

Alt genug. Entspannterer Umgang mit dem Altwerden. Mit Ildikó von Kürthy
Altwerden ist kein Defizit, das es zu verstecken gilt, sondern ein stolzer Besitz an Lebenszeit und Erfahrung. Es ist an der Zeit, den Kampf gegen die Natur zu beenden und die Reife als das zu feiern, was sie ist: ein wertvolles Geschenk. In dieser Folge von HEALTHWISE spricht Host Nils Behrens mit der Bestsellerautorin und Journalistin Ildikó von Kürthy über die Freiheit des Älterwerdens, den Umgang mit den Wechseljahren und die Absage an einen perfektionierten Jugendwahn.
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Das Alter als stolzer Besitz und Reifeprozess
Ildikó von Kürthy betrachtet das Alter nicht als Krankheit oder Mangel, sondern als eine Sammlung wertvoller Jahre. Sie erklärt, dass sie stolz auf ihre 58 Jahre ist, da diese Zeit ihre persönliche Reifung und Entwicklung widerspiegelt. In unserer Gesellschaft wird die Frage nach dem Alter oft als Beleidigung gewertet, was die Autorin als Form der Diskriminierung ablehnt.
Die Journalistin beschreibt das Leben als ein Geschenk, das man im Laufe der Zeit erst richtig auspackt und gestaltet. Den Satz „Ich bin innerlich jung geblieben“ empfindet sie als absurde Reduktion auf eine Phase mit weniger Tiefe und Erfahrung. Wahre Reife bedeutet für sie, sich selbst zu kennen und sich nicht mehr für alles begeistern zu müssen.
Checkliste: Zeichen von Reife
- Akzeptanz von Realitäten: Versöhnlichkeit gegenüber den Wirklichkeiten des Lebens finden.
- Mut zur Schwäche: Sich eingestehen können, wenn man Hilfe braucht.
- Abkehr vom Gefallenwollen: Nicht mehr um jeden Preis anderen gefallen zu müssen.
- Eigene Grenzen setzen: Das Recht, sich Gesprächen oder Menschen zu entziehen.
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Abschied vom Optimismus-Druck
Ildikó von Kürthy kritisiert den massiven Druck der modernen Selbstoptimierungs- und Longevity-Szene. Sie erklärt, dass ständig wiederholte Phrasen wie „Du bist gut, so wie du bist“, oft mehr erschöpfen als helfen. Solche Instantlösungen der Lebenshilfeszene lassen die schmerzhafte Hälfte der Wahrheit oft einfach weg.
Die Autorin erläutert, dass das Leben auch Tage bereithält, denen man nichts Gutes abgewinnen muss. Es sei völlig legitim, eine Zeit lang durch den Dreck zu kriechen oder keine Kraft für ein neues Aufstehen zu haben. Diese Ehrlichkeit gegenüber dem eigenen Scheitern empfindet sie als weitaus menschlicher als aufgesetzte Fröhlichkeit.
Wechseljahre und die Notwendigkeit der Aufklärung
Die Wechseljahre beschreibt Ildikó von Kürthy als eine massive körperliche und seelische Zäsur im Leben einer Frau. Sie beklagt die mangelnde Aufklärung durch Mediziner und das oft fehlende Wissen über Behandlungsmöglichkeiten. Sie thematisiert offen die Herausforderungen, die diese Zeit für das Wohlbefinden und die mentale Klarheit mit sich bringen kann.
Durch den Einsatz bioidentischer Hormone fand sie persönlich wieder zu ihrer gewohnten Lebenslust zurück. Sie plädiert leidenschaftlich dafür, dass Frauen sich wahrheitsgemäß informieren lassen, um diese schwere Zeit erträglicher zu gestalten. Trotz aller körperlichen Härten sieht sie in der hormonellen Umstellung auch eine Chance für eine neue, kritischere Emanzipation.
Tipps für ein erfülltes Älterwerden
- Neugier bewahren: Offen bleiben für die Welt, aber ohne Dogmatismus.
- Wohlwollender Körperblick: Den eigenen Körper mit Liebe betrachten, statt Schönheitsnormen nachzujagen.
- Ehrliche Selbstreflexion: Die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden übernehmen.
- Informierte Gesundheit: Besonders in den Wechseljahren aktiv nach fundierter Aufklärung suchen.
Bleibefreiheit und die neue Ruhe
Ein zentrales Thema ihres aktuellen Schaffens ist die „Bleibefreiheit“, ein Begriff der Philosophin Eva von Redecker. Ildikó von Kürthy erklärt, dass Freiheit nicht immer Aufbruch und Abenteuer bedeuten muss. Es ist eine ebenso große Freiheit, sich bewusst für das Bleiben in der eigenen Komfortzone zu entscheiden.
Heute bevorzugt sie in ihren Beziehungen ein „sanftes Dahindümpeln“ anstelle von kräftezehrendem Drama. Die Autorin beschreibt, wie diese neu gewonnene Ruhe wertvolle Energien für kreative Tätigkeiten und tiefere Freundschaften freisetzt. Das Alter erlaubt es ihr, Leistung und Muße ohne schlechtes Gewissen besser gegeneinander abzuwägen.
TAKE AWAYS
- Alter als stolzer Besitz: Das Älterwerden ist kein Mangel, sondern eine wertvolle Sammlung an Lebenszeit.
- Absage an den Optimierungsdruck: Optimismus-Wahn ignorieren und auch schwierigen Phasen Raum geben.
- Ganzheitliche Unterstützung: In den Wechseljahren ist fundierte Aufklärung und die Unterstützung des Hormonhaushalts entscheidend für das Wohlbefinden.
- Mut zur Bleibefreiheit: Wahre Freiheit bedeutet auch, sich ohne schlechtes Gewissen in der Komfortzone auszuruhen.
- Strahlen von innen: Wahre Schönheit im Alter speist sich aus der Neugier und der inneren Balance.
Mehr erfahren im healthwise Podcast von sunday natural
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Ildikó von Kürthy ist eine der erfolgreichsten deutschen Bestsellerautorinnen und Journalistin. Sie ist bekannt für ihre scharfsinnigen Beobachtungen menschlicher Widersprüche, die sie sowohl in ihren Romanen als auch in ihren Sachbüchern wie „Alt genug“ humorvoll und ungeschönt thematisiert.
Mehr unter: www.ildikovonkuerthy.de
[Ildikó von Kürthy] (0:00 - 0:33)
Und wir saßen abends am Tisch und alle stellten sich so vor und alle wurden gefragt, wie alt bist du denn? Nur ich nicht. Ich war die Älteste in der Runde und dachte, ja, soweit ist es gekommen. Ich bin in einem Alter, in dem ich nicht mehr gefragt bin, wie alt ich werde, weil es als Beleidigung gilt, das zu fragen. Und ich dachte so, Mensch, Mädchen, fragt mich doch. Ich bin stolz auf mein Alter. Ich bin, wer ich bin. Und wenn ich 58 oder jetzt noch gerade 57 Jahre bin, dann sagt das so viel über mich aus, wie viel Zeit ich hatte zu reifen.
[Nils Behrens] (0:34 - 1:28)
Herzlich willkommen zu Healthwise, dem Gesundheits-Podcast, präsentiert von Sunday Natural. Ich bin Nils Behrens und in diesem Podcast erkunden wir gemeinsam, was es bedeutet, gesund zu sein. Wir tauchen einem Themen wie Medizin, Bewegung, Ernährung und emotionale Gesundheit. Immer mit einem weisen Blick auf das, was uns wirklich gut tut.
Alt werden gilt in unserer Gesellschaft immer noch als etwas, das man möglichst lange vermeiden sollte. Mit Cremes, Plänen und dem festen Vorsatz, sich bitte nicht verändern zu lassen. Vielleicht wäre es gesünder, das Älterwerden nicht zu bekämpfen, sondern endlich einmal ernst zu nehmen. Ildikó von Kürthy ist Bestsellerautorin, Journalistin und eine der schärfsten Beobachterinnen unserer inneren Widersprüche. In ihrem neuen Buch »Alt genug« schreibt sie über das Älterwerden ungeschönt, witzig, unbequem und überraschend tröstlich. Es ist ein Buch über Würde, Weisheit, Wechseljahre, Körper, Charme und darüber, warum jung bleiben vielleicht gar kein so erstrebenswertes Ziel ist. Und deswegen sage ich herzlich Willkommen Ildikó von Kürthy.
[Ildikó von Kürthy] (1:28 - 1:30)
Vielen Dank, ich freue mich hier zu sein.
[Nils Behrens] (1:30 - 2:00)
Ach Ildikó, ich freue mich so sehr, dich jetzt hier mal zu haben und ich freue mich so sehr, dass du jetzt so ein Buch geschrieben hast, weil ich kann wirklich an dieser Stelle sagen, ich habe alle deine Bücher gelesen. Und ich glaube, wenn ich es richtig erinnere, sind ja dabei bisher erst zwei Sachbücher, das andere sind Romane. Wenn ich es richtig habe, du hast eins auf jeden Fall über Hilde, über deinen Hund geschrieben. Über meinen Hund. Einmal quasi über deine Lebensoptimierung, deine persönliche Optimierung sozusagen, deine Reise, wo du dann blond geworden bist.
[Ildikó von Kürthy] (2:00 - 2:01)
Genau, das war zehn Jahre her.
[Nils Behrens] (2:01 - 2:07)
Auch im Lanserhof warst, da haben wir uns dann damit kennengelernt. Und warte mal, gab es nicht auch eins über Schwangerschaft?
[Ildikó von Kürthy] (2:07 - 2:11)
Ja, es gab noch eins über Schwangerschaft und das erste Jahr mit Kind.
[Nils Behrens] (2:12 - 2:14)
Zwei? Oder war das nur ein Buch?
[Ildikó von Kürthy] (2:14 - 2:16)
Nein, eins.
[Nils Behrens] (2:16 - 2:38)
Dann habe ich das nicht gelesen. Ach, da habe ich ja noch was gehört. Toll, da kann ich ja doch noch was lesen. Hilde, meine erste Frage ist immer eine Sonntagsfrage und ich finde ja Sonntag, das sind so Momente, wo ja auch so eine gewisse Stille dann eintreten kann, auch manchmal so eine gewisse Reflexion stattfindet und man aber auch vielleicht eine gewisse Melancholie hat. Deswegen meine erste Frage an dich, magst du Sonntage?
[Ildikó von Kürthy] (2:39 - 3:18)
Ich habe ein zwiegespaltenes Verhältnis zu Sonntagen, denn die Ruhe, die sich früher eingestellt hat und unter der ich oft gelitten habe, ich war Einzelkind, es war dann, also bei uns auch wirklich immer sehr still zu Hause. Jetzt ist es bei uns sehr still, weil ich zwei Söhne habe, die sehr lange schlafen. Die Ruhe stellt sich aber nicht mehr so ein, weil wir können trotzdem noch shoppen und Instagram ist immer offen. Also das, was ich früher nicht so gut ertragen konnte, vermisse ich heute manchmal, die Sonntage, die wirklich dann für innere Einkehr gut sind, weil sie einen dazu zwingen.
[Nils Behrens] (3:19 - 4:47)
Ja, du bist ja, sag ich mal so, in den Jahren, die wir uns jetzt kennengelernt haben, hast du ja auch eine gewisse Evolution insofern gemacht, weil es auch sehr stark in deinen Büchern früher immer darum ging, quasi perfekt zu sein oder damit zu struggeln, sozusagen mit dem perfekten Body-Mass-Index und die Schokolade wegzulassen und ich weiß nicht was. Und wenn man dir sowohl auf Instagram folgt, aber auch wenn man so ein bisschen deine Romanfiguren so beobachtet, dann sieht man ja auch da, dass die sich auch verändert haben, dass die eben halt eine persönliche Reise durchgemacht haben, sag ich mal so, wo sie dann auch eine gewisse Akzeptanz mit dem Älterwerden haben, wo sie eine gewisse Akzeptanz mit dem, was das Leben so gebracht hat. Also ich erinnere nur, ich glaube, es war, Gott nicht, dass ich jetzt schon wieder falsch liege, aber dein letzter Roman, wo du dann ja wirklich deine Cora Hübsch aus Mondscheintarif sozusagen nochmal wieder wieder zurückgeholt hast und auch die ist ein neuer Mensch, ja nicht ein neuer Mensch, aber du siehst ja einfach auch, wie sie in den 20 Jahren sozusagen sich dann auch entwickelt hat so. Und ganz ehrlich gesagt, man hat ja immer so ein bisschen das Gefühl in deinen Büchern, bei deinen Romanfiguren, dass es diese Menschen auch wirklich gibt und dass ein Teil auch davon immer ein bisschen mit in dir steckt. Und ich habe diese Bestätigung, da muss man ja sagen, dann jetzt eigentlich in dieser Ja, das ist ja eine Art von Biografie, dann im Grunde genommen übers Älterwerden dann auch nochmal so gesehen. Ist das tatsächlich so, dass du auch vor 20 Jahren ein bisschen mehr Cora Hübsch warst und heute sozusagen die neue Cora Hübsch auch bist?
[Ildikó von Kürthy] (4:48 - 6:22)
Das ist sehr so und gerade, wo du so viele oder fast alle Bücher von mir kennst, freut mich das, weil du eben diese Entwicklung auch wahrnehmen konntest, die sich natürlich in meiner Person, aber auch in meiner Person, aber auch in meinem Schreiben stattgefunden hat. Und es ist so, dass immer ganz viel ich auch in den Romanen stattgefunden habe. Und wenn ich meine Romane lese von vor 10, 20, mittlerweile ja 26 Jahren, ist Mondscheintarif her, dann lese ich das wie zwischen den Zeilen auch wie ein Tagebuch, also wo ich mich selbst erkenne, wo ich meine Nöte erkenne. Du hast das angesprochen, das Kämpfen gegen das perfekte Bild, aber dem immer noch vielleicht doch auch entsprechen wollen, das Unzufriedensein mit dem Körper, das Unzufriedensein mit den Beziehungen. In den ersten Büchern gab es immer noch ein Happy End, dann wurde es manchmal weniger happy, beziehungsweise ein bisschen emanzipierter. Das Happy End hatte nicht immer automatisch mit dem richtigen Mann zu tun. Und das macht mir große Freude, ehrlich gesagt, wenn ich vor meinem Bücherregal stehe und meine Bücher sehe, daran auch meinen Lebensweg zu sehen und mein Älterwerden im allerbesten Sinne. Wir sprechen ja noch darüber, wie wichtig mir das ist, dass das Älter- und Altwerden etwas Gutes ist, dass ich an dieser Büchereihe meine Reise sehe und meine Entwicklung und bis hin zu dem Buch Alt genug, für das ich jetzt eben alt genug bin.
[Nils Behrens] (6:23 - 6:57)
Ja, du sprichst es ja auch an. Ich glaube, es war das vorletzte Buch, wo dann der gute Sozi dann ja auch tatsächlich, ich weiß nicht, ob ich das spoilern darf, aber auf jeden Fall ist es ja kein Happy End für ihn dann auch an der Stelle. Und von daher, da kommt ja doch einfach auch eine gewisse, ich will nicht das Wort sagen, Schwere, weil dafür sind deine Bücher dann doch zu leicht im Sinne, nicht trivial, aber im Sinne von, man liest sie ja mit einer gewissen Unterhaltsamkeit, Leichtigkeit, dann sowas. Aber du merkst eben halt schon, dass eben halt genau diese Ernsthaftigkeit, die das Ding ja doch so mit sich bringt, dann eben halt auch eine Rolle spielt.
[Ildikó von Kürthy] (6:57 - 9:03)
Genau. Also es war schon so, dass vor 20 Jahren war mir die Beziehung, die Eifersucht, der Körper wichtig. Also das habe ich auch nie als trivial oder sehr leicht empfunden. Und da glaube ich, würde mir jede 20, 25, 30-jährige recht geben, dass das, womit man dann zu kämpfen hat, wie gelingt eine gute Beziehung? Finde ich den richtigen Mann? Wie kann ich mich in meinem Körper wohlfühlen? Das sind ja alles wichtige und gar nicht oberflächliche Themen. Auch wenn es vielleicht oft um Oberflächlichkeit geht. Und es gab tatsächlich einen Punkt in meiner Schreibkarriere, wo ich, es gab im Grunde eine Buchseite, wo ich mich entschieden habe, meine Richtung zu ändern. Ich erinnere das noch ganz genau, wo ich das Buch begann. Und es beginnt auf einem Friedhof. Ich glaube, es ist “Es wird Zeit”. Und es beginnt mit so einer Slapstick-artigen Szene. Und ich irgendwann die Entscheidung treffen musste, bleibt es auf dieser Ebene? Oder lasse ich das Schicksal wirklich jetzt ganz massiv in meine Bücher hinein? So wie es eben auch natürlich in mein Leben eingedrungen ist. All unsere Leben verlaufen ja nicht so reibungslos. Natürlich nicht. Und ich weiß, dass ich damals eben mich entschied, ein Buch zu schreiben über zwei Freundinnen, wo die eine sehr schwer an Krebs erkrankt ist und letztlich auch stirbt. Und mein Leben tragischerweise genauso wurde wie dieses Buch, weil nämlich eine meiner engsten Freundinnen an einem geradezu unheilbaren Krebs erkrankte und sie mir das Buch oder sie mir ihr Leiden, ihre Geschichte für das Buch zur Verfügung stellte. Und so hat das Leben praktisch mein Buch übernommen auf tragische Weise mit dem wunderbaren Ausgang, dass meine Freundin Jutta bis heute noch lebt, trotz Bauchspeicheldrüsenkrebs. Das ist wirklich ein medizinisches Wunder. Und die Heldin im Buch gehen musste.
[Nils Behrens] (9:04 - 9:31)
Ja, ich glaube, das ist auf jeden Fall dann die bessere Variante, die bessere Version. Aber ich tatsächlich habe das Buch auch als das, mir fehlen die richtigen Worte dafür, muss ich an der Stelle sagen, aber schwermütig ist wirklich auch ein zu starkes Wort, aber es ist, finde ich, von all deinen Büchern, die ich sozusagen, wenn ich sie alle so vergleichen würde, hat es wirklich den größten Blues, würde man im Englischen sozusagen so von allen.
[Ildikó von Kürthy] (9:31 - 10:31)
Ja, wobei ich eben finde, dass in meinen Büchern wie auch in meinem Leben und in unser aller Leben, was so bestechend ist und irgendwie auch zauberhaft ist, diese Gleichzeitigkeit der Dinge, der Gefühle, die sozusagen von Disco zu Drama innerhalb von Sekunden. Und das ist das, was ich so sehr erlebe und auch durchleide und gleichzeitig aber auch immer wieder bewundere, wie das Leben eben so rasant die Seiten wechselt. Und das versuche ich in meinen Büchern eben auch darzustellen, dass wir eben mit der schwerstkranken Freundin beisammensitzen und Tränen lachen über irgendeinen ganz miesen Krebswitz und fünf Minuten später vor Angst weinen, dass wir sie womöglich verlieren. Und so ist unser Leben.
[Nils Behrens] (10:31 - 10:44)
So ist unser Leben. Und unser Leben, und da geht es ja in dem Buch einfach auch sehr darum, besteht einfach auch davon, vom Altwerden. Und du schreibst ja sehr klar, Altwerden ist keine Krankheit. Warum glaubst du, dass wir es gesellschaftlich trotzdem so behandeln?
[Ildikó von Kürthy] (10:45 - 14:09)
Ich habe das beim Schreiben eigentlich erst so richtig durchdrungen, weil für mich das Schreiben immer auch ein Weg der Erkenntnis ist. Ich habe für dieses Buch sehr viel recherchiert, genau genommen 58 Jahre lang, bis ich endlich alt genug wurde, es zu schreiben. Dann habe ich wirklich viel nochmal erlebt extra für das Buch. Und dann hatte der Prozess des Schreibens für mich in diesem Fall, ein ungeheuerliches Maß an Erkenntnis nochmal für mich parat, dass mir eben klar wurde, wenn ich sage, ich fühle mich alt, dann kommt das im Zweifelsfall bei meinem Gegenüber so an wie, ich fühle mich schlecht. Wenn mir jemand sagt, du siehst alt aus, dann meint er damit, ach du siehst aber echt müde aus und irgendwie abgespannt oder frustriert. Und das hat mich so immer mehr aufgebracht, dass das Alter, nur weil jetzt blöderweise auf das Alter in der Regel der Tod folgt, so diskriminiert wird als Lebensphase, die es irgendwie herauszuzögern gilt, sowohl äußerlich als auch innerlich. Dieser bescheuerte Satz, und ich habe mich ein paar mal richtig gestritten in letzter Zeit, “ich bin innerlich jung geblieben”. Ich habe in der Talkshow gesessen mit Carolin Beil, die mir auch sagte, aber ich bin innerlich jung geblieben, und dann sagte ich, wie schade für dich. Ich meine innerlich jung, was sagt das denn, wenn man da mal wirklich drüber nachdenkt? Wie war ich denn, als ich jung war? Ich war blöd, ich war intolerant, ich hatte keine Erfahrungen, ich war nicht neugieriger als jetzt, ich war auf gewisse Weise sehr festgefahren, schwarz-weiß denkend. Und jetzt bin ich innerlich gereift, ich bin innerlich älter. Ich bin noch nicht alt, ich bin Ende 50, aber ich bin eine mittelalte Frau, Pikantje, heißt das als Gouda. Und das möchte ich sagen. Ich bin genau so alt, wie ich mich fühle, und das ist gut, denn das sagt ganz viel aus darüber, was ich aus meinem Leben gemacht habe, aus dem Geschenk L eben. Habe ich es ausgepackt, habe ich es entwickelt, habe ich das Beste aus meinem Leben gemacht? Wann bin ich aufgewachsen, kennen wir dieselben Songs, waren wir auf denselben Konzerten? Diese Unsitte. Ich war auch für mein Buch auf so einem Health Camp mit vielen relativ deutlich jüngeren Frauen als ich, und wir saßen abends am Tisch und alle stellten sich so vor, und alle wurden gefragt, wie alt bist du denn? Nur ich nicht. Ich war die Älteste in der Runde und dachte, ja, so weit ist es gekommen. Ich bin in einem Alter, in dem ich nicht mehr gefragt bin, wie alt ich werde, weil es als Beleidigung gilt, das zu fragen. Und ich dachte so, Mensch, Mädchen, fragt mich doch. Ich bin stolz auf mein Alter, ich bin stolz auf mein Alter, aber ich bin auch einfach, ich bin, wer ich bin. Und wenn ich 58 oder jetzt noch gerade 57 Jahre bin, dann sagt das so viel über mich aus, wie viel Zeit ich hatte zu reifen, ob ich auf The Cure-Konzerten war oder auf Justin Bieber. Das ist doch wichtig, wenn man mich kennenlernen will. Und ich habe beim Buchschreiben wirklich eine Rage entwickelt gegenüber dieser Diskriminierung des Alters, die aber ganz viele Menschen, insbesondere leider Frauen, selbst betreiben. Also es kommt nicht nur von außen.
[Nils Behrens] (14:10 - 15:02)
Ganz viele Punkte dazu, die mir dazu einfallen. Also das eine ist, was du sagst mit diesem Health Camp oder wie die Leute dann im Grunde genommen eigentlich versuchen, jetzt so krampfhaft jung zu bleiben. Und ich bin ja nur sehr tief in dieser Longevity-Bubble auch so drin und habe ja auch, wie ich vorhin erzählte, auch ein Buch geschrieben genau darüber, wo ich genau auch sage, ich hasse Longevity, weil ich hasse diesen Dogmatismus, der da mit drin ist. Und dass sich die Leute alle so viele Sachen dann oktroyieren und auflegen und am Ende dann ein Leben führen, was sich gar nicht mehr nach Leben anfühlt. Und das, finde ich, ist eigentlich so total schade. Und ich finde, was mir in dem Zusammenhang, was du gerade sagst, du bist stolz drauf, du bist jetzt noch 57, bald 58, ich bin 52. Und im Spanischen sagt man ja nicht, ich bin 52, sondern ich habe 52 Jahre. Und das ist doch viel schöner. Wir sind doch alles Jäger und Sammler.
[Ildikó von Kürthy] (15:03 - 15:06)
Das ist ein Besitz. Meine Lebenszeit ist ein Besitz.
[Nils Behrens] (15:06 - 15:10)
Genau, das habe ich schon mal eingesammelt. Ich habe schon mal 52 Jahre eingesammelt. Und das finde ich viel schöner.
[Ildikó von Kürthy] (15:11 - 15:15)
Ich habe 58. Ja, wie schön. Und du hast erst 52.
[Nils Behrens] (15:15 - 15:16)
Ja, du hast mehr.
[Ildikó von Kürthy] (15:16 - 15:21)
Armer Kerl. Ich habe deutlich mehr als du. Du bist arm im Gegensatz zu mir.
[Nils Behrens] (15:21 - 15:23)
Ja, aber ist das nicht toll?
[Ildikó von Kürthy] (15:23 - 15:29)
Das gefällt mir sehr gut. Das wusste ich nicht. Das werde ich weitertragen. Das ist schön.
[Nils Behrens] (15:29 - 16:22)
Ja, finde ich auch. Und das ist so ein Punkt, den wir dabei auch immer so ein bisschen berücksichtigen müssen. Und das, was du sagst, ich bin jung geblieben. Ich weiß ja, was die Leute damit eigentlich sagen wollen. Und ich glaube, ich bin ein ganz großer Fan von Neugier. Und ich glaube tatsächlich, dass das die wichtigste Formel ist für ein langes, glückliches Leben. Es ist so negativ belegt bei uns. Aber nichtsdestotrotz, Leute, die neugierig bleiben, bleiben ja offen. Bleiben ja offen für die Welt, bleiben offen für Veränderung, bleiben offen für andere Menschen auch vor allem. Und ich glaube, das ist es so ein bisschen, sich diese Neugier, diese kindliche Neugier zu halten. Und ich finde, das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt. Und den verbindet man, wie ich gerade auch schon sagte, kindliche Neugier, den verbindet man natürlich sehr stark mit Kindern, weil es uns ja auch ein bisschen abtrainiert werden soll. Man sagt ja auch immer, es sind Kinder, die sind eigentlich so neugierig.
[Ildikó von Kürthy] (16:22 - 16:53)
Ja, das stimmt, aber das ist eine Reduktion auf einen Faktor. Reduktion auf den Faktor Neugier. Und was eben alles nicht mitgenannt wird, was so wesentlich ist am Älterwerden ist, Erfahrungen sammeln, so eine persönliche Statistik. Auch zu wissen, da lohnt sich für mich die Neugier nicht. Hier brauche ich einen sicheren Raum. Hier will ich keine weiteren Erfahrungen machen. Hier will ich mich zurückziehen in meine Komfortzone. Ist ja genauso wichtig.
[Nils Behrens] (16:53 - 16:53)
Total.
[Ildikó von Kürthy] (16:54 - 17:34)
Und deswegen empfinde ich dieses innerlich Junggeblieben als eine gut klingende, aber absurde Reduktion auf eine einzige Eigenschaft, die man dem Alter abspricht, was manchmal sein kann, was aber oft auch wirklich, finde ich dann doch, je älter man wird, auch seine Berechtigung hat. Man darf müde werden. Man muss sich nicht mehr für alles begeistern. Man darf Dinge ad acta legen, auch wenn sie nicht gelöst sind. Du hast völlig recht, im Rahmen der Möglichkeiten sollte man neugierig und offen bleiben. Und man darf sich getrost manchen Dingen verschließen und sagen, weißt du was, du Idiot, hier ist die Tür zu. Mit dir führe ich kein Gespräch mehr.
[Nils Behrens] (17:36 - 17:48)
Ich bin sehr dankbar, dass wir das Gespräch noch führen. Aber wenn du jetzt mal so sagst, dass du sozusagen aufgehört hast, jünger wirken zu wollen, hat sich da auch was mit deinem Körpergefühl verändert?
[Ildikó von Kürthy] (17:49 - 20:20)
Es hat sich sehr viel mit meinem Körpergefühl verändert. Und zwar, dass es liegt, glaube ich, ein bisschen daran, dass ich aufgewachsen bin mit einem blinden Vater. Insofern das Aussehen bei uns nie so eine große Rolle spielen konnte. Also der erste Mann, dem man gefallen möchte, ist der Vater. Und das war bei mir nie möglich durch Augenblinzeln oder durch Gesten oder Mimik, sondern immer nur durch Worte. Ich habe gelernt, durch Worte und Inhalt zu gefallen. Ich glaube, dass das sehr prägend war. Und ich habe meinem Körper gegenüber mittlerweile, und dafür bin ich so dankbar, eine wohlwollende Haltung, die aber einschließt, dass ich ihn zum Beispiel nicht schön finde. Ich muss meinen Körper nicht schön finden. Ich weiß ja, was gängigerweise schön ist. Mein Körper gehört nicht dazu. Das ist aber auch gar nicht schlimm. Ich meine, wenn ich dir jetzt meine Bauchdecke zeigen würde, die ist einfach nicht schön. Da sind viele Dellen drin. Ich habe zwei Kinder bekommen. Das Bindegewebe funktioniert nicht mehr. Warum sollte ich mir einreden, das sei schön? Ist doch irgendwie albern. Wichtig ist, denke ich, mit einem liebevollen Blick auf diesen Bauch zu schauen. Meine Knie sind so runzlig. Guck mal, meine Ellbogen. Die sehen aus wie das Hängeauge von Karl Dall. Muss ich die schön finden? Nein. Aber ich mag sie. Sie sind mein Leben. Dasselbe gilt für mein Hals, mein Gesicht, meine Falten. Ich mag die Geschichte, die mein Körper erzählt und die mein Gesicht erzählt. Ich finde es wichtig, sich damit zu arrangieren. Man muss es nicht lieben. Aber wir müssen miteinander leben. Ich lebe gern mit diesem ollen, teilweise verhutzelten Ding. Ich habe den so schlecht behandelt. Ich habe Kette geraucht. Ich habe gesoffen. Ich habe wenig geschlafen. Und zwar lange Jahre. Nicht nur in den wilden 80ern. Jetzt ist er immer noch da. Das ist schon ein tapferes, altes Stück. Aber schön ist er nicht. Herrje. Na und? Ist aber nicht wichtig.
[Nils Behrens] (20:20 - 20:39)
Aber trotzdem, ist das eine Sache, ist das erst seit ein paar Jahren, dass du das so siehst? Kommen wir zurück auf Cora Hübsch und Co. Du sagst, selbst vor 20 Jahren war das mehr Ildikó. Da hast du ja mehr über das Thema Fettverbrennung und Bauchdeckenstraffung und so nachgedacht.
[Ildikó von Kürthy] (20:40 - 22:00)
Das ist ein, wie ich finde, ganz angenehmer Prozess des Älterwerdens. Die Verschrumpelung des Äußeren bei gleichzeitiger Reifung des Inneren. Das geschieht nicht automatisch. Die Verschrumpelung, ja. Bei der Reifung muss man schon arbeiten. Und das geht so schön Hand in Hand. Und ich sage das jetzt bewusst. Bitte ärgert euch nicht darüber. Je hässlicher ich äußerlich werde, und ich meine es tatsächlich gar nicht so wertend, wie es klingt, sondern einfach auch, ich bin so weit weg von den Schönheitsnormen mittlerweile, dass es für mich eine ungeheure Erleichterung bedeutet. In ganz vielen Wettbewerben trete ich gar nicht mehr an. Also wenn ich manchmal in Runden sitze von Frauen, viele vielleicht deutlich jünger als ich, manche nicht jünger als ich, aber deutlich auch um die äußere Straffheit bemüht, dann lehne ich mich zurück und denke, ich bin so frei wie nie. Ich muss diesen Kampf nicht mehr kämpfen und zwar ganz bewusst. Ich muss ihn nicht kämpfen, sondern ich will ihn nicht kämpfen und ich konzentriere mich auf ganz andere Dinge. Und das ist für mich ein unfassbarer Befreiungsschlag.
[Nils Behrens] (22:01 - 22:27)
Ja, ich weiß genau, was du meinst. Und ich finde tatsächlich, das ist auch etwas, was auch wieder sehr attraktiv macht. Weil du sagst die ganze Zeit, du bezeichnest dich ja sozusagen wie die Hässlichkeit des Alters, aber ich finde Menschen, die so eine gewisse in sich ruhende Art dann haben, die quasi glücklich sind mit dem, die strahlen das eben halt auch, und das wiederum macht sie auch wieder attraktiv.
[Ildikó von Kürthy] (22:27 - 23:26)
Ja, das ist zum Beispiel die Schönheit, die mich anzieht. Bei Männern, bei Frauen, das, was du eben sagst, wenn ich die Weisheit aus dem, oder das Bemühen um Weisheit eigentlich eher aus den Augen blitzen sehe, die vielleicht von tiefen Falten umfurcht sind. Wenn ich das Wohlwollen und die Neugier dem Leben gegenüber sehe. Wenn ich eine gewisse Haltung sehe, die nichts mit Longevity zu tun hat, oder nichts mit regelmäßigen Rückenübungen, sondern mit einer Offenheit und einer vor allen Dingen Selbstreflexion. Das ist für mich, das entspricht meinem Schönheitsbegriff. Aber das ist natürlich nicht der, um den es bei Germany's Next Topmodel oder in der Beauty-Industrie oder bei Instagram geht. Das muss man ganz klar sagen. Dem entspreche ich nicht. Dem muss ich nicht entsprechen, dem will ich nicht entsprechen. Ich sehe die Schönheit ganz woanders.
[Nils Behrens] (23:27 - 24:02)
Das ist wirklich ganz interessant, weil du das nochmal so ansprichst mit Instagram. Ich erinnere mich noch daran, wie du damals sozusagen deinen ersten Instagram-Account gemacht hast. Und ich glaube, du hast dann so ein halbes Jahr später, hast ihn dann auch wieder aufgehört, weil dich das zu sehr, wie hast du es formuliert, einfach getriggert hat, dass das Leben bei allen anderen so viel schöner, heller, klarer, toller und ich weiß nicht, was es ist. Und dann bist du ja dann, ich weiß gar nicht, wie lang der Abstand sozusagen zwischen, ich glaube, den Account eingestellt zu ich-bin-wieder-da war, gefühlt war das vielleicht ein, zwei Jahre dann irgendwie dazwischen.
[Ildikó von Kürthy] (24:02 - 24:05)
Ja, noch nicht mal, glaube ich, ein knappes Jahr, würde ich sagen. Interessant, dass du dich daran erinnerst.
[Nils Behrens] (24:06 - 24:37)
Und dann hast du ja dann quasi einen sehr neuen Weg ja auch in der Kommunikation eingestellt. Da bist du dann ja auf einmal dann quasi, man muss ja eigentlich fast sagen, so der Anti-Instagram-Account im Sinne von Ehrlichkeit sozusagen, also wirklich ja in Sachen Reality sozusagen dann so geworden. Und das fand ich ja wirklich eine spannende Veränderung sozusagen, wie du dann sozusagen das Medium erst mal abgelehnt hast und dann hast du gesagt, nee, ich muss es einfach nur so nutzen, wie es dann eigentlich so ist.
[Ildikó von Kürthy] (24:38 - 26:12)
Ja, und das ist interessant, dass du das noch weißt, das freut mich. Und tatsächlich spiegelt Instagram da auch so ein bisschen meine Einstellung zu Social Media, zum Leben, zu mir selbst auch wieder, weil ich ganz hart daran gearbeitet habe und immer noch arbeite, möglichst kongruent zu sein mit dem sozusagen das, was ich fühle, auch auszudrücken. Nicht immer, nicht zu jeder Zeit. Wenn ich jetzt im Weißen Haus Friedensverhandlungen führen würde, würde ich nicht sagen, ach Donald, ich muss erst mal auf den Arm, ich fühle mich nicht so wohl. Also es geht mir nicht darum, immer alles rauszuposaunen, was ich fühle und denke. Aber schon eine, ich möchte mich innerlich nicht mehr verbiegen und ich möchte mir vor allen Dingen bewusst sein, was fühle ich eigentlich gerade. Weil gerade Frauen, leider so oft, denen wird das aberzogen, die Verbindung zu ihren eigentlichen Regungen. Und denen wird auch antrainiert eine Freundlichkeit und Beflissenheit und Sanftheit, die oftmals total unangemessen ist. Ich habe so oft bei mir selbst erlebt, wie ich mit einem scheuen Lächeln reagiert habe, ob schon ich dem Typen eins in die Fresse hätte donnern sollen. Neulich, nee, es ist eine Weile her, ich trage nie tiefe Ausschnitte oder so, das war mir nie gegeben, mit Äußerlichkeiten zu kokettieren, womöglich auch wegen des blinden Vaters.
[Nils Behrens] (26:12 - 26:14) Ach, jetzt macht dich mal nicht die ganze Zeit so, du bist ja eine attraktive Frau.
[Ildikó von Kürthy] (26:15 - 28:21)
Nein, dann hast du mich falsch verstanden. Es war mir nicht gegeben, ich hatte einen blinden Vater, also ich habe nie enge Sachen oder so getragen, Äußerlichkeiten, ich konnte damit auch tatsächlich nicht so gut umgehen. Ich hatte dann einmal so ein, für meine Verhältnisse sehr weit ausgeschnitten, so ein Oberteil an und dann kam ich so einem blöden Schmierlappen, der kam mir entgegen, den kannte ich von früher und sagte, sag mal, hast du schon immer so dicke Dinger? Die Brüste war irgendwie so ein bisschen hochgedrückt und ich war, ich kicherte, verlegen, ging weg, habe das Oberteil nie wieder angezogen und habe mich geärgert über den Typen, aber am allermeisten über mich und meine Reaktion. Und das ist mir und geschieht bestimmt sehr vielen Frauen im Leben, so oft passiert, dieses Weglächeln von patriarchalem Schwachsinn oder auch Beleidigungen. Ich meine, mit wie vielen Typen habe ich früher geschlafen, bloß weil ich dachte, ach ja, die Erektion, die du angerichtet hast, die musst du jetzt irgendwie auch wieder geradebiegen sozusagen. Also diese Höflichkeit, blöden Typen gegenüber, wo ich immer gedacht habe, ach, hoffentlich gefalle ich ihm und habe ganz vergessen, zu fragen, gefällt er mir? Also ich spreche jetzt von wirklich lange her, aber das sind so die Anfänge des Gefallenwollens und zwar um jeden Preis. Und das ist echt harte Arbeit, sich das wieder abzugewöhnen. Und da bin ich immer noch dabei. Also es gibt immer noch genügend Situationen, wo ich feststelle, ach guck mal, da ist dieses kleine brave Mädchen wieder, statt einmal mit der Faust auf den Tisch zu hauen, zu sagen, und ich sage es mittlerweile manchmal, das ist nicht lustig. Oder, ich habe dich nicht nach deiner Meinung gefragt. Oder das Gespräch interessiert mich nicht. Es ist völlig einseitig. Ich weiß alles über sie und sie kennen nicht mal meinen Namen. Tschüss. Aber es ist harte Arbeit. Wir sind patriarchal doch noch sehr, sehr geprägt.
[Nils Behrens] (28:21 - 28:43)
Das ist ganz lustig. Ich hatte neulich auch wieder bei Instagram jemanden, da war so ein Beitrag so, die schönsten Beleidigungen, die sich erstmal nicht wie Beleidigungen anhören. Und da waren wirklich sehr, sehr schöne Sätze so dabei. So und keine Ahnung, irgendwie sowas. “Es ist beeindruckend, immer wieder festzustellen, dass sie selbst mit den leichtesten Aufgaben überfordert sind”.
[Ildikó von Kürthy] (28:44 - 28:47)
Das ist schon deutlich fies, ja.
[Nils Behrens] (28:47 - 28:52)
Aber da waren noch ein paar intelligentere dabei. Ich habe sie mir leider nicht alle gemerkt. Aber kommen wir mal zu intelligenten Sprüchen.
[Ildikó von Kürthy] (28:52 - 28:54)
Für dein Alter siehst du echt noch gut aus.
[Nils Behrens] (28:54 - 29:04)
Für dein Alter ist ja sowieso die größte Beleidigung sozusagen. Du kannst jedes Kompliment, was ja auch häufig sogar als Kompliment gemeint ist, mit für dein Alter ist es dann nicht mehr.
[Ildikó von Kürthy] (29:05 - 29:05)
Nein.
[Nils Behrens] (29:05 - 29:12)
Das ist tatsächlich so. Und deswegen, ich wollte mal auf einen Punkt, der mir wirklich viel Freude in deinem Buch gemacht hat. Du nimmst ja auch so ein paar Kalendersprüche auseinander.
[Ildikó von Kürthy] (29:12 - 29:12)
Ja.
[Nils Behrens] (29:12 - 29:20)
Also mein Favorite, ich fange gleich mal mit dem Highlight an. Jeder Tag ist ein Geschenk.
[Ildikó von Kürthy] (29:20 - 29:20)
Ja.
[Nils Behrens] (29:21 - 29:26)
So, dann nehmen wir uns doch mal unsere Hörer mit, wie jeder Tag ein Geschenk ist.
[Ildikó von Kürthy] (29:26 - 30:37)
Das macht mir wirklich so viel Freude, diese blöden, dahergequatschten Pseudo-Weisheiten zu hinterfragen. Ich nehme das nicht mehr einfach alles so nickend an, sondern denke, okay, jeder Tag ist ein Geschenk. Manchmal ziehst du aber auch beim Schrottwichteln den allerletzten Scheiß. Es gibt richtige Kackgeschenke. Es gibt Tage, die sind entsetzlich. Und dann muss man sich auch nicht bemühen, so zu tun, als sei diesem Tag irgendetwas Gutes abzugewinnen. Das ist eine Anstrengung, die man nicht übernehmen muss. Man darf auch manchmal sich einigeln und sagen, dieser Tag, diese Lebensphase, diese Zeit ist ganz entsetzlich. Und jeder, der mir sagt, du musst aber das Gute daran sehen, der kriegt voll eins in die Fresse. Weißt du, weil das immer auch ein Negieren des unerträglichen Schmerzes ist. Und deswegen ist nicht jeder, also mag sein, dass jeder Tag ein Geschenk ist, aber manche sind auch einfach echt daneben.
[Nils Behrens] (30:37 - 30:39)
Ich fand das mit dem Schrottwichteln schon sehr passend.
[Ildikó von Kürthy] (30:39 - 30:40)
Ja, Schrottwichteln, genau.
[Nils Behrens] (30:41 - 30:54)
Also da passt aber auch sehr gut, auch wenn das jetzt kein zwingender Alltagskalenderspruch ist, aber den Satz, du musst dich nur selbst lieben. Auch das fand ich da, passt ja sehr gut zu dem, was du gerade gesagt hast.
[Ildikó von Kürthy] (30:54 - 32:03)
Ja, du musst dich selbst lieben. Du bist gut, so wie du bist. Ich habe ja ein Seminar Creator-Wochenende, wo ganz viele Coaches und Speaker unterwegs sind und einem eigentlich immer eintrichtern, du bist gut, so wie du bist. Und das wird mit Feuerwerk und Nebel und jeder und Verona Pooth sagt es und Dieter Lange sagt es und also all die Speaker und Speakerinnen, die alle übrigens auch natürlich was verkaufen wollen, ein Buch, ein Nahrungsergänzungsmittel oder eine sehr teure Coaching-Ausbildung. Du bist gut, so wie du bist. Und ich dachte immer die ganze Zeit nur, Mensch Junge, wenn das so wäre, dann, wenn wir hier alle glauben würden, wir wären gut, so wie wir sind, dann wären die alle nicht hier und würden auch garantiert nicht so ein Kack-Coaching bei dir machen. Also das sind so Instantsprüche der Lebenshilfeszene. Ich habe es genannt in meinem Buch. Es ist ein Begriff, auf den ich sehr stolz bin. Das Optimismus-Tourette. Du bist gut, so wie du bist. Du bist gut, so wie du bist. Das Leben ist schön. Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst. Das sind so...
[Nils Behrens] (32:03 - 32:08)
Ich hatte mir so aufgeschrieben, dieses Dauer-Optimismus-Tourette macht viele Menschen eher erschöpft als gesund.
[Ildikó von Kürthy] (32:09 - 34:26)
Ja, weil es eine Forderung ist, die nicht erfüllbar ist. Und Harald Schmidt sprach vom Flachland des Optimismus. Und für mich sind das so Instantlösungen, gut klingende Sätze, die die Hälfte der Wahrheit einfach weglassen. Die sich nicht wenden an die Menschen, die scheitern und aufgeben. Das ist erlaubt. Auch das geschieht im Leben. Nicht wieder aufstehen. Eine ganze Zeit durch den Dreck zu kriechen und keine Kraft mehr zu haben. Das sind Sprüche, die sich nicht wenden an die Leisen, die sich nicht trauen, sich zu melden, die keine lauten Stimmen haben. Und das verursacht, finde ich, so viel Druck und letztlich dann auch Optimismusleid. Weil es doch viel menschlicher ist, anzuerkennen, dass das Leben wirklich nicht nur Schattenseiten hat, sondern tiefe Gräben, aus denen es manchmal auch kein Entkommen gibt, beziehungsweise ein Entkommen, wo du mit amputierten Gliedmaßen rauskriechst. Ein Krieg, aus dem du nicht unversehrt hervorgehst. Und das ist mir eigentlich total wichtig, auch in dem Buch und in meinem Leben, dass ich immer ausstrahle, ich verstehe das. Also ich verstehe alle, die aufgeben. Ich verstehe alle, die denken, sie schaffen es nicht mehr, die verzweifeln am Leben, an sich selbst. Ich habe das selbst auch in dem Buch geschrieben, sehr offen und wie ich auch finde, sehr mutig, dass ich selbst auch so eine Phase hatte, wo ich wirklich dachte, so kann ich nicht mehr weiterleben. Und mir ist das wichtig. Scheiß drauf, auf du bist gut, so wie du bist. Ja, natürlich bist du gut, so wie du bist. Aber wenn du dich fühlst wie jemand, der sein Leben nicht mehr erträgt, dann nutzt dir das nichts, dieser Mist, den man dir dann um die Ohren schlägt. Und das ist, finde ich, so diese Botschaft in meinem Buch, in meinem Instagram, in meinem Leben, ist so, du bist nicht allein. Ich kenne das.
[Nils Behrens] (34:28 - 35:02)
Es ist so ein bisschen wie, wahrscheinlich hast du es auch gelesen, dieses Buch, Oje, ich wachse. Und das ist ja so ein Bestseller, weil man die verschiedenen Phasen in den ersten, ich glaube, 18 Monaten des Kindes dann irgendwie so sieht. Und man liest dann immer diesen, keine Ahnung, fünf Monate altes Kind macht das und das. Und auf einmal denkst du, ach, das machen ja alle Kinder scheinbar so. Du merkst auf einmal, dass das nicht dein Problem ist, dass du nur mit deinem Kind hast, sondern das steht ja in dem Buch, dass das scheinbar alle haben. Und es ist ein bisschen vergleichbar wie Oje, ich wachse für sozusagen die zweite Lebenshälfte.
[Ildikó von Kürthy] (35:02 - 35:13)
Das ist sehr schön. Oje, ich wachse. Und aber eben auch anzuerkennen, dass Wachstum mit Wachstumsschmerzen verbunden ist. Und auch mit Abschieden.
[Nils Behrens] (35:14 - 35:32)
Ich finde es so, es gibt eine Zeitschrift, ich muss immer ein bisschen aufpassen, dass ich die nicht zu oft blame, aber die heißt Happiness. Und ich sage immer, das ist die Zeitschrift der unglücklichen Menschen. Weil, warum? Weil, warum sollte sich jemand jeden Monat eine Zeitschrift kaufen mit diesen ganzen Happiness-Kalendersprüchen, wenn man glücklich wäre?
[Ildikó von Kürthy] (35:32 - 36:28)
Ja, ja. Und es gibt auch überhaupt keinen Grund, immer glücklich zu sein. Oder das Glück ständig herbeizusehnen, herbeizuwünschen. Also das war für mich auch so eine Erkenntnis, dass das Glück, naja, das ist jetzt auch wieder ein Kalenderspruch, aber meine Vorstellung von Glück und mein Empfinden von Glück hat sich total verändert mit dem Älterwerden. Und es ist eigentlich leichter zugänglich geworden. Und das ist auch ein schöner kollateraler Nutzen des Älterwerdens, finde ich. Das genieße ich sehr, dass mich mittlerweile Dinge, Menschen, Gefühle glücklich machen, über die ich früher hinweggegangen bin, die ich nicht empfunden habe oder als läppisch.
[Nils Behrens] (36:28 - 37:38)
Hundertprozentig, hundertprozentig. Ich finde tatsächlich, einer der Themen, das fällt mir immer mehr auf, auch wenn ich mich noch nicht völlig davon freimachen kann, man ist ja so ein bisschen in den 80ern in dieser ganzen Popper-Welt so groß geworden, da haben Status-Symbole natürlich auch eine große Rolle gespielt. Und ich merke, dass mir das immer unwichtiger wird. Und dass ich da immer mehr, es mir egal ist. Früher wollte man dann unbedingt mal ein Porsche haben oder die Uhr oder keine Ahnung was. Und heute ist mir das alles nicht mehr so wichtig. Ich freue mich darüber. Ich freue mich über schöne Dinge. Ich habe ein sehr schönes Fahrrad. Aber ich fahre das, das ist relativ teuer für ein Fahrrad, dafür, dass es eigentlich nichts kann. Aber ich freue mich jeden Tag über diese Verarbeitung, über das Design. Ich freue mich an schönen Dingen. Aber ich habe das nicht aus einem Ziel heraus, dass jemand mich vorbeifahren sieht und sagt, wow, der fährt ja ein so und so Fahrrad. Verstehst du, was ich meine? Ich freue mich einfach mehr über schöne Dinge und ich kaufe sie, weil sie mir gefallen oder weil sie zu mir passen. Aber ich kaufe sie nicht mehr für andere Leute. Und das, finde ich, ist tatsächlich auch eine Errungenschaft des Alters.
[Ildikó von Kürthy] (37:39 - 38:25)
Das ist absolut so. Und weißt du, was in meinem Fall das Quälende ist? Dass ich mit zwei heranwachsenden jungen Männern zusammenlebe, die jetzt genau in der Phase sind, wo es nur darum geht, gefallen zu wollen. Dann doch die Marke zu tragen, die auf dem Schulhof oder in der Peergroup angesagt ist. Und gefallen wollen, gefallen wollen, dazugehören. Und ich weiß natürlich, dass das eine Lebensphase ist, die auch genau so aussehen muss. Und gleichzeitig möchte ich sie schütteln und sagen, macht doch nicht diesen Umweg. Macht doch nicht diese Fehler. Was heißt Fehler? Diese Entwicklungsstadien. Ich wünschte so sehr, es gäbe einen kürzeren Weg, den es aber natürlich nicht gibt, weil zum Reifen gehört Zeit. Aber ich sehe meine Jungs und sehe auch an denen, wie sehr ich gereift bin.
[Nils Behrens] (38:26 - 38:38)
100 Prozent. Ich habe einen letzten Kalenderspruch nochmal, weil ich finde, der passt sehr gut zu vielem, was wir jetzt schon angesprochen haben. Trotzdem möchte ich ihn noch einmal so reingeben. Man ist so alt, wie man sich fühlt.
[Ildikó von Kürthy] (38:40 - 38:57)
Ja, man ist so alt, wie man sich fühlt. Und man ist so alt, wie man sich fühlt. Und in diesem Satz schwingt ja immer mit, der Subtitel ist, was wir schon besprochen haben, Hauptsache, du fühlst dich nicht alt.
[Nils Behrens] (38:57 - 39:00)
Genau. Also jung gleich gut, alt gleich schlecht.
[Ildikó von Kürthy] (39:00 - 40:13)
Ja, und das ist etwas, was mich so aufregt, dass auf einmal – ich glaube, das das früher nicht so war – alt das negative Gegenteil von jung geworden ist, sowie dick das negative Gegenteil von dünn geworden ist. Und man ist so alt, wie man sich fühlt, ist ein dummer Spruch, beziehungsweise er führt in die falsche Richtung. Denn es ist doch schön, wenn man sich so alt fühlt, wie man ist. Weil, das haben wir ja schon besprochen, man dann gereift ist und aus dem Geschenkleben, aus dem teilweise auch schrottwichtelgen Geschenkleben, trotzdem das Beste gemacht hat. Man ist ja so ein bisschen auch verantwortlich. Du hast, weiß ich nicht, 60, 70, 80 Jahre gelebt und dann musst du mal zeigen, okay, du hast Jahre gesammelt, aber was hast du aus diesen Jahren gemacht? Und das ist ja letztlich schon auch eine, wie soll ich sagen, es ist schön, wenn man die Jahre mit Stolz ausbreiten kann und zeigen kann, guck mal hier, 58 Stück. Und das ist meine Bilanz.
[Nils Behrens] (40:14 - 41:00)
Ist ganz lustig, ich habe meine Tochter, sie ist heute jetzt 24, die schneidet auch immer diesen Podcast, insofern herzlichen Grüße an dieser Stelle. Und ich habe immer gesagt, seitdem sie zwei ist, habe ich gesagt, jetzt ist die beste Phase. Aber jedes Mal, jedes Jahr. Also ich fand mit vier die beste Phase, ich fand mit sechs die beste Phase, aber ich fand sie immer genau richtig zu dem Zeitpunkt. Das heißt, ich fand jede Phase für sich super gut und möchte die, will die alten nicht zurückhaben, sozusagen. Und ich würde es bis heute wahrscheinlich noch so unterschreiben, weil es jetzt natürlich schon eine erwachsene Person ist, mit der ich eben auch jetzt nochmal wieder ganz anderen Austausch habe, ganz andere Dinge erfahre, erlebe. Deswegen, ich würde jedes Jahr immer sagen, jetzt ist die beste Phase. Sie fragt mich immer, ob ich sie dann nicht mochte, bis sie zwei war.
[Ildikó von Kürthy] (41:02 - 41:56)
Das ist zum Beispiel der Grund, warum ich den Begriff Best Ager nicht mag. Weil es suggeriert, das soll nett sein, es suggeriert, dass der Best Ager oder die Best Agerin gerade die beste Zeit ihres oder seines Lebens hat. Kann ja auch noch besser werden. Wenn ich mir Elke Heidenreich anschaue, die ist 20 Jahre älter als ich, die hat jetzt die beste Zeit ihres Lebens. Aber wenn ich mir erlauben darf, an deine 24-jährige Tochter mich einmal zu richten. Wahrscheinlich muss man das als junger Mensch glauben, dass man alles erreichen kann, wenn man nur will. Dass Träume dazu da sind, sie zu erfüllen. Ich halte es ja für wichtig, dass man sich möglichst zeitig klar macht, dass manche Träume nicht erfüllbar sind. Und man manchmal auch froh sein kann, dass sie nicht in Erfüllung gehen. Sonst wäre ich jetzt mit Prinz Andrew zusammen.
[Nils Behrens] (41:57 - 41:58)
Das wollen wir nicht.
[Ildikó von Kürthy] (41:58 - 42:54)
Das ist sozusagen so eine zärtliche Desillusionierung, dass man der Raum gibt, dass man sich klar macht, du kannst nicht alles erreichen, was du willst. Du kannst nicht Karriere machen, vier Kinder haben, einen geilen Körper haben, ein Theater-Abo, eine aufregende Beziehung, die seit 25 Jahren lebt und jeden Nobelpreisträger und Nobelpreisträgerin lesen in Buchformat. Ich glaube, es ist schon wichtig, dass man dem Leben gegenüber realistisch ist. Was mich immer am meisten an meinem Leben gestört hat, war die Realität. Weil die ja immer anders war oder oft anders, als ich sie mir so vorgestellt hatte. Und je eher man versöhnlich gegenüber den Wirklichkeiten des Lebens wird, desto besser kommt man zurecht.
[Nils Behrens] (42:55 - 43:40)
Ich finde es aber genau, was du ansprichst, auch gut. Ich habe bei mir im Umfeld eben auch einige Freunde, die mit deutlich jüngeren, sowohl Männer als auch Frauen, mit jüngeren Partnern zusammen sind. Und ich finde tatsächlich das, was du ansprichst, meistens ist es so, dass ich sage, ungefähr ab 30, kannst du wirklich sagen, bei den meisten, dass die Menschen dann so fast immer in ihrem Leben angekommen sind. Und damit meine ich genau, dass sie eigentlich diese Illusion, mir gehört die Welt und ich kann alles erreichen, ein ganz kleines bisschen relativiert haben. Und dass man dadurch dann auch Diskussionen und Gespräche auf einem anderen Niveau führen kann. Und ich finde es toll, ehrlich gesagt, dass man diesen Glauben und alles in diesen 20ern noch hat.
[Ildikó von Kürthy] (43:41 - 44:07)
Wahrscheinlich muss es auch so sein, um auch Wege einzuschlagen, die erstmal vielleicht unbegehbar wirken. Also insofern ist das auch völlig in Ordnung, dass es so ist. Aber bei mir hat es viel länger gedauert, die Einsicht in Realitäten. Und ich war da wirklich ein Spätzünder. Und ich hätte mir gewünscht, dass ich früher, ich bin eine Spätreiferin würde ich sagen.
[Nils Behrens] (44:07 - 44:45)
Eine Spätreiferin. Wo wir dann bei dem Thema Reife sind, du hast ja auch das Thema Wechseljahre in deinem Buch ja, ich sage es mal schon, das ist ja nicht nur eine Randnotiz, würde ich mal sagen. Du hast ja schon relativ viel drüber gesprochen. Wie würdest du denn jetzt unsere, ich glaube die durchschnittlichen Hörer oder Hörerinnen, wir haben ja über 70 Prozent Frauen, die hier zuhören. Die sind alle so, ich glaube das durchschnittliche Alter ist 47. Das heißt, die sind mittendrin wahrscheinlich in dieser Phase. Magst du mal vielleicht auch da deinen Blick auf diese Phase mit unseren Hörerinnen teilen, dass die vielleicht auch da wieder, oh je, ich wachse für die Wechseljahre?
[Ildikó von Kürthy] (44:45 - 47:04)
Unbedingt, also weil das Schlimmste an den Wechseljahren ist ja die fehlende Aufklärung. Nicht nur, dass man selber wenig weiß, sondern man trifft auch leider oft auf Ärzte und Ärztinnen, die wenig wissen oder falsches Wissen sogar haben. Und bei mir war es so, ich hatte keine Ahnung. Ich dachte, naja, ein paar Hitzewallungen, habe ich wenigstens keine kalten Füße mehr. Hab mir nie Gedanken gemacht über die Wechseljahre. Muss man ja vorher auch nicht. Und dann hat es mich so kalt beziehungsweise heiß erwischt, dass ich, glaube ich war 51, 52, eben Wechseljahresbeschwerden bekam, Hitzewallungen. Da wusste ich noch überhaupt nicht, dass die Wechseljahre viel früher schon beginnen, mit der Prä-Menopause und so. Das wusste ich alles nicht. Ich wusste nur, so kann es nicht weitergehen. Ich habe eben in Talkshows gesessen und Hitzewallungen gehabt. Ich habe keinen Satz mehr rausbekommen. Ich konnte nicht mehr schlafen, ich konnte nicht mehr arbeiten, konnte mich nicht konzentrieren, war immer nur am Ausziehen oder am Wiederanziehen. Und ich bin jetzt niemand, der besonders gerne Situationen erträgt, die ihr nicht gefallen, und bin also sofort zu meinem Arzt gerannt und hatte dann das Glück, dass ich einen informierten Arzt hatte und bin dann auch zu einer speziellen Hormonpraxis weitergegangen, die mich aufgeklärt haben. Was kann man tun? Es war also nicht dieses, ach ja, da müssen Sie durch, und wenn Sie was dagegen nehmen, kriegen Sie halt Krebs, was wirklich Frauen immer noch zu hören kriegen, sondern ich habe eine profunde Aufklärung bekommen. Ich habe erfahren, wenn man bioidentische Hormone nimmt, was sind die Risiken. Meine Mutter zum Beispiel hatte Brustkrebs und ist dann an Lungenkrebs gestorben. Ich nehme trotzdem bioidentische Hormone, das ist möglich. Ich weiß um die Risiken. Ich weiß, dass das Glas Wein am Abend ein deutlich höheres Krebsrisiko verursacht als die Hormone, die ich nehme. Und also das ist ganz wichtig, dass man da in gute Hände gerät. Und das ist aber nicht leicht. Also selbst hier in der Großstadt gibt es so viele Tuppesse, Tuppes ist ein rheinländisches Wort für Vollidiot, die...
[Nils Behrens] (47:04 - 47:06)
Danke für die Aufklärung, ich hätte es nicht gewusst.
[Ildikó von Kürthy] (47:07 - 49:25)
Fiel mir gerade auf, bin ins rheinländische Verwalten. Das mache ich immer, wenn ich mich so aufregen tue. Da könnte ich, also ehrlich. Also es gibt zu wenig Aufklärung, es gibt viel zu viele Frauen, die leiden und leiden und leiden, keine Ahnung haben, was da gerade mit ihnen vor sich geht. Das muss nicht sein. Aber ich muss leider sagen, die Wechseljahre... Ich nehme ja jetzt Medikamente, also ich nehme diese Hormone, die mir echt mein Leben wieder geschenkt haben, meine Lebenslust und auch meine Arbeitsfähigkeit. Ich finde die Wechseljahre ganz schlimm. Also das ist eine Ungerechtigkeit der Natur. Ich meine, wir haben ja wirklich schon genug Mist an der Backe. Wir kriegen ständig unsere Tage, wir haben dann Bauchschmerzen, Stimmungsschwankungen, einige von uns kriegen Kinder, da muss ich gar nicht sagen, was das für eine körperliche Anstrengung und Sauerei ist, ich meine allein die Nachgeburt, da breitet einen ja keiner drauf vor, du stehst unter der Dusche und denkst, du bist die Hauptdarstellerin in Psycho, was da noch rauskommt. Also körperlich gesehen haben wir so viele Herausforderungen, sagt man ja heute, Challenges zu meistern und dann denkst du, das Schlimmste ist vorbei und dann kommen die Wechseljahre. Und im Grunde sind die, ich kann das nicht anders sagen, ein bisschen wie eine Sollbruchstelle im Leben der Frau, wenn es einen richtig erwischt. Weil das ist ja jetzt nicht nur Hitzewallung, das sind, dieser Brainfog heißt das, also Vergesslichkeit, es sind Stimmungsschwankungen, es sind Gelenkschmerzen. Das kann so vielseitig sein, was uns quält. Und ich finde das wahnsinnig ärgerlich. Also ich führe eine persönliche Fehde gegen die Evolution. Revolution statt Evolution. Und Sheila DeLis sagte, es ist ein fehlgeleiteter Prozess, die Wechseljahre. Und die Evolution wird irgendwann ein Einsehen haben. Aber solange brauchen wir gut ausgebildete und informierte Gynäkologen und Gynäkologinnen, die Frauen sehr genau erklären, was sie tun können, um sich diese oftmals sehr schwere Zeit etwas erträglicher zu machen.
[Nils Behrens] (49:26 - 50:08)
Mir fallen da ganz viele Sachen zu ein. Also das eine ist tatsächlich, wie du sagst, mit der Evolution, es ist ja wirklich so, dass es genetisch auf unserem Strang kein anderes Lebewesen gibt, was die Wechseljahre hat. Und es gibt insgesamt nur ganz wenige Lebewesen, also es gibt Wale sozusagen, die die Wechseljahre bekommen, also diese Wechseljahre, also sprich eben halt eine Menopause haben sozusagen. Aber es sind wirklich ganz, ganz wenige Spezies, die es überhaupt haben. Und da gibt es jetzt tatsächlich am Buck Institute eine Dame, die genau das erforscht, warum wir das eigentlich haben und wie wir das ausschalten können sozusagen. Also das ist wirklich eine Frage, in der sich die Jennifer, im Augenblick jetzt gerade, ich habe sie letztes Jahr mal kennenlernen dürfen, gerade damit beschäftigt.
[Ildikó von Kürthy] (50:08 - 51:38)
Weil weißt du, andererseits ist es so eine, es ist so eine wertvolle Zeit, die danach beginnen könnte, wenn sie körperlich und seelisch nicht so schwierig wäre. Also es geht ja um Hormone und um eine neue Anordnung von Hormonen. Östrogen verabschiedet sich, Progesteron, all das, was uns auch kuschelig und lieb macht. Und ich merke das in meinem Leben, wie das Testosteron, ob schon ich diese Medikamente nehme, trotzdem geschieht ja dieser Prozess auch in mir, wie das Testosteron langsam die Vorherrschaft gewinnt. Und das erleichtert mir tatsächlich eine Form der Emanzipation. Das macht mich etwas kratzbürstig. Das macht mich kritisch. Es macht mich streng. Ich schaue sehr genau hin. Aber es macht mich auch kräftiger in einem, ich will das jetzt mal so sagen, männlichen Sinne. Ich bin mehr auf Krawall gebürstet. Ich beschwere mich häufiger. In der Autowerkstatt habe ich neulich gesagt, das finde ich zu teuer. Zack, 20 Prozent weniger. Das hätte ich ohne, mit Östrogen im Blut hätte ich das nicht gemacht. Weißt du, also danach ist eine so kostbare Zeit. Wir sind dann Frauen, die nicht mehr gepeinigt werden von ihren Hormonen, die viel Erfahrung haben und eigentlich eine, wir sind nicht mehr fruchtbar, aber wir haben eine unfassbar fruchtbare Zeit vor uns.
[Nils Behrens] (51:39 - 51:42)
Und deswegen ist diese Hormonersatztherapie einfach so wahnsinnig wichtig, muss man einfach wirklich sagen.
[Ildikó von Kürthy] (51:43 - 51:46)
Also zumindest informiert, also wahrheitsgemäß informiert zu sein.
[Nils Behrens] (51:46 - 53:21)
Genau, also dieses Thema, was du ansprichst, dieses Brustkrebsrisiko ist natürlich sehr stark aus einer wirklich damals auch wirklich schlecht durchgeführten Studie gekommen zum einen und zum anderen waren das ja ganz andere Hormone. Die basierten auf Pferdeurin von schwangeren Stuten. Also von daher, das ist alles etwas, was sich völlig verändert hat. Und darüber hinaus muss man einfach mal auch sich anschauen, was sind denn die anderen Sachen? Du sprichst zwar diese Einschränkung der Lebensqualität und alles, was dazu ist, an, aber darüber hinaus sind die weiblichen Sexualhormone eben auch tatsächlich die Schutzhormone fürs Herz und fürs Gehirn. Gelenke, Gedächtnis. Die Tatsache, dass mehr Frauen Alzheimer oder Demenzerkrankungen sozusagen haben als Männer, liegt einfach daran, dass ihnen diese Schutzhormone wegbrechen. Die Männer haben eben halt tatsächlich durch das Testosteron, was eben im Rahmen der Aromatase umgewandelt wird, eben halt auch nochmal wieder die weiblichen Sexualhormone, sind die besser geschützt, was ihr Gehirn da betrifft. Und das sind so Dinge, deswegen da muss man Aufklärung machen. Und ich habe das tatsächlich bei mir im Buch auch so drin, nochmal ein extra Kapitel. Warum? Weil es eigentlich so der härteste Einschlag in dieser Langlebigkeitsgeschichte eben halt so ist, weil ich sage es mal, auch der Muskelabbau, im Schnitt hast du so um die 5% pro Jahrzehnt Muskelabbau. Nach den Wechseljahren verdoppelt er sich bei den Frauen. So, und all das sind Dinge, die muss man ja wissen. Und da kann man ja auch was dagegen tun, wenn man es dann eben halt weiß. Und deswegen ist es so wichtig, sich genau mit diesem Thema wirklich mal intensiv auseinanderzusetzen und genau diese Aufklärung zu suchen.
[Ildikó von Kürthy] (53:21 - 53:48)
Ja, du kennst dich sehr gut aus. Eben, was du sagst, wichtig ist Aufklärung. Und man muss natürlich nicht unbedingt Hormone nehmen. Es gibt alle möglichen anderen. Es gibt ja auch Frauen, die dürfen keine Hormone nehmen. Die wollen keine Hormone nehmen. Alles richtig so, aber dass man weiß, was kann man sonst tun? Wie kann man sich unterstützen in dieser wirklich schweren Zeit? Ich könnte mich schon wieder so aufregen, dass wir so gebeutelt sind. Aber gut, jetzt.
[Nils Behrens] (53:49 - 54:20)
Es gibt ein Meme, das muss ich unbedingt mal wiederfinden. Da sieht man Margot Robbie in dieser Rolle als Barbie. Und die hat ja dann so verschiedene Erkenntnismomente sozusagen. Und da gibt es dann auch so genau diesen Punkt, wo man dann eben halt über das Ganze spricht, was im Leben einer Frau so passiert. Also die erste Regelblutung, die PMS, dann Kinderkriegen, Wechseljahre, allen drum und dran. Und dann so, und die Männer führen einfach ihr Leben. Und das ist tatsächlich, da muss ich auch wirklich an dieser Stelle sagen, das ist auch wirklich sehr, sehr ungerecht.
[Ildikó von Kürthy] (54:20 - 54:24)
Das ist ungerecht. Die Evolution ist altmodisch.
[Nils Behrens] (54:24 - 54:25)
Ja, ja.
[Ildikó von Kürthy] (54:26 - 54:37)
Nicht mehr auf die neuen, sie ist nicht auf die moderne Frau eingerichtet. Und sie wird sich anpassen. Aber insofern werde ich die nächsten 20.000 Jahre noch predigen und sagen, informiert euch.
[Nils Behrens] (54:39 - 54:57)
Ja, ich möchte auf einen weiteren Punkt in deinem Buch nochmal eingehen. Du schreibst auch sehr schön, wie sich Beziehungen im Alter verändern. Also weniger Drama, mehr Ruhe. Also würdest du auch sagen, das ist ein Verlust oder ist es manchmal ein Gewinn oder ist es manchmal auch ein Verlust, dass es eben halt vielleicht nicht mehr so emotional wird?
[Ildikó von Kürthy] (54:58 - 57:05)
Ich empfinde ganz vieles nicht als Verlust, was ich aber früher als Verlust empfunden hätte. Also das ist eben auch die Phase, durch die man durch muss. Ich war eine Dramatikerin. Ich war hochexplosiv. Ich habe den Raum zwischen den C. G. Jung so oft zitiert, zwischen Reiz und Reaktion, den habe ich gar nicht erst betreten. Ich bin sofort explodiert. Und ich dachte, das ist authentisch. Heute würde ich es als hysterisch bezeichnen. Ich dachte, diese ruhigen vor sich hin dümpelnden Beziehungen, das ist keine Liebe. So will ich nie enden. Also im Grunde bin ich genau so geworden, wie ich nie werden wollte. Und bin aber darüber sehr, sehr froh, weil eben, ja, man mit unterschiedlichen Reifegraden andere Prioritäten setzt und eben auch andere Möglichkeiten der Reaktion hat, sich eben doch zu begeben in diesen Raum zwischen was geschieht und wie reagiere ich darauf. Warten, überlegen, einordnen und dann reagieren. Oder sagen, ich brauche mehr Zeit, ich will darüber nachdenken. Das gefällt mir gut an mir, dass ich das mittlerweile immer mal wieder tue. Das gelingt mir oft auch nicht, zum Beispiel mit meinem ältesten Sohn, der mir so ähnlich ist, dass wir uns einfach in Liebe auch sehr aneinander reiben. Aber die Tendenz geht in Richtung sanftes Dahindümpeln. Und ich finde es herrlich, denn es schafft Energien für andere Tätigkeiten, die jetzt an Wichtigkeit gewinnen. Und das ist Karriere, das ist Schreiben, das ist, Freundschaft war mir immer schon wichtig, aber das ist sozusagen die Tiefe und nicht die Explosion.
[Nils Behrens] (57:06 - 57:26)
Total schön, total schön. Ich habe mir auch so wirklich hier so einen Satz aufgeschrieben, dass viele ja Angst haben, im Alter langweilig zu werden. Und das ist ja genau die Angst, die du jetzt auch gerade beschreibst. Aber letztendlich das, was für mich so aus deinem Buch so rausgekommen ist, das ist ja vielleicht gerade das, so ein unterschätzter Gesundheitsfaktor ist, dass man langweiliger wird, in Anführungsstrichen, aber langweiliger im Sinne von ruhiger.
[Ildikó von Kürthy] (57:27 - 58:48)
Ja, genau. Also ich würde es dann eben nicht Langeweile nennen, sondern Muße. Und es gelingt mir zum Beispiel immer noch nicht, ein Mittagsschläfchen zu machen, ohne schlechtes Gewissen. Das schaffe ich nicht. Stört mich sehr an mir. Denn ich weiß, Mittagsschlaf machen ist wie Obst essen. Ist Longevity pur. Und trotzdem bin ich so konditioniert, dass ich da immer denke, ich muss tun, ich muss machen, ich muss leisten. Ich schaffe es nicht, an einem Dienstagvormittag ein Buch zu lesen, das nichts mit meiner Arbeit zu tun hat. Weil ich auf Leistung und Produktivität geeicht bin. Und das finde ich nicht gut. Also ich finde es gut zu leisten. Und ich finde es aber genauso wichtig, in der Theorie zumindest, die Auftankphasen und Rückzugsphasen mir zu gönnen. Und daran arbeite ich. Rückzug wird immer wichtiger für mich. Das mache ich oft. Viel mehr. Ich fahre alleine ans Meer. Ich bin allein in Urlaub sogar gefahren. Ich war allein in New York. Um mich ganz auf mich und mein Wachstum und auch auf meine Wachstumsschmerzen zu konzentrieren. Das brauche ich. Und ich versuche es immer mehr auch mir zu schenken.
[Nils Behrens] (58:49 - 59:05)
Ich bin ja so ein großer Fan von dir, weil du einfach wirklich Sachen sehr schön manchmal aus einem anderen Blickwinkel sozusagen betrachtest, der für mich anders ist, weil es eben halt der sehr weibliche ist. Nichtsdestotrotz, ich finde ein Wort, das ich mir hier auch rausgeschrieben habe, du sprichst von Bleibefreiheit.
[Ildikó von Kürthy] (59:06 - 59:16)
Das ist nicht von mir. Das ist von der Philosophin. Das sage ich aber auch in meinem Buch. Das ist von der Philosophin Eva von Redecker. Bleibefreiheit. Ja, ich liebe den Begriff.
[Nils Behrens] (59:17 - 59:19)
Genau. Magst du vielleicht einmal kurz erklären, was das ist?
[Ildikó von Kürthy] (59:19 - 59:43)
Ja, für mich. Mich hat es sofort angesprochen. Wir verbinden mit Freiheit immer Aufbruch und Abenteuer. Also ich zumindest. Und wahrscheinlich geht es vielen ähnlich. Ich will jetzt nicht verallgemeinern, aber für mich ist Freiheit, Freiheit klingt nach Freiheit und Abenteuer. Früher, die Frauen meines Alters werden es noch wissen, die Marlboro-Reklame und so irgendwie Reiten in den Sonnenuntergang.
[Nils Behrens] (59:44 - 59:46)
Wie hieß dieser Film noch? Thelma & Louise?
[Ildikó von Kürthy] (59:46 - 1:01:14)
Ja, ja, ja. Freiheit. Freiheit. Und der Begriff Bleibefreiheit, ich liebe den so. Vielen Dank, Frau Dr. Redecker, beinhaltet eben, dass es auch eine große Freiheit ist, irgendwann zu entscheiden, zu bleiben und nicht weiterzuziehen. Zu sagen, in dieser Komfortzone bleibe ich jetzt. Hier ruhe ich mich aus. Hier sammle ich Kraft. Und der Begriff Komfortzone hat ja völlig zu Unrecht so einen schlechten Ruf bekommen. Die Komfortzonen, da, wo wir bleiben dürfen, da, wo wir bleiben wollen, sind ja so wichtig, um uns sicher zu fühlen, um nicht Abenteuer erleben zu müssen, sondern Abenteuer verarbeiten zu können. Ich habe ein unfassbar abenteuerliches Jahr hinter mir. Ich habe mich Sachen getraut für dieses Buch. Ich war allein in New York. Ich war eisbaden. Ich war auf dem Festival von Wacken, bin im Schlamm versackt. Das alles hätte ich mich nie getraut, wenn ich nicht das Buch darüber geschrieben hätte. Ein Abenteuer nach dem anderen. Und dann zu sagen, und jetzt bleibe ich hier in meiner Komfortzone. Jetzt lege ich mich aufs Sofa, meinen liebsten Schatz im Arm und gucke Netflix oder gibt ja auch viele schöne andere Anbieter. Das ist auch Freiheit. Und die darf man genauso genießen.
[Nils Behrens] (1:01:15 - 1:01:31)
Wenn du sagen würdest, wir haben jetzt über ganz viele Punkte schon gesprochen, aber nichtsdestotrotz, wenn du sagen würdest, was ist vielleicht die wichtigste Entscheidung oder Haltung in deinem heutigen Leben, bei der du ganz klar sagen würdest, dafür musstest du alt genug werden?
[Ildikó von Kürthy] (1:01:36 - 1:03:47)
Ja, wir haben viel angesprochen. Das Alt genug findet auf vielen Ebenen statt. Ich muss mal überlegen, welches die revolutionärste ist für mein Leben. Ich glaube, das, was mir am meisten geholfen hat und der Schritt, der mir aber am schwersten gefallen ist, ist mir einzugestehen, dass ich Hilfe brauche. Ich war jetzt nie jemand, der sich nicht hat helfen lassen oder nicht gesagt hat, oh, das ist mir zu schwer, heb du mal für mich, sondern das Eingeständnis, dass die eigene Schwäche mehr ist als eine Anekdote. Ich habe oft aus meinen Schwächen Geschichten gemacht. Ich habe eine sehr starke Angststörung mein Leben lang gehabt und immer noch. Generalisierte Angststörung nennt sich das. Ich habe daraus Anekdoten gemacht. Ich habe, finde ich, viel zu viel getrunken. Viele, viele Jahre. Ich habe daraus nie einen Hehl gemacht. Ich habe Anekdoten daraus gemacht. Haha, immer die letzte auf der Party und noch ein Fläschchen. Ich bin halt Rheinländerin. Ich bin immer sehr offen damit umgegangen und ich dachte immer, kann ja nicht so schlimm sein. Du erzählst ja ganz offen darüber. Du erzählst ja, dass du Kette rauchst und zwischendurch Asthmaspray nimmst, damit du auch richtig schön die Kippe inhalieren kannst. Du erzählst ja von deinem Alkoholkonsum, von deinen ganzen Ängsten. Wenn man so offen damit umgeht, kann es ja auch so schlimm nicht sein. Es ist schlimm. Das Unkraut wuchert nicht nur im Schatten, sondern auch an der Sonne. Und das mir da auf die Schliche zu kommen, dafür musste ich alt genug werden. Und es dauert mich sehr, dass das so lange gedauert hat.
[Nils Behrens] (1:03:47 - 1:03:48)
Auch da ein Spätzünder?
[Ildikó von Kürthy] (1:03:49 - 1:05:12)
Leider ja. Leider ja. Und das ist wirklich etwas, das tut mir bitter leid. Ich habe mich da verrannt, hinter meiner Offenheit versteckt und nicht gemerkt, dass das alles nicht lustig ist. Und das beschreibe ich auch im Buch. Ich habe manchmal wirklich Momente, das klingt jetzt schrecklich und vielleicht für manche auch kokett, aber im Zusammenhang des Buches wird das dann klar, wo ich denke, ich habe mein Leben verpfuscht. Ich habe den Ängsten so viel Raum gegeben. Ich habe mich nicht gewehrt. Ich habe mich nicht informiert. Ich habe dem Alkohol, dem Nikotin, den Süchten zu viel Raum gegeben. Kokettiert und nicht Verantwortung übernommen. Und das tut mir sehr, sehr leid. Und gleichzeitig möchte ich aber auch sagen, dass die Momente überwiegen, in denen ich sage, besser spät als nie und ich das Leben sehe, wie es sich mir doch noch in seiner Freiheit und Schönheit offenbart hat und ich endlich die Verantwortung für mich und mein Wohlbefinden übernommen habe.
[Nils Behrens] (1:05:12 - 1:05:22)
Schön. Richtig schön. Deswegen komme ich leider auch schon zu meinem Abschlusssatz, weil die Leute sollen ja auch noch dein Buch lesen...
[Ildikó von Kürthy] (1:05:22 - 1:05:29)
Das würde mich sehr freuen. Aber es würde mich auch freuen, wenn Sie aus diesem Gespräch schon vielleicht ein wenig Energie mitnehmen.
[Nils Behrens] (1:05:29 - 1:05:43)
Genau. Und deswegen würde ich ganz gerne... Eine letzte Frage ist tatsächlich, wenn die HörerInnen, Männer wie Frauen, tatsächlich einen Gedanken aus dem Gespräch mitnehmen, der ihnen hilft, sozusagen gesünder älter zu werden. Was würdest du sagen, was ist das?
[Ildikó von Kürthy] (1:05:46 - 1:05:55)
Ich denke, ich bin alt genug dafür, diese Frage nicht zu beantworten und zu sagen, weißt du was, darüber möchte ich gerne in Ruhe noch ein wenig nachdenken.
[Nils Behrens] (1:05:56 - 1:05:59)
Ich lieb's. Ich lieb's. Ildikó, es hat wirklich ganz viel Spaß gemacht.
[Ildikó von Kürthy] (1:06:00 - 1:06:00)
Mir auch. Vielen Dank.
[Nils Behrens] (1:06:01 - 1:06:29)
Normalerweise am Ende erzähle ich dann immer, dass die Leute unbedingt das Buch kaufen sollen. Ich kann an dieser Stelle sagen, man muss alle Bücher von Ildikó kaufen, weil sie lohnen sich alle für sich und es ist tatsächlich dann auch wirklich schön, genau diese Evolution und diese Reise dann eben halt auch so mitzuerleben und ich finde, ich habe es tatsächlich, nachdem ich das... Ich kann mir die Titel leider nicht so gut merken, aber nachdem ich dein letztes Buch gelesen habe, also das jetzt davor, wo Cora Hübsch dann wieder auftaucht, habe ich dann tatsächlich den Mondscheintarif nochmal wieder gelesen.
[Ildikó von Kürthy] (1:06:29 - 1:06:30)
Ach wie schön, du hast ja richtige Studien.
[Nils Behrens] (1:06:31 - 1:06:42)
Und es hat wirklich, es hat nochmal wirklich so viel Spaß gemacht, weil da eben halt auch tatsächlich so viele Sachen da drin sind, wie der GEZ-Mann, der an der Tür klingelt und den man schon vergessen hat, ehrlich gesagt.
[Ildikó von Kürthy] (1:06:42 - 1:06:49)
Das ist übrigens wirklich passiert seither und das ist 28 Jahre her, da bin ich so überrumpelt worden, dann zahle ich natürlich GEZ-Gebühren.
[Nils Behrens] (1:06:51 - 1:06:56)
Ehrlich gut, vielen Dank. Hast du ein Lieblingssupplement?
[Ildikó von Kürthy] (1:06:58 - 1:07:15)
Ich schmeiße alle möglichen Supplements ein, aber ich glaube, das wichtigste Ergänzungsmittel fürs Leben ist Nachdenklichkeit und Wohlwollen und das gibt es nicht in Kapseln. Kapseln, ja.
[Nils Behrens] (1:07:17 - 1:07:41)
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