Informationen zur Podcastfolge Nr. 165 Frauen: Patientinnen zweiter Klasse? Mit Prof. Dr. med. Burkhard Sievers & Jennifer KnäbleInformationen zur Podcastfolge Nr. 165 Frauen: Patientinnen zweiter Klasse? Mit Prof. Dr. med. Burkhard Sievers & Jennifer Knäble

Frauen:  Patientinnen zweiter Klasse? Was Gendermedizin verändern kann

Frauen warten in Notaufnahmen im Schnitt länger und erhalten bei vielen Erkrankungen später eine Diagnose. In der medizinischen Versorgung werden ihre Beschwerden zudem häufig anders bewertet als die von Männern.

In dieser Folge von HEALTHWISE spricht Host Jennifer Knäble mit Prof. Dr. med. Burkhard Sievers, Kardiologe, Experte für Gendermedizin und Inhaber von Cardiomed24. Er ordnet diese Schieflage in unserem Gesundheitssystem ein und erklärt, was hinter dem „Gender Health Gap“ steckt.

Die Folge HEALTHWISE auf YouTube

Warum Frauen häufiger durchs Raster fallen

Viele Patientinnen erhalten im Durchschnitt später eine Diagnose als Männer – und auch in Notaufnahmen warten Frauen oft länger auf eine Untersuchung. Prof. Dr. Sievers nennt dafür mehrere Ursachen: Zum einen seien Symptome bei Frauen häufig anders und teils „chamäleonartig“, was die schnelle Einordnung erschwert. Zum anderen fehle das Thema bis heute in Teilen der Ausbildung – sowohl im Medizinstudium als auch in medizinischen Fachberufen.

Ein weiterer Punkt: Über Jahrzehnte standen „männliche Symptome“ im Fokus – sogar in Lehrbüchern. Das prägt bis heute, welche Beschwerden als „typisch“ gelten und wie schnell gehandelt wird.

Was ist Gendermedizin – und was bedeutet das für Patientinnen?

Prof. Dr. Sievers beschreibt Gendermedizin als Ansatz, der berücksichtigt, dass sich Symptome und Therapien zwischen Männern und Frauen unterscheiden können. Er betont außerdem, dass die Datenlage für diverse Gruppen derzeit noch begrenzt ist.

Gleichzeitig ordnet er das Thema in ein größeres Ziel ein: personalisierte (individualisierte) Medizin. Gemeint ist eine Behandlung, die nicht „nach Schema F“ abläuft, sondern stärker zur einzelnen Person passt – zum Beispiel mit Blick auf Körpergröße, Gewicht oder Begleiterkrankungen.

Herzinfarkt bei Frauen: Wenn Warnzeichen anders aussehen

Ein zentrales Beispiel dafür, wie sich Symptome unterscheiden können, ist der Herzinfarkt. In Lehrbüchern wird oft das „klassische“ Muster beschrieben: Druck in der linken Brust und Ausstrahlung in den linken Arm. Prof. Dr. Sievers erklärt jedoch, dass Beschwerden bei Frauen auch anders auftreten können – zum Beispiel als Luftnot, Leistungsschwäche, Oberbauchschmerzen oder Schmerzen in der rechten Körperhälfte bzw. zwischen den Schulterblättern.

Prof. Dr. Sievers sagt außerdem, dass kleinere Herzinfarkte bei Frauen bis zu 25–30 % übersehen werden können und Beschwerden dann z. B. fälschlich dem Magen-Darm- oder orthopädischen Bereich zugeordnet werden.

Praktischer Impuls aus dem Gespräch: Wenn du als Frau mit unklaren Beschwerden in der Notaufnahme bist, rät Prof. Dr. Sievers, aktiv darauf hinzuweisen, dass „auch einmal mit das Herz gedacht“ wird.

Medikamente & Dosierung: Warum „Einheitsdosen“ problematisch sein können

Prof. Dr. Sievers betont, dass Dosierungsempfehlungen auf Beipackzetteln häufig nicht geschlechtsspezifisch sind, obwohl sich Verstoffwechselung und Nebenwirkungen unterscheiden können.

  • Nebenwirkungen & Therapietreue: Prof. Dr. Sievers beschreibt, dass Frauen häufiger Nebenwirkungen haben und Medikamente eher absetzen, was die Therapietreue beeinflussen kann.
  • Individuelle Dosierung: Er verweist auf Erkenntnisse, dass bei manchen Medikamenten 30–50 % weniger Dosis ausreichen könnten, um eine ausreichende Wirkung zu erzielen – mit dem möglichen Vorteil weniger Nebenwirkungen.
  • Impfungen: Sievers ordnet ein, dass Frauen eine schnellere, stärkere und länger anhaltende Immunabwehr haben können – was eine mögliche Erklärung für häufiger berichtete Nebenwirkungen bei Impfungen sein kann.

Wichtig: Dosierungen sollten immer gemeinsam mit Ärztin/Arzt besprochen und angepasst werden – nicht in Eigenregie.

Was du beim Arztbesuch konkret tun kannst

Prof. Dr. Sievers betont die Rolle aufgeklärter Patientinnen: Wer aktiv nachfragt, kann ÄrztInnen zum Mitdenken anregen.

Außerdem rät er dazu, Beschwerden vor dem Termin kurz aufzuschreiben – weil die Zeit knapp ist und eine präzise Beschreibung die Einordnung erleichtert.

Mini-Checkliste für den Termin

  • Welche Beschwerden habe ich – seit wann und wo genau?
  • Welche Medikamente/Impfungen nehme ich – und gab es Reaktionen oder Nebenwirkungen?
  • Frage aktiv nach: „Könnte für mich eine niedrigere Dosierung sinnvoll sein?
  • Gibt es Hinweise auf Erkrankungen in der Familie?

Je klarer du deine Beschwerden und Fragen vorbereitest, desto besser kann gemeinsam eingeordnet werden.

Take Aways  

  • Gendermedizin berücksichtigt, dass sich Symptome und Therapien zwischen Geschlechtern unterscheiden können.
  • Frauen fallen bei Diagnosen teils häufiger durchs Raster, weil Beschwerden laut Dr. Sievers oft anders und teils „chamäleonartig“ sind – und das Wissen lange nicht ausreichend in Ausbildung/Lehre verankert war.
  • Herzinfarkt-Warnzeichen können bei Frauen anders aussehen (z. B. Luftnot, Leistungsschwäche, Oberbauchbeschwerden).
  • Einheitsdosierungen sind oft nicht geschlechtsspezifisch; Sievers beschreibt, dass Frauen häufiger Nebenwirkungen haben.
  • Vorbereitet zum Termin: Beschwerden notieren, präzise schildern und gezielt nach Dosierung/Alternativen fragen – das kann ÄrztInnen zum Mitdenken anregen.

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Prof. Dr. med. Burkhard Sievers ist Kardiologe, Angiologe und Gendermediziner. Er leitet als Chefarzt die Medizinische Klinik I am SANA Klinikum Remscheid und ist zudem Inhaber der Privatpraxis Cardiomed24 in Meerbusch.

Zuvor war er an nationalen und internationalen Universitätskliniken tätig, unter anderem am Royal Brompton Hospital/Imperial College in London sowie an der Duke University in den USA. Seine Schwerpunkte liegen in moderner nicht-invasiver Bildgebung und interventioneller Kardiologie/Angiologie; zudem ist er Fellow der European Society of Cardiology (FESC) und des American College of Cardiology (FACC).

 

Mehr über Prof. Dr. med. Burkhard Sievers & Cardiomed24: https://www.cardiomed24.de/

 

165 Frauen: Patientinnen zweiter Klasse? Mit Prof. Dr. med. Burkhard Sievers & Jennifer Knäble

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (0:00 - 0:32)
Früher hat sich um die Frauen keiner gekümmert, auch im medizinischen Sinn nicht. Da ging es nur um die Männer, es ging um die Männergesundheit, es ging um männliche Symptome, die im Übrigen heute noch zum Teil in den Lehrbüchern der Medizin drinstehen. Somit hat man einen kompletten Bias, also eine völlige Verzerrung der Symptome und von den Inhalten, die gelehrt werden.

Dann kann man natürlich auch nicht verlangen, dass angehende Ärztinnen und Ärzte oder ausgebildete Ärztinnen und Ärzte Kenntnis über das Thema haben. Es betrifft ja eigentlich jede Fachrichtung.

[Jennifer Knäble] (0:32 - 2:13)
Herzlich willkommen zu HEALTHWISE, dem Gesundheitspodcast, präsentiert von Sunday Natural. Ich bin Jenny Knäble und wir erkunden gemeinsam, was es bedeutet, gesund zu sein. Wir sprechen über Themen wie Ernährung, Mental Health, Beauty und über Frauengesundheit.

Immer mit einem weisen Blick auf das, was uns wirklich gut tut. Herzlich willkommen, ihr Lieben, zu einer neuen und besonderen Folge HEALTHWISE zwischen den Jahren. Es ist ja eine Zeit, in der wir gerne auch mal zurückschauen, Bilanz ziehen und uns fragen, was muss sich im kommenden Jahr eigentlich verändern und im besten Fall auch verbessern.

Heute sprechen wir über ein Thema, das lange Zeit, wie ich so gerne sage, unter dem Radar der Öffentlichkeit geflogen ist. Aber wir wollen es mit euch zusammen in den Fokus rücken. Es geht um Frauengesundheit und die Fragen, warum werden Frauen in unserem Gesundheitssystem eigentlich häufig schlechter behandelt als Männer?

Krankheiten werden später diagnostiziert. Und wieso werden Frauen häufig weniger ernst genommen als männliche Patienten? Die Zahlen sind erschütternd.

Zum Beispiel erhalten Frauen bei über 700 Krankheiten im Durchschnitt später eine Diagnose als Männer. Sie sterben 20% häufiger an Herzinfarkten und in Notaufnahmen. Das finde ich besonders krass.

Warten weibliche Patientinnen im Schnitt eine Stunde länger, bis sie untersucht werden. Darüber müssen wir sprechen. Ich freue mich auf meinen Gast heute.

Er ist Kardiologe, einer der führenden Experten für Gendermedizin und Arzt und Inhaber der Privatpraxis Cardiomed24 in Meerbusch. Ganz herzlich willkommen im Healthwise-Podcast, lieber Prof. Dr. Burkhard Sievers. Hallo, Burkhard.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (2:14 - 2:15)
Vielen Dank, Jenny.

[Jennifer Knäble] (2:15 - 2:19)
Schön, dass du da bist, Burkhard. Hast du Weihnachten gut überstanden?

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (2:20 - 2:33)
Bestens überstanden. Die Kinder waren da. Mit der Familie ist es immer wunderbar.

Da freuen wir uns schon lange vorher drauf. Ansonsten haben wir versucht, ein bisschen alles ruhig zu machen, was nicht immer gelingt.

[Jennifer Knäble] (2:34 - 2:40)
Absolut. Es gibt nach Weihnachten zwei Situationen. Entweder man hat sich noch lieb oder man ist froh, dass man wieder weg ist.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (2:40 - 2:43)
Bei uns hat es geklappt, dass wir uns alle noch lieb haben.

[Jennifer Knäble] (2:43 - 3:05)
Das ist sehr gut. Ich habe es eingangs gesagt, Burkhard. Frauen warten länger in der Notaufnahme, erhalten häufig Diagnosen später als Männer.

Das sind schon krasse Zahlen, die ich vorgelesen habe. Vielleicht kannst du uns auf den Stand überbringen, warum ist das so?

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (3:06 - 3:56)
Das ist die Frage, die ich mir eingangs gestellt habe, als ich mich begonnen habe, mich für das Thema zu interessieren. Das ist eine lange Zeit her. Wir haben in Deutschland 51 % Frauen, also mehr Frauen als Männer.

Trotzdem ist dieses eklatante Thema überhaupt nicht erkannt. Trotzdem werden Frauen so erheblich benachteiligt. Das liegt an verschiedenen Gründen, dass die länger warten müssen und schlechter behandelt werden, weil die Symptome oft sehr unterschiedlich und chameleonartig sind.

Das heißt, man kommt auch als Arzt oder als medizinisches Fachpersonal nicht unbedingt ganz direkt auf die richtige Diagnose, so schnell, wie man das möchte. Das Thema ist im Medizinstudium oder in der Ausbildung der medizinischen Fachberufe überhaupt nicht vorhanden bis heute.

[Jennifer Knäble] (3:57 - 4:08)
Da frage ich mich als Laie, wie kann das sein? Es gibt viele Stimmen in dem Bereich, die sagen, das geht so nicht. Das ist Jahrzehnte so gewesen.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (4:08 - 4:50)
Ja, das ist irre. Es ist seit kurzer Zeit so, dass es auch eine mediale Aufmerksamkeit gibt, eine politische Aufmerksamkeit gibt, Gott sei Dank. Aber es ist eben so, dass früher hat sich um die Frauen keiner gekümmert, auch im medizinischen Sinne nicht.

Da ging es nur um die Männer, es ging um die Männergesundheit, es ging um männliche Symptome, die im Übrigen heute noch zum Teil in den Lehrbüchern der Medizin drinstehen. Somit hat man einen kompletten Bias, also eine völlige Verzerrung der Symptome und von den Inhalten, die gelehrt werden. Dann kann man natürlich auch nicht verlangen, dass angehende Ärztinnen und Ärzte oder ausgebildete Ärztinnen und Ärzte Kenntnis über das Thema haben.

Das betrifft ja eigentlich jede Fachrichtung.

[Jennifer Knäble] (4:50 - 5:09)
In Amerika ist es ja so, dass Ärzte und Forscher, soweit ich informiert bin, schon seit den 90er-Jahren gesagt haben, das muss man unterschiedlich betrachten. Du bist einer der führenden Stimmen in der Gendermedizin. Gab es da so einen Knackpunkt oder einen Moment, wo du gesagt hast, das muss jetzt mal anders beleuchtet werden?

Was war da der Auslöser?

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (5:10 - 6:32)
Absolut, der Knackpunkt, den gab es. Nämlich als ich selbst in den USA war. Ich habe drei Jahre fast in den USA gearbeitet, an der Duke University in North Carolina damals.

Und in allen namhaften, großen Kliniken, insbesondere Unikliniken, gibt es sogenannte geschlechtsspezifische Abteilungen. Also gerade auch für Herzerkrankungen, Women's Heart Center oder Women's Health Center. Weil man eben sehr früh erkannt hat, dass die Symptome zwischen Männern und Frauen unterschiedlich sind.

Und insbesondere bezüglich der Herzerkrankung. Also Symptome beim Herzinfarkt und so weiter. Und da, sage ich mal, bin ich darauf gekommen.

Und da habe ich mich für das Thema interessiert und habe gesehen, dass dort sehr systematisch adressiert wird in Amerika. Und dann ist das so wie mit den Jeans damals. Die haben ja auch 25 Jahre gebraucht, bis sie nach Deutschland gefunden haben von den USA.

Oder andere Innovationen und Sachen. Dauert Jahrzehnte. Und jetzt sind wir sozusagen etwa 35 Jahre später.

Oder 30 Jahre später. Wo wir dann hier in Deutschland und in Europa eine gewisse Aufmerksamkeit haben, die vorher natürlich auch da war im Rahmen der Wissenschaft. Aber eben nicht für die Bevölkerung sichtbar.

Und darauf kommt es ja an. Du willst ja aufgeklärte Bevölkerung haben, aufgeklärte Frauen, die ihre Beschwerden besser einschätzen können. Und dadurch natürlich auch in der Lage sind, überhaupt früher zum Arzt zu gehen.

[Jennifer Knäble] (6:33 - 6:55)
Ja. Vielleicht können wir noch mal erklären, bevor wir da so in die Tiefe gehen. Du hast es gerade mit Blick auf Amerika geschildert.

Gendermedizin. Ich würde jetzt mal behaupten, wenn man hier so durch die Straßen läuft, jemand sagt, wie ich spreche heute, mit einem Experten über Gendermedizin, die würden mich angucken wie ein Auto. Selbst hier im Team haben auch viele gesagt, was ist das Thema?

Das ist, glaube ich, so auch noch gar nicht angekommen. Also was genau ist das?

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (6:56 - 8:22)
Ja, das ist nicht angekommen. Also Gendermedizin ist eben, beschreibt die unterschiedliche Symptomatik und auch die unterschiedliche Therapie von verschiedenen Erkrankungen zwischen Männern, Frauen und Diversen. Die Diversen werden immer mitgedacht, weil das ist eben eine sehr heterogene Gruppe natürlich, deswegen gibt es wenig Daten.

Aber es werden natürlich alle Geschlechtergruppen mit einbezogen. Wissen tut man am meisten natürlich von Frauen und Männern und den Unterschieden. Und auch da steckt man bezüglich des Wissens noch in den Kinderschuhen.

Aber immerhin gibt es da schon verschiedene Sachen, die mittlerweile auch bekannt sind. Und dieses Thema beschäftigt sich damit. Nun ist ja eben die Gendermedizin und die Aufteilung der Geschlechter natürlich ein Aspekt.

Und man will eigentlich natürlich hin zur individualisierten oder personalisierten Medizin. Das heißt, du willst ja nicht nach Schema F behandelt werden, sondern du willst ja als Person behandelt werden, als Jenny. Jenny, so groß wie du bist, so schwer wie du bist, was du für Begleiterkrankungen hast und so weiter und so fort.

Das heißt also, du möchtest ja ganz individuell behandelt werden und nicht mit der Gießkanne. Und da sind wir natürlich über die letzten Jahre hingekommen, dass wir sehr viele Standards aufgestellt haben. Und diese Standards berücksichtigen leider viel zu wenig oder fast überhaupt gar nicht die Frauen.

Denn in den ganzen Leitlinien der deutschen, europäischen und internationalen Fachgesellschaften gibt es keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern.

[Jennifer Knäble] (8:22 - 8:32)
Dann nehmen wir doch jetzt mal, Burkhard, ganz konkret ein Beispiel, das du angesprochen hast, auch eben die Herzerkrankung. Wie unterscheidet die sich bei Männern und Frauen? Das ist ja schon eklatant.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (8:32 - 10:32)
Das eklatant und das ist ja auch eigentlich das prominenteste Beispiel. Und das ist auch das Beispiel, wo die ganze Geschichte mit angefangen hat, weil eben in der Notaufnahme aufgefallen ist, dass Männer und Frauen unterschiedliche Beschwerden haben. Während es so ist, wenn man den Herzinfarkt hat, bei Männern ist das so, Druckgefühl, linke Brust, Ausstrahlung, linker Arm oder tiefer.

Und so ist es auch in allen Lehrbüchern drin. Bei den Frauen kann das unterschiedlich sein. Die haben dann Luftnot, Leistungsschwäche, Schmerzen im Oberbauch oder aber in der rechten Körperhälfte.

Oder aber im Rücken zwischen den Schulterblättern. Das heißt, ganz chameleonartig. Das heißt, wer in die Notaufnahme kommt und ist Frau, der sollte im Grunde genommen darauf hinweisen, dass jeder auch ein bisschen einmal mit das Herz denkt.

Weil sonst gibt es Fehldiagnosen. Und es ist ja bis heute so, dass die kleineren Herzinfarkte bei Frauen in bis zu 25, 30 % tatsächlich übersehen werden. Und dass, wenn Beschwerden beim Herzinfarkt im Oberbauch sind, dann landen die bei der Triagierung häufig im gastroenterologischen Bereich, also Magen-Darm-Bereich.

Oder aber im orthopädischen Bereich, weil man denkt, da ist jemand mit der Schulter oder mit den Knochen oder mit dem Rücken oder Wirbelsäule. Und werden dann eben falsch kategorisiert. Und dann dauert das natürlich alles zu lange.

Im schlechtesten Fall werden sie nach Hause geschickt und sagen, na ja, nehmen Sie mal Ibuprofen oder Diclofenac oder irgendein Schmerzmedikament. Oder aber ein Magenschutzmedikament, um die Säure zu blocken. Und dann gehen Sie mal nach Hause und gehen morgen bei Ihrem Hausarzt oder Hausärztin vorbei.

Und das ist eben eklatant, da wird Zeit verloren, da werden Fehldiagnosen produziert, weil man eben diese Aufmerksamkeit und Awareness nicht hat. Das ist das Eklatante, die Beschwerden, die sind häufig unterschiedlich. Es gibt natürlich auch Frauen, die typische Beschwerden, also Männertypische Beschwerden haben, sage ich jetzt mal so.

Aber oftmals sind die chameleonartig nicht gut einordnenbar. Und man muss einfach als medizinisches Fachpersonal oder Arzt oder Ärztin daran denken.

[Jennifer Knäble] (10:33 - 10:51)
Die Diagnose ist das eine, was auch sehr spannend und tatsächlich auch zu Stirnrunzeln führt, sind die Medikamente und die Dosis. Und du sagst auch, dass bei Frauen mit Herzschwäche die Hälfte der Medikamentendosis, die auf dem Beipackzettel empfohlen wird, ausreichen würde.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (10:52 - 13:43)
Ja, das ist total krass. Auf dem Beipackzettel gibt es gar keine spezielle Dosis für Frauen oder Andersgeschlechtliche, sondern es gibt nur eine Einheitsdosis. Was völlig unplausibel ist, weil es gibt ja Empfehlungen von der Präventionsgesellschaften oder der Weltgesundheitsorganisation bezüglich der Alkoholmenge, die noch gerade gut ist für Frauen und für Männer.

Das ist eben, also für Frauen wird die Hälfte der Alkoholdosis empfohlen im Vergleich zu den Männern. 20 Gramm Männer, 10 Gramm pro Tag für Frauen sollte Maximaldosis sein. Dann ist das noch tolerabel, danach wird es ungesund.

Und deswegen ist es völlig unplausibel, weil Alkohol wird ja auch über die Leber verstoffwechselt. Das ist für Medikamente, die eben auch häufig über die Leber verstoffwechselt werden, überhaupt keine Dosisanpassung oder Dosenempfehlung für Frauen gibt. So ist das dann so, dass die Frauen, wenn sie die übliche Dosis bekommen, die auch Männer bekommen, eine unnötig hohe Dosis bekommen.

Damit verbunden auch mehr Nebenwirkungen. Dadurch die Tabletten auch eher absetzen und haben natürlich keine Therapietreue aufgrund der Nebenwirkungen. Und dann bleiben die Erkrankungen eben leider unbehandelt, was natürlich prognostisch schlecht ist.

Und man hat jetzt rausgefunden, nach und nach, dass 30 bis 50 Prozent der Dosis weniger reichen würden, bei einigen Erkrankungen zumindest und bei einigen Medikamenten, um eben eine ausreichende Wirkung zu erzielen. Und dadurch hätte man natürlich, wie gesagt, eine ausreichende Wirksamkeit der Medikamente. Aber mit dem Vorteil, dass die Frauen nicht immer so viele Nebenwirkungen haben.

Das ist ja zum Beispiel bei den Impfungen so. Wir beide würden ja zum Beispiel die gleiche Impfdosis bekommen. Ja, weil es eben keine Dosisunterschiede gibt.

Aber das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum bei Frauen die Nebenwirkungsrate bei den Impfungen deutlich höher ist als bei den Männern. Da kommt aber noch was dazu. Frauen haben ein schnelleres, stärkeres und länger anhaltendes Immunabwehr im Vergleich zu den Männern.

Also das Abwehrsystem ist viel besser und schneller und hält länger an als bei den Männern. Und deswegen, sage ich mal, ist es auch unplausibel, dass Frauen zum Beispiel die gleiche Impfdosis bekommen wie Männer. Bei der Impfung geht es ja darum, eine Abwehrreaktion zu produzieren.

Und wenn die Frauen das sowieso besser, schneller und länger anhalten tun, wäre es auch plausibel, wenn die Impfung eine geringere Dosierung hat. Kann man aber nicht umsetzen, weil es sind ja genormt. Und es gibt natürlich auch keine Daten dafür.

Deswegen geht das nicht. Aber man verlangt natürlich oder würde sich wünschen, dass bei zukünftigen Studien dies berücksichtigt wird und man natürlich dahin kommt, dass Medikamenten und Arzneimittelstudien so aufgesetzt sind, dass man unterschiedliche Dosierungen für Frauen und Männer rausbekommt und dann auch in den Beipackzettel schreiben kann.

[Jennifer Knäble] (13:43 - 13:52)
Das wäre jetzt meine Frage gewesen. Also wenn man das ja auch weiß und es auch laute Stimmen gibt, wie eben Forscher Mediziner auch wie dich, tut sich da was?

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (13:52 - 16:19)
Ja, tut sich schon. Die Pharmaindustrie hat auch verstanden, dass das wichtig ist und weiß natürlich auch um den Aspekt des Marketings. Weil natürlich das erste Medikament, was eine unterschiedliche Dosierung hat zwischen Frauen und Männern, da werden die Frauen sich natürlich dafür entscheiden.

Das heißt, da gibt es natürlich auch einen Marktvorteil. Aber unabhängig davon ist auch bei der Pharmaindustrie angekommen und haben die verstanden, dass das sinnvoll ist, dass man sich vermehrt darum kümmert, dass man möglichst unterschiedliche Dosierungen auch ausweist. Jeder Arzt, jede Ärztin hat natürlich die Möglichkeit, die niedrigste Dosierung zu verordnen oder aber auch die Hälfte der niedrigsten Dosierung.

Das wird oft auch getan von den Hausärztinnen und Hausärzten, aber nicht häufig genug. Deswegen muss man aufpassen, zum Beispiel bei der Blutdruckeinstellung. Wenn jetzt eine Patientin kommt und hat einen hohen Blutdruck und kommt in Notaufnahme oder in die Praxis, und kriegt dann mal die 0815-Dosis, dann ist es nicht selten so, dass drei bis fünf Tage später die Patientin kommt und sagt, mir ist so schwindelig und ich bin überhaupt nicht mehr bei mir, fühle mich so schlapp und ich bin auch kollabiert.

Dann ist einfach die Wirkung zu stark und der Blutdruckabfall zu stark. Und das sind die Nebenwirkungen. Und deswegen empfehlen wir, und so mache ich es eigentlich auch in meinem Alltag, dass ich immer mit einer sehr, sehr niedrigen Dosierung anfange bei den Frauen und mich dann langsam hocharbeite.

Weil dann hast du natürlich einen viel besseren Überblick über Wirkung und Nebenwirkung. Und zum anderen ist es so, dass die meisten Erkrankungen sind ja nicht notfallmäßig. Da kommt es ja nicht darauf an, ad hoc was zu machen, sondern man hat ja bei Blutdruckeinstellungen oder bei Blutzuckereinstellungen oder bei Einstellungen von Fettstoffwechselstörungen hat man ja Zeit mit der Dosierung.

Und die sollte man sich bei den Frauen auch nehmen und natürlich immer gucken, wer sitzt vor einem. Groß, klein, übergewichtig, normgewichtig, untergewichtig, egal ob Mann oder Frau, das muss man immer mit berücksichtigen, wenn man entsprechend dosiert. Viele tun das im ärztlichen Bereich, aber es ist nicht so selbstverständlich und automatisch, wie man sich das denkt.

Und gerade die jüngeren, also die erfahrenen, älteren Kolleginnen und Kollegen, die können damit wahrscheinlich eher und besser umgehen. Die Jüngeren, die orientieren sich sehr gerne an Standards und an vorgegebenen Sachen, ohne das individuell anzupassen, möglicherweise aus der Sorge, dass sie nichts falsch machen wollen und liegen damit dann doch häufig in dem zu hohen Dosisbereich.

[Jennifer Knäble] (16:20 - 17:17)
Ich hatte gerade so einen Aha-Moment, als du das erzählt hast, Burkhard, ich habe nämlich neulich ein Antibiotikum verschrieben bekommen. Also ich hatte so ein Drei-Tages-Antibiotikum, das hat nicht geholfen. Und ich habe eine Penicillin-Allergie und da war es nicht einfach, offenbar noch ein anderes zu finden.

Wegen Resistenzen sollte ich dann ein anderes nehmen. Und ich habe die erste Tablette genommen. Das war auch eins, auch nur so ein kurzes.

Die sind ja dann meistens auch stärker. Und ich habe diese Tablette genommen und mir ist so schwindelig geworden. Also ich habe die abends genommen, mir war nachts schon so schwindelig, dass ich die Tür nicht mehr gefunden habe zum Badezimmer.

Also nicht jetzt, es gibt ja auch bei Tabletten oft das Gefühl, dass einem übel wird. Das liegt einfach daran, dass es auf den Magen geht. Also es war zum ersten Mal wirklich Schwindel.

Und der hielt drei Tage lang. Also ich habe das auch abgesetzt. Habe auch nachgefragt, da kam nur ja absetzen.

Aber ich habe jetzt gerade so gedacht, vielleicht war das auch in der Art der Dosierung, kannst du jetzt auf die Ferne natürlich nicht sagen, aber ich habe gerade so kurz mal überlegt, dachte ich, vielleicht war das für mich einfach auch zu heavy.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (17:17 - 18:20)
Ja, das war wahrscheinlich zu heavy. Und es war wahrscheinlich, es könnte auch eine allergische Reaktion gewesen sein, weil du eine Kreislaufreaktion hattest durch deinen Schwindel, möglicherweise verbunden mit einem sehr niedrigen Blutdruck. Und dadurch den Schwindel, sowieso niedrige Blutdruck haben ja viele Frauen auch im jüngeren bis mittleren Lebensalter.

Und wenn dann eben so eine Kreislaufreaktion dazukommt durch eine allergische Reaktion, dann geht der Blutdruck noch tiefer und dann bist du natürlich schwindelig und fühlst dich schlecht. Das heißt, das Medikament solltest du dir vom Namen merken und zumindest versuchen, das beim nächsten Mal entweder mit einer sehr niedrigen Dosierung zu nehmen zunächst oder aber ein Alternativmedikament zu nehmen. So, und jetzt ist auch schon die Schwierigkeit, weil wenn jetzt zum Beispiel die Hälfte nimmst oder du brichst sie durch, wenn es überhaupt eine Kante da drin gibt zum Durchbrechen, dann ist es so, dann ist man sich natürlich nicht sicher, weil es keine evidenzbasierte Studie gibt, ob die Wirksamkeit ausreichend ist.

Aber probieren kann man das natürlich.

[Jennifer Knäble] (18:21 - 19:15)
Das kurz in eigener Sache, ich habe gerade so gedacht. Aber da sind wir beim Thema Frauenmedizin. Aber ich finde es so gut, weil ich glaube, ganz viele Frauen ertappen sich bei vielen Themen und sagen einfach, krass, das ist mir auch schon so passiert.

Ich konnte das gar nicht einordnen. Guck mal, ich beschäftige mich ja mit den ganzen Themen. Ich bin nie auf die Idee gekommen, dass das vielleicht jetzt in irgendeiner Weise vielleicht eine falsche Dosierung oder ein Medikament, was einfach nicht für mich als Frau vom Gewicht, der Größe usw.

eventuell passen könnte. Und da sind wir ja genau mitten im Thema. Ich würde auch gerne da noch anknüpfen, was ich nämlich auch spannend finde, Burkhard, beim Thema Medikamente.

Ich glaube, bis in die 90er Jahre wurde ja auch beim Thema Medikamenten für Männer und Frauen fast ausschließlich an Männern probiert und getestet. Also auch Frauen-Medikamente wurden an Männern getestet. Was war denn da der Hintergrund, wenn man das verstehen will?

Sind das die Hormone der Frau, der Zyklus? Ist es zu kompliziert an unserem Körper? Oder was war da der Hintergedanke?

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (19:15 - 21:03)
Der Hintergedanke war der Contagand-Skandal damals. Da ist es ja so gewesen, dass auch jüngere Frauen, sagen wir mal, medikamentös in der Studie eingeschlossen waren. Und dann hat man eben gesehen, dass die sozusagen erhebliche Nebenwirkungen hatten, die sich auch auf die ungeborenen Kinder übertragen haben.

Und so weiter. Das war natürlich furchtbar. Und daraus hat man eben die Lehre gezogen, dass man jüngere Frauen und auch gebärfähige Frauen überhaupt gar nicht mehr in Studien eingeschlossen hat, um einfach auszuschließen, dass so was Dramatisches und so was Furchtbares wieder passieren kann.

Und das hat eine ganz lange Zeit gebraucht, bis man sozusagen das verarbeitet hat und bis man auch von der Pharmaindustrie und von denen, die Studien machen und auch Patientinnen einschließen, bis man sich da wieder berappelt hat. Und natürlich ist es auch immer noch schwierig, Patientinnen in Studien einzuschließen, weil die sind generell natürlich auch eher zurückhaltend und skeptisch. Der Hormonstatus ist der Killer für eine Studie, weil wenn die Hormone wechseln, dann ändert sich alles und dann kannst du hinterher nicht mehr sauber analysieren und weißt nicht mehr, welche Nebenwirkungen kommen vom was und wie hängt das genau zusammen.

Deswegen ist man natürlich bemüht, in Studien möglichst wenig Variablen zu haben, die du nicht beeinflussen kannst. Und das ist bei weiblichen Mäusen genauso wie bei Frauen. Die haben eben einen zyklusabhängigen Hormonstatus und der beeinflusst natürlich die Verstoffwechselung der Medikamente, insbesondere die weiblichen Sexualhormone.

Die sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass auch Stoffwechselprozesse beeinflusst werden. Und somit haben die eben auch auf Wirkdauer und Wirkung von Medikamenten einen erheblichen Einfluss.

[Jennifer Knäble] (21:03 - 21:30)
Burkhard, welche Rolle hat denn der, ich nenne es jetzt mal so ganz weit gegriffen, der Lebensstil in der Gendermedizin? Ich würde jetzt auch mal sagen, ein bisschen klischeehaft, Frauen ernähren sich und leben vielleicht doch noch ein bisschen anders als Männer. Also wenn ich mir jetzt meinen Mann angucke, was der Abend so gerne isst und was ich esse oder wenn es ums Thema Sport geht, ja, es gibt immer auch Ausnahmen, aber das ist schon ein kleiner Unterschied.

Das ist wahrscheinlich auch schwierig, weil das muss ja auch mit einbezogen werden.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (21:30 - 21:53)
Muss auch mit einbezogen werden. Aber das ist zwischen Männern und Frauen eigentlich nicht, der Anspruch ist nicht unterschiedlich, die Umsetzung schon. Der Anspruch ist ja bitte Ausdauersport, gemischt mit Krafttraining, damit man auch Muskelaufbau hat.

Am liebsten natürlich drei bis fünf Mal pro Woche, mindestens eine Stunde, das wäre perfekt. Dann auf die Ernährung achten, mediterrane Kost und so weiter. Also möglichst wenig Alkohol.

[Jennifer Knäble] (21:53 - 21:53)
So die Theorie.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (21:54 - 23:14)
Am besten keinen. Das ist die Theorie und dann ist die Umsetzung natürlich, das gilt auch für beide Geschlechter und wer weiß, auch beide Geschlechter profitieren erheblich davon. Insbesondere bezüglich des Themas Herz-Kreislauf- und Gefäßerkrankung, aber auch wirkt durch Ausdauersport, Krafttraining und gesunde Ernährung das Krebsrisiko erheblich reduziert.

Das ist ja schon mal was, was man selber machen kann, tun sollte. Und wo wir jetzt ja in wenigen Tagen auch uns wieder gute Vorsätze fassen können. Was ja viele machen, die sie dann nur kurz durchhalten und dann ebbt das wieder ab.

Deswegen sage ich immer, man darf sich auf jeden Fall nicht zu streng zu sich sein. Man muss sich was aussuchen, wo man Lust drauf hat. Man darf sich nicht alles verbieten.

Man muss eine Lebensqualität einhalten und sich behalten, damit das Leben auch weiterhin Spaß macht. Aber man kann sich an der einen oder anderen Stelle beschränken und muss sich sportlich irgendwas suchen, wo man denkt, das kann man auch eine wirklich lange Zeit machen und das kann man auch durchhalten. Alles das, wo man denkt, das ist eine Qual und jetzt muss ich mich wieder umziehen und ich habe eigentlich gar keine Lust joggen zu gehen, weil es liegt mir eigentlich nicht.

Oder wieder ins Fitnessstudio, ich habe da so wenig Lust drauf. Das kannst du einfach nicht durchhalten. Da muss man nochmal anders gucken, was man alternativ machen kann.

[Jennifer Knäble] (23:14 - 23:31)
Ich glaube, das ist der Schlüssel. Ich glaube, es muss einem wirklich Spaß machen. Und auch wenn man es nur kurz macht oder einmal die Woche, wie auch immer.

Aber Hauptsache, man macht es und hat wirklich Spaß und quält sich nicht. Ich glaube, der Schlüssel hast du sehr schön gesagt. Was würdest du sagen, Burkhard, was ist der hartnäckigste Mythos rund um die Frauengesundheit?

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (23:32 - 24:00)
Das eine Problem ist, die Frauen, die kriegen das nicht gut hin, ihre eigenen Beschwerden einzuschätzen. Und die gehen auch einfach viel zu spät los, weil sie die Beschwerden nicht richtig einschätzen. Der zweite wesentliche Punkt ist, Frauen haben Herz-, Kreislauf- und Gefäßerkrankungen überhaupt nicht auf dem Schirm.

Auch bezüglich der Vorsorgeuntersuchung nicht. Es ist nun aber so, dass Frauen häufiger an Herz-, Kreislauf- und Gefäßerkrankungen versterben als an allen Krebserkrankungen zusammen.

[Jennifer Knäble] (24:01 - 24:01)
Das ist so krass.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (24:01 - 25:36)
Und im Übrigen auch als Männer. Und deswegen ist das so, dass dieser Punkt auch transportiert werden muss, sodass die Frauen auch im Schirm haben, dass sie sich bezüglich Herz-, Kreislauf- und Gefäßerkrankungen zur Vorsorgeuntersuchung begeben. Denn die denken immer, und das ist ja auch eine lange Zeit stimmt das auch, die sind geschützt durch die weiblichen Sexualhormone, die Östrogene, die schützen bis zu den Wechseljahren.

Aber dann, wenn der Östrogenspiegel nach unten geht, dann geht das mit den Herz-, Kreislauf- und Gefäßerkrankungen rapide nach oben. Und deswegen ist es wichtig, dass man da früh dabei ist, dass das früh erkannt wird. Weil du kannst durch Prävention, durch Vorsorge bei Frauen wie Männern 70 Prozent der Erkrankungen verhindern oder aber zeitlich erheblich nach hinten schieben.

Und das, glaube ich, lohnt sich doch. Und deswegen bin ich immer ein bisschen traurig beziehungsweise freue mich, wenn irgendein Kostenträger in der Krankenkasse oder sonst irgendeiner auch darauf Wert legt, dass Prävention nach vorne geschoben wird und für diese Prävention der Mitglieder auch entsprechend Anreize setzt, Incentives setzt. Weil das ist eigentlich wichtig, du sparst mit der Prävention, selbst wenn die Prävention Geld kostet, enorme Summen im Vergleich zu dem, wenn du sie nicht betreibst und reparierst hinterher die Erkrankungen.

Das verschlingt ja Milliarden und Abermilliarden, während die Prävention natürlich auch teuer ist. Aber das ist ein guter Business Case, wenn es darum geht. Und du bleibst natürlich länger gesund, wenn du dich um dich kümmerst.

Und das ist eben ein ganz entscheidender Punkt.

[Jennifer Knäble] (25:36 - 25:47)
Ganz konkret, wie kann so eine Vorsorge aussehen? Alle, die jetzt sagen, das ist super, was der Burkhardt sagt, er sagt hier Mitte 40, Wechseljahre, oh, jetzt geht es los. Spätestens jetzt, wie kann ich anfangen?

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (25:47 - 27:51)
Ja, du musst manchmal sogar schon früher anfangen, nämlich Mitte 30, wenn du zum Beispiel in der Familie Herz-Kreislauf-Gefäß-Erkrankung oder Krebserkrankungen hast. Dann fängst du schon früher an mit deiner Prävention, weil du ein familiäres genetisch bedingtes Risiko hast. Dann gibt es, muss mich gleich erinnern, frauenspezifische Risikofaktoren, die wichtig sind.

Aber wie kann das aussehen? Du gehst im Grunde genommen zu deiner Hausärztin oder Hausarzt und bittest darum, dass er eine Präventionsuntersuchung macht, eine Vorsorgeuntersuchung. Das bezahlen die Kostenträger, auch für gesetzlich versicherte Patienten.

Das ist auch Sachen, die der Hausarzt oder Hausärztin eigentlich regelmäßig machen, ist natürlich eine Blutabnahme. Da kannst du gucken, wie sind die Blutfettwerte? Da guckst du, wie ist der Blutzucker wert?

Wie ist der Blutzucker langzeitwert? Und der Blutdruck wird gemessen, es wird ein EKG geschrieben usw. Da hast du schon mal die ersten Hinweise.

Dann, ganz wichtig, die Anamnese. Das heißt, Ärzte müssen natürlich auch eine gute Anamnese, also Vorgeschichte recherchieren für die Patienten. Da gehört eben nicht nur die eigene von der Patientin oder Patienten dazu, sondern eben auch die Familienanamnese.

Gibt es Krebserkrankungen in der Familie oder Herzgefäßeerkrankungen, Schlaganfall usw. oder Herzschwäche oder was ist da los? Weil dann kann man das genetische Risiko erkennen.

Und das genetische Risiko ist bösartig. Dann bedeutet das immer, dass man den oder diejenige engmaschiger kontrollieren muss. Und dann gibt es diese sogenannten frauenspezifischen Risikofaktoren.

Das ist ja ganz lustig, wenn ich die in der Praxis abfrage, dann gucken mich die Patientinnen immer ganz komisch an und denken, hä, bin ich jetzt hier bei meinem Gynäkologen? Was fragt er denn das? Und das sind eben diese Fragen, die der Gynäkologe stellt.

So, wann war die erste Regelblutung? Wann sind die Wechseljahre gekommen? Früher oder spät?

Gibt es viele Zysten an den Eierstöcken? Mal eine Tumor-, also eine Krebserkrankung gehabt im gynäkologischen Bereich? Also Gebärmutter- oder Eierstöcke- oder Brustkrebs?

Wie sieht es mit den psychosozialen Faktoren aus? Häusliche Gewalt, negativer Stress usw.?

[Jennifer Knäble] (27:51 - 27:54)
Das fragst du alles? Das habe ich meinen Arzt noch nie gefragt.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (27:54 - 29:04)
Ja, weiß ich, weil das nicht bekannt ist. Aber das alles, was ich aufgezählt habe, diese 5, 6, 7 Sachen, die haben einen genauso hohen Stellenwert für das Risiko für spätere Herz-Kreislauf- und Gefäßerkrankungen wie die traditionellen Risikofaktoren, Bluthochdruck, Zuckerkrankheit, Fettstoffwechselstörung, Übergewicht, Rauchen usw. Und deswegen ist das so, dass in sämtlichen Risikoscores, die du kriegen kannst, weltweit werden diese Faktoren ja gar nicht berücksichtigt.

D.h., die Frauen haben dadurch in der Risikostratifizierung immer ein falsch niedriges Risiko. Nehmen wir mal an, du hast einen Hochdruck, dann hast du aber noch zwei Faktoren von den frauenspezifischen Risikofaktoren. Dann hast du insgesamt drei.

Wenn die aber gar nicht bekannt sind und nicht abgefragt werden, dann denkst du, die Frau hat einen Risikofaktor. Und dann ist die natürlich in einer zu niedrigen Risikokategorie. Und es wird gar nicht entsprechend gehandelt, dass sie engmaschiger kontrolliert wird.

Und so wandert das erhöhte Risiko unbemerkt durch und schlägt dann irgendwann mit Erkrankungen zu.

[Jennifer Knäble] (29:05 - 29:39)
Also, superspannend. Und wie gesagt, ich bin tatsächlich auch überrascht. Ich war schon bei vielen Ärzten und hab auch viele Freundinnen, die ungefähr so alt sind wie ich.

Also, ich sag mal, so eine Anamnese hat eigentlich, glaube ich, noch keiner mal versucht überhaupt. Also, das ist ja, du hast irgendwas, dann kriegst du eine Tablette, und dann war es das eigentlich schon. Das ist ja leider auch Alltag in vielen Praxen heute.

Ich glaube, es ist auch ein großer Zeitfaktor für viele Ärzte. Also, die nehmen wir natürlich in Schutz. Aber es ist natürlich für den Patienten am Ende auch eine schwierige Geschichte, ja.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (29:39 - 31:44)
Ja, Jenny, aber so viel Zeit kostet das ja gar nicht. Das, was man eher sagen muss, das ist ja nicht Böswilligkeit der Ärztinnen und Ärzte, sondern es ist einfach mangelnde Kenntnis. Weil es wird im Medizinstudium überhaupt nicht gelehrt.

In den medizinischen Fachberufen auch nicht. Die medizinischen Fachangestellten, die in den Praxen arbeiten oder auch Pflegepersonale in den Krankenhäusern, die sind da nicht geschult, die sind nicht ausgebildet. Und das ist ja ein Punkt, wo wir auch daran arbeiten, dass dieses Thema eben in den Curricula der Weiterbildungsberufe, der medizinischen Fachberufe, auch im Medizinstudium aufgegriffen wird.

Auch in den einzelnen Fachgesellschaften. Damit es eben bekannter und bekannter wird. Und deswegen ist es auch so wichtig, dass die Bevölkerung selbst aufgeklärt ist.

Weil jeder aufgeklärte Mensch, der zu seinem Hausarzt oder Hausärztin oder zum Arzt irgendwo geht und sagt, hallo, du hast mir jetzt hier was Neues verschrieben, hast du daran gedacht, dass ich vielleicht eine etwas niedrige Dosierung benötigen könnte? Das regt den anderen, den Arzt oder die Ärztin zum Nachdenken an. Selbst wenn er sich keine Gedanken darüber gemacht hat, dann fängt er jetzt an zu denken, okay, wer sitzt eigentlich vor mir?

Groß, klein und so weiter und so fort. Und kann ich das vielleicht anpassen? Und deswegen ist das eben so wichtig, der aufgeklärte Patient, aufgeklärte Patientin ist natürlich super wichtig und eigentlich auch super gern gesehen.

Man ist ja auch dankbar für Hinweise und ist ja auch als Arzt auf die Aussagen und auf die Mitarbeit der Patienten auch angewiesen und auf die Symptome, die sie auch richtig schildern. Das ist überaus ein Punkt. Frauen schildern die Symptome manchmal auch, die sind oft schwierig und chameleonartig, aber sie schildern sie dann auch nicht so präzise.

Und deswegen ist es wichtig, dass jeder darauf achtet, dass er die Beschwerden, die er hat, und wenn man dann vom Arzt oder von der Ärztin sitzt, dann ist die Zeit knapp und dann kriegt man das nicht so hin. Vorher überlegen, kurz aufschreiben, was habe ich für Beschwerden, dass man das da vortragen kann oder man gibt den Zettel ab. Weil das ist entscheidend, um nämlich hinterher zu werten und einzuordnen.

Weil nur so kommt man dann auf die richtige Diagnose und auf die richtige Fährte.

[Jennifer Knäble] (31:44 - 32:15)
Ich habe auch mal gehört, weil du das gerade angesprochen hast, dass bei Frauen oft vieles falsch diagnostiziert wird oder zu spät. Dass es eben auch oft, sagen wir mal, daran liegt, der Mann sagt, ich habe einen Schmerz hier an der Schulter seit heute Morgen um vier. So, die Frau, die fängt dann, ja, also ich hier und dann da hinten und gestern war es anders und über, so.

Wir reden ja auch gerne viel und auch wollen dann alles auf den Tisch legen. Ist das tatsächlich ein Grund, warum Frauen oft da auch nicht so ernst genommen werden? Weil das ist ja auch ein großes Thema in der Frauengesundheit, dass man Frauen nicht so ernst nimmt und oft auch gerne wieder nach Hause schickt.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (32:15 - 33:56)
Genau, aber wenn du sozusagen so eine blumige Angabe, die die Frau ja nicht anders machen kann, weil sie es ja so empfindet, als Arzt präsentiert bekommst und hast dann auch noch relativ wenig Zeit, dann ist das schwierig, das auf den Punkt zu bringen. Dann machst du das ein oder andere Mal, was aber vielleicht am Ziel vorbeigeht und dann kommt auch schon wieder der nächste und dann wirst du im Grunde dieser Patientin nicht optimal gerecht. Das sind die Gegebenheiten des Gesundheitssystems momentan.

Es ist eine Mischung aus Zeitfaktor und aber auch Kenntnis und aber auch den Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie für jeden versicherten Menschen. Da sind ja Grenzen gesetzt. Du kannst ja nicht jede apparative Medizin bis ins Detail jedem zugänglich machen.

Das ist natürlich auch ein Riesenkostenpunkt. Insofern muss man natürlich eine Vorauswahl treffen. Und das geht nur, indem du wirklich Know-how hast, indem du wirklich Kenntnis hast darüber, damit du die Patientin dann auf die richtige Schiene bringen kannst.

Und es geht ja nicht nur fürs Herz. Es gibt ja viele Erkrankungen. Ich habe das ja in meinem Buch So heilt man heute zusammengefasst für die zehn häufigsten Volkserkrankungen, um da mal diese Unterschiede zwischen Männern und Frauen mit Beschwerden, mit Symptomboxen und mit Beispielen, Praxisbeispielen offen zu legen.

Und ich habe das zusammengefasst, weil in irgendeiner Form was Ähnliches habe ich bisher nie gefunden gehabt, was eine Übersicht gibt. Und im Übrigen geht es ja auch nicht nur um die Frauen, wenn ich das mal so sagen darf, sondern es geht auch um die Männer, weil Männer sind auch häufig mal benachteiligt.

[Jennifer Knäble] (33:57 - 33:57)
Wo?

 

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (33:58 - 34:00)
Auf die Frage habe ich jetzt gewartet.

[Jennifer Knäble] (34:01 - 34:02)
Wir reden nicht über die Socken.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (34:03 - 34:04)
Ja, sind die auch benachteiligt, weil die wechseln wahrscheinlich.

[Jennifer Knäble] (34:04 - 34:09)
Die können die nicht aufheben, weißt du? Die haben da ein Defizit. Die liegen auf dem Boden und die liegen da einfach.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (34:09 - 34:15)
Die liegen da, weil man muss ja sowieso wieder runter und die wieder anziehen. Und warum soll man die ja vorher aufheben?

[Jennifer Knäble] (34:15 - 34:16)
Zusätzliche Arbeit.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (34:16 - 34:18)
Also Männer sind ja auch praktisch veranlagt.

[Jennifer Knäble] (34:19 - 34:19)
Ja, absolut.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (34:20 - 36:54)
Was die einsparen können an Mühe, das tun die gerne.

Aber Männer sind zum Beispiel benachteiligt bei Osteoporose. Du weißt selber, Osteoporose wird mit Frauen in Verbindung gebaut. Ab dem 70.

Lebensjahr ist die Rate an Osteoporose zwischen Frauen und Männern gleich. So, also das ist nicht bekannt. Und deswegen ist es doch relativ häufig, dass Männer mit inadäquaten Traumata, wo die Knochen einfach gebrochen sind, in der Notaufnahme auftauchen und immer wieder.

Und die Osteoporose ist aber dann nicht erkannt oder unbehandelt oder wird viel zu spät angegangen. Das ist ein Punkt. Der zweite Punkt ist bei Essstörungen.

Männer haben auch Essstörungen. Es wird aber immer mit Frauen in Verbindung gebracht. Das heißt, völlig unterdiagnostiziert.

Oder Depression. Depression ist ein Thema, da gibt es ohnehin eine superhohe Dunkelziffer. Aber Depressionen äußern sich bei Männern häufig anders als bei Frauen.

Die haben nämlich ein erhöhtes Sucht- und Aggressionsverhalten. Und das wird in den üblichen Fragebögen gar nicht abgefragt. Wenn du dir einen Fragebogen für Depressionen anguckst, da sind in der Regel zehn Fragen drin.

Da kommt so vor, ich bin oft müde, ich möchte mich sozial isolieren, ich gehe nicht so gerne unter Leute, ich bleibe lieber zu Hause, ich bin oft traurig, ich habe schon mal daran gedacht, mir das Leben zu nehmen und so weiter. Aber diese beiden Sachen, erhöhtes Aggressionsverhalten, kommt gar nicht vor. Deswegen ist es so, dass sehr häufig Depressionen bei Männern unerkannt und unterdiagnostiziert sind.

Dadurch auch nicht behandelt werden. Denn die können ganz gut auch medikamentös behandelt werden. Und das erklärt möglicherweise auch, warum die Suizidrate, die Selbstmordrate bei den Männern deutlich höher ist als bei den Frauen.

Deswegen habe ich in meinem Buch auch einen Fragebogen für Männer entwickelt, damit die eben mit diesen beiden doch relativ häufigen Symptomen, die sie eben haben, auch mit aufgeführt sind, sodass sie auch dann diagnostiziert werden können. Weil die Depression, wie gesagt, kann man einmal medikamentös gut adressieren. Und in den üblichen Fragebogen sind diese beiden Symptome eben nicht enthalten.

Und dann gibt es noch eine dritte Erkrankung, die mit Frauen in Verbindung gebracht wird. Natürlicherweise ist das der Brustkrebs, aber jede hundertste Brustkrebserkrankungen trifft ein Mann. Und Männer, die tasten sich eben praktisch überhaupt nicht die Brüste ab, sollten die aber.

Und deswegen ist das wichtig, weil die verläuft natürlich beim Mann auch nicht besser als bei der Frau und ist prognostisch natürlich relevant und kann natürlich auch behandelt werden. Man muss halt hin und wieder auch als Mann sich die Brust abtasten und gucken, ob da ein Knoten ist, ob da Unebenheiten sind. Und dann tatsächlich, wenn man da was findet, damit losgehen.

[Jennifer Knäble] (36:54 - 37:22)
Wie erlebst du das, Burkhard, bei all den Sachen, die du gerade geschildert hast, in deiner Praxis? Ist das wirklich, also ich glaube, da kann man jetzt für beide Seiten sprechen, Männer und Frauen, teilweise wirklich ein nachvollziehbares Unwissen über die vielen Dinge, die du da erzählt hast, eben Männer, die ihre Brust abtasten sollen. Also ich glaube, mein Mann würde sagen, was, wie, warum?

Oder Frauen, wo man sagt, die und die Warnzeichen, da musst du mal gucken, das hat was mit dem Herz und nicht mit dem Rücken zu tun. Also wie erlebst du das? Oder hat sich da schon was getan?

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (37:23 - 39:15)
Ja, also ein bisschen vielleicht. Also ich glaube, dass es noch ein bisschen früh ist, dass jetzt tatsächlich die Patientinnen oder Patienten aufgeklärt kommen und einen auferstoßen. Aber das, was wir bemerken, ist, wir haben ja über die Praxis auch das Gender-Herz-Zentrum gegründet, dass sozusagen wir doch immer mehr Anfragen bekommen von Patientinnen, die so eine ganze Rallye hinter sich haben über Jahre.

Und wo man eben nichts gefunden hat, weil man vielleicht auch zu oberflächig geguckt hat oder nicht zu sehr in die Tiefe. Und die dann kommen für eine Zweitmeinung oder sagen, hier, ich habe das, gucken Sie mal meine Befunde, das habe ich hier alles gemacht. Aber ich fühle mich trotzdem immer noch schlecht.

Und die haben gesagt, die haben gar nichts gefunden. Dass man da irgendwie eine Idee entwickelt. Und das merkt man schon, dass die Frauen häufiger jetzt Hilfe suchen und nicht, früher war das so, da hat man gesagt, nee, du hast nichts und dann sind die damit nach Hause gegangen und dann haben sie gesagt, okay, da ist nichts gefunden.

Dann kann ich mich damit jetzt auch nicht mehr melden. Dann ist das Thema jetzt erledigt und da muss ich jetzt mit leben. Ich glaube, das ist ein ganz wichtiges Signal.

Nein, es muss keiner mit irgendwelchen Beschwerden leben. Und es ist nur so manchmal, die Beschwerden sind oftmals nicht immer da. Die kommen manchmal, die gehen.

Und gerade wenn man sie auf Papier kriegen will, aufzeichnen, EKG haben will oder irgendwas, dann sind die eben nicht da. Da darf man nicht müde werden, immer wieder hinzugehen und zu sagen, hier, jetzt habe ich das aber wieder gehabt, damit man dann noch mal sagt, okay, jetzt gucken wir aber auch noch mal. Denn jeder hat das natürlich verdient, dass er ernst genommen wird und dass man natürlich auch nach den Beschwerden sucht, denen auf den Grund geht und versucht, die zu behandeln.

Manchmal ist das eben, sind die verdeckt und es ist schwierig, sie zu finden. Aber das Gefühl, wenn man sie gefunden hat und jemandem dann helfen kann, das macht richtig, richtig Freude.

[Jennifer Knäble] (39:15 - 39:38)
Auch ein schöner Appell an uns, einfach dran zu bleiben. Ich glaube, das ist auch ein großer Punkt, dass man sich nicht irgendwie blöd fühlen muss, wenn man eben wiederkommt. Im Gegenteil, es ist am Ende für die eigene Gesundheit.

Vielleicht noch abschließend, Burkhard, so der Blick in die Medizin-Zauberkugel. Was würdest du sagen, was muss sich ändern? Wie kann eine Medizin der Zukunft aussehen, die wirklich alle Menschen berücksichtigt?

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (39:39 - 41:12)
Individuell und personenbezogen, die Geschlechter berücksichtigend und, sag ich mal, nach vorne gerichtet mit einem großen Anteil an Prävention, an Vorsorgeuntersuchungen, weil man dadurch wirklich nach hinten raus Gutes tun kann. Ich glaube, da muss sich im Bewusstsein sowohl der Medizinerinnen und Mediziner als auch der Bevölkerung selbst noch was ändern, weil die Vorsorgeuntersuchungen werden ja von Frauen besser als von Männern angenommen, aber von beiden Geschlechtern viel zu wenig. Da muss sich was tun, da sind auch andere Länder deutlich besser.

Wir müssen einfach früher das Körpergefühl entwickeln, früher sagen, okay, das ist uns wichtig. Und auch bereit sein, unter Umständen das ein oder andere selbst zu investieren, weil die Kostenträger und die Krankenkassen decken nicht alles ab. Aber so wie man sich auch im Urlaub mal was gönnt oder dies oder das gönnt, so ist eben das höchste Gut eigentlich die Gesundheit.

Die nimmt man aber immer für völlig selbstverständlich. Heute ist das gar nicht mehr so unbedingt im Vordergrund, aber früher war es doch immer so, dass man das Auto mindestens einmal im Jahr in die Inspektion gebracht hat, völlig selbstverständlich. Das macht man mit dem eigenen Körper nicht.

Da erwartet man, dass der 85, 80 Jahre durchläuft wie Schmidts Katze und da passiert nichts dran. Aber das ist ja völlig irre, dass man das denkt, dass das so funktioniert, ohne sich selbst zu pflegen und zu sorgen, dass man sich gut ernährt und auch seinen eigenen Anteil dazu tut.

[Jennifer Knäble] (41:12 - 41:28)
Burkhard, ich finde, das ist ein wunderbarer, guter Vorsatz fürs neue Jahr. Den nehmen wir jetzt genauso mit genauso viel Schwung mit in 2026. Prof. Dr. Burkhard Sievers im HEALTHWISE-Podcast, vielen Dank. Und ich wünsche dir einen tollen Start ins neue Jahr.

[Prof. Dr. med. Burkhard Sievers] (41:29 - 41:32)
Das wünsche ich dir auch, Jenny. Ich danke dir herzlich, es hat mir super Spaß gemacht.

[Jennifer Knäble] (41:33 - 41:57)
Danke dir. Wenn euch diese Folge gefallen hat, dann gebt uns gerne eine positive Bewertung bei Apple Podcasts oder Spotify. Und damit ihr nichts verpasst, abonniert doch die Newsletter von Sunday Natural.

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