nächsten Schritt kann er dann sich überlegen beim Sonnenkind, was wären denn Glaubenssätze, die viel realistischer sind?

Zum Beispiel, ich bin wichtig oder wenn ihm das zu viel erscheint, kann er sagen, meiner Frau bin ich wichtig oder meiner Chefin oder was auch immer. Also man macht sich positive Glaubenssätze, die aber auch realistisch sind. Dann guckt er mal auf seine Stärken, wo überhaupt seine Stärken liegen, aber auch mal auf seine Ressourcen.

Ressourcen ist sowas, Michael geht es finanziell gut, er ist gesund, er liebt den Wald als Ressource, er liebt seinen Hund, mit dem er immer spazieren geht. Und dann guckt man eben auch mal so auf die Fülle des Lebens und verbindet sich mit all dem, was da ist und eben auch mit neuen, positiven Glaubenssätzen. Und da kann man dann natürlich auch ein kleines Morgenritual draus machen, dass man sich morgens immer mal so ein paar Minuten lang, am besten verbunden mit der Atmung und ein paar schönen visuellen Vorstellungsbildern, in seinen Sonnenkindzustand begibt.

Also da nochmal mit allen Sinnen eintaucht.

[Nils Behrens] (12:41 - 12:53)
Ja, ich mag diese Übung sehr. Du empfiehlst ja grundsätzlich in deinem Buch oder auch generell sehr häufig Selbstfürsorge statt Selbstoptimierung. Was heißt das für dich ganz praktisch?

[Stefanie Stahl] (12:54 - 13:42)
Ja, Selbstoptimierung ist ja sowieso schon seit langem so ein bisschen in Verruch gekommen. Ich konnte mit dem Wort nie besonders viel anfangen. Im Grunde empfehle ich Selbstreflexion statt Selbstoptimierung, weil für mich beginnt immer so alles mit der Selbstreflexion.

Das heißt, dass ich überhaupt verstehe, wie ich ticke und woher manche Gefühle kommen. Denn viele Menschen, die sich da so gar nicht reflektieren, die glauben ja alles an, was sie denken. Also die glauben ja alles, was sie denken und fühlen.

Also Michael, wenn der nicht reflektiert, dass er da ein ganz altes Programm am Laufen hat, der wird jedes Mal wieder ausflippen, wenn er sich übergangen fühlt oder wenn seine Frau irgendetwas vergisst, was ihm wichtig ist. Dann wird er immer so schnell wütend, weil dieses Kindheits-Ich so getriggert ist.

[Nils Behrens] (13:43 - 13:46)
Das war die Wurst, die vergessen wurde, oder?

[Stefanie Stahl] (13:46 - 14:37)
Ja, genau. Der wird ja immer so schnell wütend und wenn er das nicht reflektiert, dann kommt er nicht aus der Nummer raus. Dadurch haben wir ja so viele Probleme in der Welt, dass da Millionen, Milliarden Menschen rumlaufen, die irgendwie ihre drei Gefühle nicht sortiert bekommen und nicht reflektiert bekommen und deswegen das natürlich auch an anderen Menschen ausleben.

Das hat ja immer Auswirkungen auf meine Beziehungen zu anderen Menschen. Ja, wenn ich jetzt vielleicht einfach nur ein Stinkstiefel ist, der immer Streit mit dem Nachbarn hat, ist das schon nervig genug für die Nachbarn. Aber wenn ich dann noch ein Mensch bin mit großer wirtschaftlicher oder politischer Reichweite, dann betrifft es ganze Bevölkerungsgruppen beziehungsweise die Weltbevölkerung und da ist eben auch das Problem.

[Nils Behrens] (14:37 - 14:40)
Ich habe eher dieses Bild von Donald Trump gerade vor Augen. Ich weiß gar nicht, warum ich darauf komme.

[Stefanie Stahl] (14:40 - 15:13)
Ja, da kannst du viele Machthaber zitieren. Da sind ja ganz viele sehr unreflektierte, persönlichkeitsgestörte Menschen dabei, die sich genau um diese Themen eben nie gekümmert haben und deswegen ihr Schattenkind zum Beispiel einen sehr großen Machthunger hat. Also von den großen Diktatoren, von denen ich weiß, die hatten alle mehr oder minder traumatisierte Kindheiten.

Das heißt, sie haben in ihrer Kindheit sehr viel Ohnmacht erlebt und haben deswegen ein umso höheres Machtmotiv. Und das haben sie halt nie reflektiert und dann wird das einfach so ausgelebt.

[Nils Behrens] (15:15 - 15:41)
Ja, das ist ein sehr spannender Punkt. Wenn wir jetzt mal auf das Thema Grenzen setzen kommen. Ich glaube, dass viele verwechseln Grenzen auch mit Strafe.

Das heißt also, wenn man jetzt dem Partner zum Beispiel die Nähe entzieht, wäre das ja wahrscheinlich etwas, was dann einfach auch als eine Art schon Strafe dann irgendwie wahrgenommen wird. Aber was würdest du sagen, wie schaffen wir es, gesunde Grenzen zu setzen?

[Stefanie Stahl] (15:41 - 18:56)
Also Grenzen setzen ist ein mega, mega wichtiges Thema. Und fast alle, eigentlich kann ich sagen, alle Menschen, die irgendwie Probleme haben, also die eher notorischer in Natur sind. Ich meine jetzt keine Probleme wie ein Schicksalsschlag.

Ja, das passiert einfach. Aber ein Problem, was wirklich mit einem selber zu tun hat, also das eine eigene Beteiligung aufweist, haben alle Probleme mit Grenzen setzen. Entweder, dass sie zu rigide Grenzen setzen oder dass sie zu wenig Grenzen setzen.

Grenzen setzen heißt ja im Grunde einfach. Ich mag eigentlich die Formulierung auch nicht, aber mir fällt oft auch keine bessere ein. Es bedeutet ja eigentlich, dass ich für mich eintrete und artikulieren kann, was ich will oder was ich nicht will.

Gegebenenfalls mich auch mehr härter durchsetze. Das bedeutet das ja. Und die erste Voraussetzung dafür ist ja, dass ich überhaupt fühle und weiß, was ich überhaupt selber will.

Menschen, die sehr angepasst sind und die deswegen Schwierigkeiten haben, gesunde Grenzen zu setzen, die wissen oft selber nicht, was sie wollen, weil sie sich so früh in ihrem Leben angepasst haben, dass sie schon früh gelernt haben, so eigene Wünsche und Gefühle zu unterdrücken. Weil die der anderen waren ja immer wichtiger. Es war ja wichtiger, dass Mama gut drauf ist und Papa keine schlechte Laune bekommt, als dass ich unbedingt ein Schokoladeneis will.

Ja, das heißt, sie haben schon oft früh trainiert, ihre eigenen Wünsche und Gefühle beiseite zu schieben. Und das ist aber so wichtig im Erwachsenenalter, weil wenn ich mit diesem Programm groß werde und dann in einer Beziehung bin, und das war ja deine Frage, können ja zwei Sachen passieren. Entweder lasse ich mich selbst notorisch zu kurz kommen, weil ich nie sage, was ich will und was ich möchte.

Das bedeutet aber auch, dass mir mein Partner immer unsympathischer wird und irgendwann mag ich ihn überhaupt nicht mehr. Weil unbewusst empfinde ich dann, oder auch bewusst empfinde ich meinen Partner dann als total dominant und ich finde, dass der immer bestimmt und dass ich viel zu kurz komme. Also es ist häufig so, dass man dem anderen dafür die Schuld gibt, weil man selber auf gut Deutsch die Klappe nicht aufkriegt.

Und dadurch kann die Beziehung auch total kaputt gehen. Oder ich setze viel zu harte Grenzen. Es ist witzigerweise oft so, dass Menschen, die sich eigentlich schlecht abgrenzen können, dann zu harte Grenzen setzen.

Also zu früh sagen, bis hier nicht weiter oder nach Momenten von Nähe immer ganz schnell wieder Distanz brauchen und Abstand brauchen. Oder die sich wahnsinnig schnell auf den Fuß getreten fühlen oder ganz schnell beleidigt fühlen und dann so direkt zickig werden und direkt mit Kanonen auf Spatzen schießen. Die kennt man ja auch alle.

Also in die ein oder andere Richtung sind Menschen, die solche Probleme haben, immer aus der Balance, was Grenzen setzen betrifft. Entweder zu stark und zu laut und viel zu früh oder zu wenig. Und dann kommt der innere Abschied und der innere Rückzug.

[Nils Behrens] (18:59 - 20:01)
Ja, ich kann das jetzt nicht aus dem Beziehungsleben, aber aus dem beruflichen Umfeld kann ich das ganz gut nachvollziehen, weil ich in meinem Berufsleben jetzt schon häufiger Personen hatte, die eben halt aufgrund von Burnout dann eben für eine temporäre Zeit aus dem Berufsleben ausgestiegen sind. Und wenn die dann wiederkommen, dann ist ganz häufig genau das, dass die so ein, sage ich mal so, dass sie einfach gelernt haben, dass sie mehr auf sich selbst achten sollen und dass sie sich durchsetzen sollen. Und dass das teilweise dann dazu führt, dass sie dann in so ein Extrem verfallen, was dann wirklich auch manchmal nicht mehr so kompatibel ist mit dem Joballtag.

Das heißt also, ich verstehe schon, dass dann die Menschen mit einer, ich sage mal so, gewissen veränderten Charaktereigenschaften zurückkommen, was ja auch gut ist, weil letztendlich haben sie ja die alten Eigenschaften, sie dahin gebracht, wo sie gelandet sind. Nichtsdestotrotz muss man dann ja immer noch mal gucken, dass diese Extreme in die andere Richtung dann teilweise auch nicht jobkompatibel sind. Und das ist so tatsächlich das, was du sagst.

Also ich habe immer das Gefühl, das Pendel schwingt dann schon immer sehr stark in ihre Richtung.

[Stefanie Stahl] (20:01 - 21:59)
Das ist irgendwie auch so ein bisschen eines meiner Lieblingsthemen. Ich bezeichne das gerne als neustark. Es ist nämlich tatsächlich so, dass Burnout eigentlich immer damit zu tun hat, dass die Betroffenen eigentlich überangepasst sind und versuchen, alle Erwartungen zu erfüllen.

Und genau das, was ich ihm erzählt habe, dass sie selber auch gar nicht so gut spüren, wo ihre Belastungsgrenzen sind, weil sie zu wenig mit ihren Gefühlen verbunden sind. Und dann gehen sie in die psychosomatische Klinik und lernen dort natürlich viel besser, für sich einzutreten. Da sie darin aber sehr ungeübt sind, kann das Pendel oft in die andere Richtung ausschlagen.

Vor allen Dingen muss man ja immer ein bisschen mitbearbeiten bei den Betroffenen, bei den Klienten. Da habe ich immer als Therapeutin sehr viel Wert darauf gelegt, dass sie ihre Feindbilder reduzieren. Also wenn jemand im Burnout landet, dann kann es eben einfach leicht passieren, dass er eben auch den anderen die Schuld gibt, dass er sich total ausgebeutet gefühlt hat oder ein bisschen feindseliges Kollegenbild hat oder ein bisschen feindseliges Bild von seinem Vorgesetzten hat, weil er irgendwie die auch mit dafür verantwortlich macht, dass es soweit gekommen ist, was sicherlich zum Teil ja auch richtig sein kann. Aber es gehört auch ein guter eigener Anteil dazu. Und dann laufen die halt manchmal Gefahr zu sagen, so jetzt zeige ich es euch einmal.

Jetzt bin ich endlich mal dran. Und dann geht es wieder zu grob einfach in die andere Richtung. Und ich finde es immer ganz wichtig, das therapeutisch mit zu bearbeiten.

Aber das ist natürlich nicht so leicht, wenn ein Mensch ein Leben lang kein gutes Gespür dafür entwickelt hat, was eigene Grenzen sind und sehr ungeübt auch darin ist, das überhaupt zu formulieren, weil er das ja nie geübt hat, für den dann so das richtige Maß zu entwickeln. Das ist natürlich nicht so leicht, ist aber durchaus möglich, muss man halt ein bisschen üben.

[Nils Behrens] (22:02 - 22:28)
Neustark, finde ich, ist tatsächlich ein ganz ganz hübscher Begriff in dem Zusammenhang. Würdest du sagen, es gibt eine Art Setzbaukasten, um Bedürfnisse klar und Wertschätzen auszudrücken? Also sowas wie, ich brauche ...., weil .... und ich wünsche mir ....., also gibt es da gewisse Formulierungen, Floskeln, wo du sagst, okay.

[Stefanie Stahl] (22:28 - 23:53)
Das sind ja oft so Standardsätze, die erfüllen auch ganz gut ihren Zweck, aber ich denke mal, das Wichtigste ist immer die innere Haltung. Also ist wirklich die innere Haltung. Begegne ich dir als Freund oder begegne ich dir als jemand, der eigentlich mein potenzieller Gegner ist?

Und die Frage, was will ich, was will ich am Ende wirklich erreichen? Also es ist ganz wichtig, und das fällt gerade Menschen, die jetzt nicht so ein stabiles Selbstwertgefühl haben, oft schwer, die Mitmenschen so mit Wohlwollen zu betrachten. Erstmal nicht zu unterstellen, dass sie einem nur Böses wollen oder die Butter vom Brot klauen.

Und dann sage ich immer, geht ja nie eine Information verloren, wenn man etwas freundlich anspricht. Also wenn man ganz freundlich sagt, ach nee, du, heute ist mir zu viel, ich bin ziemlich müde oder sagt, ach, nette Idee, ins Kino zu gehen, aber ich habe leider gar keine Lust aufs Kino, soll man nicht lieber was essen gehen? Oder eben auch so Formulierungen wie eben den anderen nicht so mit Vorwürfen zu überhäufen, du, du, du, du, und das hast du alles falsch gemacht, sondern einfach zu sagen, ja, in der Vergangenheit war es oft so, dass ich mir einfach nicht so sicher war, wo jetzt die Zuständigkeiten liegen, also erstmal im Jobkontext.

Und dann möglichst konkret machen. Konkret ist immer gut. Wenn man den anderen schon kritisiert, dann bitte konkret.

Und nicht, du bist immer so, Punkt, Punkt, Punkt, sondern ganz konkrete Situation.

[Nils Behrens] (23:53 - 23:54)
Nie machst du.

[Stefanie Stahl] (23:54 - 26:31)
Ja, genau, sondern wirklich eine konkrete Situation am besten mal beschreibt und sagt, ich wünsche mir für die Zukunft, oder ich würde mir wünschen, dass wir das in der Zukunft ein bisschen anders handhaben könnten und dann eben über kreative Lösungen nachdenkt. Ja, und ich sage immer, es geht keine Informationen verloren, wenn ich etwas freundlich sage, wie ich eben schon sagte, weil viele, die gerade die Schwierigkeiten haben, Grenzen zu setzen, müssen oft ziemlich wütend sein, um es sich zu trauen. Also, wenn ich so ein Harmoniestreber bin und ganz oft nichts sage, obwohl es mir eigentlich nicht gerade gut gefällt, was passiert.

Und dann passiert dasselbe das zehnte Mal. Dann kann es eben sein, dass mein Wutpegel dann so hoch ist, dass ich es endlich raushaue und dann aber viel zu grob und viel zu laut, weil ich halt zehnmal vorher die Klappe gehalten habe. Wut ist ja ein Gefühl, was stark macht.

Wut verleiht Mut. Das heißt, gerade die, die eben so Probleme haben, was anzusprechen, müssen erst mal richtig wütend werden. Und dann wird es aber oft unfair, weil sie dann einfach mit Kanonen auf Spatzen schießen.

Und deswegen sage ich, sprich es doch möglichst früh an, möglichst früh. Und dann kannst du es doch noch ganz freundlich sagen. Und dann findet man doch oft früh eine Lösung, weil das ist ja auch den anderen Gegenüber nicht fair, weil die ja oft sagen, sag mal, warum hast du das ja nicht früher gesagt?

Weil dann kommt es ja meistens raus. Das ist ja immer so, dass das und dann und dann und dann. Und dann kommt so eine lange Aufrechnung, wo das überall auch schon passiert ist.

Und dann sagt der andere völlig zu Recht, warum hast du es ja nicht früher gesagt? Das wäre doch kein Problem gewesen. Also wer konfliktscheu ist, kann seine Konfliktscheu sehr gut mit dem Wert Fairness überwinden, indem man sich einfach mal ein paar höhere Werte macht, sich fragt, ist das wirklich fair, wenn ich immer den Mund halte?

Die anderen wissen doch gar nicht, wie sie es richtig machen können, wie sie sich richtig mir gegenüber verhalten. Ist es wirklich fair, wenn ich einem guten Freund nicht sage, dass er mich verletzt hat, aber innerlich dann sehr grolle und mich innerlich von ihm distanziere? Also so Fairness, Offenheit, Zivilcourage, Authentizität.

Mit so höheren Werten kann man seine Ich-Angst oft ganz gut überwinden. Und zu sagen, es ist jetzt irgendwie im Dienst des höheren Wertes, dass ich etwas rechtzeitig anspreche und auch dann anspreche, wenn ich es noch freundlich sagen kann.

[Nils Behrens] (26:32 - 26:47)
Das finde ich sehr gut. Das hast du sehr gut nochmal auf den Punkt gebracht. Deswegen würde ich mir zum nächsten Punkt kommen.

Bei mir so ein bisschen das ganze Thema Anerkennung und Spiegelung habe ich jetzt hier mir aufgeschrieben. Und da habe ich so diesen Punkt. Wie lerne ich denn Anerkennung von außen anzunehmen, ohne auch abhängig davon zu werden?

[Stefanie Stahl] (26:49 - 26:57)
Ja, Menschen, die sehr unsicher sind, suchen ja oft nach der Anerkennung im Außen. Ich meine, das tun wir alle.

[Nils Behrens] (26:58 - 27:04)
Ich glaube, ganz Instagram lebt davon, weil die Leute sich dann darauf freuen, irgendwelche Herzchen zu bekommen.

[Stefanie Stahl] (27:04 - 29:17)
Ja, weil wir auch ohne Anerkennung ja gar nicht leben können. Wir brauchen ja die Bindung, weil wir sind komplett genetisch darauf ausgerichtet, dass wir Bindung kriegen, weil wir steinzeitmäßig, aber ich würde sagen auch heute noch einfach nicht überlebensfähig sind, wenn wir total alleine sind. Und wenn uns keiner anerkennt, bindet sich auch keiner an uns.

Also wir brauchen Anerkennung für die Bindung. Und deswegen sind wir alle so heiß auf Anerkennung. Also es gilt für uns alle.

Aber man kann sich natürlich leicht vorstellen, dass Menschen, die ohnehin unter Unsicherheit leiden, noch viel mehr darauf angewiesen sind, anerkannt zu werden, weil sie sich ja selber so schlecht die Anerkennung geben können. Und wenn ich sehr stark darauf angewiesen bin, bin ich natürlich auch gewissermaßen immer davon abhängig. Aber partiell sind wir alle davon abhängig.

Also wenn du dir jetzt vorstellst, du hättest irgendwo einen großen Auftritt und die finden alle scheiße. Da würde es dir nicht gut damit gehen. Wenn es Kritiken hageln würde, damit geht es keinem von uns gut.

Aber das sind dann eher so einzelne Erlebnisse. Aber jemand, der immer an der Anerkennung anderer wie am Tropf hängt, ist natürlich stark davon abhängig. Und dann kommt er ja auch in die schwierige Situation, dass es ja verschiedene Ansprüche gibt.

Also stell dir vor, du betrittst einen Raum und da sind 20 Leute und von allen willst du Anerkennung haben. Da musst du ja 20 verschiedene Tänze aufführen. Also man bleibt dann ja nicht mehr richtig bei sich selbst, sondern guckt immer, was muss ich tun, damit du mich lieb hast und versuch mich so anzupassen.

Und deswegen ist es so wichtig, dass man wirklich den Selbstwert mehr in sich selber verankert und in sich selber sucht. Und das kann halt wahnsinnig gut gelingen. Wahnsinnig gut gelingen, indem man sich klar macht, hey, dass ich so einen wackeligen Selbstwert habe, das sagt doch überhaupt nichts tatsächlich über meinen Wert aus.

Das ist ja totaler Blödsinn. Das sagt doch eigentlich nur etwas darüber aus, wie ich aufgewachsen bin. Nichts über meinen Wert.

[Nils Behrens] (29:20 - 30:00)
Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Du hast gerade gesagt, du willst die Anerkennung von einem Auftritt haben. Ich weiß noch, wie ich meinen allerersten Podcast damals gestartet bin und ich glaube, ich konnte da irgendwie jeden Hörer namentlich mit Handschlag begrüßen, weil es eben halt natürlich keiner darauf gewartet hat.

Und das ist ja schon etwas, was man eben halt auch sehr persönlich nimmt, weil gerade so, dass die Podcasten natürlich auch etwas ist, wo man dann eben halt wirklich das ganze Thema Stimme, das ganze Thema die Arten weiß, wie man es moderiert und allemodern natürlich auch sehr eng mit der Person verbunden sind. Und von daher freut man sich natürlich darüber, wenn man dann auch erfolgreich ist. Also ich weiß gar nicht, hast du mit deinem angefangen, bevor du das Buch geschrieben hast oder nach dem Buch?

[Stefanie Stahl] (30:00 - 30:00)
Nee, danach.

[Nils Behrens] (30:01 - 30:02)
Danach, da warst du schon fame.

[Stefanie Stahl] (30:02 - 30:05)
Du redest übrigens immer das Buch, ihr habt 13 Bücher geschrieben.

[Nils Behrens] (30:06 - 30:11)
Ja, ja, ja, aber wir reden ja im Augenblick über das Buch, was jetzt quasi sein Zehnjähriges feiert. Also von daher.

[Stefanie Stahl] (30:12 - 30:14)
Ja, stimmt, das war ja der Aufhänger.

[Nils Behrens] (30:15 - 30:24)
Das war der Aufhänger. Ja, okay, dann haben wir mal umgekehrt. Was ist denn ein gutes Loben in einer Beziehung?

Also was schafft mehr Nähe, als dass es Druck produziert?

[Stefanie Stahl] (30:24 - 30:27)
Ein gutes, ich habe das akustisch nicht verstanden. Ein gutes was?

[Nils Behrens] (30:28 - 30:29)
Was ist denn ein gutes Loben in einer Beziehung?

[Stefanie Stahl] (30:30 - 31:33)
Gutes Loben, achso. Also in einer Beziehung ist ja sowieso sehr, sehr gut, wenn man sich einfach gegenseitig anerkennt und wenn man den anderen einfach so mag, wie er ist. Und klar kann man sich mal ein bisschen über die Schwächen aufregen oder auch mal meckern.

Ich finde, auch das gehört dazu. Das hat ja auch wieder ein bisschen was mit Grenzen setzen zu tun. Aber es ist schon toll, wenn man sich auch immer wieder mal so gegenseitig so ein bisschen versichert oder dem anderen einfach seine Liebe und seine Wertschätzung eben auch wirklich mal ausspricht oder einfach auch durch Gesten der Zuneigung ausdrückt, weil das erzeugt einfach sehr viel Nähe und auch Verbundenheitsgefühl.

Und das müssen ja nicht immer nur Worte sein, das können ja auch Gesten sein und ja oder so einfach mal dem anderen so im richtigen Moment so über den Rücken streicheln. Da gibt es ja viele Möglichkeiten.

[Nils Behrens] (31:35 - 31:40)
Ja, das wäre dann sozusagen der Turbo für Sonnenkind, wenn man sowas dann mal zwischendurch macht.

[Stefanie Stahl] (31:40 - 31:41)
Stimmt.

[Nils Behrens] (31:44 - 31:50)
Viele suchen Partner, die sozusagen das fehlende Selbstwertgefühl auffüllen. Woran erkenne ich diese Dynamik?

[Stefanie Stahl] (31:56 - 32:00)
Das ist von außen drauf gefragt. Du stellst so ganz ungewöhnliche Fragen.

[Nils Behrens] (32:01 - 32:02)
Ja, was soll ich jetzt sagen?

[Stefanie Stahl] (32:04 - 32:08)
Viele suchen Partner, die das Selbstwertgefühl auffüllen.

[Nils Behrens] (32:09 - 32:18)
Naja, wenn du jetzt ein mangelndes Selbstwertgefühl hast, dann hast du ja manchmal Menschen, die, sag ich jetzt mal, einkompletieren in dem Sinne.

[Stefanie Stahl] (32:22 - 33:45)
Ja, also grundsätzlich ist es natürlich schon so, im Grunde ist es ja so, dass Menschen, die selbst jetzt nicht so viel Selbstwertgefühl haben, in der Partnerschaft halt oft noch mehr Anerkennung brauchen, auch mehr Rückversicherung oder dass sie auch leichter zu Eifersucht neigen. Manchmal ist es auch so, dass sie sich eher verschließen, weil sie sagen, ich gebe gar keinem überhaupt die Reichweite, mich so zu verletzen. Ich lasse gar keinen so richtig nah an mich rankommen.

Und die Anerkennung wird natürlich oft noch mehr beim Partner gesucht. Manchmal sucht man sich dann auch Partner oder Partnerinnen aus, wo man so das Gefühl hat, die haben genau die Stärken, die mir fehlen oder die strahlen etwas aus. Also so eine besondere Sicherheit oder ja, die haben so was Beschützendes und das ist genau das, was ich suche.

Und das kann natürlich auch gut gehen, wenn man sich, wenn man richtig lag in der Einschätzung, kann natürlich auch schief gehen, wenn man dafür andere Sachen übersehen hat. Ja, Männer suchen sich manchmal gerne Partnerinnen aus, mit denen sie sich besonders gut schmücken können. Also wo es darum geht, hier habe ich ein tolles Vorzeigeobjekt.

Frauen suchen sich eher Partner aus unter dem Aspekt der Sicherheit.

[Nils Behrens] (33:47 - 33:49)
Ja, des Versorgers sozusagen.

[Stefanie Stahl] (33:50 - 34:11)
Man muss halt immer gucken, wie lebendig ist die Beziehung wirklich? Ist da wirklich eine echte Nähe da? Sind wir wirklich im Austausch?

Oder ist es eher, dass wir beide ganz gut auch in unseren Rollen funktionieren, aber im Grunde genommen so eine echte Nähe eigentlich gar nicht erlebt wird?

[Nils Behrens] (34:12 - 35:10)
Was würdest du mir raten, wie gehe ich damit um, wenn mein Partner meinen Selbstwert unbewusst verletzt? Ja, also wenn es einfach, also du hast das Beispiel mit Michael und der Wurst sozusagen gebracht, aber das ist ja sozusagen ja nicht unbedingt sein Selbstwert, was da mit verletzt wurde. Trotz allem gibt es ja gewisse Dinge, die vielleicht, ja also es kann sein, dass man sich sehr viel Mühe gibt und dafür nicht die mögliche, die nötige Anerkennung bekommt, dass es nicht gesehen wird, wie viel man schafft und dafür kein Lob erhält, dass man aber auch gegebenenfalls manchmal so kleine Aussagen, es können ja manchmal auch nur so kleine Aussagen sein wie, keine Ahnung, du bist ja nicht so der...., so und dann meistens endet sowas dann, wenn es dann angesprochen wird, das war ja aber gar nicht so gemeint, aber wenn es einen trotzdem trifft, was macht man damit?

[Stefanie Stahl] (35:12 - 35:37)
Ja, also erst mal kann man sich ja wehren, also wenn jemand, wenn ich so selbst das Gefühl habe, das wird nicht genügend anerkannt, dann würde ich das einfach ansprechen. Schatz, ich wünsche mir da einfach mehr Anerkennung, siehst du eigentlich, was ich da alles mache? Oder wenn es heißt, du bist ja nicht der ...., du bist ja nicht die...., was weiß ich, du bist ja nicht die größte Tänzerin und ich dachte, ich tanze eigentlich super, dann würde ich erst mal denken, was ist denn das für eine Unverschämtheit?

[Nils Behrens] (35:37 - 35:44)
Ich dachte, du bist so kurz damit, ich wäre ein super Sänger, bis ich dann neulich mal beim Karaoke eine Aufnahme von mir gesehen habe und mittlerweile sehe ich, ich bin es nicht.

[Stefanie Stahl] (35:46 - 35:52)
Das ist dann ja eine schöne, ehrliche Selbstkritik und das hat dir dann ja nicht deine Partnerin reingereicht.

[Nils Behrens] (35:52 - 35:54)
Doch, doch, wurde mir immer wieder gesagt, dass ich nicht singen konnte.

[Stefanie Stahl] (35:57 - 37:03)
Man ist ja meistens da besonders getroffen, wo man selber seine eigenen Unsicherheiten hat. Also da, wo man sich selbst ganz sicher ist. Was weiß ich, ich weiß ganz genau, dass ich gut Auto fahren kann.

Wenn jemand zu mir sagen würde, du kannst nicht gut Auto fahren, würde ich einfach sagen, also entweder gar nicht sagen, denken, du Idiot oder ich würde sagen, das ist ja Blödsinn. Das würde mir auch überhaupt nicht unter die Haut gehen, das wäre mir völlig egal. Es ist ja eher in Bereichen, wo man selber unsicher ist und wenn man grundsätzlich unsicher ist, dann hat man natürlich davon ziemlich viele Bereiche und deswegen ist man dann ja auch umso mehr getroffen.

Also erstmal würde ich dir einfach empfehlen, das laut zu sagen, dass es einen stört oder dass man das unfair findet oder dass man das jetzt getroffen hat, also das erstmal anzusprechen. Und wenn man weiß, dass man sowieso grundsätzlich leicht kränkbar ist, wenn man leicht verunsichert ist, dann gehen wir wieder zurück auf los. Dann sage ich wieder, dann fange an, dich mit deinem Schattenkind auseinanderzusetzen und das zu reflektieren und dir die alten Wunden dazu heilen.

[Nils Behrens] (37:05 - 37:12)
Würdest du sagen, es gibt eine Übung, die hilft, so eine verletzende Kritik nicht direkt zum Schattenkind durchrauschen zu lassen?

[Stefanie Stahl] (37:16 - 38:03)
Ja, das ist wieder dieses Ertappen und Umschalten, dass ich eben versuche, möglichst auf Augenhöhe zu bleiben bzw. mir genau direkt vorstelle und mir das Bild mache, da ist ein riesiger Blumenstrauß und jetzt wurde, was weiß ich, eine Nelke darin kritisiert, aber da sind ja noch ganz, ganz viele andere Blumen und die sind alle nach wie vor wunderschön und wahrscheinlich ist die Nelke auch schön. Vielleicht mag der andere einfach Nelken nicht so gern oder sieht das ein bisschen falsch oder wie auch immer.

Aber dass ich ganz schnell mir ein Bild mache, dass es nicht um eine ganze Person geht, sondern um eine Sache. Und wenn es um die ganze Person geht, dann ist es sowieso unfair und dann bin ich schon in einer Streitsituation, die sowieso schon eskaliert ist.

[Nils Behrens] (38:06 - 38:18)
Du sagst ja, Selbstwert ist wie ein Muskel und bei dem Thema Muskel denke ich natürlich gleich immer so an Trainingspläne. Hast du irgendeine, ich sag jetzt mal 30-Tages-Challenge, wie ich diesen Muskel trainieren kann?

[Stefanie Stahl] (38:19 - 39:30)
Ja, ich weiß gar nicht, ob der Spruch von mir kommt, ist wie ein Muskel. Ich bin immer nicht der Typ, der sagt, jetzt schreib 100 Mal dies auf und lauf 3 Mal um den Block und dann morgens, wenn du aufstehst, dann machst du erstmal 1, 2, 3. Das bin ich nicht, weil, wie soll ich sagen, weil ich das alles ziemlich anstrengend finde und eigentlich auch ziemlich wirkungslos.

Also die beste Wirkung ist, seinen Selbstwert zu trainieren. Da wiederhole ich mich jetzt ein bisschen, dass man sich wirklich tiefer mit seinen alten Prägungen auseinandersetzt, dass man in die Selbstannahme geht, dass man auf dem tiefen Inneren versteht, hey, heute bin ich doch groß und die Welt da draußen ist doch nicht Mama und Papa. Und dass man sich dann eben auch ein bisschen seinem Sonnenkind zuwendet, das heißt, die starken Seiten, die man hat, die positiven Glaubenssätze.

Und dass man da einfach nahe an sich dranbleibt und möglichst früh merkt, wenn man wieder im Alltag droht, so wieder in das Schattenkind reinzurutschen, dass man sich möglichst früh dann gegenreguliert. Und das haben schon so viele Leute gemacht, gerade im Alltag immer wieder ertappen und umschalten, es immer wieder merken, umschalten. Und irgendwann zeigt sich das Schattenkind dann auch immer weniger.

[Nils Behrens] (39:33 - 39:46)
Ich verstehe. Was hältst du denn dabei, weil du sagst, du hältst grundsätzlich nichts davon, immer dies machen, das zu machen, aber grundsätzlich so Routinen wie Tagebuch, Meditation ist ja sogar auch in deinem Buch drin oder vielleicht auch sogar Selbstgespräche. Was hältst du denn davon?

[Stefanie Stahl] (39:47 - 40:40)
Also Meditation ist in meinem Buch im Sinne von geführten Meditationen. Die können wahnsinnig hilfreich sein. Also so kleine Trance-Reisen, also wo gewisse, das sind so kleine, leichte, hypnotische, kleine, leichte, hypnotische Trance, wo halt bei mir zum Beispiel so dem eigenen Schattenkind begegnet wird und wo man ins Gespräch mit ihm kommt oder wo ich die Leser so ins Sonnenkind führe.

Tagebuch schreiben kann man sehr, sehr gerne machen, wenn man möchte. Aber ich bin keiner, der sagt, du musst jetzt jedes Tag ein Dankbarkeitstagebuch oder du musst grundsätzlich meditieren. Ich selber meditiere nicht.

Ich bin da keine Freundin. Ich mag dieses Belehrende, was ist das, was ist das, was ist das. Mir geht das alles ein bisschen auf die Nerven.

[Nils Behrens] (40:42 - 41:14)
Ich fühle dich. Das ist ja mein regelmäßiges Thema hier, dass ich auch zum Beispiel kein Purpose in meinem Leben sehe. Beziehungsweise ich habe nicht diesen einen Satz, den ich da formuliere.

Ich finde das ganz furchtbar und ich muss da meinen lieben Freund Guido Axmann zitieren, der sagt, wenn du ein Kind siehst, was am Strand gerade eine Sandburg baut, dann ist der ein Purpose im Augenblick, diese Sandburg zu bauen. Aber eine halbe Stunde später ist sein Purpose unbedingt nice zu essen. Und dann ist die Sandburg auch wieder vergessen.

[Stefanie Stahl] (41:14 - 41:55)
Also ich will das jetzt alles auch gar nicht so runterreden, weil es tatsächlich zum Beispiel so ein Dankbarkeitstagebuch trainiert das Gehirn ungeheuer, mal wirklich mehr auf die positiven Seiten zu sehen. Ich will einfach nur sagen, ich bin nicht der Typ, der so sagt, das, das, das, das und dann musst du immer wieder machen. Ich gehe immer über diese Selbstreflexion, weil wenn einmal, wenn man einmal den Schalter im Hirn umschaltet und es wirklich schafft, auch auf emotionaler Ebene und da führe ich ja meine Leute ran, dann passiert die Veränderung über eine tiefe Einsicht.

Und das ist eigentlich mein Weg, die Menschen zu tiefen Einsichten zu bringen.

[Nils Behrens] (41:58 - 42:16)
Ja, finde ich sehr gut. Ich habe trotzdem noch eine Frage. Ich bin immer noch in meinem Übungsmodus.

Würdest du sagen, dass wenn ich jetzt versuche, meinen Selbstwert im Job oder in Freundschaften sozusagen etwas mehr aufzubauen, zu üben, dass das sich auch auf die Partnerschaft zurückwirken kann?

[Stefanie Stahl] (42:18 - 44:08)
Ja, der Selbstwert ist doch was ganz Grundsätzliches. Also das ist gut. Selbstwert kann natürlich kontextabhängig sein.

Das muss ich sagen. Also jemand kann sagen, kann zwar schon mal nicht gut den Selbstwert in seiner Rolle als Vater haben, der genau weiß, ich bin ein toller Vater, aber vielleicht nicht so einen tollen Selbstwert im Bezug auf Frauen. So und sagt, ne, also ich bin eigentlich so ein Frauentyp.

Muss ich ja schon mal gucken, ob ich was abkriege oder was. Weiß der Geier was, wie da so die Selbstaussätze sind. Aber grundsätzlich ist es ja so, dass der Selbstwert ist, wenn du an dir arbeitest und mehr zu dir selber findest und dich immer mehr akzeptierst, so wie du bist.

Und zwar mit deinen Stärken, aber auch mit deinen Schwächen. Denn Menschen, die unter einem schlechten Selbstwertgefühl leiden, die arbeiten ja oft so gegen sich und sind auch eigentlich gegen sich. Und die denken immer, ich bin der Fehler und können auch ihre Schwächen ganz schlecht akzeptieren.

Also je mehr du dazu dir findest und anfängst, in dir selber Heimat zu finden, desto entspannter oder gelassener oder meinetwegen auch spannender wirst du ja auch als Partner. Oder es kann natürlich auch dazu führen, dass du plötzlich dir selbst sicher genug bist und deinem eigenen Urteil hinreichend traust, dass du sagst, ne, ich bin ja eigentlich in der falschen Partnerschaft. Das passt nicht.

Ich muss mich trennen. Das kann natürlich auch manchmal ein positives Ergebnis sein. Und es führt natürlich häufig dazu, dass du weniger geneigt bist, ständig deinem Partner oder deiner Partnerin die Verantwortung dafür vor die Tür zu stellen, dass es dir gut geht.

Sondern dass du anfängst, viel aktiver die Verantwortung für dich und dein Wohlbefinden zu übernehmen, was natürlich eine Partnerschaft auch sehr entlasten kann.

[Nils Behrens] (44:11 - 44:38)
Grundsätzlich ist es ja so, dass Beziehungskrisen auch sehr körperlich belastend sein können. Gibt es aus deiner Sicht so Selbstregulationstools, die du auch empfiehlst und die das, sag ich mal, Selbstwert wieder aufbauen? Also sowas wie Atemtechnik oder Bewegung oder so ein Kurzreset oder sowas.

Hast du da irgendwas, wo du sagen würdest, das wäre jetzt so ein Tool, was du schon häufiger erlebt hast, dass das deinen PatientInnen hilft?

[Stefanie Stahl] (44:39 - 45:19)
Die Atmung ist sehr wichtig. Und Menschen, die Probleme haben, die atmen oft mehr in den Brustraum. Also beim Einatmen sind die mehr im Brustraum als im Bauch.

Und ich empfehle deswegen immer wieder mal ganz bewusst einfach in den Bauch reinzuatmen. Das kann schon wahnsinnig entspannend sein, einfach mal bei sich in seiner Atmung zu bleiben und immer mal wieder so tagsüber einfach mal wieder bewusst in den Bauch reinzuatmen. Das ist eine ganz große Entspannung für das ganze System.

[Nils Behrens] (45:22 - 45:38)
Ich komme schon zu meiner letzten Frage, wenn die HörerInnen nur eine Sache aus diesem Gespräch sofort umsetzen sollen. Welche kleine, ich sage mal, Selbstwertgewohnheit oder Übung würdest du empfehlen, die die Leute ab heute in ihr Leben bzw. in ihre Beziehung integrieren sollten?

[Stefanie Stahl] (45:38 - 46:39)
Einfach mal zu schauen, sich einfach mal zu fragen, was hat mich eigentlich so geprägt? Also wie bin ich daheim großgewachsen und was sind eigentlich meine tiefsten inneren Glaubenssätze? Denn wenn ich die nicht kenne, dann wirken die.

Und erst wenn ich weiß, was meine Glaubenssätze sind, kann ich anfangen, sie zu entmachten. Aber wenn ich mir gar nicht darüber bewusst bin, wie Michael, der sich lange nicht darüber bewusst war, dass er überhaupt so Glaubenssätze hat wie ich, bin nicht wichtig. Deswegen war der ja immer wie ferngesteuert.

Also das Wichtigste ist mal zu gucken, hey, was hat mich eigentlich so geprägt? Und mal ganz ehrlich, was hat das eigentlich mit meinem Wert zu tun? Eigentlich hat das auch gar nichts mit meinem Wert zu tun.

Das ist doch eher, vielleicht waren meine Eltern ein bisschen überfordert, vielleicht auch nicht. Vielleicht komme ich auch aus einem ganz tollen Elternhaus und habe sowieso kein Thema damit. Aber einfach zu gucken, wenn ich negative Glaubenssätze habe, mir bewusst zu machen, hey, die sagen doch gar nichts über mich und meinen Wert aus, sondern eher etwas über ein paar Zufälligkeiten in meinem Leben.

[Nils Behrens] (46:42 - 47:20)
Ja, und damit komme ich eigentlich direkt zu meiner Überleitung. Ich empfehle natürlich allen unseren HörerInnen auf jeden Fall dein Buch, auch wenn es schon zehn Jahre alt ist und du das noch zwölf andere geschrieben hast. Aber es gibt ja zusätzlich zu dem Buch Das Kind in dir muss Heimat finden auch noch ein Arbeitsbuch, was ein Freund von mir wirklich für seine Beziehung eigentlich so der große Gamechanger war und er eigentlich seitdem erst das erste Mal in seinem Leben mit fast Mitte 40 überhaupt in eine glückliche Beziehung gefunden hat.

Also von daher kann man das sehr gut machen. Ansonsten gibt es auch noch eine Online-Akademie und natürlich auch diverse Podcast-Formate und deswegen alles perfekte Tools, um den Selbstwert wirklich zu trainieren. Und ich sage vielen Dank für das Gespräch.

[Stefanie Stahl] (47:20 - 47:21)
Danke dir.

[Nils Behrens] (47:25 - 47:27)
Hast du eigentlich ein Lieblingssupplement?

[Stefanie Stahl] (47:28 - 47:43)
Ich sage mal, was ich am meisten brauche ist Magnesium, weil ich einfach auch sehr viel wandermäßig und so weiter unterwegs bin. Und Magnesium ist so in meinem Alter, glaube ich, das braucht man dann schon mal ab und zu.

[Nils Behrens] (47:44 - 48:16)
Ja, du bist in über 300 Prozessen im Körper beteiligt. Also das macht schon Sinn. Wenn euch diese Folge gefallen hat, würde es mir sehr helfen, wenn ihr eine Bewertung bei Apple Podcast oder Spotify hinterlasst.

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